Der letzte Weg im Schnee
Die Luft war kalt und klar, als Michael seinen Schal enger um den Hals wickelte und den Pfad hinunter in den Wald trat. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, während die Dämmerung langsam hereinbrach und sich die Schatten um ihn herum verdichteten. Der dichte, frostige Duft von Kiefern und Fichten lag in der Luft und beruhigte seine angespannte Stimmung.
Schon als Kind hatte er diesen Wald geliebt. Er war ein verstecktes Juwel, das in den seltenen Momenten, in denen der Schnee fiel und die Welt in absolute Stille tauchte, eine besondere Magie ausstrahlte. Doch an diesem Abend war etwas anders. Es war nicht die Dunkelheit, nicht die Kälte, sondern das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden.
Er hatte den Entschluss gefasst, die Strecke allein zu gehen. Es war sein erster Ausflug dieser Art, seit Helen ihn verlassen hatte. Vielleicht würde die eisige Natur ihn auf andere Gedanken bringen. Doch jetzt, da die farbenfrohen Ränder der Abenddämmerung langsam verblassten, ließ das mulmige Gefühl in der Magengrube nicht nach.
Als er weiterging, bemerkte er merkwürdige Spuren im Schnee. Sie führten tief in den Wald hinein, abseits des Pfades, den er kannte. Etwas Großes, Schweres war hier entlanggezogen und hatte den frischen, makellosen Schnee aufgerissen. Ein kurzer Schauder lief ihm über den Rücken.
Vielleicht war es ein Hirsch, sagte er sich und zwang seine Füße, weiterzugehen. Doch die Form der Spuren war unregelmäßig, als hätte das Wesen gewankt.
Michael blieb stehen, lauschte der gedämpften Stille, die ihn umgab, dann ging er langsam den Fußabdrücken nach. Es dauerte nicht lange, bis er tiefer im Wald ein dumpfes Geräusch vernahm, ein kaum hörbares Rascheln, das ihm für einen Moment die Nackenhaare aufstellte.
Er verstärkte den Griff um die Taschenlampe in seiner Jackentasche, das Letzte, was ihn mit der Zivilisation verband, und folgte den Spuren weiter in Richtung des Geräusches. Die Dämmerung verschluckte die Umgebung bald gänzlich, und es war die Zeit, als die Nachtwesen erwachten.
Sei vorsichtig, warnte ihn eine innere Stimme, doch sein Entdeckerdrang war zu groß.
Plötzlich erhaschte er einen Blitz eines dunklen Schattens zwischen den Bäumen zu seiner Linken. Dann, fast gleichzeitig, kroch ein leiser, gequälter Laut zu seinen Ohren. Obwohl sein Herz wie verrückt klopfte, zwang er sich, darauf zuzugehen, während er die Taschenlampe anschaltete.
Das Licht schnitt Finger aus hellem Schein in die Dunkelheit und enthüllte die verschwundene Szene: ein alter Schlitten lag dahingeworfen im Schnee, daneben zerfetzte Kleidung und ein paar Schachteln, die den Boden umgaben. Doch was Michael am meisten fesselte, waren die Augen eines Mädchens, die ihn ängstlich aus der Dunkelheit anstarrten.
„Bitte“, hauchte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein ersticktes Flüstern. „Hilf mir.“
Furcht und Entschlossenheit überkamen ihn zugleich. Er ging langsam auf sie zu, damit sie nicht aus Angst vor ihm davonlief. „Es ist alles gut. Ich werde dir helfen“, versprach er mit ruhiger Stimme und legte die Taschenlampe vorsichtig auf den Boden.
Das Mädchen, nicht älter als zwölf, zitterte unkontrolliert. Ihre Finger klammerten sich an einen abgenutzten, rosafarbenen Mantel, der viel zu leicht für den Winter war. Der Schnee um sie herum war geschmolzen und verhärtet durch Blut.
„Mein Name ist Michael“, sagte er sanft und reichte ihr die Hand. Als sie sie schließlich ergriff, war sie eisig kalt.
Er hüllte sie schnell in seine eigene Jacke und sah, dass ihre Knie blutig waren, als hätten sie sich an den gefrorenen Ästen verletzt. „Komm, wir gehen hier weg“, flüsterte er, während das Adrenalin durch seine Adern rauschte.
Die Nacht war still um sie her, während sie sich langsam den Weg nach draußen bahnten. Michael kämpfte mit der beunruhigenden Erkenntnis, dass diese Spuren nicht die eines Tieres gewesen waren, sondern eines verzweifelten Kindes, das in der tödlichen Kälte des Waldes gefangen gewesen war.
Als sie den Waldrand erreichten, umgab sie das kühle, blaue Licht der ersten Sterne. Michael spürte eine unbestimmte Erleichterung und gleichzeitig den aufkommenden Sturm von Fragen und Alarmen in seinem Inneren.
Die Stadtlichter blitzten am Horizont auf und stellten ein Willkommen in der Welt dar, die sie kaum hinter sich gelassen hatten, und für das Mädchen, das nun fest an seine Jacke gepresst war, den ersten Schritt zurück in die Zivilisation.
Michael wusste, dass es eine lange Nacht werden würde. Aber auch, dass er die Bedeutung dieser unerwarteten Begegnung niemals vergessen würde.




