Die letzte Abfahrt
Das Knistern der frisch gefallenen Schneedecke war das einzige Geräusch, das die Stille der Nacht durchbrach. Der Vollmond hing tief am Himmel, sein Licht warf lange, unheilvolle Schatten auf die Piste, die heute Abend für alle bis auf einen leer war.
Jochen zog die Kapuze enger um den Kopf. Die Kälte schien in jede Pore seiner Haut zu kriechen, wie unsichtbare Finger, die seinen Nacken hinunterliefen. Er war nicht hier, weil ihm der Nervenkitzel gefiel. Sein Grund war weitaus bedrückender.
Tagsüber war die Piste lebendig, versetzt mit dem Lachen der Skifahrer und dem Rattern der Skilifte. Doch jetzt, in der Dunkelheit, war sie ein Ort des Nachhalls, ein spektraler Verdächtiger in einem Rätsel, das gelöst werden musste.
Er war alleine, schritt den schmalen Weg entlang, den er schon hunderte Male gegangen war – normalerweise mit den Brettern an den Füßen. Doch in dieser Nacht trug er nur die Last seiner Gedanken als Gewicht. Vor einer Woche hatte man die Leiche von Julia gefunden, halb begraben im Schnee, am Fuße der steilen Abfahrt. Die Ermittlungen, die folgten, waren wie ein Flüstern in einem Sturm – chaotisch und verloren.
Jochen war nicht nur der Chef des Skistationspersonals, sondern auch Julias entfernter Cousin, und deshalb fühlte er sich verpflichtet, wenigstens ein paar Antworten zu finden. Wie war sie hierhergekommen? Warum hatte niemand gesehen, was geschehen war?
Die Polizei war involviert, aber ihre Ressourcen waren begrenzt, und die Berge waren gnadenlos. Verdachtsmomente kamen und gingen, Gespräche verhallten zwischen steinernen Gipfeln ohne Resonanz.
Plötzlich, mitten in seinen Gedanken, bemerkte er eine Schwärze, die sich zwischen den Bäumen bewegte. Ein Schatten, der sich entlang der Kante der Abfahrt schlich, unerkennbare Bewegungen vollführend. Jochen blieb stehen, sein Atem stockte, als seine Augen sich bemühten, der Form einen Namen zuzuordnen. War es ein Tier? Oder…
Er zögerte, doch unaufhaltsam zog ihn eine unsichtbare Kraft näher. Sein Herzschlag war das einzige, was er wirklich hörte, bis ein Zweig unter seinem Fuß knackte. Der Schatten erstarrte, und Jochen sah das Glühen von Augen – nein, nicht ein Tier. Da war jemand, und das Adrenalin verlieh ihm den Mut, zu rufen.
„Wer ist da?“
Für einen Moment war alles ruhig, der Schnee erstickte den Klang seiner Stimme. Dann knirschten Schritte auf ihn zu, und eine Gestalt trat heraus, mit einem harten, gezeichneten Gesicht, das ihn ansah, jedoch ohne Furcht.
„Suchst du jemanden?“, fragte eine Frauenstimme, und Jochen fühlte, wie ein Schauer seinen Rücken hinablief.
„Julias Tod war kein Unfall“, sagte Jochen, mehr zu sich selbst als zu ihr. Doch die Worte galten als Herausforderung, und die Frau lachte leise.
„Das ist es nie, oder?“, erklärte sie vage und sah über seine Schulter in die Dunkelheit, als würde sie etwas oder jemanden erwarten.
Irgendetwas sagte ihm, dass sie mehr wusste. Viel mehr, als sie preisgeben wollte, und Jochen spürte die Dringlichkeit, diese Erkenntnis zu entziffern.
„Warum bist du hier?“, fragte er vorsichtiger.
Sie schwieg einen Moment, als würde sie abwägen, wie viel sie preisgeben sollte. „Vielleicht, um einem Geist zu begegnen. Oder einem Monster.“
Ihr Lachen hallte unheimlich zwischen den Bäumen, doch bevor er weiterfragen konnte, drehte sie sich um und ging, verschwand auf dem Pfad, der zur Dunkelheit führte.
Jochen blieb stehen, verwirrt, doch eine seltsame Ruhe machte sich in ihm breit. Er hatte Anhaltspunkte, einen Pfad, dem er folgen konnte. Das Rätsel war ihm fremd zugeflüstert worden, ohne Lösung, doch nicht mehr unsagbar.
Als der Morgen dämmerte, wurde der Schnee in ein weicheres Licht getaucht, der Horizont malte Farben auf die Landschaft. Es würde bald wieder voller Menschen sein, voller Lärm und eifrigem Treiben.
Doch für Jochen hatte diese Nacht etwas freigelegt – eine Wahrheit, von der er wusste, dass er sie nicht allein verstecken konnte. Im Schnee bleibt nichts verborgen, dachte er, während er sich auf den Rückweg machte, die ersten Spuren des Tages hinter sich lassend.




