Bis es klappt riecht die Küche nach allem
Ben presst die geriebene Zitronenschale zwischen Daumen und Zeigefinger, atmet tief ein. Süße Hefe steigt ihm in die Nase, warm und schwer. Die Kücheninsel wirkt größer als sonst – Teigreste kleben an ihrem Rand, ein silbernes Messer liegt vergessen neben einer aufgeklappten Rezeptkarte. Im Radio läuft ein Song, die Stimme der Moderatorin verschwimmt leise mit dem Klacken des Löffels am Schüsselrand. Draußen piepst ein Vogel, drinnen klopft sein rechter Fuß ungeduldig auf den Fliesen.
Ben öffnet das Mehlsieb, schüttet das glatte Weiß in die Schüssel. Er merkt, dass das Sieb unregelmäßig zwischen seinen Händen schaukelt: unter dem Frühlingsfenster ein Streifen goldenes Licht, daneben schon wieder ein Schatten. Der Teig zieht Fäden zwischen seinen Fingern, als wolle er nicht loslassen. Die Hefe wurde im Wasser nicht ganz aufgelöst. Das merkt er erst, als Sekunden später kalte Klümpchen an der Schale der Eier kleben bleiben. Sein Bauch zieht sich zusammen wie auf einer Karussellfahrt – schlecht von vornherein, die Hand stoppt kurz im Schwung. Für einen Moment ist alles still, nur ein leises Glucksen aus dem Ausguss.
Er schlägt ein Ei auf, das Gelb läuft zu schnell aus, verteilt sich zwischen Zeigefinger und Ringfinger. Der Tisch ist bereits voller Mehlspuren. Die Rezeptkarte sagt: „Langsam einkneten, zehn Minuten, nicht weniger.“ Ben schiebt die Karte weg, ein kleiner Ruck geht durch die Schulter. Er knetet. Die Hände fühlen sich zu groß an für den kleinen Teighaufen, jeder Druck im Handballen schiebt den Zweifel tiefer in die Magengegend. Der Teig bleibt immer wieder an den Fingern hängen – er gibt nach, aber zu zögerlich. Die Backuhr gibt ein zu helles Piepen von sich, erinnert daran, dass Zeit vergeht.
Ein leiser Schritt hinter ihm. Anna lehnt im Türrahmen, Tasse in der Hand. “Wieder der Versuch?” Sie bläst in den Kaffee. „Letzte Woche war’s etwas salzig, oder?“
Ben legt den Teig beiseite. Die Hände sind jetzt feuchtkalt, die Fingerkuppen stumpf. „Zu viel gewollt – diesmal halte ich mich komplett ans Rezept.“ Anna zieht eine Augenbraue hoch. „Manchmal braucht’s gar kein Rezept. Meine Mutter hat das immer nach Gefühl gemacht, am Ende war’s einfach gut.“ Ben zieht die Schultern hoch. „Was, wenn Gefühl nur Verwirrung ist?“
Sie nimmt einen Schluck, sagt nichts. Ihr Blick bleibt offen, sie schiebt das Gewicht von einem Bein aufs andere. „Gibt’s schon Kaffee?“
Ben füllt eine Tasse, stellt sie auf die Theke. Der Oberkörper macht sich rund, als würde er hinter sich einen Fehler verstecken. Der Löffel klappert gegen Porzellan. Die Butter soll jetzt untergearbeitet werden. Er klappt das Papier auseinander, das gelbe Stück schmiert auf dem Holz. Er nimmt die Butter zwischen beide Daumen, presst sie in den Teig. Sie ist zu kalt, sie bricht. Die Stückchen lösen sich nicht auf, bleiben sichtbar. Seine Hände zittern leicht. Im Magen ein Krampf, zu eng. Die Tür öffnet sich kurz, Kühlluft streicht an seinen Knöcheln vorbei.
Anna: „Soll ich helfen?”
Sein Kopf schüttelt, obwohl der Rest stehenbleibt. „Lass mich.“
Die Butter knirscht, ein Block in eben noch weichem Teig. Die Arbeitsplatte bekommt Beulen von Ellbogen. Nach Minuten gibt er auf. Teigklumpen fallen ab, rollen zur Spüle. Ben wäscht die Hände, schaut durch das Fenster auf den Garten. Die Kirschzweige wippen im Wind. Der Kaffee ist kalt geworden. Ein leichter Brechreiz.
Das Backpapier reißt, als er versucht, es zwischen Form und Brotkugel zu schieben. Anna sagt: “Brotbackautomat?“
„Nein. Ich will wissen, wie das geht… wie das geht, wenn man es selbst macht.“
Sie nickt. „Aber vielleicht erstmal ein kleineres Rezept? Das halbe?”
Ben verwirft die Idee sofort. Im Bauch eine Leere. „Nein. Das muss jetzt so.“
Teigprobe im Ofen. Das Brotaroma mischt sich mit der letzten Zimtspur von gestern. Nach zwanzig Minuten reißt das Brot seitlich ein. Die Kruste splittert, das Innere bleibt blass. Ben starrt durch die Ofenscheibe, die Schultern schwer. Anna sitzt am Tisch, liest am Handy, rührt im Kaffee, der längst zu kalt ist. Ben schneidet das Brot an, das Messer bleibt stecken. Die Krume ist feucht und zäh, das Messer quietscht. Er nimmt ein Stück, kaut. Es schmeckt nach nichts. Ein Stück bleibt im Gaumen hängen, langsam rutschen die Schultern nach unten. Er stellt das Brot beiseite, spült das Messer, stellt das Wasser ab. Die Stille im Raum wächst, eine Minute lang atmet er durch Mund und Nase, ohne dass ein richtiger Geschmack zurückkommt.
Stille. Hände auf der Arbeitsplatte. Der Blick auf die Uhr, es ist Mittag. Er nimmt eine neue Schüssel. Mehl abwägen, diesmal weniger Zucker. Wieder Hefe, diesmal wärmeres Wasser. Die Dose mit Rosinen – Anna ruft: „Du magst doch gar keine, oder?“
„Es gehört dazu“, murmelt er, der Unterkiefer angespannt. Die Rosinen schwimmen in Rum, Hände streifen am Sieb entlang. Teig wieder mischen, diesmal mehr Gefühl. Die Finger drücken tiefer, der Teig gibt besser nach. Das Kneten wird rhythmisch, der Atem folgt. An den Handgelenken entsteht ein warmer Druck. Die Schulter verspannt sich weniger, aber der Herzschlag bleibt hoch. Auf dem Fensterbrett neben ihm türmt sich Staub. Er merkt es, als sein Blick für Sekunden dort strandet.
Der Teig geht nicht richtig auf. Nach dreißig Minuten ist er ein bisschen gewölbt, aber nicht genug. Anna stellt die Kaffeetasse weg, klopft auf den Tisch. „Schau, manchmal soll’s einfach nicht sein, Ben.“
Er sagt nichts, hebt den Teig aus der Schüssel, faltet ihn von außen nach innen. Die Hände brennen. Mit den Ellenbogen schiebt er die Schüssel beiseite, macht Platz. Die Knie sind langsam schwer, so wie die Zeit. Anna steht auf: „Komm, lass gut sein, wir holen einen vom Bäcker.“
Der Gedanke rauscht durch die Nerven. Ben hält inne. Das Stück Zeit, das nachgibt, fühlt sich katastrophal an – der Magen krampft, der Rücken wird steif. Er schaut auf den Brotteig, die Hände zittern kurz, weil sie nicht wissen, ob sie weitermachen oder aufgeben wollen. Atmet ein. Zählt. Drückt weiter.
Wieder in die Form. Ofen vorheizen, diesmal wartet er länger. Die Hitze drückt gegen die Wange, als er die Ofentür öffnet. Schwitzer läuft die Schläfe entlang, die Knie sind halb gebeugt. Nach zehn Minuten greift er durch den entstehenden Dampf. Anna lehnt am Fenstersims, pult an der Fenstersprosse. Ihr Handy brummt auf der Arbeitsplatte, sie sieht nicht hin.
Das Brot reißt diesmal oben, wird aber goldener. Nach vierzig Minuten duftet der Raum nach Hefe, Zitrone, etwas zu süßem Teig. Ben schneidet eine Scheibe ab. Das Messer gleitet leichter, das Innere sieht besser aus. Er riecht daran – riecht wenig. Kaut. Es schmeckt besser, aber im Hals eine Enge. Kein Hochgefühl. Er legt das Messer ab, setzt sich an die Kücheninsel. Anna neben ihm, sie legt den Kopf schief. “Willst du ein Stück?”
Sie schüttelt den Kopf. „Vielleicht morgen wieder?“
Er zuckt mit den Schultern, die Arme noch schwer von der Arbeit. Die Finger tippen nervös auf die Tischkante. Eine Pause entsteht. Dann greift er nach dem Knetlöffel, wischt den Rand der Schüssel ab.




