Das erste Mal ohne Plan
Die Haut auf ihrem linken Handrücken spannt, als sich die Morgensonne an den Knöcheln verfangen hat: ein mäanderndes Ziehen unter der Oberfläche, wärmend und etwas rau, fast so als könne jede Pore einzelne Strahlen trinken. Unter der dünnen Decke drückt das Polster nicht nach – leichter Sog im Rücken, die Luft lagert feucht unter dem Stoff, warm gegen die Lenden, kühl an den Oberschenkelkanten, dort wo der Stoff aufrutscht. Das leichte Knarzen des Terrassenstuhls rollt durch das Steißbein in den Brustkorb, ein hölzernes Flirren, spürbar wie ein Herzschlag, nur fremder. Mit der Rechten umfasst sie eine Tasse, Keramik stumpf und schwer, noch warm. Der Kaffee darin riecht nach Haselnuss und frischem Rindenmulch – eine Wärme unter der Nase, die sich zwischen ihre Zähne legt. Nackte Füße im feuchten Gras, zuerst Kälte am großen Zeh, dann ein Nachgeben, als der Boden unter Druck etwas nachgibt, ein Album von Resttaunässe, scharf-grün und wach. Winzige Steinchen drücken gegen die Fersenhaut, unangenehm präzise, aber so, dass der Kreislauf sich daran stößt: Noch da? Leichte Muskelanspannung vom Gehen durch den Flur schwingt nach. Geräusch aus Hecke: eingerollte Stille, dann ein Runzeln in der Luft, das von einem lauten Spatzenflügel durchschnitten wird, federnd und kurz. Ein Satz kommt und löst sich auf, flach und schwer: Heute … nichts
Ein Schluck Kaffee, jetzt viel zu heiß für die Lippen, brennt sich mit süßem Schmerz durch den Hals, nachklingend im Bogen unterhalb des Schlüsselbeins. Sie hält kurz den Atem an, ganz von selbst. Die Zunge schiebt einen Kaffeerest an den Backenzähnen entlang. Über die Schulter kriecht ein Windstreif, weniger Luft als kühler Druck, ein Hauch von Flieder, darunter dieses zu frühe Moos, das an die Hände springt, wenn man im Frühling Unkraut zieht, käsig-grün und noch weich. Von irgendwoher sackt ein leises Klopfen durch den Garten – ein Specht oder die Nachbarin, zwei Gärten weiter, die ihr Brot schneidet? Das Trommeln wie ein Splittern im Ohr, weit weg, aber mit Schärfe am Rand. Zeit, Offenheit. Nur Hände, Atem, Sitzfläche, Geräusche. Sie sitzt, als hätte der Morgen keine Richtung. Die Haut an ihren Armen beginnt trocken zu jucken. Frühlingssonne. Merkt sie, wie lange sie schon sitzt? Das dauert alles, das darf so lange sein.
Die Finger der linken Hand fahren über die raue Holzlehne, Splittergefahr. Kurz zieht sich die Haut am Ringfinger zusammen, denn da ist ein kleiner Riss; die Faser gibt ein raues Stakkato in der Fingerspitze. Sie zieht die Beine unter sich, das linke Knie spürt die Kälte des Stuhlholzes, etwas Schalenabrieb, die Mücke an der Wade. Es riecht nach altem Laub irgendwo zwischen ihren Sohlen, feuchtes Papier, röstige Erde, etwas Salziges, das sich nicht zuordnen lässt. Von rechts dringt ein heller Vogelruf durch das dichte Blätterwirrwarr, klar und ein wenig wie zerbrechendes Glas. Die Hüfte sinkt ein Stück weiter nach unten, dumpfer Schmerz, wie Gewebe das aufatmend lockerlässt. Ein Gedanke, halb wach: Keine Heimkehr und kein Besuch zu erwarten. Dann ist er weg.
Im Mund sammelt sich Restwärme, ein Film von Bitterkeit, der am Gaumen haftet. Sie findet einen Rhythmus im Ohr – nicht der eigene Herzschlag, sondern die Luft, die anders in ihre Brust strömt, kürzer, nicht erschöpft, eher geordnet: ein Hin und wieder Zurück. Der Morgen klammert sich an ihr T-Shirt. Die Nähte kratzen ein wenig oberhalb der Achselhöhle, und da, wo der Brustkorb nachgibt, laufen Ameisen entlang, die gar nicht da sind. Zwischen Knie und Ellenbogen schleichen Sonnenflecken, sie blinzelt nicht. Spürt den Impuls, über die Liste der Dinge im Kühlschrank zu gehen, aber sie verliert die Worte gleich wieder. Zählen, irgendwas aufschreiben – Nein.
Taube Taunässe steigt von den Knöcheln bis zur Achillessehne, klamm und doch belebend, als wolle sie über die Waden hinauf. Rechts nebendran liegt ein kleiner Stein, kalkig und leicht kantig. Finger greifen ihn, der Sand darauf kratzt die Fingerbeere, und ein leiser Druckpunkt bleibt zurück. Kühle steigt entlang der Finger nach oben, setzt sich im Gelenk fest. Im Moment schmiegt sich dort ein aufkeimendes Ziehen – ein Restgefühl aus Herbst, jetzt absurd fehl am Platz. Geruch schiebt sich von der Erde unter dem Stuhl heran: etwas Pilziges, wie ein Hauch Hefeteig und nassen Kartons, widerständig, aber weich. Sie erinnert sich – keine Verabredung, so früh am Tag. Stille als Phantom. Wie viel Zeit ist vergangen? Schweigen im Schädel, einfach: Dasein.
Milchiges Licht hebt sich von der Haut an ihren Armen ab, an Schulter und Oberseite wärmt es endlich richtig durch, knetet träge in den Muskeln entlang der Wirbel. Eine Ameise huscht über den Handrücken, das kitzelt – Reflex, Finger zucken. Das Lederband der Uhr fehlt; ein Streifen blanker Haut an ihrem rechten Handgelenk fühlt sich nackt an, überrascht von Wind und Licht und dem eigenen Puls darunter. Der Terrassenstein unter ihren Fersen hat ein rissiges Muster, unaufdringlich. Die Zehen klammern sich kurz, lösen wieder. Ein dumpfer Geschmack von Kaffee, schon kalt, schleift sich an einem Zahnnerv entlang. Zeit tropft vorbei, als wäre das alles ein See, kein Fluss. Ein kurzer Gedanke nach langem Leeren: Vielleicht später noch irgendwohin gehen? Verliert sich vor der Ziellinie.
Jetzt summen die Bienen im Kirschbaum. Erst ein tiefer Ton, dann ein Sprung nach oben wie eine Melodie auf rauer Vinyl. In den Nacken senkt sich die Sonne, es wird wärmer, weich gespannt über die Halswirbel. Die Arme ruhen schwer und vollkommen auf den Lehnen, ein ganz eigenes Gewicht. Gras unter den Füßen inzwischen nur noch lauwarm, aber jeder neue Windzug hebt einen kühlen Film gegen die Fersen. Ein Jucken hinter der Nase, für diesen einen Moment das Gefühl, gleich niesen zu müssen. Sie fährt mit einer Hand durch das Haar: Strähnen kitzeln Wange, der Schweiß am Haaransatz getrocknet, zuckrig und ein wenig klebrig. Stumme Überlegung: Ist das schon Entspannen? Kein Satz dazu, verliert sich. Atmet langsamer.
Der Geschmack von Frühlingsluft: Komische Mischung aus trockenem Staub, aufplatzender Knospe, altem vergessenen Plastik von den Gartenstühlen – ein Film auf der Zunge, der noch an den Zähnen hängt. Unerwartet ein leises Knurren im Bauch, das sie erst spät bemerkt. Ein Ton, der fast mehr vibriert als klingt. Auf der Haut im Nacken kribbeln Sonnenstrahlen, langsam wird es an einer Stelle heiß. Der Stuhl knackt sanft, sie setzt das Gewicht ein bisschen anders, die Gelenke der Fingerspitzen rappeln auf der Armlehne, trocken, fast holzig. Hinter der Stirn, unter der Kopfhaut, ein Pulsieren, als pulsiere der ganze Tag in den kleinen Gefäßen. Kurz das Bild von Tisch und Eierbecher von früher, dann zerfällt das Bild in ein Schattenmuster auf der Netzhaut.
Stille dehnt sich zwischen Atemzügen. Tastet mit der Zunge über den fernen, leicht bitteren Belag des Kaffees am unteren Zahnfleisch, spürt dabei die raue Sehnsucht nach Wasser, als wäre jeder Muskel ein wenig zu trocken. Die Haut in den Kniekehlen schmiegt sich an den warmen Kunststoff des Stuhls, ein Hauch von künstlichem Erdöl und Fernweh, kaum erkennbar, und doch ein Zeichen für eine Zeit, die aufgeschoben blieb. Von Ferne ein Hundegebell, erstarrt zwischen Hecke und Baum, verweht am Ohr vorbei. Ihre Hände vibrieren leise, kaum spürbar: Ein Nachzittern vom Sitzen. Innen das Wachsen von Unruhe; sie fühlt, wie sie sich davon durchdringen lässt, ohne dass die Muskeln nachgeben. Keine Aufgabe, kein Stimmengewirr. Himmel irgendwo, aber sie schließt die Augen nicht. Will nichts greifen. Nur so daliegen.
Sie gleitet mit der Hand über ihren nackten Knöchel; noch ein Rest Grasnässe, dünne Erde sammelt sich in der Falte unter dem Gelenk, die Struktur ist körnig, sandig, unangenehm weich. Seitlich drückt ein Schmetterling gegen die Luft, Flügel schlagen dumpf – ein warmer Schatten huscht über ihren Unterarm. Das Herz springt kurz an, ein Impuls. Einzig das Bewusstsein für den eigenen Körper weitet sich, von der Zehenspitze bis zur Haarwurzel. Überlegt kurz, ob die Nachbarin sie sehen könnte. Es ist egal. Atem in den Schultern; ausatmen. Dann nur noch der feuchte, milde Luftstrom, der gegen die Haut fährt und wieder weicht.
Als sie endlich, ohne Eile, die Füße vom kühlen Gras hebt, bleibt an ihren Zehen etwas Erde haften – ein dunkler Streifen, der leicht angetrocknet auf der Haut sitzt. Unwillkürlich streicht sie über den Zehenrücken, spürt die bröckelnden Körner auf dem Fingerballen, eine leise Welle aus Krümeln und Laub. Sie lässt sie, so wie sie sind. Der Morgen ist noch da, das Licht ist stärker geworden. Im rechten Socken die Erde, kühl und fest, jetzt wird sie sie mit hineinnehmen ins Haus.




