Waldspaziergang im Nebel
Markus tritt vom festen Rand des Parkplatzes auf den weichen Beginn des Waldwegs, und noch bevor er einen Gedanken zu Ende bringen kann, legt sich die Feuchtigkeit des Nebels auf seine Stirn, nicht schwer, eher wie eine dünne Hand, die nichts fordert und doch bleibt. Sie sammelt sich an den feinen Haaren über den Schläfen, kühlt dort zuerst, dann an den Wangen, dann am Hals, wo der Kragen seiner Jacke einen kleinen, warmen Rand hält. Unter den Sohlen gibt der Boden nach, nur wenig, aber genug, dass seine Knie sich daran erinnern müssen, dass Gehen nicht dasselbe ist wie Vorankommen.
Er ist ohne Plan losgefahren. Das hat er sich im Auto gesagt, mehrmals, als müsste ein Planloses durch Wiederholung glaubwürdig werden. Jetzt arbeitet etwas hinter seiner Stirn weiter, ein dünnes Drängen, das nicht zum Wald passt und doch in ihm sitzt, knapp über den Augenbrauen, dort, wo sich an Arbeitstagen die Haut zusammenzieht. Noch die Mail. Der Satz bleibt offen. Sein Unterkiefer hält sich fest, die Zunge liegt zu breit im Mund, und im Bauch ist eine kleine, harte Stelle, als hätte er einen Stein verschluckt, der auf Namen wartet.
Der Nebel nimmt dem Weg die Länge. Markus sieht nicht weit, und weil er nicht weit sieht, spürt er zuerst den Wunsch, schneller zu gehen, als könnte Tempo ersetzen, was ihm an Überblick fehlt. Die Oberschenkel setzen an, der Schritt will größer werden, doch der Boden antwortet weich und unbestimmt. Seine Füße suchen sicherer, die Zehen spreizen sich in den Schuhen, die Fersen sinken einen Hauch tiefer ein. Das Gehen wird kleiner. Nicht freiwillig. Eher durch Widerstand, durch dieses gedämpfte Dagegen des Herbstbodens, das ihn nicht stoppt, nur jedes Vorwärts in einzelne Teile zerlegt.
Nach einigen Minuten, oder nach einer Anzahl von Atemzügen, die er nicht zählt, merkt er, dass seine Schultern noch so stehen, als trüge er etwas Unsichtbares dicht unter dem Nacken. Der Stoff seiner Jacke spannt über den Rücken. Beim Einatmen hebt sich die Brust knapp, vorsichtig, als müsste sie sich entschuldigen. Beim Ausatmen fällt sie nicht ganz zurück. Da bleibt eine Restspannung, ein kleiner Haken zwischen den Schulterblättern. Später anrufen. Der Gedanke hat keinen Empfänger. Er zieht an der Haut und löst sich nicht auf, sondern wird nur blasser, während Nebelnässe sich an den Händen sammelt.
Er bleibt nicht stehen, doch sein Tempo verliert die Kanten. Der Atem findet, ohne dass Markus ihn ordnet, einen längeren Weg nach außen. Die Rippen geben dabei ein Stück nach, zuerst links, dann rechts, kaum bemerkbar, aber genug, dass der Bauch sich für einen Moment nicht mehr gegen den Bund der Hose drückt. Die Feuchtigkeit an seinem Gesicht wird wärmer, weil seine Haut darunter wärmer wird. Kleine Tropfen sitzen am Rand der Augenbrauen. Sie fallen nicht. Sie bleiben dort wie unausgesprochene Silben.
Ein Geräusch kommt aus dem Nebel, gedämpft und nah, obwohl es nicht nah sein muss. Ein trockenes Knacken, dann nichts, dann ein weiches Reiben irgendwo seitlich. Markus hört es mit dem ganzen Kopf. Die Muskeln am Hals ziehen an, die Ohren scheinen weiter zu werden, und für einen Atemzug hält der Körper sich selbst fest. Danach kommt von fern ein einzelner Tropfen, der auf etwas Nachgiebiges trifft. Der Klang ist klein, aber er reicht. In der Pause danach schluckt Markus, und das Schlucken klingt in ihm lauter als alles draußen.
Er geht weiter. Mit dem nächsten Schritt merkt er, wie schnell sein Körper bereit ist, aus einem unvollständigen Geräusch eine Aufgabe zu machen. Der Bauch wird enger, die Hände krümmen sich in den Taschen. Was war das. Mehr nicht. Der Satz bleibt ohne Fragezeichen. Der Weg liegt unter seinen Sohlen, und weil er ihn nicht mit den Augen kontrollieren kann, nimmt er ihn über Druck wahr: eine Wurzel als kurze Erhöhung unter dem rechten Fuß, feuchtes Laub als nachgiebige Schicht, ein kleines Rutschen, das im Sprunggelenk endet und dort gehalten wird.
Der Wald schließt sich nicht, er tritt nur näher an die Haut. Markus spürt ihn als kühle Fläche vor dem Gesicht, als Nässe am Handrücken, wenn die Finger einmal aus der Tasche kommen, als winzige Kälte an den Ohrläppchen. Die Außenwelt hat keine Ränder mehr, die weiter wegführen. Sie berührt nur. Und in diesem Berühren wird sie überschaubarer als jeder freie Blick. Sein Kopf versucht trotzdem, Linien zu ziehen. Wenn ich zurück bin. Dann nichts. Die Worte laufen in den Nebel hinein, ohne auf eine Wand zu stoßen.
An einer leichten Steigung wird der Atem gröber. Markus merkt es nicht als Anstrengung, sondern als Wärme, die sich unter dem Brustbein sammelt und langsam nach oben steigt. Der Mund möchte sich öffnen, doch er lässt ihn geschlossen, nicht aus Disziplin, eher weil die Luft durch die Nase weicher ankommt. Die Nasenflügel werden kalt. Innen entsteht ein sanftes Brennen, das mit jedem Einatmen kommt und mit jedem Ausatmen nachlässt. Seine Schritte werden noch kürzer, und irgendwo im Becken löst sich eine Schwere, die er vorher nicht bemerkt hat.
Er denkt an die Uhr, ohne die Uhr zu heben. Der Impuls beginnt im linken Unterarm. Ein kleines Zucken, ein Vorhaben in den Sehnen. Dann bleibt die Hand in der Tasche. Zeit hat hier keinen glatten Rand, an dem sie sich greifen ließe. Sie ist eher das Ausdehnen der Ausatmung, das Warten der Ferse, bevor sie sich vom Boden löst, das Nachgeben im Knie, wenn das Gewicht wechselt. Markus geht durch etwas, das nicht zählt, und sein Kopf sucht weiter nach Zahlen. Wie lange schon. Der Gedanke fällt zu kurz aus.
Auf der Lichtung wird es nicht hell für ihn, sondern weiter im Brustkorb. Er erkennt den offenen Raum zuerst daran, dass sein Körper weniger gegen etwas anzustehen scheint. Die Schultern sinken einen Fingerbreit. Zwischen den Rippen entsteht Platz, als hätte sich dort ein innerer Knopf gelöst. Der Nebel berührt ihn immer noch, gleichmäßig, an Stirn, Wangen, Händen. Doch die Haut wartet nicht mehr auf das Ende dieser Berührung. Sie nimmt sie hin, Stelle für Stelle, ohne daraus eine Geschichte zu machen.
Dort, am Rand der Lichtung, steht für wenige Atemzüge ein Reh im milchigen Grau. Markus sieht nur die Linie des Halses, die dunkle Feuchte der Augen, den schmalen Kopf, der weder zu ihm kommt noch vor ihm flieht. Es ist ein einzelnes Bild, fast ohne Umgebung. Kein Ast, kein Himmel, keine Tiefe. Nur dieses Tier, gehalten im Nebel, und Markus’ Blick, der kleiner wird, damit es darin Platz hat. Dann verschiebt sich die Gestalt, löst sich vom Rand und ist wieder Grau.
Sein Körper reagiert später als der Blick. Erst als das Reh nicht mehr zu sehen ist, merkt Markus, dass er die Luft angehalten hat. Die Einatmung danach kommt ruckelig, fast beschämt, und bleibt kurz im oberen Brustkorb hängen. Er legt eine Hand auf die Jacke über dem Bauch, nicht feierlich, nur um etwas zu spüren, das ihm gehört. Unter der Hand bewegt sich Wärme. Der Bauch hebt sich gegen die Handfläche und sinkt wieder weg. Nicht festhalten. Auch dieser Satz endet nicht. Er muss nicht enden.
Er steht noch eine Weile, oder die Weile steht um ihn herum. Die Knie sind leicht gebeugt. In den Waden arbeitet ein feines Nachzittern, das vom Stehen kommt und vom Nichtweitergehen. Seine Füße drücken breiter in die Schuhe, als wollten sie die Form des Bodens genauer wissen. Die Finger in der Tasche lösen sich. Erst der Daumen vom Zeigefinger, dann die mittleren Finger aus der kleinen Faust, die sie gebildet haben. Es ist keine Entscheidung. Es geschieht, weil kein nächster Schritt sofort verlangt wird.
Der Kopf gibt nicht auf. Er bringt Bilder ohne Zusammenhang, einen Schreibtisch, eine offene Nachricht, die Stimme eines Kollegen, die er nicht hören will und doch im Körper als Enge im Hals wiederfindet. Morgen. Das Wort drückt kurz gegen den Gaumen. Markus atmet aus, und mit der Luft sinkt der Druck ein wenig tiefer, vom Hals in die Brust, von der Brust in den Bauch, bis er dort nicht verschwindet, aber breiter wird. Nicht kleiner, nur weniger spitz.
Als er den Rückweg nimmt, tut er es nicht, weil etwas abgeschlossen ist. Er dreht sich, spürt das Gewicht über die linke Hüfte gehen, den rechten Fuß suchen, den Boden annehmen. Die Richtung entsteht aus Körpererinnerung. Eine Senke im Weg, dann eine Stelle, an der das Laub dichter federt, dann die leichte Neigung abwärts, die die Schritte von selbst leiser macht. Der Nebel hat sich kaum gelichtet. Er bleibt an den Ärmeln, in den Haaren, am Rand der Wimpern. Markus muss weiterhin langsam sein.
Das Langsame ist zuerst wie ein fremder Gang. Die Muskeln an den Vorderseiten der Oberschenkel wollen mehr tun, als nötig ist. Sie ziehen an, lösen sich, ziehen wieder an. Mit jedem Schritt findet Markus eine kleinere Menge Kraft. Nicht nichts. Nur genug. Die Ferse setzt auf. Das Gewicht rollt vor. Der große Zeh drückt ab. Dazwischen liegt mehr Raum, als er sonst bemerkt. So geht es auch. Der Satz kommt und bleibt nicht. Er macht keine Erklärung aus sich.
Noch einmal hört er hinter sich ein gedämpftes Knacken. Diesmal läuft die Spannung nicht bis in die Hände. Sie bleibt kurz im Nacken, wärmt sich dort an seinem Atem und lässt wieder los. Der Wald antwortet nicht. Oder er antwortet so, dass Markus es nicht ordnen kann. Seine Schritte setzen sich fort, einzeln, von innen gezählt durch Druck und Nachlassen. Die Welt reicht bis zur nächsten Berührung. Der Rest muss nicht fehlen. Er ist nur nicht bei ihm.
Als der Parkplatz wieder unter den Füßen fester wird, erkennt Markus ihn zuerst an der Härte in den Knien. Der Boden gibt nicht mehr nach, und die Gelenke nehmen den Unterschied auf. Seine Schultern heben sich einen kleinen Moment, als wollten sie in die alte Form zurück, doch sie bleiben niedriger als vorher. Die Hand findet den Autoschlüssel in der Tasche, Metallkühle gegen die Fingerkuppen, ein schmaler Rand, vertraut und fremd. Der Nebel liegt weiter dicht um ihn, kaum heller, kaum anders.
Markus bleibt neben dem Auto stehen, ohne die Tür zu öffnen. Die feuchte Jacke liegt schwer auf den Unterarmen. An seinem linken Handgelenk sammelt sich ein kühler, runder Tropfen, löst sich langsam aus dem Stoffrand und bleibt in der kleinen Mulde über dem Puls.




