Beide eingeladen, keiner hat den anderen erwartet
Das Wohnzimmer ist zu hell für das, was zwischen ihnen blieb. Anna steht neben dem Bücherregal, eine Terrassentür halb geöffnet, ihre Finger auf dem Holzrahmen. Von draußen steigt der Geruch von Schnittlauch und feuchtem Gras ins Zimmer, gemischt mit dem Duft von Osterbrot. Sie hört Stimmen im Garten, zu viele um sie auseinanderzuhalten.
Markus sitzt auf der Couch, die linke Hand am Pentagongeschenk, das jemand achtlos abgelegt hat. Seine Füße berühren leicht den Teppichrand – kleine halbe Kreise, die niemand bemerkt, aber der Abdruck bleibt einen Moment. Er hebt den Blick erst, als Anna mit den Zähnen an ihrem unteren Lippenrand das Halten beginnt. Er sieht ein Haar, das auf ihrer Schulter klebt, hell vor dem Wollpulli. Nicht der Pulli von damals, zu gewöhnlich. Sie trägt die Socken unterschiedlich weit hoch.
Jemand reicht Markus ein Glas, drei Finger am Stiel. Anna nimmt später dasselbe Glas, schiebt die Lippen unbewusst an dieselbe Stelle. Draußen lachen Kinder, das Gartenhaus klingt nach alter Farbe. Es ist fünfzehn Uhr, sagt die Küchenuhr. Anna registriert, wie der Sekundenzeiger springt, aber nicht in gleichmäßigen Abständen; der nächste Satz von irgendwem kommt zu früh.
Im Gespräch, das die anderen leise hält, verliert sich Anna in den Bewegungen an der Terrassentür. Ihr Daumennagel drückt Kerben in den Rahmen, sie zählt dreimal durch eine Splitterstelle, zwingt sich, den Blick nicht noch einmal zur Couch zu schicken. Zwei Stimmen, eine Pralinenschale, ein unsichtbarer Faden durch das Zimmer. Markus erwischt sich dabei, wie seine Hand die Position ändert, sobald sich Annas Schatten über den Boden zieht.
Fehlt jemand? Irgendwer fragt, ob die Butter reicht, niemand reagiert richtig. Anna antwortet zu schnell: “Ich hole…” und bleibt doch stehen. Ihr Name fällt leise von Markus’ Lippen in die Stimmung wie ein nasser Zweig in Schaum. Er sagt ihn falsch, ein Tick zu betont. Anna blinzelt, als müsse sie überlegen, ob das wirklich sie meint.
Das Gespräch reißt ab, ein Ball prallt draußen gegen die Gartentür. Alle drehen sich. Anna hebt das Glas, trinkt nicht, stellt es zu nah an Markus’ Knie ab, eine Entscheidung, die länger dauert als ein Argument. Ihre Hand bleibt in der Luft, ein Moment der Pause, bevor die Schwerkraft sie zurücknimmt.
Die Gastgeberin redet zu laut, will Ordnung auf die Terrasse bringen. Alle folgen langsam, Zigaretten werden verteilt, Eier in Körben zwischen den Stühlen. Markus lehnt am Geländer, Schultern eingerollt. Anna presst beide Daumen an die Abschlusskante des Tisches, spürt Holzsplitter mit der Haut. Es riecht nach angebrannter Wurst von unten. Markus betrachtet den Rücken von Annas linker Hand, die feinen Sehnen unter der Haut. Sein Blick wandert weiter, längs der Linie zwischen Daumen und Zeigefinger, als könnte er sich erinnern, wie sie sich früher festgehalten haben.
Vor ihm bleibt ein Gesprächsfetzen hängen – jemand redet über eine Reise nach Barcelona, Anna lacht an der falschen Stelle, kurze Tonlage, schräg in die Luft. Markus nickt, er will nichts sagen. Er nimmt einen tiefen Atemzug, will ein Thema beginnen, weiß nicht mehr welches, das Schweigen bleibt. Beide schauen nach rechts, als ein Vogel auf dem Balkongeländer landet, unvermittelt. Markus’ Daumen trommeln einmal gegen das Glas. Anna fixiert einen Kratzer auf dem Balkonboden, lässt den Kopf leicht seitlich sinken. Das Gespräch erlischt, nur Schritte, der Grill zischt, kein Wort kommt heraus.
Im Schatten der Mittagszeit schleichen kleine Geräusche ins Bewusstsein: Die Schuhe einer Tante quietschen, Würfel klirren in einer Schale. Markus frischt den Kartoffelsalat auf, obwohl sein Teller noch halb voll ist. Anna steht schon einen Moment hinter ihm, ihre Hand zuckt, um den Löffel zu nehmen – zuckt nur, greift nicht. Er dreht sich zu spät um, vermutet eine Bewegung im Augenwinkel, aber Anna greift längst nach dem Osterbrot, nicht nach seiner Hand.
Markus merkt, wie ihr Pullover am Rücken zu warm für den Tag ist, ein Schweißperle unter dem Kragen. Anna riecht den falschen Duft an ihm – nicht mehr der Bartölgeruch, den sie kennt, sondern Mandel, seifig. Sie fragt sich, welchen Fehler sie gemacht hat, aber die Frage bleibt zwischen zwei Butterpäckchen, unausgesprochen. Ihr Blick wandert zu seinem Handgelenk, alte Narbe, nie ganz verheilt. Markus öffnet den Mund, knickt das Wort wieder ein. Der eigene Name klingt fremd auf Annas Lippen, als sie ihn fragt, ob er den Senf anreichen kann. Ein Lächeln, zu kurz.
Wieder drinnen, ein Moment allein, die Gespräche auf der Terrasse verheddern sich in abgestelltem Porzellan. Anna betrachtet den alten Eichentisch, den Kranz aus Wachteleiern. Ihre Hand bleibt länger auf einer Serviette liegen, ein Kaffeerand zeichnet sich ab. Markus’ Jacke hängt an der Stuhllehne, zu nah, als dass es Zufall wäre. Anna lehnt sich zurück, spürt kurz den Stoff, zuckt aber nicht.
Eine der Kinder schiebt die Terrassentür auf, Windstoß. Anna friert, legt die Hände an die Ellenbogen. Markus sieht es, bleibt aber neben dem Fenster stehen, einen Schritt entfernt. Sie atmen beide flacher, der Zugluft entgegen. Dann wieder: Schweigen, aber diesmal steiler. Draußen werden Osterhasen versteckt, drinnen ein Geräusch vom Wasserkocher. Sie reden nicht, schauen sich nicht an, aber der Abstand ist falsch für Fremde – zu klein für das, was sie einmal wussten.
Auf der Terrasse besprechen die anderen, wer später was spült. Jemand erzählt einen Witz, Lachen füllt das Halbdunkel und sackt schnell ab. Markus dreht ein Messer zwischen den Fingern, beobachtet, wie der Lichtstreifen am Stahl die Kante betont. Anna ist jetzt näher, lehnt sich zum Fenstersims, ihre Hände taub vom Sitzen. Sie hört seine Bewegung noch hinter sich, als hätte sie sich das Geräusch gemerkt. Markus will etwas sagen. Redet nicht. Er bemerkt, wie Annas linkes Ohrläppchen gerötet ist. Anna zählt die Falten auf Markus‘ Hemdrücken, mehr als sie früher kannte.
Schweigen: Es dauert länger als die Pause zwischen zwei Glockenschlägen. Markus’ Atem ist hörbar, im Takt mit dem Wind draußen, bis einer von beiden sich räuspert. Sie sprechen noch nicht. Der Raum zieht sich zusammen, Lichtflocken auf dem Boden zwischen ihren Schuhen. Aus dem Garten ruft jemand, und die Wirklichkeit holt sie für Momente zurück. Markus nimmt das leere Glas, setzt an, nimmt zurück. Anna hebt die Hand, als würde sie etwas sagen; legt sie wieder ab. Die Sekunden gehen. Schwere Luft. Außen ist Frühling, innen gestern.
Gegen Abend schrumpft die Gruppe auf der Terrasse zusammen. Tellerstapel, Krümel, die Stimmen müde, die Sonne färbt den Raum schief. Anna sucht ihre Jacke gleich vor seinem Stuhl, lässt die Hand einen Moment an der Lehne liegen. Markus sagt, es war schön dass du da warst, in einem falschen Tonfall, als wüsste er nicht, wohin er damit will. Anna lässt die Bemerkung stehen. Sie geht einen Schritt weiter in Richtung Haustür, bleibt dann stehen. Markus steht hinter ihr, Hände offen am Körper, als wollte er anhalten – tut es aber nicht.
Ein Windstoß weht einen Bonbonpapierfetzen unter die Gartenbank. Anna biegt ab, den Kiesweg entlang, ohne sich umzudrehen. Markus bleibt noch, blickt auf die Dellen im Rasen, die von ihren Schritten sprechen. Die Haustür fällt leichter ins Schloss, als es Anna will. In der Luft bleibt der Geruch von Gras, Mandeln, dem Staub der Serviette, die keiner abgewischt hat.
Im Fenster das Echo von zwei Schatten, klein, verwaschen vom goldenen Licht. Im Flur riecht es nach kaltem Kaffee. Die Stimmen klingen über den Garten, Anna nimmt die Hand von der Klinke, als sie längst draußen steht.


