Der erste kalte Abend
Mia steht neben ihrem Bett und merkt es zuerst an ihren Zehen.
Der Boden fühlt sich kühler an als gestern. Nicht kalt wie Schnee. Nur anders. So, als hätte der Sommer seine warmen Hände von den Dielen genommen.
Das Fenster ist geschlossen.
Im Sommer war es abends oft noch offen gewesen. Dann hatte die Luft am Vorhang gezogen, und irgendwo hatte ein Vogel noch lange gerufen. Heute bleibt der Griff nach unten gedreht. Das Glas ist dunkel. Draußen war es früher Abend geworden, viel früher als vor ein paar Wochen.
Mama kommt leise herein und macht die Nachttischlampe an. Sie erklärt nichts. Sie stellt nur das kleine Licht neben Mias Bett an, und das Zimmer wird weich am Rand.
Mia schaut zum Fenster.
Hinter dem Glas bewegt sich nichts, was sie sehen kann. Aber der Wind klingt anders als im Sommer. Nicht hell. Nicht weit. Er streicht an der Hauswand vorbei, langsam, und irgendwo unten rascheln die ersten Blätter auf dem Gehweg.
Ein Blatt. Dann noch eins. Dann wieder nur Wind.
Mia klettert ins Bett. Sie sagt, dass sie noch nicht schlafen will. Ihre Stimme ist klein, aber sie meint es ernst. Ihre Hände ziehen die Decke bis zum Bauch. Dann bis zur Brust. Dann bleiben sie dort liegen, als hätten sie ihre Arbeit schon getan.
Mama setzt sich an die Bettkante.
Die Matratze sinkt ein wenig. Mias Knie rollen von selbst näher zusammen. Ihre Schultern rutschen tiefer in das Kissen. Sie will noch etwas erzählen, vielleicht vom Kindergarten, vielleicht vom roten Eimer im Sand, vielleicht von dem Käfer, der auf einem Stock gesessen hatte.
Aber der Anfang der Geschichte bleibt hinter ihren Lippen.
Mama streicht die Decke glatt. Die Decke ist heute nicht nur eine Decke. Sie ist schwerer in einer guten Weise. Sie liegt auf Mias Füßen. Sie liegt auf ihren Beinen. Sie liegt auf ihrem Bauch und sagt nichts.
Mia blinzelt zur Zimmerdecke.
Im Sommer hatte das Licht abends noch lange am Fenster gehangen. Manchmal war der Himmel rosa gewesen. Manchmal blau, obwohl Mia schon im Schlafanzug war. Manchmal hatte sie gedacht, dass der Tag noch gar nicht fertig war.
Heute ist der Tag fertig.
Draußen war die Straße früh dunkel geworden. Die Häuser gegenüber hatten ihre Fenster hell gemacht. Ein Auto war vorbeigefahren. Die Reifen hatten auf der Straße gezischt. Dann war es weitergefahren, weiter und weiter, bis nur noch der Wind blieb.
Mia hört das Rascheln der Blätter.
Mama sitzt noch da.
Mia möchte fragen, ob morgen wieder Sommer sein kann. Ihr Mund öffnet sich ein kleines Stück. Dann schließt er sich wieder. Ihre Zunge findet kein Wort, das bis nach draußen möchte. Ihre Finger fassen den Rand der Decke, lassen ihn los, fassen ihn wieder, lassen ihn los.
Mama legt eine Hand auf die Decke, dort, wo Mias Beine sind.
Die Hand bleibt.
Die Lampe macht einen kleinen warmen Kreis. Im Kreis liegen das Bilderbuch, der Stoffhase und Mias Ärmel, der aus der Decke schaut. Außerhalb des Kreises wird das Zimmer dunkler. Der Stuhl am Schreibtisch wird nur noch ein Stuhlrand. Die Kiste mit den Bauklötzen wird nur noch ein dunkles Viereck.
Mia sieht erst den Hasen nicht mehr genau.
Dann die Kiste nicht mehr.
Dann den Stuhl nicht mehr.
Nur Mamas Hand ist noch da.
Und die Decke.
Draußen schiebt der Wind ein paar Blätter aneinander. Sie kratzen leise über den Gehweg. Einmal. Noch einmal. Dann ist das Geräusch kleiner.
Mia hört es, aber nicht ganz.
Sie hört Mamas Atem.
Sie hört ihren eigenen Atem.
Der eigene Atem ist näher.
Mama sagt etwas sehr Leises. Es ist vielleicht gute Nacht. Es ist vielleicht nur Mias Name. Die Worte kommen weich an und bleiben nicht lange. Sie sinken in die Decke, wie ein kleines Steinchen in warmes Wasser.
Mia will die Augen noch offen lassen.
Ihre Lider werden schwerer, als sie erwartet hatte.
Sie hebt sie noch einmal.
Das Licht ist ein gelber Fleck.
Sie hebt sie noch einmal.
Der Fleck wird größer.
Sie hebt sie nicht mehr ganz.
Mamas Hand nimmt sich langsam zurück.
Die Decke bleibt.
Der Raum wird weniger.
Erst ist das Fenster nicht mehr wichtig.
Dann ist der Wind nicht mehr wichtig.
Dann ist der Herbst draußen, weit weg.
Die Decke ist hier.
Warm an den Füßen.
Warm an den Knien.
Warm über dem Bauch.
Mia merkt, wie ihr Körper tiefer liegt.
Nicht nach unten.
Mehr nach innen.
Das Kissen hält ihren Kopf.
Die Decke hält den Rest.
Ein Gedanke kommt noch.
Er findet den Anfang.
Er findet die Mitte nicht.
Ein Atem hinein.
Ein Atem hinaus.
Die Wärme bleibt.
Ein Atem hinein.
Ein Atem hinaus



