Der Drachen, der nicht mehr steigen will
Der Wind kam in Stößen über die Wiese. Erst drückte er Tom die Mütze tief in die Stirn, dann war er weg, als hätte er sich hinter den Wolken versteckt.
Finn hielt den Drachen hoch. Er war rot und orange, mit zwei krummen Augen, die Tom im Sommer aufgemalt hatte. Der lange Schwanz schleifte im Gras.
„Heute zum letzten Mal“, sagte Tom.
„Hast du gestern auch gesagt.“
„Heute aber richtig.“
Finn hob den Drachen noch höher. „Er guckt nicht richtig.“
„Drachen gucken nicht.“
„Der schon. Der guckt wie Papa, wenn der Rasenmäher nicht anspringt.“
Tom zog den Faden von der Rolle. Nicht zu viel. Finn nahm immer zu viel. Tom hielt die Rolle dicht an seiner Jacke, als wäre sie ein Becher mit heißem Kakao.
„Ich kann auch mal“, sagte Finn.
„Gleich.“
„Gleich ist nie.“
Tom tat, als hätte er den Wind prüfen müssen. Er streckte einen Finger hoch. Der Finger wusste nichts.
„Renn“, sagte Tom.
Finn rannte.
Der Drachen hüpfte einmal über das Gras, riss Finn den Arm nach hinten und klatschte dann mit der Nase nach unten. Finn stolperte zwei Schritte weiter, als wollte sein Körper noch fliegen, obwohl der Drachen schon aufgegeben hatte.
„Du hast zu früh losgelassen!“, rief Tom.
Finn drehte sich um. Ein Grashalm klebte an seiner Hose. „Ich hab gar nicht losgelassen. Der Fuchs hat sich hingesetzt.“
„Das ist kein Fuchs.“
„Siehst du. Nicht mal das weiß er.“
Tom stapfte hin und hob den Drachen auf. Eine Ecke war feucht vom Gras. Er strich mit dem Ärmel darüber, nur kurz, damit Finn es nicht groß sah.
„Nochmal“, sagte Tom.
„Diesmal hältst du ihn.“
„Warum?“
„Weil du alles besser weißt.“
Tom gab Finn die Rolle. Aber er ließ sie nicht sofort los. Einen Atemzug lang hielten beide daran. Dann nahm Finn sie, viel zu locker.
„Nicht so“, sagte Tom.
Finn wickelte den Faden um seine Hand. „So?“
„Auch nicht.“
„Dann ist deine Rolle komisch.“
Tom klemmte den Drachen über den Kopf. Der Wind fuhr darunter und bog das Papier. Für einen Moment fühlte es sich an, als wolle der Drachen doch. Tom rannte los. Seine Stiefel bohrten Löcher in die weiche Wiese, und der Drachen schlug ihm gegen den Hinterkopf.
„Mehr Faden!“, rief Tom.
Finn gab mehr Faden.
Zu viel.
Die Schnur kringelte sich um Finns Schuh. Der Drachen machte eine halbe Drehung, taumelte wie ein nasser Vogel und landete auf Toms Stiefeln.
Tom blieb stehen. Seine Ohren wurden heiß.
„Du wickelst falsch.“
Finn sah auf die Rolle. „Sie wickelt sich selbst falsch.“
„Du musst aufpassen.“
„Du musst nicht so schreien.“
„Ich schreie nicht.“
„Mein Ohr sagt was anderes.“
Der Wind rauschte in der Kapuze von Toms Jacke. Es klang, als würden ganz viele Kinder lachen, obwohl auf der Wiese nur sie beide standen.
Finn hockte sich hin und zog die Schnur von seinem Schuh. „Vielleicht ist er kaputt.“
Tom starrte auf den Drachen. „Du hast ihn gestern in die Ecke gestopft.“
„Du hast gesagt, leg ihn da hin.“
„Nicht so.“
„Wie dann? Mit Kissen?“
Tom antwortete nicht. Er nahm die Rolle wieder. Finn stand auf und klopfte sich Gras von den Knien. Er schaute zum Weg, wo die ersten Blätter über den Boden rutschten.
„Ich kann auch heimgehen“, sagte Finn.
Tom drehte an der Rolle. Der Faden schnarrte leise. „Dann geh.“
Finn ging drei Schritte. Nicht schnell. Beim vierten blieb er stehen und bückte sich nach einem dünnen Stock.
„Der Schwanz ist zu kurz“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
Tom sah auf den Drachen. Der Schwanz war wirklich verdreht. Ein Knoten saß darin wie eine kleine Faust.
„Ist er nicht.“
Finn kam zurück und hielt den Stock hin. „Dann ist das hier eben für gar nichts.“
Tom nahm den Stock nicht. Er kniete sich aber hin.
Finn kniete sich auch hin.
Keiner sagte etwas, während Tom den Knoten löste. Finn hielt das Papier fest, damit es nicht über die Wiese schabte. Als Toms Finger nicht durch die Schlaufe kamen, schob Finn seinen kleinen Finger hinein. Er passte.
„Nicht ziehen“, murmelte Tom.
„Ich zieh gar nicht.“
„Doch.“
„Nur ein bisschen nicht.“
Der Knoten gab nach. Der Schwanz lag länger da, immer noch schief, aber nicht mehr wie beleidigt. Finn steckte den dünnen Stock quer unter eine lose Schnur.
„Das ist falsch“, sagte Tom.
Finn nahm die Hand weg.
Der Drachen klappte an der Ecke ein.
Tom schob den Stock wieder hin. „Vielleicht nicht ganz falsch.“
Finn sah woanders hin. „Hab ich auch nicht gesagt.“
Beim dritten Versuch hielten sie den Drachen zusammen. Tom links, Finn rechts. Der Wind war erst weg. Dann kam er so stark, dass beide einen Schritt rückwärts machten.
„Jetzt?“, fragte Finn.
„Noch nicht.“
„Jetzt?“
„Warte.“
„Meine Arme werden lang.“
Tom schaute nicht zu Finn, aber er rückte näher, damit Finn den Drachen tiefer halten konnte.
„Jetzt“, sagte Tom.
Sie ließen los.
Der Drachen stieg eine Armlänge. Zwei. Die Schnur wurde straff. Tom rannte, Finn rannte neben ihm, die Rolle zwischen ihnen. Der Drachen zitterte oben, als müsste er niesen.
„Er fliegt!“, rief Finn.
„Nicht reden!“
Da kippte der Drachen zur Seite. Er zog eine schräge Linie durch die Luft und fiel in einen Büschel hohes Gras.
Finn blieb keuchend stehen. Tom auch. Beide schauten auf die Stelle.
„Du hast geredet“, sagte Tom.
„Drachen hören doch nicht.“
„Dieser schon.“
Finn presste die Lippen zusammen. Tom presste seine auch zusammen. Dann kam aus Finn ein kleines Prusten. Tom schaute streng, aber das Strenge hielt nicht. Es rutschte ihm vom Gesicht.
„Du hast gesagt, er ist kein Fuchs“, sagte Finn.
„Vielleicht ist er ein sehr schlechter Fuchs.“
„Ein Fuchs mit Höhenangst.“
Sie lachten nicht laut. Nur so, dass die Schultern wackelten.
Noch einmal versuchten sie es. Finn hielt die Rolle, Tom den Drachen. Dann Tom die Rolle, Finn den Drachen. Dann beide die Rolle und niemand den Drachen, was gar nicht ging. Der Drachen machte kleine Sprünge, rutschte auf dem Bauch, drehte sich um und blieb liegen.
Der Himmel hing tief über der Wiese. Am Rand standen die Bäume mit dünneren Ästen als letzte Woche.
„Er will nicht mehr“, sagte Finn.
Tom setzte sich ins Gras. „Drachen wollen gar nichts.“
Finn setzte sich neben ihn, aber mit einem kleinen Abstand. „Dann will er eben gar nichts mehr.“
Tom zog die Schnur langsam ein. Finn nahm das lose Ende und legte es ordentlich auf die Rolle, Runde um Runde. Manchmal stießen ihre Finger aneinander. Keiner sagte Entschuldigung.
„Nächstes Jahr“, sagte Finn.
Tom nickte. „Wenn der Wind normal ist.“
„Wind ist nie normal.“
„Dann wenn wir normal sind.“
Finn sah ihn an.
Tom sah schnell zur Rolle. „Also nie.“
Finn grinste schief. „Gut.“
Sie falteten den Drachen nicht. Das Papier knitterte schon genug. Tom nahm die linke Stange, Finn die rechte. Auf dem Weg nach Hause trugen sie ihn zwischen sich, und die aufgewickelte Schnur schaukelte an zwei kleinen Händen.




