Ein ungelöster Fall im Winterwald
Die Kälte biss in seine Wangen, als Kommissar Jonas Lehmann den Fuß aus dem Dienstwagen setzte. Der Winter hatte den Wald in ein erstarrtes Meer aus Weiß gehüllt. Der Schnee glitzerte wie unberührte Leinwand unter dem frostigen Morgenhimmel. Leise knirschten die Körnchen unter seinen schweren Stiefeln und mit jedem Schritt formte sich ein Abdruck, der die endlose Stille zerriss.
Jonas zog den Kragen seiner Jacke hoch und blies in die Hände, während er zu den beiden uniformierten Polizisten hinüberschaute, die bereits auf ihn warteten. „Was haben wir?“, fragte er mit rauer Stimme.
„Eine einzelne Fußspur, Herr Kommissar. Sie führt tief in den Wald hinein, kein Weg hinaus. Es sieht aus, als sei darin etwas Verschollenes“, erklärte einer von ihnen und deutete voraus in den dichten Tannenbestand, der in Nebelschwaden gehüllt war.
Jonas nickte, legte sein Augenmerk auf die verschneite Spur. Sie war klar und deutlich, ohne die erwartete Wirrnis, die ein flüchtender Mensch hinterlässt. Doch etwas daran wirkte eigenartig, beunruhigend.
„Weiter ist nichts gefunden worden?“
„Nein, Sir. Aber es gibt etwas Unheimliches daran. Die Abdrücke sind von einem einzelnen Paar, groß genug, um erwachsen zu sein, aber warum allein? Und wieso gibt es keinen Rückweg?“
Still ließ Jonas seinen Blick über die Landschaft wandern. Die Bäume standen dicht, ihre düsteren Silhouetten wie Wächter eines königlichen Gemäuers, die mehr verbargen als offenbarten. Eine neblige Stille lag in der Luft, fast wie eine fleischgewordene Erinnerung.
„Wir gehen“, sagte er schließlich, nachdem er die Atmosphäre aufgesogen hatte. Die Schritte vieler Jagdhunde fügten sich bald zu seinem vorsichtigen Tritt im Schnee, doch Jonas hörte nichts als das Flüstern des Windes in den Zweigen.
Je weiter sie vordrangen, desto mehr schien der Rest der Welt zu verblassen, bis nur noch der Wald und sie, die ihn erkundeten, übrig blieben. Die Spur wurde tief und gefährlich, führte abwärts, in eine Senke, wo die Sonnenstrahlen oft nicht bis zur Erde drangen.
„Halt!“, rief plötzlich einer der Beamten und Jonas erstarrte. Vor ihnen tat sich eine kleine Lichtung auf, wo der Schnee unberührt war – bis auf den dunklen Kreis in der Mitte. Es sah aus, als wäre etwas Schweres in den Schnee gesunken, ein Kampf vielleicht, oder ein Kampf um die Entscheidung.
Sie näherten sich mit Bedacht, die Augen wachsam. Der Abdruck war kalt, so wie alles um sie herum, doch es schien, als ruhte ein Teil der Welt hier, wo die Stille grabesgleich verharrte. Inmitten des Kreises lag ein rotes Band, halb verdeckt vom Schnee. Jonas hob es auf, spürte die Kälte des Stoffes in seiner Hand.
„Es sieht aus, wie wenn ein Kinderspiel außer Kontrolle geraten ist“, murmelte einer der Polizisten, ein Hauch von Unbehagen in seiner Stimme.
„Vielleicht ist es mehr als das“, erwiderte Jonas grimmig. „Es bleibt nicht viel von der Wahrheit verborgen, wenn man genau hinsehen lernt.“
Sie suchten weiter, inspizierten das Ende der Spuren, die leblos im Freien endeten. Jonas ließ den Blick noch einmal über den Kreis gleiten und versuchte das Rätsel zu ergründen, das vor ihm lag.
Es schien, als seien die Antworten im Eis erstarrt und die Fragen in den Schatten der Bäume gehüllt. Als die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, wussten sie, dass ein anderer Tag kommen würde, um die Zeit, die dazwischen lag, vielleicht mit neuen Erkenntnissen zu bereichern.
„Nicht jede Spur ist harmlos“, murmelte Jonas, noch immer mit dem Band in der Hand. „Jemand wartet vielleicht, dass wir ihn finden.“
Mit diesen Worten kehrten sie um, ihre Formen langsam im Grau des Waldes verschwindend, zurück in jene Welt, in der die anderen lebten, immer noch voller Rätsel und Geheimnisse.




