Die stille Woche nach dem Sommer
Am ersten Morgen der freien Woche wacht Alex auf, bevor der Wecker etwas von ihm wollen kann. Der Wecker bleibt dunkel, aber sein Brustkorb hat die Nachricht noch nicht bekommen. Er hebt sich kurz und flach, als stünde schon jemand im Türrahmen und wartete auf eine Antwort. Unter dem rechten Schlüsselbein sitzt eine kleine Festigkeit, nicht schmerzhaft, eher wie ein Knoten aus Gewohnheit. Die Hände liegen auf der Decke und sind nicht einverstanden. Die Finger beugen sich, strecken sich, suchen nach dem Rand eines Telefons, nach einer Tasse, nach einem Griff, nach irgendetwas, das eine Richtung vorgibt.
Nur kurz nachsehen.
Der Satz entsteht ohne Stimme, kaum fertig, schon bleibt er irgendwo hinter der Stirn hängen. Alex lässt die Hände liegen. Das ist der erste Entschluss des Tages, und er fühlt sich nicht groß an, sondern mühsam, wie ein Muskel, der etwas nicht tut. Im Bauch ist ein dünnes Ziehen, als hätte dort jemand eine Liste aufgefaltet. Einkaufen. Wäsche. Antworten. Rechnung. Der Körper macht kleine Vorschläge. Die Zehen drücken gegen das Laken. Die Schultern ziehen näher zu den Ohren, als könnten sie auf diese Weise schneller durch den Vormittag kommen.
Er steht trotzdem auf, langsam genug, dass die Fußsohlen den Boden bemerken. Die Kälte der Dielen legt sich zuerst an die Fersen, dann an die Ballen, und in diesem kurzen Kontakt ist nichts zu erledigen. Er bleibt stehen. Nicht lange, denkt er, aber lange genug, dass sein Gewicht nach unten findet. Der Rücken ist noch aufgerichtet wie in einer Bahn, in der man Platz macht, ausweicht, festhält, weiter muss. In der Wohnung wartet kein Schritt auf den nächsten, und genau das macht die Knie unruhig.
Diese Woche frei. Wirklich frei. Was heißt das.
In der Küche setzt er Wasser auf, und während die Hände den gewohnten Ablauf ausführen, kommt Erleichterung in die Gelenke, beinahe Dankbarkeit für die kleine Aufgabe. Der Daumen legt sich an den Griff der Tasse. Die Finger schließen sich darum, fester als nötig. Wärme steigt durch Keramik in die Handflächen, sammelt sich in den Fingerkuppen und bleibt dort wie eine einfache Antwort. Alex lehnt sich an die Arbeitsplatte. Der Bauch wird weicher, dann wieder fest, als ihm einfällt, dass er heute nichts vorhat. Nichts ist kein leerer Raum. Nichts drückt von innen.
Nach dem Sommer fühlt sein Körper sich an wie ein Raum, in dem zu viele Stühle verschoben wurden. Wochenenden mit Verabredungen. Abende, die sich über die Müdigkeit gelegt haben. Reisen, Rückwege, Gespräche, Nachrichten, helle Stunden, die sich bis an den Rand des Schlafs gezogen haben. Jetzt steht er in seiner Küche, und die Ellbogen wissen nicht, wohin mit sich. Sie entfernen sich vom Körper, kommen zurück, als wäre Ruhe eine Haltung, die man erst lernen müsste. Unter dem Brustbein arbeitet ein kleines Pochen weiter, gewissenhaft, ohne Auftrag.
Er trägt die Tasse zum Balkon. Draußen ist Frühherbst, aber er nimmt ihn zuerst nur als Temperatur auf der Haut wahr. An den Unterarmen liegt eine kühle Schicht, dünn und gleichmäßig. An der linken Schulter bleibt ein Rest Wärme, dort, wo der Stoff seines Pullovers etwas dichter anliegt. Der Balkonstuhl gibt unter ihm nach. Sein Becken findet die Fläche, doch der Oberkörper bleibt bereit zum Aufstehen. Die Fersen heben sich leicht. Er stellt sie wieder ab. Wieder heben sie sich. Ein Teil von ihm wartet auf das Zeichen, dass die Pause beendet ist.
Nachher vielleicht den Schrank. Oder die Mails. Nur ordnen.
Er trinkt nicht sofort. Die Tasse steht zwischen beiden Händen, und die Wärme hält sie beschäftigt. Das hilft. Die Finger müssen nichts suchen, sie dürfen halten. Im Nacken sitzt eine flache Spannung, quer von Ohr zu Ohr, als läge dort eine schmale Leiste. Alex atmet ein und bemerkt, wie wenig Platz der Atem zuerst bekommt. Er bleibt oben, kurz unter den Rippen, dreht dort um. Beim nächsten Ausatmen sinkt die Luft etwas tiefer, nicht viel, nur bis zur Mitte des Brustkorbs. Der Bauch wartet ab. Er traut der Sache noch nicht.
Die Stadt um ihn herum tritt nur als Abstand auf. Weniger Drängen im Körper, weil weniger von außen an ihm zieht. Er sieht keine Notwendigkeit, die Dinge zu zählen. Die wenigen Bewegungen unten auf der Straße bleiben ohne Namen. Sein Blick hält sich nicht fest. Er ruht auf einer Stelle, verliert sie, findet eine andere. Das Sehen wird schmaler, und mit der Schmalheit kommt eine Müdigkeit in die Augenmuskeln, die er im Sommer übergangen hat. Hinter den Lidern sammelt sich Gewicht. Er blinzelt langsam, fast widerwillig.
Am zweiten Tag macht er einen Plan, um keinen Plan zu haben. Er schreibt drei Wörter auf einen Zettel: Balkon. Park. Nichts. Danach legt er den Stift weg und spürt, wie die Hand noch weiterschreiben will. Der Zeigefinger zuckt einmal. Die Handfläche bleibt leicht gekrümmt, als hielte sie eine unsichtbare Aufgabe. Alex legt sie flach auf den Tisch. Holz unter Haut. Druck unter den Fingerballen. Die Schulter antwortet mit einem kleinen Sinken, kaum sichtbar, aber innen deutlich. Für einen Atemzug gibt die rechte Körperseite mehr Gewicht ab als die linke.
Wenn ich nichts tue, verliere ich dann den Anschluss.
Der Gedanke bleibt unfertig, und gerade deshalb ist er laut im Körper. Der Magen zieht sich zusammen. Im Hals entsteht ein trockener enger Ring, als müsste er etwas erklären. Niemand fragt. Trotzdem richtet Alex sich auf, greift nach dem Telefon, legt es wieder hin. Die Bewegung hinterlässt Wärme in der Handfläche und eine Unruhe im Daumen. Er schiebt das Telefon weiter weg, nicht dramatisch, nur bis an die andere Tischkante. Der Arm wird länger dabei, die Seite dehnt sich, und in dieser Dehnung merkt er, wie sehr er sich den ganzen Morgen nach vorn gebeugt hat.
Später geht er in den Stadtpark. Der Weg dorthin ist kurz, doch sein Körper nimmt ihn zuerst wie einen Auftrag. Die Schritte setzen zu schnell auf. Die Waden arbeiten hart, als müsse er eine Bahn erreichen, obwohl keine Zeit gegen ihn läuft. Erst nach einigen Minuten beginnt die Ferse den Boden länger zu berühren. Das Gewicht rollt durch den Fuß. Der Atem passt sich nicht sofort an. Er bleibt einen halben Schritt voraus, dann einen halben Schritt zurück. Alex lässt die Arme neben dem Körper schwingen, und die Hände öffnen sich etwas, schließen sich wieder, öffnen sich erneut.
Im Park sieht er den Frühherbst, aber nicht als Bild, das man behalten müsste. Einzelne Blätter tragen andere Farben als noch vor Wochen, manche Wege wirken weiter, weil weniger Menschen auf ihnen sind. Sein Blick streift darüber, ohne daraus eine Geschichte zu machen. Das Sehen ist der einzige Faden nach außen. Alles andere bleibt im Inneren des Gehens: das Nachgeben im Knie, der Zug an der Außenseite der Hüfte, das weiche Stoßen des Atems gegen die Rippen. Die Welt wird kleiner, nicht ärmer. Sie passt besser in den Körper.
Ich könnte eine Runde mehr. Oder zwei. Schritte zählen.
Er bleibt vor einer Bank stehen, weil die Beine es vor ihm entscheiden. Beim Hinsetzen spürt er den Widerstand im Oberschenkel, dann das Entlassen. Die Sitzfläche drückt durch den Stoff. Sein Rücken berührt die Lehne nur oben, zwischen den Schulterblättern. Unten bleibt er frei, angespannt, als wolle er sich die Möglichkeit offenhalten, sofort wieder aufzustehen. Alex wartet. Das ist alles. Keine Übung, kein Ziel. Nur Warten, bis der Rücken merkt, dass er getragen wird. Es dauert länger, als ihm angenehm ist. Die Gedanken nutzen die Lücke.
Steuer. Nachricht an Tom. Brot. Warum sitze ich hier.
Der Brustkorb zieht sich bei jedem Wort ein wenig enger zusammen. Dann kommt ein Ausatmen, das nicht schöner ist als die anderen, nur länger. Die unteren Rippen bewegen sich nach innen. Der Bauch gibt eine kleine Wölbung frei, fast unwillig. Alex legt die Hände auf die Oberschenkel. Durch den Stoff spürt er die eigene Wärme. Die Finger hören auf zu suchen, weil sie eine Fläche gefunden haben. Unter den Handballen hebt und senkt sich etwas, nicht sichtbar, eher ein leises Arbeiten des Blutes. Er bleibt, bis die Knie schwerer sind als der Gedanke, wieder aufzustehen.
Am dritten Tag wird es schwieriger. Der Körper hat verstanden, dass keine Termine kommen, und gerade deshalb schickt er alte Signale mit neuer Kraft. Morgens liegt Alex auf dem Sofa, und seine Wirbelsäule findet keine Form. Der Kopf kippt nach links, dann nach rechts. Die Füße verschränken sich, lösen sich, suchen Halt an der Sofakante. In den Händen entsteht eine feine Ungeduld, wie Kribbeln ohne Richtung. Er denkt, dass Nichtstun vielleicht etwas anderes sein müsste, weicher, leichter, aber der Gedanke endet in einem Druck hinter den Augen.
Vielleicht mache ich es falsch.
Er lächelt nicht darüber. Der Satz sitzt im Brustbein und bleibt dort eine Weile. Alex legt ein Kissen unter die Knie. Die Oberschenkel geben nach. Der untere Rücken, der eben noch in der Luft hing, sinkt ein kleines Stück. Nicht vollständig. Er hält einen Rest von sich zurück. Der Atem stößt an diese Stelle, wieder und wieder, ohne sie zu überreden. Es gibt nichts zu verbessern. Das ist schwerer als Arbeit, weil Arbeit immer sagt, wohin mit der Spannung. Hier muss die Spannung sich selbst bemerken.
Am Nachmittag sitzt er wieder auf dem Balkon. Die Kühle berührt diesmal zuerst die Knöchel. Er hat die Socken ausgezogen, ohne zu wissen warum. Die Luft liegt um die Haut, und die Haut antwortet mit kleinen Wellen, die über die Schienbeine laufen. Alex zieht die Füße nicht zurück. Er lässt sie dort. Die Zehen spreizen sich, dann sinken sie. In der linken Wade löst sich ein winziger Zug, und danach fällt ihm auf, dass er ihn seit Tagen getragen hat. Nicht als Schmerz. Mehr als ständige Bereitschaft.
Bereit wofür.
Keine Antwort kommt. Nur der nächste Atemzug, der diesmal tiefer beginnt, als hätte der Körper für einen Moment vergessen, sich zu schützen. Die Schultern hängen nicht, sie ruhen auch nicht ganz; sie befinden sich irgendwo dazwischen, an einem Ort, den Alex kaum kennt. Er sitzt lange genug, dass die Frage nach der Länge ihren Griff verliert. Die Uhr liegt drinnen. Ohne sie zerfällt der Nachmittag nicht, er dehnt sich nur. In dieser Dehnung tauchen Aufgaben auf wie kleine Fische unter einer Oberfläche. Sie zeigen sich. Sie verschwinden. Seine Hände bleiben auf den Armlehnen.
Am vierten Tag geht Alex wieder in den Park und setzt sich diesmal früher auf eine Bank. Er hat kein Buch dabei. Das Fehlen des Buches macht die Hände zunächst ärmer. Sie wandern zu den Taschen, finden nichts, kehren zurück. Er legt die linke Hand in die rechte, als könnte er sich selbst eine einfache Beschäftigung geben. Der rechte Daumen streicht über die Knöchel der linken Hand. Einmal. Noch einmal. Dann hört er auf. Unter der Haut bleibt ein Nachdruck, eine Spur von Berührung, die langsam ausläuft.
Er sieht, dass der Park lichter geworden ist, nicht leer, nur weiter. Zwischen den Wegen gibt es Stellen, an denen Farbe gesammelt liegt, gedämpft und ruhig. Alex nimmt es auf, dann lässt er den Blick sinken. Mehr braucht es nicht. Der Körper übernimmt den größeren Teil der Stunde. Das Gewicht im Becken. Der Rücken, der die Lehne nun an zwei Stellen berührt. Die Zunge, die nicht mehr gegen den Gaumen drückt. Der Kiefer, der einen schmalen Spalt freigibt. Innen wird nichts hell. Es wird nur weniger eng.
Vielleicht später einkaufen.
Der Gedanke kommt, aber er trägt keinen Haken mehr. Er bleibt kurz, matt, geht weiter. Alex merkt das nicht als Sieg. Eher als ausbleibenden Ruck. Die Hand greift nicht nach dem Telefon. Der Bauch zieht sich nicht sofort zusammen. Zwischen Einatmen und Ausatmen liegt ein kleiner, unbewachter Raum, in dem der Körper keine Entscheidung verlangt. Er sitzt da, und die Minuten ordnen sich nicht. Manche sind schwer und warm in den Oberschenkeln. Manche verschwinden, bevor er sie benennen könnte.
Am fünften Tag räumt er nicht auf. Das ist keine Absicht, die er morgens fasst, eher ein Unterlassen, das sich durchsetzt, weil keine Hand den ersten Gegenstand nimmt. Ein Glas bleibt auf dem Tisch. Ein Pullover liegt über dem Stuhl. Alex geht daran vorbei und spürt in den Fingern den alten Impuls, etwas zu falten, etwas wegzustellen, die Oberfläche glatt zu machen. Der Impuls erreicht die Fingerkuppen, bleibt dort stehen, verliert Kraft. Die Hand fällt an seine Seite. Sein Atem geht weiter, als wäre das genug Arbeit für einen Vormittag.
So kann es doch nicht bleiben.
Doch für eine Stunde bleibt es. Dann für eine zweite. Alex sitzt am offenen Balkon, nicht ganz draußen, nicht ganz drinnen. Der Übergang liegt auf seiner Haut: am Knie kühl, am Rücken warm vom Polster, an den Handgelenken neutral, fast ohne Nachricht. Er folgt keiner dieser Empfindungen lange. Sie kommen nah, lösen sich. Sein Kopf versucht, daraus eine Methode zu machen, aber schon der Versuch ermüdet ihn. Die Stirn glättet sich nicht, sie wird nur schwer. Die Augen schließen sich für einige Atemzüge und öffnen sich wieder, ohne dass etwas begonnen hätte.
Der Sommer hängt noch in ihm wie ein Tempo, das keinen Anlass mehr findet. Manchmal läuft es an. Im Bauch ein Anziehen. In den Schultern ein Heben. Im Daumen der Wunsch zu tippen. Dann fehlt die Antwort von außen, und das Tempo läuft ins Leere. Es wird nicht besiegt. Es wird müde. Alex spürt diese Müdigkeit nicht als Schlaf, sondern als Sandigkeit in den Gelenken, als breitere Auflage des Körpers auf dem Stuhl, als langsames Sinken des Kopfes, bis der Nacken eine neue Linie findet.
Am letzten Nachmittag der Woche sitzt er auf dem Balkon und tut nichts, ohne es zu beginnen. Die Tasse neben ihm ist leer. Die Hände liegen offen, eine auf dem Oberschenkel, eine auf der Armlehne. Kein Satz formt sich vollständig. Später… Dann nichts weiter. Die Luft berührt die Unterarme gleichmäßig. Das Gewicht seines Beckens ist deutlich. Der Atem hebt den Bauch und lässt ihn wieder fallen. Irgendwann ist der Nachmittag vergangen, ohne dass Alex ihn festgehalten hat. Auf seinem Unterarm ruht ein schmaler Streifen Wärme, und seine Hand bleibt offen.




