Was er wirklich hütet ist nicht bekannt
Das Grenzland zwischen den Welten empfing Zara mit rohem Atem. Hier war der Geruch nie still: Die Luft trug das parfümierte Süße uralter Magnolienblüten, doch darunter zog etwas Muffiges, Moder, Jahrhundertalt. Barfuß spürte sie, wie der Waldboden weich nachgab und nasskalte Erde sich zwischen die Zehen drückte. Jeder Schritt zog einen neuen Sog nach unten, als ob Wurzeln suchten, sich an ihr zu fassen. Von weit hinten hörte sie das klagende Knacken eines Flügels – vielleicht ein Greifvogel oder etwas, das noch nicht entschied, wie es heißen wollte. Näher aber drangen Töne, die vom Wind gefressen wurden, bevor sie zu Worten gerieten: das unsichere Nesteln kleiner Klauen, das unmerkliche Schaben von Fell über feuchtes Holz.
Unter dem Licht des zerflatterten Mondes führte ein Pfad durchs Dickicht. Schwer atmete die Erde. An einer abgetretenen Schwelle, wo der Rindenleim alter Bäume auf den Steinen getrocknet und längst wieder verwischt war, wartete der Wächterhase Oran. Er hatte sich nicht in die Größe der Welt geschrumpft; er passte nicht in Zaras Augen. Sein Fell war zerzaust, altgolden, grau vom Staub der Übergänge, und zwischen den Ohren war das Schwarz nicht Schatten, sondern Narbe. Kaum sichtbar war der Rest eines alten Brandzeichens im rechten Ohr, etwas, das sie nicht sofort lesen konnte.
Er rührte sich nicht, als ihre Schritte näher kamen. Erst als sie zu nahe war, lächelte Oran – ein Zucken im Maulwinkel, das mehr Bitterkeit als Freude zeigte. Hinter ihm die Ahnung eines Tors, ein Flirren in der Luft, als ob das Gewebe der Welt sich hier müde dehnte.
„Keine Eier heute, Mädchen“, sagte Oran. Die Stimme zu tief, knarzig, als habe er sie von einem anderen Tier gestohlen. Zara roch ihn – nach Fell, nach Stein, nach Blut und dem Metall von Regen, wenn er in einer ehemaligen Wunde steht.
„Ich bin nicht wegen der Eier hergekommen.“ Zaras Zunge war trocken, der Mund schmeckte nach Erde. Sie hätte nicht so direkt sprechen sollen, doch Müdigkeit machte die Gedanken krumm. „Etwas ist durch. Auf der anderen Seite fehlt etwas.“
Oran blinzelte nur langsam. Ein Zucken im rechten Nasenloch. Seine Schultern hoben sich, Sackhaar und Muskeln unter der Haut spannten an. Für einen Moment rief er Widerstand, dann ließ er ihn in einem tonlosen Seufzer wieder los.
„Jedes Jahr zur selben Zeit.“ Oran leckte sich kurz über die Lippen, der Geruch von Blut wurde stärker, als wäre das Fleisch unter seiner Haut gerade erst gewachsen. „Immer will einer wissen, was verloren geht. Dabei wird hier nur gehalten, nicht gestohlen.“
Zara schwieg einen Moment. Der Wind hatte aufgehört zu spielen, jetzt war nur noch ein dumpfes Ziehen in den Ästen, und irgendwo tropfte etwas beständig, nicht Regen, sondern das Austreten alter Säfte. Sie wollte fragen: Bist du gefangen oder ist das deine Wahl? Aber der Blick des Hasen ließ sie das Wort zurückziehen.
„Es gibt Zeichen…“ Ihr Atem stand für einen Moment still. Als sie das Wort aussprach, spürte sie, wie etwas Kälteres in ihre Brust schnitt. Ihre Lunge arbeitete schwerer, sodass ein dumpfes Grollen durch ihre Schläfen schoss. „Die Raben drehen Süd am Morgen um. Der Schatten des Turms misst mehr Schatten als Körper. Ich spüre’s: Hier verweilt etwas, das nicht verweilen sollte.“
Oran lächelte wieder, diesmal war es eindeutig Schmerz. „Was weißt du vom Verweilen?“ Seine Ohren sanken, als wolle er sich kleiner machen. Die Muskeln im linken Bein zuckten so heftig, dass der Waldboden knirschte. „Du trägst die Frische nur, weil dir das Jahr gehört. Mir nur der Frühling. Vielleicht.“
Sie trat näher an die Schwellensteine. Dort, wo Moos zwischen den Fugen hinge, waren Spuren von Krallen eingeritzt, die nach Jahrhunderten stumpf geworden waren – eine Sprache, die gleichgültig vergeht. Ihre Finger glitten hinüber – ein Stromstoß jagte durch die Handfläche, als ob plötzlich das Blut in ihren Armen nach außen wollte. Sie riss die Hand zurück; dünne Linien Blut liefen zwischen Zeige- und Mittelfinger. Es gab keinen Zaun, aber den Preis für den Versuch, die Grenze zu prüfen.
„Du bist müde“, sagte sie, und ihre Stimme fühlte sich fremd an. Einen Moment lang hörte sie sich an wie ihre Mutter, rau und unnachgiebig.
In Orans Auge lag ein Leuchten, das sich an Tränen erinnerte, aber keine mehr hatte. „Frag, was du wissen musst. Aber nicht nach dem, was ich nicht zeigen kann.“ Diese Andeutung war schwerer als jedes Verbot. In den Ohren dröhnte ihr Puls, dumpf und heiß. Sie sah, dass Oran zitterte, als würde der Boden unter ihm plötzlich weich werden. Schwarzer Dunst kroch zwischen seinen Krallen, als würde etwas Altes seinen Tribut fordern.
Sie sagte: „Ich muss wissen, ob ich etwas zurückholen kann.“
Er antwortete: „Alles, was zurückkommt, kommt nicht als dasselbe.“
Sie spürte Schmerz im Magen, als wäre sie zu schnell zu weit gelaufen. Ihr Hals zog sich zu, als müsse sie brennen, um einen neuen Weg in die Welt zu finden.
Oran hob eine Kralle und führte sie in den Schatten des alten Steines, wo das Moos noch Spuren von verkrustetem Harz trug. „Steck die Hand tiefer“, flüsterte er. Sein Atem war so kalt, dass ihr sofort die Finger taub wurden. Als sie zögerte, schüttelte er den Kopf. „Nicht alles, was wohin gehört, will gefunden werden. Ich bewache nichts für dich.“
Sie zwang sich, zu gehorchen. Ihr Arm brannte, als würde er in siedenden Dampf getaucht. Ihre Schulter krampfte, Schweiß brach mit Schockkälte aus, und dann verletzte sie sich, wo kein Schnitt war – in der Erinnerung an Schmerz, viel älter als ihr eigenes Fleisch. Sie zog den Arm heraus; auf der Haut stand eine Narbe, die nicht zu ihr gehörte. Im feinen Fellansatz leuchtete ein Zeichen, wie die Brandspur an Orans Ohr. Sie erkannte es nicht, doch der Geruch – bitter, fast nach Mandeln – kroch ihr in die Nase und blieb, auch als sie die Hand rieb.
„Du bist nicht die Erste, die hier bleibt“, murmelte Oran. Sein Blick war auf einen Punkt gerichtet, der weder ihr Gesicht noch die Steine war. „Manche Dinge brauchen einen Wächter, damit sie nicht wiederfinden, was sie verloren haben. Es gibt keine Schuld.“
Ein Schatten zog durch die Bäume. Die Luft wurde schwer und tief, als hätte jemand Sand in ihre Lunge geschüttet. Zara spürte: Ihre Stimme war brüchig, ihre Knie gaben nach, die Welt wurde eng – alles, was sie sagen wollte, passte nicht mehr durch den Hals. Sie wollte wissen, was Oran hütete, aber er wandte den Kopf ab.
Ihr fiel auf, wie an einem entfernten Stein ein Stück alten Brotes lag, steinhart, voller Moos – ein Opfer aus Vorzeiten. Dazwischen eingeklemmt eine Scherbe aus bemalter Keramik, Jahrhunderte alt, das Muster abgeschabt von Generationen, die mehr vergessen hatten als die Namen ließen.
Kälte kroch ihren Rücken hinunter. Sie hörte ihre eigene Stimme, rau, ein Echo der Müdigkeit: „Wird es dieses Jahr halten?“
Oran lachte leise, heiser und ohne Trost. „Das Jahr hält nie. Es läuft immer über.“ Die Welt schien an ihm vorbei zu fließen, ein Rinnsal, das niemals ausgetrocknet werden konnte. Sein rechtes Ohr zuckte, als spüre er den Wind eines anderen Frühlings gegen die Narbe dringen.
Sie sagte nichts mehr. In der Ferne knisterte ein Zweig, im Unterholz scharrten unsichtbare Pfoten. Der alte Wächterhase saß unbeweglich am entscheidenden Schwellenstein, das Mondlicht zog längliche Schatten über seinen Rücken. Sein Atem formte kleine Wolken, die längst verblassen mussten und doch fortwuchsen.
Der Geruch von Blut und Mandeln blieb um die Steine hängen, als die Nacht sich sperriger niederließ. Auf Zaras Haut stand die neue Narbe, die nicht ihr gehörte, und der Wächterhase Oran blickte in das, was bleibt, wenn niemand mehr fragt.



