Die letzten warmen Tage im Garten
Nele drückte das Gartentor mit der Hüfte auf und sah Ben schon am Apfelbaum stehen.
Er tat so, als zähle er die Äpfel. Dabei schaute er zur Schaukel.
„Du bist spät“, sagte Nele.
„Bin ich nicht.“
„Doch.“
„Die Uhr bei uns geht falsch. Sie macht immer so ein Klack, dann weiß sie selber nicht weiter.“
Nele zog die Augen klein. Die Schatten lagen bis zur Sandkiste. Gestern, fand sie, waren sie noch nicht so weit gekrochen.
„Wir müssen anfangen“, sagte sie.
„Mit was?“
„Mit allem.“
Ben hob einen Stock auf. „Alles ist viel.“
„Dann halt schnell.“
Ein Apfel fiel neben ihnen ins Gras. Plopp. Beide sahen hin.
„Schon wieder einer“, sagte Ben.
„Der Baum übertreibt“, sagte Nele.
Ben bückte sich, nahm den Apfel und legte ihn an den Stamm, vorsichtig, als müsste er dort warten.
„Der ist matschig“, sagte Nele.
„Nur auf einer Seite.“
„Matschig ist matschig.“
Ben sagte nichts. Er wischte sich die Hand an der Hose ab und grinste zu breit. Wenn er so grinste, wusste Nele nie, ob er etwas Dummes vorhatte oder etwas nicht sagen wollte.
„Zuerst Schaukelwettkampf“, bestimmte sie. „Bis zum Astschatten.“
„Ich gewinne.“
„Du fällst.“
„Dann gewinne ich im Fallen.“
Sie rannten zur Schaukel. Nele sprang zuerst auf den Sitz. Ben stellte sich dahinter und schubste.
„Höher.“
„Du sagst sonst immer nicht so hoch.“
„Heute nicht.“
Ben schubste stärker. Das Seil knarrte. Nele sah, wie ihre Füße über den Schatten flogen und wieder hinein, immer hin und her, als könne man den dunklen Streifen wegtreten.
„Jetzt ich“, sagte Ben.
„Gleich.“
„Du sagst immer gleich und meinst später.“
Nele sprang ab, zu früh, landete auf den Knien und tat, als habe sie das geplant.
„Siehst du? Landung.“
Ben sah auf ihre Knie. „Erde dran.“
„Ist Absicht.“
Er setzte sich auf die Schaukel, aber er schaukelte nicht sofort. Er drehte sich nur ein bisschen ein, bis das Seil gespannt war.
„Mach“, sagte Nele.
„Warte.“
„Auf was?“
Er zeigte zum Baum.
Noch ein Apfel fiel. Plopp.
Ben nickte, als hätte der Apfel ihn gerufen. „Jetzt.“
Nele schubste ihn so fest, dass seine Haare wippten.
Nach dem Schaukeln malten sie mit Kreide ein Spielfeld auf die Steinplatten. Nele machte Kästchen. Ben malte um jeden gefallenen Apfel einen Kreis.
„Das gehört nicht dazu“, sagte Nele.
„Doch. Das sind Inseln.“
„Apfelinseln sind Quatsch.“
„Dann sind es Monde.“
„Noch mehr Quatsch.“
Ben malte weiter. Sein Kreis wurde krumm. Nele trat mit dem Schuh hinein.
„Nicht“, sagte Ben.
„Es ist nur Kreide.“
„Ja.“
Er sagte es leise, und auf einmal klang das Spiel dünner.
Nele hüpfte durch ihre Kästchen. Eins, zwei, drei. Sie hüpfte schneller, damit Ben wieder mitmachte. Aber Ben hockte beim Apfel und zeichnete einen zweiten Kreis darum, kleiner als den ersten.
„Willst du gar nicht spielen?“
„Mach ich doch.“
„Du sitzt.“
„Sitzen kann auch Spiel sein.“
„Nein.“
„Bei dir nicht.“
Nele blieb auf einem Bein stehen. Ihr Fuß wackelte. Bens Lachen, das nur ein kurzes Pusten war, kam ihr zu laut vor.
„Dann spiel eben mit den Äpfeln“, sagte sie.
Sie ging zum Gemüsebeet und rupfte an einem trockenen Bohnenstängel. Eigentlich wollte sie, dass Ben ihr nachkam. Er kam nicht. Hinter ihr kratzte Kreide über Stein.
Eine Weile war nur das zu hören.
Nele drehte sich nicht um. Sie sah auf die Schatten der Bohnenstangen. Sie waren so lang, dass sie bis zu ihren Schuhen reichten.
„Nele“, sagte Ben.
„Was?“
„Du stehst auf dem Start.“
„Ich stehe beim Beet.“
„Bei meinem Start.“
Sie drehte sich um.
Ben hatte die Kreidekästchen bis zum Apfelbaum verlängert. Von der Schaukel über die Platten, um die Apfelkreise herum, am Beet vorbei. In das letzte Kästchen hatte er keinen Stern gemalt, sondern zwei kleine Striche nebeneinander.
„Was soll das sein?“
„Ziel.“
„Sieht nicht so aus.“
„Dann guck schlechter.“
Nele presste die Lippen zusammen. Dann stellte sie ihren Fuß in das erste Kästchen.
„Man darf die Kreise nicht berühren“, sagte Ben schnell.
„Weiß ich doch.“
„Wusstest du nicht.“
„Jetzt schon.“
Sie hüpfte. Bei der ersten Apfelinsel wackelte sie. Ben streckte den Stock hin.
„Nicht anfassen“, sagte Nele.
„Ich halte nur die Luft.“
Sie griff nach dem Stock. Nur kurz. Danach hüpfte Ben. Er landete absichtlich schlecht, damit Nele „Noch mal“ sagen konnte. Sie sagte es.
Ein Apfel fiel zwischen zwei Kästchen. Plopp.
„Neue Regel“, sagte Nele.
„Welche?“
„Wer ihn berührt, muss von vorn anfangen.“
Ben sah den Apfel an. „Dann liegt er da.“
„Ja.“
Sie spielten darum herum, als wäre er wichtiger als das Ziel.
Später rief Neles Mutter von der Terrassentür: „Noch zehn Minuten!“
Ben sah zum Himmel. „Das waren gestern mehr.“
„Zehn Minuten sind zehn Minuten.“
„Nicht, wenn man sie falsch benutzt.“
Nele rannte los. „Fangen!“
Ben rannte hinterher. Sie rannten nicht weit, nur im Kreis um den Baum. Nach drei Runden hielten sie an, beide außer Atem. Nele lehnte sich an den Stamm. Ben stellte sich daneben, aber nicht zu nah.
„Morgen machen wir die lange Bahn“, sagte er.
„Wenn es nicht regnet.“
„Dann mit Regen.“
„Kreide geht weg.“
Ben schob den matschigen Apfel mit dem Schuh in den inneren Kreis zurück. „Dann malen wir sie neu.“
Neles Mutter rief wieder. Diesmal klang es näher.
„Ich muss“, sagte Ben.
„Dann geh.“
Er ging bis zum Gartentor. Nele folgte ihm nicht sofort. Erst als er den Riegel anhob, lief sie hin.
„Du hast Kreide am Ärmel“, sagte sie.
„Wo?“
Sie nahm seinen Ärmel und rieb mit dem Daumen darüber. Die Kreide blieb. Sie rieb noch einmal, langsamer. Ben hielt still, obwohl der Fleck gar nicht wegging.
„Ist immer noch da“, sagte er.
„Dann musst du morgen wiederkommen. Sonst bleibt es falsch.“
„Vielleicht.“
„Vielleicht ist doof.“
„Dann ja.“
Seine Hand lag am Riegel. Nele legte ihre kurz darauf, um ihm angeblich zu helfen. Der Riegel war längst offen.
Drinnen wurde Licht gemacht. Draußen war es schon dunkel genug, dass die Kreidestriche nur noch hellgrau schimmerten.
Ben ging durch das Tor, Nele zur Terrassentür. Nach zwei Schritten kamen beide zurück, hoben den letzten gefallenen Apfel auf und legten ihn zwischen die zwei Striche im Ziel.
Dann gingen sie rein, früher als im Sommer.




