Die letzte Abfahrt
Der Winter hatte das Hochgebirge in eine endlose weiße Stille gehüllt. Nur das sanfte Knistern von Skiern, die über den frisch gefallenen Schnee glitten, brach die lautlose Eleganz. Markus, ein erfahrener Skiführer, war an jenem Morgen bereits früh aufgebrochen, um die Piste zu inspizieren. Der Himmel war von einem dichten Grau bedeckt, das drohenden Schneefall versprach.
„Achte darauf, dass nichts Ungewöhnliches die Strecke blockiert“, hatte sein Chef ihm gesagt. Doch Markus wusste, dass hinter diesem Auftrag mehr steckte. Vor zwei Tagen war jemand während dieser ‘letzten Abfahrt’, wie sie scherzhaft genannt wurde, nicht wieder zurückgekehrt.
Sein Herz schlug schneller, als er den Kamm eines Hügels erreichte. Die Aussicht war atemberaubend, aber die kühle Luft ließ ihn frösteln. Plötzlich blieb er stehen. Etwas im Schnee erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Stück roten Stoffes, zerrissen und halb eingeschneit. Markus schluckte schwer.
Langsam entfernte er den Schnee mit seinen behandschuhten Händen, bis eine reglose Gestalt sichtbar wurde. Es war Anna, eine junge Frau, die er von früheren Touren kannte. Ihr Gesicht war friedlich, fast als würde sie schlafen. Doch Markus wusste es besser. Er griff nach seinem Funkgerät, um die Polizei zu rufen, ließ jedoch seine Hand sinken, als er aus seinen Gedanken gerissen wurde.
Er erinnerte sich, wie er und Anna sich in der letzten Skihütte unterhalten hatten. Eine Frau voller Energie, mit einem strahlenden Lächeln, von dem er nie gedacht hätte, es eines Tages so blass und leblos zu sehen. Eine Lawine konnte es nicht gewesen sein. Der Schnee um sie war unberührt.
Die Befragungen der Polizei waren langwierig und erschöpften ihn. Sie hingen an seinen Lippen, doch Markus hatte ihnen nicht viel zu sagen. Er sprach vom Wetter, der schnell wechselnden Sicht und den plötzlichen Windstößen. Die Wahrheit jedoch verbarg sich in den leisen Momenten zwischen seinen Worten.
Zurück in seinem Chalet lag er schlaflos in seinem Bett. Die Schreie des Windes hallten durch das Tal, als würden die Berge selbst weinen. Anna war eine erfolgreiche Geschäftsfrau gewesen, die oft alleine ski fuhr, um den Kopf frei zu bekommen. Zu viele Fragen, zu wenige Antworten.
Aussagen von Nachbarn, Zimmermädchen und Barkeepern zeugten von einer Frau, die von einem dunklen Schatten verfolgt worden war. Niemand wusste, wer oder was es war. Manche sagten, es sei eine Person aus ihrer Vergangenheit, andere hielten es für ihre eigene Schuld, die sie innerlich verfolgte.
Erneut auf der Piste, starrte Markus auf die Stelle, an der er sie gefunden hatte. Es fühlte sich an, als ob die Zeit dort wie eingefroren war. Im Schnee fand er einen kleinen Schlüsselanhänger – ein silbernes Medaillon, das war glitzerte. Auf der Rückseite eine Gravur: ‘Für all die Erinnerungen, die bleiben’.
Zurück in der Hütte, betrachtete Markus das Medaillon bei flackerndem Kaminlicht. Es hatte einen Riss in seinem skifahrenden Herzen hinterlassen, und doch, in diesen lodernden Flammen der Erinnerung, spürte er eine seltsame Ruhe.
Die Untersuchungsergebnisse ließen noch Wochen auf sich warten. Der abschließende Bericht nannte die Umstände seltsam, aber in Ermangelung konkreter Beweise wurde der Fall als Unfall eingestuft. Ohne eine Antwort auf das Rätsel ging das Leben für die Menschen weiter.
Doch für Markus war es anders. Er würde nie wieder eine Spur im Schnee hinterlassen, ohne an Anna zu denken. Jedes Mal, wenn er die Vorbereitungen für die Skisaison traf, sah er hinunter zur Talstation, wo die Schlange boomte und Ski-Enthusiasten unbeirrt weiter ihren Spaß suchten. Für sie war diese Piste nur eine weitere Abfahrt, für Markus jedoch die letzte eines Lebens.




