Käpt’n Finn und die Karte der tausend Blüten
Die Zehen von Käpt’n Finn graben sich in feuchten, sandigen Boden. Kalte Krümel pieksen durch die dünnen Socken. Von irgendwo duftet es süß, wie Honig auf warmem Brot, dazu schiebt sich eine salzige Brise zwischen die Baumstämme. Jemand im Gebüsch raschelt – ein flüchtiger Blick, dann nur noch blendendes Grün, das vor den Augen tanzt.
Leni springt auf einen gefallenen Ast. „Hier lang!“, ruft sie, zu laut – denn ihr Herz schlägt schneller als gedacht. Der Papagei Rojo flattert aufgeregt. „Karte blüht! Karte blüht!“, kräht er und stolpert dabei mit den Krallen über den Rand von Finns Hut. Finn hält die Schatzkarte: eine bunte Zeichnung mit Blumen, Pfeilen und einer winzigen Palme am Rand.
Sie tauchen in einen Wald aus knarrenden Stämmen. Moos glitscht unter den Händen, die Finger werden feucht und kribbeln. Leni und Finn klettern über eine umgestürzte Wurzel, die ihre Hosen zerkratzt. Rojo hüpft hinterher, die Flügel im Takt zu Finns schnellem Atem. „Siehst du das blaue Kreuz?“, schnauft Leni. Finn antwortet zu schnell: „Hast du’s – hast du’s gesehen?“
Die Karte sagt, sie sollen zwischen zwei dicken Bäumen suchen. Der erste Versuch: Finn steckt den Kopf ins Unterholz, Zweige pieksen, eine Ameise krabbelt am Hals entlang. Sand rieselt von oben. Nichts als alte Eicheln und welke Blätter. Finns Schritte verlangsamen wie zugeschnürte Schuhe, der Hals kratzt. Leni schiebt einen Busch beiseite, die Finger zittern vor Anstrengung.
Rojo ruft: „Blätter Wasser! Blätter Wasser!“ Finn versteht das falsch – „Da vorne ist Wasser?“, fragt er und stapft in einen matschigen Tümpel. Die Stiefel saugen sich fest, ein leises Schmatzen zieht durch die Stille. Leni lacht kurz, rutscht dann selbst fast aus. Die Luft schmeckt säuerlich vom Modder.
„Das ist falsch, oder?“, murmelt Finn, die Arme schwer. Er tastet am Gürtel seiner Hose, als wolle er nach einer Idee fischen. „Probier’s mal oben, nicht unten!“, flüstert Leni. Gemeinsam stemmen sie sich gegen einen Ast, drücken verbissen nach oben. Da, unter feuchten Blättern: ein kleiner, spitzer Stein mit eingeritzten Blumen.
Die Karte knistert in Finns Händen, Finger kleben vom Harz. Eine neue Richtung: Auf allen vieren, vorbei an kratzigem Ginster, kitzelt Gras an den Wangen. Rojo hockt auf Lenis Schulter, pickt nach Krabbeltieren. Finns Knie schlagen gegeneinander, immer wieder schleift er über Wurzeln und Steine, bis die Beine langsam werden. Der nächste Schritt zieht weiter, als wäre der Boden ein Stück gewachsen.
Rand des Waldes – vor ihnen schimmert ein Streifen leuchtender Blumen, tausend Köpfe nicken in sanftem Wind. Leni zischt: „Warte! Da ist was.“ Ein Schatten bewegt sich zwischen den Farben. Finns Atem flattern, die Brust senkt sich nur noch halb. Aber der Schatten ist nur eine dicke Hummel, die brummt und weiterzieht.
Sie stehen vor einer Wand aus Blüten, der Schatz muss dahinter sein. Finn versucht sich mitten hindurch zu drängen – das Dornengeflecht zieht ihn am T-Shirt zurück, kratzt an der Haut, kleine Risse brennen. „So komm ich nicht durch.“
Leni ruft: „Hier, seitlich am Boden! Kriechen!“ Sie legen sich flach. Die Erde riecht nach feuchten Nüssen, Steinchen bohren sich in die Ellbogen. Rojo flattert von Blüte zu Blüte, bis er laut kräht: „Gold! Gold!“
Endlich ein Versteck aus dichten, zusammengerollten Blättern. Gemeinsam graben sie mit den Händen. Der Boden ist hart, splittrig, die Handflächen schmerzen. Darunter ein alter Kasten, verziert mit Blütenmustern, schwer von Erde und Zeit. Sie hebeln ihn hervor. Die Finger zittern warm, als Finn den Deckel hebt.
Innen glitzern bunte Murmeln, Federn, ein Holzvogel, zwei Muscheln und ein Stein, der im Licht rosa schimmert. Kein Gold, aber alles fühlt sich im Bauch an, als ob ein Sommerregen gewartet hätte. Drei Hände greifen gleichzeitig nach der kleinen Schatztruhe, die Füße sinken fest in warmen Sand. Die Möwen schreien. Die Blüten draußen bewegen sich im Wind, als würden sie sich alles noch einmal anschauen.



