Der Weinlese-Kuss
Als Sophie den Hang hinaufging, knirschte der Kies unter ihren Schuhen wie grobes Salz. Über den Reben hing noch der Rest der Nacht, dünn und kalt, und auf jedem Blatt sammelte sich Wasser in kleinen Rändern. Unten am Weg standen die Erntehelfer in einer lockeren Reihe, alle mit Eimern, Messern, alten Jacken. Jemand lachte zu laut. Jemand zog an einer Zigarette, obwohl der Winzer schon mit der Hand wedelte.
Sophie stellte ihren Rucksack neben eine Mauer aus hellem Stein. An ihrem linken Handgelenk hing ein rotes Stoffband, ausgefranst an den Enden. Ihre Nichte hatte es ihr im Sommer umgebunden und einen Knoten gemacht, der seitdem jede Dusche überstanden hatte. Sophie zog die Ärmel ihres Pullovers darüber, als wollte sie den Morgen nicht zu nah an sich heranlassen.
„Sophie?“ Der Winzer sah auf seine Liste.
Sie hob die Hand.
„Reihe zwölf. Mit Paul.“
Ein Mann trat aus dem Schatten des Traktors. Er trug ein kariertes Hemd, das an den Ellenbogen ausgeblichen war, und in der Brusttasche steckte ein blaues Taschentuch, sauber gefaltet, als hätte es dort eine Aufgabe. Seine Haare standen am Hinterkopf in eine Richtung, die kein Kamm beschlossen hatte. Er nickte ihr zu, nicht mehr als nötig.
„Paul“, sagte er.
„Sophie.“
Mehr bekam der Morgen nicht von ihnen.
Sie gingen nebeneinander zwischen die Reben. Die Scheren klickten überall los, ein ungleiches kleines Orchester aus Metall und Laub. Sophie kniete sich an den ersten Stock, griff unter die Blätter und hob eine Traube an. Die Beeren lagen dunkel in ihrer Hand, straff und kühl, manche mit einem blauen Schimmer wie Staub. Sie setzte die Klinge an.
Pauls Hand kam von der anderen Seite.
Sie hielten beide dieselbe Traube.
Keiner zog sofort zurück. Ihre Finger berührten sich nicht, aber die Lücke zwischen ihnen war dünner als ein Blatt. Sophie sah den hellen Kratzer auf seinem Daumen, den Saft unter seinem Nagel, die feine Linie Erde in seiner Handfläche. Dann ließ sie los.
„Deine Seite“, sagte sie.
„Unsere Reihe“, sagte er.
Sie sah ihn nicht an. „Dann schneid.“
Er schnitt. Die Traube fiel schwer in den Eimer, und ein paar Beeren platzten auf. Der erste süße Geruch stieg auf, noch scharf vom Stiel, noch grün vom Morgen.
Sie arbeiteten weiter. Sophie schnitt schnell, zu schnell am Anfang, bis ihr der Rücken nach einer Stunde einen geraden Strich aus Schmerz zog. Paul sagte nichts dazu. Er stellte nur irgendwann eine leere Kiste näher an ihren Abschnitt, ohne hinzusehen.
„Die stand da hinten gut“, sagte Sophie.
„Da stand sie im Weg.“
„Wem?“
Er schob die Kiste mit dem Fuß an den Rand. „Dem Weg.“
Sie biss eine Traube vom Stiel, obwohl der Winzer gesagt hatte, sie sollten nicht naschen. Die Haut platzte zwischen ihren Zähnen. Paul bemerkte es. Er nahm selbst keine.
„Du hältst dich an Regeln?“ fragte sie.
„An manche.“
„An die kleinen?“
„An die, bei denen jemand zusieht.“
Sie musste den Kopf senken, damit er nicht sah, wie ihr Mund kurz nachgab. Die Scheren klickten weiter. Hinter ihnen rief eine Frau nach mehr Kisten. Ein Traktor sprang an, hustete, beruhigte sich.
Gegen Mittag legte die Sonne eine dünne Wärme über den Hang. Sophie zog den Pullover aus und band ihn um die Hüften. Unter ihrem T-Shirt klebte der Stoff zwischen den Schulterblättern. Paul nahm sein blaues Taschentuch aus der Tasche, wischte sich den Nacken und steckte es wieder zurück, sorgfältig, obwohl es nun eine dunkle Falte hatte.
„Du faltest sogar Schmutz ordentlich“, sagte Sophie.
Paul sah auf das Tuch, als hätte es ihn verraten. „Meine Mutter hat früher in einer Reinigung gearbeitet.“
„Und du?“
„Ich arbeite mit Holz. Türen, Fenster, Treppen.“
„Dinge, die halten sollen.“
Er schnitt eine Traube ab, die tief unter dem Laub hing. „Meistens halten sie länger als die Leute, die sie bestellen.“
Sie wartete auf ein Lachen von ihm. Es kam nicht. Nur die Klinge seiner Schere schloss sich, sauber und knapp.
Sophie hatte in einer Agentur gearbeitet, bis vor drei Wochen ihr Schreibtisch leerer gewirkt hatte als die Straße vor dem Büro. Sie hatte gesagt, sie brauche ein paar Tage im Freien. Ihr Chef hatte genickt und auf den Bildschirm geschaut. Seitdem fuhr sie dahin, wo Hände gebraucht wurden und niemand nach Entwürfen, Terminen oder Zukunft fragte.
„Und du?“ fragte Paul.
„Ich mache Dinge, die verschwinden, sobald jemand weiterwischt.“
Er verstand nicht sofort. Oder er tat so. „Zauberin?“
„Online-Werbung.“
„Also ja.“
Sie schnitt eine Traube ab und legte sie in den Eimer, vorsichtiger als nötig. „Eine mit schlechter Mütze.“
Paul sah auf ihren Strohhut, der schief auf ihrem Kopf saß und vorne einen Riss in der Krempe hatte. „Die Mütze weiß immerhin, wann sie aufgeben muss.“
„Der Hut bleibt.“
„Hab ich nichts gegen gesagt.“
Da war es wieder, dieses Gespräch, das außen aus Hüten und Kisten bestand und innen an etwas anderem entlangstrich. Sophie zog das rote Band am Handgelenk unter dem Ärmel hervor. Es hatte sich mit Traubensaft dunkel verfärbt. Paul sah nur eine Sekunde hin. Dann griff er nach der nächsten Traube, als hätte er nichts gesehen.
Am Nachmittag wurden die Bewegungen langsamer. Die Eimer füllten sich schwerer. Traubensaft klebte an Sophies Handgelenken, und Erde setzte sich in die Falten ihrer Finger. Einmal rutschte ihr die Schere aus der Hand. Paul bückte sich im selben Moment. Ihre Stirnen kamen so nah, dass sie seinen Atem an ihrer Schläfe spürte, warm und mit dem bitteren Rest von Kaffee.
Er hielt die Schere am Griff. Sie hielt die Klinge nicht, aber fast.
„Vorsicht“, sagte er.
„Ich weiß, wo scharf ist.“
„Das glaube ich.“
Sie nahm die Schere. Ihre Finger streiften seinen Knöchel. Diesmal taten beide so, als hätten sie eine Wespe gehört.
Später trug Paul zwei volle Kisten zum Anhänger. Sophie griff nach einer dritten, obwohl ihr Rücken schon beim Gedanken daran widersprach.
„Lass die“, sagte er.
„Ich bin nicht aus Papier.“
„Papier schneidet auch.“
„Dann pass auf.“
Er trat zur Seite, aber nicht weit. Sie hob die Kiste an. Das Holz drückte ihr in die Handballen. Nach drei Schritten nahm er die andere Seite, ohne zu fragen. Für einen Moment trugen sie das Gewicht zwischen sich. Die Kiste schwankte. Ihre Schritte suchten denselben Takt und fanden ihn erst beim fünften.
„Ich hatte es“, sagte Sophie.
„Ich auch.“
Sie sah ihn an. Schweiß lief an seiner Schläfe hinab und blieb im Bartschatten hängen. Ein kleines Blatt klebte an seinem Hemdkragen. Sie hätte es abstreifen können. Sie tat es nicht.
Am späten Nachmittag zog Wind durch die Reihen. Die Blätter drehten ihre hellen Unterseiten nach oben. Der Hang roch nun nach Most, Staub und warmem Holz. Als der Winzer das Ende des Tages ausrief, hob niemand die Arme. Alle blieben einen Moment stehen, als müssten die Körper erst lernen, dass sie aufhören durften.
Beim Vesper standen lange Bretter auf Böcken. Brot, Käse, kalter Braten, Essiggurken, Trauben, zwei Krüge Wein. Sophie setzte sich ans Ende, wo die Bank wackelte. Paul kam mit zwei Bechern und stellte einen vor sie.
„Ich trinke nicht viel“, sagte sie.
„Dann bleibt mehr Rand.“
„Woran?“
Er setzte sich neben sie, nicht zu nah. „An allem.“
Sie nahm den Becher. Der Wein roch nach den Trauben an ihren Händen, nur tiefer. Gegenüber erzählte jemand eine Geschichte über einen Hund, der im letzten Jahr in den Bottich gefallen war. Die Gruppe lachte. Sophie lächelte an der richtigen Stelle und bemerkte, dass Paul es nicht tat. Er drehte den Becher zwischen beiden Händen. Sein blaues Taschentuch lag neben seinem Teller, nun nicht mehr gefaltet, sondern zerknüllt wie ein kleines Stück Himmel nach einem Sturz.
„Bleibst du die ganze Woche?“ fragte sie.
Er sah auf den Hang, nicht auf sie. „Morgen früh fahre ich weiter.“
Sophie legte ein Stück Brot auf ihren Teller. Es landete mit der Kruste nach unten. „Du gehst also, wenn du weißt, wo die Kisten stehen.“
„Ich hab Arbeit in Freiburg.“
„Natürlich.“
„Was heißt das?“
Sie strich Krümel zusammen. „Nichts. Türen, Fenster, Treppen. Dinge, die warten.“
Paul trank einen Schluck. An seiner Unterlippe blieb ein dunkler Rand Wein. „Und du? Bleibst du, wenn etwas keine Aufgabe mehr ist?“
Sie hob den Blick. Zwischen ihnen lagen Brotkrümel, ein Messer mit Käserand, sein Becher, ihr rotes Band, das unter dem Ärmel hervorschaute. Die anderen redeten weiter, aber für Sophie wurden ihre Stimmen flach, wie hinter einer Scheibe.
„Kommt darauf an, wer fragt“, sagte sie.
Paul nickte langsam. „Ich habe nicht gefragt.“
„Nein.“
Das Messer klirrte irgendwo auf einen Teller. Niemand am Tisch bemerkte, dass Sophie ihren Becher nicht mehr losließ. Pauls Daumen strich einmal über den Rand seines Tellers und hörte dann auf. In der Stille zwischen ihnen knackte eine Wespe gegen den leeren Glaskrug. Einmal. Zweimal. Dann fand sie hinaus.
Sophie stand auf. „Ich hab meinen Hut oben vergessen.“
Sie hatte ihn nicht vergessen. Er hing an der Bank hinter ihr. Paul sah ihn. Sie sah, dass er ihn sah. Keiner sagte es.
„Ich komm mit“, sagte er.
„Du musst nicht.“
„Ich hab meine Schere oben vergessen.“
Seine Schere lag auf dem Tisch neben dem Brot.
Der Weg zurück in die Reihe zwölf war schmaler, jetzt, da der Tag von ihm abfiel. Das Abendlicht lag flach über den Reben und fing sich in den Spinnweben zwischen den Pfählen. Ihre Schatten liefen vor ihnen her, lang und ungenau. Sophie hörte Pauls Schritte hinter sich, hörte, wie er einmal stehen blieb und dann weiterging. Sie fragte nicht warum.
Oben fanden sie weder Hut noch Schere. Sie standen zwischen den halb geleerten Stöcken. Hier hatten ihre Hände am Morgen dieselbe Traube gehalten. Auf dem Boden lag ein einzelner Stiel, sauber geschnitten, an dem noch zwei Beeren hingen.
„Da ist nichts“, sagte Sophie.
„Nein.“
Er stand eine Armlänge entfernt. Nicht mehr. Nicht weniger. Sein Hemd roch nach Staub, Saft und dem Tag, den sie zusammen getragen hatten. Sophie hob die Hand, als wollte sie das Blatt von seinem Kragen nehmen, das noch immer dort klebte. Auf halbem Weg blieb sie stehen.
Paul senkte den Blick zu ihrer Hand.
Die Reben raschelten. Unten lachte jemand. Ein Eimer fiel um und rollte ein Stück, bis er gegen Holz stieß. Dann wurde es still genug, dass Sophie ihr eigenes Atmen hörte und seines daneben, nicht gleich, aber nah.
„Du hast da was“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Seit Stunden.“
„Ich wollte sehen, ob du es irgendwann nimmst.“
Sie nahm das Blatt. Ihre Finger berührten seinen Hals, dort, wo die Haut vom Kragen warm geblieben war. Paul bewegte sich nicht. Seine Augen suchten kurz den Boden, als stünde dort eine Antwort, die keiner aufschreiben wollte.
Sophie hielt das Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger. Es war kleiner, als es den ganzen Tag ausgesehen hatte.
„Morgen früh“, sagte sie.
„Ja.“
„Früh?“
„Vor dem ersten Kaffee, wenn ich vernünftig bin.“
„Und wenn nicht?“
Er sah sie jetzt an. „Dann brennt der Kaffee an.“
Sie lächelte nicht gleich. Erst senkte sich ihre Hand. Dann hob sie sich wieder, nicht zum Blatt, nicht zum Kragen. Paul kam ihr nur ein wenig entgegen, so wenig, dass jeder von beiden noch hätte sagen können, der andere habe angefangen.
Der Kuss traf sie nicht wie ein Entschluss. Er begann am Rand einer Pause. Ihre Lippen fanden sich vorsichtig, mit Traubensaft, Wein und dem Salz eines langen Arbeitstages. Pauls Hand hob sich, blieb neben ihrer Taille in der Luft und legte sich dann doch auf das Holz des Pfahls hinter ihr. Sophie hielt noch immer das Blatt. Es zerbrach zwischen ihren Fingern.
Als sie sich lösten, sagte keiner etwas. Unten rief der Winzer nach den letzten Helfern. Pauls blaues Taschentuch lag noch auf dem Vesperbrett, Sophies Hut daneben, die Krempe schief gegen seinen leeren Becher gelehnt. Auf der Bank berührten sich zwei dunkle Ringe aus Wein.




