Ein Tod auf der Skipiste
Der Morgen auf der Gletscherpiste war frostklar. Die Luft knisterte vor Kälte, und der Schnee funkelte unter den ersten Sonnenstrahlen. Die Stille der Umgebung wurde nur durch das leise Knirschen der Skier von wenigen Frühaufstehern unterbrochen. Lukas stand am Rande der Anhöhe und betrachtete die glitzernde Landschaft. Es war einer jener seltenen Momente, in denen er die Schönheit der Berge jenseits ihrer lebensfeindlichen Gefahren wahrnahm.
Seit Jahren war er Skilehrer in diesem entlegenen Gebiet, doch heute war er allein unterwegs. Sein Magen fühlte sich flau an; vielleicht eine Vorahnung? Er schüttelte den Gedanken ab, zog seine Handschuhe fester und stieß sich kraftvoll in die Abfahrt.
Der Wind schnitt ihm ins Gesicht, als er die Piste hinunterschoss. Der Schnee sprühte um seine Beine, während er in schnellen Schwüngen die steile Abfahrt meisterte. Mit der Sicherheit eines erfahrenen Skifahrers nahm er die Kurve, als er plötzlich etwas aus dem Augenwinkel wahrnahm – eine dunkle Silhouette am Rand des Abgrunds.
Lukas bremste hart, seine Skier schnitten tief in den Schnee. Weiter oben erkannte er die Gestalt; es war jemand in dunkler Kleidung, reglos, halb verborgen hinter einer Felswand. Die Person lag nicht, sie hing unnatürlich schlaff, als wäre sie gefallen.
Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Er trat näher und erkannte das Unverkennbare – eine Leiche. Einen Ausweis fand er nicht sofort, aber die Gesichtszüge waren ihm bekannt. Es war Martin, einer der lokalen Bergsteiger, seinerzeit ein gefeierter Skifahrer.
Die Piste war tückisch, doch Martin war bekannt für seine Umsicht. Lukas’ Gedanken rasten, während er die Szenerie schweigend in sich aufnahm. Eine klamme Vorahnung ließ ihn die Umgebung genauer inspizieren. Frische Skispuren führten vorbei an der Stelle, an der Martin gefallen war, und verschwanden hinter einem Felsvorsprung.
Die Notfallbergwacht war rasch vor Ort. Nachdem Lukas den Notruf abgesetzt hatte, ließ er sich zurückfallen, beobachtete das hektische Treiben aus der Distanz. Die Bergwacht befand sich in ihrem Element, aber etwas an der Situation ließ ihn nicht los. Es war wie ein Puzzleteil, das nicht ins Bild passte.
Während die Rettungskräfte die Leiche untersuchten, driftete Lukas’ Verstand in die Vergangenheit. Er erinnerte sich an Gesichter, Stimmen und Ereignisse aus langen Abenden in der Skihütte. Martins Einfluss hatte sich nicht nur auf das Skifahren beschränkt, er war auch bekannt für seine geschäftlichen Intrigen. Lukas selbst war einmal in einen Konflikt mit ihm geraten. Eine alte Rivalität wurde wieder wach.
Später, im warmen Schein der Skihütte, während die Sonne hinter den Gipfeln versank, blieb ihm der Vorfall wie ein Schatten im Hinterkopf. Catharina, eine alte Freundin, setzte sich zu ihm. „Ich habe von Martin gehört“, sagte sie leise. „Hast du etwas bemerkt?“ Ihre blauen Augen bohrten sich in seine.
Lukas zögerte und überlegte, ob er seine Zweifel aussprechen sollte. Schließlich brach er das Schweigen: „Die Spuren am Hang. Sie passen nicht zu einem Unfall, Catharina.“
Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Was meinst du?“, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Ich glaube nicht, dass es ein Unfall war“, gestand Lukas, während er den leeren Kaminblick fixierte, als könnte er dort Antworten finden. Jede Moral verflog, als sie ihre fatalistischen Theorien miteinander teilten und das Wissen um eine Wahrheit, die noch nicht ans Licht gekommen war.
Nach schweren Augenblicken des Schweigens erhob sich Lukas entschlossen. „Nichts bleibt verborgen“, sagte er. Sein Entschluss war gefasst, die Nachforschungen würden morgen beginnen.




