Kastanien sammeln zu zweit
Franziska kam sieben Minuten zu früh an den Parkeingang und tat so, als hätte sie genau das vorgehabt. Sie blieb vor dem Schild mit der Parkordnung stehen, las den Satz über angeleinte Hunde zweimal und strich mit dem Daumen über den silbernen Ring an ihrer rechten Hand. Der Ring saß am Mittelfinger, ein wenig zu locker, und drehte sich immer dann, wenn sie etwas nicht sagen wollte.
Auf dem Kiesweg lagen die ersten Kastanien. Einige steckten noch in aufgeplatzten grünen Schalen, wie kleine Tiere mit Stacheln, die sich nicht ganz entschieden hatten, ob sie Schutz oder Einladung sein wollten. Von weiter hinten klackte eine Kastanie auf Holz. Dann noch eine. Die Bank am Wegesrand stand unter einem alten Baum, dessen Äste über den Weg griffen.
Franziska bückte sich und hob eine Kastanie auf. Sie war glatt und kühl. In der Mitte lag ein heller Fleck, als hätte jemand mit dem Daumen darüber gestrichen. Sie steckte sie in die Manteltasche, obwohl sie dafür keinen Grund hatte.
„Du sammelst schon ohne mich.“
Julian stand drei Schritte entfernt, den Schal einmal zu oft um den Hals gewickelt. Ein braunes Blatt hing an seiner Schulter. Er hatte es nicht bemerkt. In der linken Hand hielt er einen Stoffbeutel, in der rechten zwei Pappbecher Kaffee. Auf einem Becherdeckel klebte ein Tropfen Milchschaum, der sich nicht entschließen konnte, zu fallen.
„Ich übe nur“, sagte Franziska.
Er reichte ihr einen Becher. Seine Finger berührten ihre nicht. Fast nicht. Er zog die Hand zu schnell zurück und sah auf den Kies, als läge dort die Antwort auf etwas.
„Dann bin ich froh, dass ich mit einer Fachfrau unterwegs bin.“
„Für Kastanien?“
„Für Spaziergänge, die ganz sicher keine Verabredungen sind.“
Sie hob den Becher an die Lippen. Der Kaffee war zu heiß. Sie trank trotzdem einen winzigen Schluck und verbrannte sich die Zunge genug, um nicht sofort antworten zu müssen.
„Gut, dass wir das geklärt haben“, sagte sie.
Er nickte. Zu oft. „Ja. Nur ein Park. Nur Kastanien.“
Der alte Baum über ihnen ließ eine Frucht fallen. Sie schlug erst auf einen Ast, dann auf die Lehne der Bank und rollte bis vor Julians Schuh. Beide sahen ihr nach, als hätte sie das letzte Wort gesprochen.
Julian bückte sich. Während er sich aufrichtete, bemerkte Franziska den schmalen Riss im Leder seines Schuhs, die Ader an seinem Handgelenk, den Abdruck einer Uhr, die er nicht trug. Drei Sekunden, vielleicht weniger, und sie wusste Dinge über ihn, für die es keinen Platz in einem harmlosen Spaziergang gab.
„Die ist gut“, sagte er und hielt die Kastanie hoch. „Glatt. Keine Macke.“
„Zu perfekt“, sagte Franziska. „Die rollen einem weg.“
Er sah sie an. Nicht lange. Lange genug, dass sie ihren Ring wieder drehte.
„Also lieber die mit Riss?“
„Die bleiben liegen.“
„Praktisch.“
„Nicht immer.“
Sie gingen los. Der Kies knirschte unter ihren Schuhen, ungleich, weil Julian größere Schritte machte und sie sich weigerte, sich anzupassen. Nach zehn Metern passte er seine Schritte an sie an. Er tat es so unauffällig, dass es auffiel.
Links neben dem Weg sammelte ein Kind mit roter Mütze Kastanien in einem Eimer. Die Mutter sagte immer wieder „nicht die schimmeligen“, und das Kind nahm gerade die, die in der Hand zerfielen. Franziska lachte leise. Julian sah zu ihr hinüber, als habe er auf genau dieses Geräusch gewartet.
„Was machst du eigentlich mit Kastanien?“ fragte er.
„Nichts.“
„Du sammelst Dinge, um nichts damit zu machen?“
„Manchmal reicht es, sie mitzunehmen.“
Er ließ die Kastanie in seinen Stoffbeutel fallen. Sie traf auf keine andere. Ein einsames, hartes Geräusch.
„Klingt gefährlich“, sagte er.
„Für wen?“
„Für Leute mit kleinen Wohnungen.“
Franziska sah auf seine Tasche. „Du hast einen Beutel mitgebracht.“
„Vorausschauend.“
„Für einen Spaziergang?“
„Für den Fall, dass jemand übertreibt.“
Sie blieb unter dem nächsten Baum stehen. Über ihnen raschelte es. Der Wind schob die Blätter gegeneinander, und irgendwo hinter der Hecke quietschte ein Fahrrad, jede Umdrehung ein dünnes Klagen. Franziska stellte ihren Kaffee auf die Bank, kniete sich in die Blätter und begann zu suchen. Sie brauchte etwas für die Hände. Julian offenbar auch; er stellte seinen Becher neben ihren, aber so, dass sich die Deckel fast berührten.
„Die hier“, sagte sie und hielt eine Kastanie zwischen zwei Fingern. „Die hat eine Delle.“
„Aussortieren?“
„Nein. Die sieht aus, als hätte sie etwas erlebt.“
Er nahm sie nicht sofort. Seine Hand blieb offen zwischen ihnen. Dann legte sie die Kastanie hinein. Seine Handfläche war wärmer, als sie gedacht hatte. Er schloss die Finger darum, langsam, als könne die Frucht fliehen.
„Ich habe neulich deinen Artikel gelesen“, sagte er.
Franziska suchte weiter im Laub. „Welchen?“
„Den über die Buchhandlung in der Linienstraße. Mit dem Mann, der jeden Freitag denselben Gedichtband kauft, weil er ihn immer verschenkt und nie fragt, ob ihn jemand behält.“
Sie schob Blätter zur Seite. Darunter lag nur eine leere Schale. „Du liest Lokalteil?“
„Wenn dein Name daruntersteht.“
Das Fahrradquietschten entfernte sich. Das Kind mit der roten Mütze schrie irgendwo „Mama, eine riesige!“ und dann wieder nur Blätter, Krähen, ein Hund, der im Laub scharrte.
Franziska legte die leere Schale in ihre Hand und drückte die Stacheln vorsichtig gegen die Haut. Nicht fest genug, dass es weh tat.
„Das klingt jetzt fast wie Vorbereitung“, sagte sie.
„Für einen Spaziergang?“
„Für Kastanienkunde.“
„Ich wollte nicht völlig ungebildet erscheinen.“
„Zu spät.“
Er lachte, aber nur einmal, kurz. Dann räusperte er sich. „Ich habe den Artikel zweimal gelesen.“
Sie warf die leere Schale ins Laub. Sie landete mit der offenen Seite nach oben. „Manche Sachen versteht man beim zweiten Mal besser.“
„Oder man traut sich beim ersten Mal nicht.“
Sie sahen beide auf den Boden. Zwischen ihren Schuhen lag eine Kastanie, halb verborgen unter einem gelben Blatt. Keiner bückte sich.
Julian trug den Stoffbeutel nach einer Weile nicht mehr locker am Handgelenk, sondern hielt ihn mit der ganzen Faust. Franziska bemerkte, wie er vor jeder Antwort einatmete, als müsse er die Wörter sortieren, bevor sie herausfielen. Er bemerkte ihre zu schnellen Sätze. Das sah sie daran, dass er bei jeder Pause nicht hineinsprang, sondern wartete, bis sie den nächsten Satz fand.
„Du wohnst noch am Kanal?“ fragte er.
„Ja. Dritter Stock. Die Heizung klopft nachts, als würde jemand an die Wand zählen.“
„Drei Schläge, Pause, zwei?“
Sie sah ihn an. „Woher weißt du das?“
„Altbau. Meine macht das auch. Ich habe mal überlegt, zurückzuklopfen.“
„Und?“
„Ich wollte nicht bedürftig wirken.“
Sie lächelte in ihren Kaffee. Der war inzwischen lauwarm. „Gegenüber einer Heizung?“
„Man weiß nie, wer zuhört.“
Sie gingen weiter bis zu der Bank, auf deren Lehne die Kastanie vorhin eingeschlagen war. Die Stelle zeigte einen dunklen Punkt im Holz. Franziska strich mit dem Daumen darüber. Der Ring drehte sich dabei und blieb schräg stehen.
„Setzen?“ fragte Julian.
„Nur kurz.“
Sie setzten sich mit einer Handbreit Abstand. Genug, dass niemand etwas sagen konnte. Zu wenig, um nichts zu merken. Der Stoffbeutel stand zwischen Julians Füßen. Franziskas Manteltaschen beulten sich bereits aus. Einmal rutschte eine Kastanie heraus und fiel neben ihren Stiefel. Julian hob sie auf und legte sie auf die Bank zwischen sie.
„Fluchtversuch“, sagte er.
„Sie hat gemerkt, dass ich keinen Plan habe.“
„Wofür?“
„Für später.“
Das Wort blieb zwischen ihnen liegen. Später. Auf dem Weg zog ein Mann mit Dackel vorbei. Der Dackel blieb vor dem Stoffbeutel stehen und schnupperte, bis der Mann ungeduldig mit der Leine klackte.
Julian griff in seine Jackentasche und zog ein kleines Taschenbuch heraus. Es war an den Ecken weich geworden, der Rücken gebrochen. Stoner, stand darauf, die Schrift halb abgerieben.
„Das trage ich seit zwei Wochen herum“, sagte er. „Ich komme nicht weiter.“
„Warum nicht?“
„Immer wenn ich im Café lesen will, schaue ich zur Tür.“
Franziska nahm das Buch nicht, obwohl er es ihr hinhielt. Sie sah nur auf seine Finger am Einband. Ein Nagel war eingerissen. Er hatte nicht daran gekaut, nur immer wieder darüber gestrichen.
„Vielleicht ist das Buch nicht das Problem“, sagte sie.
„Vielleicht.“
Der Wind fuhr durch die Krone. Drei Kastanien fielen fast gleichzeitig. Eine traf den Weg und sprang gegen Franziskas Stiefel. Eine zweite platzte auf dem Kies. Die dritte blieb im Gras liegen, noch in ihrer Schale.
Keiner sagte etwas. Julian hielt das Buch noch immer zwischen ihnen. Franziska hatte den Ring angehalten, Daumen und Zeigefinger darauf, als müsse sie ihn festhalten. Aus der Ferne kam das trockene Klackern eines Skateboards über Pflasterfugen. Ein Blatt löste sich über ihnen, taumelte langsam herab und blieb auf Julians Knie liegen. Er sah es nicht an. Er sah sie an, und diesmal blickte er nicht weg.
Franziska nahm das Blatt von seinem Knie. Nicht schnell. Ihre Finger streiften den Stoff seiner Hose. Sie legte das Blatt auf die Bank, genau neben die ausgebüxte Kastanie.
„Du hast Laub gesammelt“, sagte sie.
„Unabsichtlich.“
„Das sagen alle.“
Er atmete aus. „Ich muss dir etwas sagen.“
Da war es. Der falsche Satz zur falschen Zeit, noch bevor er seinen Inhalt bekam. Franziska zog die Hand zurück und griff nach ihrem Kaffee, der kalt geworden war. Der Deckel gab unter ihrem Daumen nach.
„Du musst gar nichts“, sagte sie.
Er sah auf den Becher. „Doch. Sonst klingt es später wie eine Ausrede.“
Später, wieder. Diesmal kantiger.
„Ich fahre nächste Woche nach Hamburg“, sagte er. „Für drei Monate. Ein Projekt. Ich hätte es früher sagen sollen.“
Franziska nickte, als prüfe sie eine Information für einen Artikel. Drei Monate passten in eine Spalte. Drei Monate passten nicht auf eine Parkbank.
„Dann brauchst du viele Kastanien“, sagte sie.
Er runzelte die Stirn. „Wofür?“
„Gegen Abschiede. Oder für Fensterbänke in möblierten Wohnungen.“
„Franziska.“
Ihr Name klang in seinem Mund anders als am Telefon, als in Nachrichten, als in der kurzen Mail, in der er geschrieben hatte: Wenn du am Sonntag zufällig im Park bist, ich wäre auch da. Sie stellte den Becher neben sich auf den Boden. Eine Ameise lief über den Deckel und kehrte auf halbem Weg um.
„Drei Monate sind nicht so lang“, sagte er.
„Das sagen Leute, die fahren.“
Er nahm das Buch zurück und schob es in die Tasche. Nicht ganz. Eine Ecke blieb draußen. „Ich wollte trotzdem heute hier sein.“
„Zum Spazieren.“
„Ja.“
„Und Kastanien.“
„Auch.“
Sie standen fast gleichzeitig auf. Zu schnell. Die Kastanie auf der Bank rollte los und fiel auf den Boden. Julian bückte sich, Franziska auch. Ihre Hände trafen im Laub, beide griffen daneben. Sie lachten nicht.
„Ich wollte nicht anfangen mit etwas, das gleich eine Lücke hat“, sagte er leise.
„Deshalb der Stoffbeutel?“
Er sah sie an.
„Für Sachen mit Lücken“, sagte sie.
„Für Dinge, die man trotzdem mitnimmt.“
Sie hielt die Kastanie jetzt in der Hand. Sie hatte einen Riss an der Seite, kaum sichtbar, aber mit dem Daumennagel spürbar. Franziska legte sie in seinen Beutel. Der war nicht mehr leer. Beim Fallen traf sie die anderen mit einem satten, kleinen Schlag.
Sie gingen den Weg zurück. Nicht zum Ausgang, jedenfalls nicht direkt. Unter jedem Baum fanden sie noch etwas. Eine Kastanie mit flacher Seite. Eine fast schwarze, die in Franziskas Handfläche wie lackiert aussah. Eine winzige, die Julian „unseriös“ nannte und trotzdem einsteckte. Das Gespräch sprang zwischen leichten Dingen hin und her und blieb doch an derselben Stelle hängen.
„In Hamburg gibt es auch Parks“, sagte Franziska.
„Ich habe gehört, ja.“
„Vielleicht sammeln die da anders.“
„Norddeutscher. Zurückhaltender.“
„Kastanien mit Abstand.“
„Keine Berührung vor der dritten Böe.“
Sie sah ihn von der Seite an. „Du hast das vorbereitet.“
„Nein. Leider.“
Am Parkausgang blieb Franziska stehen. Die Straße dahinter glänzte an einigen Stellen feucht, obwohl es nicht geregnet hatte. Ein Bus schob sich vorbei, warmes Licht in den Fenstern, Gesichter darin wie kurz aufgeschlagene Seiten. Julian hob den Stoffbeutel an. Er war schwer geworden. Franziskas Manteltaschen zogen ihren Mantel nach unten, links stärker als rechts.
„Was machst du jetzt mit denen?“ fragte er.
„Ich dachte, du weißt das.“
„Ich dachte, du bist die Fachfrau.“
„Nur fürs Aufheben. Nicht fürs Behalten.“
Er stellte den Beutel auf die niedrige Mauer neben dem Tor. Dann griff er hinein und nahm eine Kastanie heraus, die mit der Delle. Er hielt sie ihr hin.
„Die ist deine.“
„Du hast sie genommen.“
„Du hast sie gefunden.“
Sie nahm sie. Der Ring rutschte gegen die Kastanie, Silber an Braun, ein kaum hörbares Klicken. Julian zog eine andere aus dem Beutel, die mit dem feinen Riss, und steckte sie in seine Jackentasche. Das Taschenbuch darin wehrte sich gegen den Platz. Er drückte die Kastanie trotzdem hinein.
„Nur damit sie nicht verloren geht“, sagte er.
„Natürlich.“
„Praktisch.“
„Nicht immer.“
Sie standen am Tor, jeder mit Taschen voller Kastanien, und wussten nicht, wohin mit den Händen, mit dem Sonntag, mit drei Monaten. Hinter ihnen fiel noch eine Frucht vom Baum und klackte auf die leere Bank am Wegesrand.




