Der Investor kommt ausgerechnet heute
Der Geruch nach abgestandener Luft klebt im Raum, gemischt mit einem Hauch von zu frischem Kaffee aus der einzigen noch leise brummenden Maschine. Maries Finger gleiten nicht über die Tastatur – sie starren auf das glänzende S der Shift-Taste, während ihr Daumen mechanisch den Knopf der Funkmaus drückt und wieder loslässt. Der Bildschirm zeigt noch den Warteraum des Videochats. Unten rechts blinkt ihr Spiegelbild.
Draußen ist Ostersonntag. Die Frühlingssonne flutet durch die halbgeöffneten Jalousien und malt Rechtecke aus Licht über Kabel und Unterlagen. Marie pickt an der zähen Haut ihres Daumens. Ihre Hand bleibt kurz in der Luft stehen. Ihr Kiefer spannt sich. Sie schaut auf die Slides.
Sie drückt auf „Weiter“ in der Präsentation. Ihr Körper spannt sich, der Atem bleibt kurz zwischen Brust und Hals stecken. Die Sätze auf den Folien klingen mechanisch. „Kundenbedürfnisse – validiert.“ Ihr rechter Fuß fährt suchend über den Teppich. Sie spürt, wie ihr Bauch sich verhärtet, als sie auf die Seite „Finanzen“ klickt. Sie liest den Satz: „Break Even im dritten Quartal Q3/24 realistisch erreichbar.“ Sie klopft mit dem Stift gegen die Unterkante des Tisches. Im Nebenraum klimpert eine fremde Katze gegen eine Flasche an der Heizung. Sonst: Stille.
Sie nimmt Schluck vom kalten Kaffee, schmeckt nichts. Ihr Magen zieht sich zusammen. Der Investor ist noch nicht eingeloggt. Sie starrt auf das rote LED-Licht an ihrer Webcam. Die Minuten tropfen langsam wie Sirup.
Der Laptoplüfter springt hörbar an. Marie klappt den Kalender zu, der auf dem Rand des Schreibtisches liegt: Zwischen bunten Post-Its klebt das eingetrocknete Überbleibsel einer Schokoladenei-Verpackung. Sie tastet mit den Fingerspitzen darüber. Die Tasse klackt, als sie sie abstellt. Im Chat ploppt ein grüner Punkt auf.
Ein leises „Bing“ – Klaus ist im Warteraum. Sie öffnet das Fenster, damit frische Luft in den Brustkorb kriechen kann. Sie merkt, wie sie fröstelt. Die Heizung ist aus. Ihr Rücken schmiegt sich in die harte Lehne des Stuhls.
Sie klickt auf „Beitreten“. Der Bildschirm füllt sich mit blassem Tageslicht aus einer anderen Stadt. Klaus, die Falten tief neben Nase und Mund. Hemd ohne Jackett, im Hintergrund ein Möbelstück, das wie ein Fremdkörper aus Grobholz ins Bild ragt.
„Frohe Ostern, Frau Kaiser.“
„Ich hoffe, ich störe nicht an einem Feiertag?“ fragt sie.
„Arbeiten hört nie auf. Und Sie?“
Marie merkt, wie ihre Hände jetzt doch zu zittern beginnen, hauchfein. Sie rafft den Notizblock näher an sich heran, schreibt „Wer fragt, führt“ auf das Papier, übers Kreuz, dreht den Block, blättert ihn dann wortlos um. Der Kaffee kühlt weiter ab.
„Meine Slides habe ich gerade angepasst, ein paar Invest-Zahlen präziser“, sagt sie und zieht die Folie langsam auf den rechten Bildschirm.
„Gut. Steigen wir ein.“
Sie hört sich sprechen. Die ersten zwei Minuten kommen wie aus einem anderen Mund. Während sie über das Problem redet, das ihre App löst, spürt sie, wie ihre Zunge sich trocken an den Gaumen legt. Ein Kratzen, das den nächsten Satz kurz aufhält. Sie räuspert sich nicht. Sie tippt, klickt „weiter“ – ihre linke Schulter hebt sich unwillkürlich bei jedem Slidewechsel.
Klaus hört zu, die Stirn minimal in Falten gelegt. Endlich blättert er mit spitzen Fingern ein Blatt um. „Ihre Annahmen zu den Nutzerzahlen sind sportlich.“
Marie nickt, schaut auf die eigene Präsentation. Ihre Zehennägel bohren sich in die Socken. Der nächste Satz kommt nicht. Sie senkt den Blick auf das altmodische Tischtelefon am Ende des Coworking Space. Ein Stück Dunkelrot auf Schwarz – ein Kabel, das niemand mehr braucht. Die Worte fühlen sich an wie eine schwere Jacke im Hochsommer.
„Die Acquisition-Kosten, Ihre Source C in der Kalkulation – Sie rechnen mit Social-Ads als Haupttreiber. Was machen Sie, wenn die Kosten steigen? Allein Ostern hat die CPMs verdoppelt.“
Die Luft klebt. Marie hört das Summen eines Kühlschranks auf dem Gang. Ihre Handfläche wird feucht am Holz. Sie lässt sie unter den Tisch gleiten, presst sie gegen den Hosenstoff. Ihr Körper möchte sich strecken, aufstehen, die Tasse nachfüllen – aber sie bleibt sitzen und zwingt einen tiefen Atemzug hinter die Lippen.
„Das stimmt, die Zahlen sind leicht optimistisch. Ein Backup haben wir – Influencer-Partnerschaften, langfristiges organisches Wachstum.“
„Aber das dauert. Und Sie müssen nächste Woche zahlungsfähig sein. Sie sind jetzt zwei Leute, planen aber Skalierung auf zwölf. Wie viel Kontrolle verlieren Sie dabei?“
Der Magen wirft eine kalte Welle. Sie wippt mit dem rechten Bein. Ihr Blick sucht das Logo auf dem Notizblock. Fühlt sich an wie etwas, das jemand anderes entworfen hat.
Sie wartet auf einen rettenden Gedanken. Der bleibt aus. Für einen Moment hält sie den Atem an, spürt die Kälte an den Händen. Dann klackt sie auf die nächste Folie – Meilensteine. Den ersten Meilenstein hat sie schon gestern überholt, aber sie sagt es nicht. Sie liest stattdessen: „Ziel: Markttest in sechs Wochen, Minimum 1.000 Nutzer.“
„Was, wenn der Markt sich in vier Wochen schon wieder dreht?“, fragt Klaus kühl. „Die Kunden, für die Sie jetzt entwickeln, könnten in zwei Monaten ganz woanders hinschauen. Wie reagieren Sie auf eine Änderung der Bedingungen?“
Marie greift sich an den Nacken. Die Verspannung sitzt wie ein schwerer Stein. Während ihr Bauch brennt, streicht sie mit einem zerfledderten Gummiband an ihrem Handgelenk. Sie lässt es los, spürt das Zwicken.
„Das kann ich nicht garantieren. Ich kann nur jetzt springen und dann reagieren.“ Ihr Puls klopft in den Ohren. Klaus notiert etwas. Die Frühlingssonne flackert auf der Tischplatte.
Der Investorenblick bleibt ruhig, keine Regung der Augenbrauen. „Sie sagen oft ‘wir’, aber Sie stehen gerade allein hier. Was macht das mit Ihnen?“
Sie blickt in die Kamera, ihr Rücken krümmt sich leicht vor. Sie sucht den Rand ihres Bildes mit den Fingerkuppen, bleibt daran hängen. Ihr Atem wird noch kürzer.
„Macht es schwerer. Aber ich hab die Verantwortung übernommen.“
„Sie könnten auch einfach nächste Woche wieder in Ihrer alten Branche anheuern. Warum nicht?“
Marie hält den Kugelschreiber zwischen Daumen und Zeigefinger, presst ihn so fest, dass der Clip sich verformt. Ihre Schultern spannen sich. Für ein paar Sekunden starrt sie auf den Bildschirm, als könnte sie sich selbst herausziehen. Sie drückt die Handflächen gegen die Tischplatte, fühlt das kalte Holz, hört ihr leises eigenes Ausatmen.
„Weil ich jetzt schon zu weit gegangen bin. Weil ich wissen will, ob das trägt.“
Klaus nickt, der Blick geht nach rechts. Stille. Im Nebenraum knarrt ein Fenster. Irgendwo draußen fährt ein Radfahrer vorbei, das Geräusch kommt schwach durch die Scheibe.
„Gut. Machen wir es konkret. Was sind Ihre nächsten drei Schritte, falls ich das Funding nicht freigebe?“
Marie schiebt den Laptopdeckel etwas nach hinten, richtet die Schultern. Ihr Kiefer lockert sich ein wenig. Sie nimmt einen zweiten, langen Atemzug – langsam. Ihre rechte Hand blättert die Notizen noch einmal durch. Sie tippt drei Listenpunkte in ihr Textfeld, liest kurz ab und spricht sie dann, mit rauher Stimme:
1. Ich stelle das Produkt auf Bootstrap um.
2. Unser Werbebudget reduziere ich um die Hälfte.
3. Ich suche gezielt nach Partnerschaften mit lokalen Unternehmen.
Sie merkt, wie ihre Stimme nicht stark klingt, aber klar. Ihr Bauch ist immer noch angespannt, aber die Hände bewegen sich rhythmisch, während sie Begriff nach Begriff eintippt und spricht.
Klaus lächelt kaum merklich. „Nicht einfach, aber die Ehrlichkeit wiegt oft schwerer als die Planung.“
Die Sonne wandert über die Wand, der Raum wird eine Spur heller. Der Investor sagt: „Ich schicke Ihnen morgen meine Notizen. Wir sprechen spätestens Mittwoch wieder. Genießen Sie wenigstens kurz das Osterwetter.“
Marie nickt. Sie lehnt sich zurück, lässt die Arme ganz ruhig auf den Tisch sinken. Der Bildschirm wird still, das Call-Fenster schließt sich. Kurz danach brummt die Kaffeemaschine im Leerlauf. Sie sieht auf die eigenen Hände – sie ruhen, zum ersten Mal seit Stunden. Durch das Fenster fällt ein Streifen Licht auf die Tastatur. Ein Windhauch hebt leicht den Rand eines Post-its. Im Flur riecht es nach Frühlingsluft und kaltem Kaffee. Der Cursor am Bildschirm blinkt, wartet auf den nächsten Schritt.




