Das goldene Ei im falschen Jahrhundert
Feuchtigkeit presste sich aus den uralten Mauern des Hinterhofs. Pflastersteine schmiegten sich an Sohlen, scharfkantig und voller winziger Lachen, deren Wasser nach Blei und abgestandener Zeit roch. Der Luft haftete eine unsaubere Süße an, als hätte irgendwo jemand zu viel Parfüm auf alte Möbel gespritzt. Der Lärm des Markts floh hierher in einzelnen Wortfetzen, zerschnitten vom Geschepper einer Glocke, die zum Stundenschlag einlud, die Stimmen aber sog der Hinterhof wie Brot auf – alles klang dumpfer, näher an der Haut.
Kurt stemmte sich gegen einen Tisch, der einmal aus Kirschholz gewesen war, jetzt am Rand des Zerfalls – seine Kanten speckig glänzend, tiefere Kratzer verrieten sommersprossige Generationen von Händen. Aus dem vorderen Bereich des Markts zog der Geruch von gebrannten Mandeln und frisch aufgeschnittener Erde. Elena stand hinter ihm, die Finger vergraben in einem Paar Handschuhe, deren Leder an den Nähten weichgescheuert war. Ihre Lider zuckten, als sie der Klang von Schritten näher brachte. Hinter ihnen vibrierte der alte Antikladen im Mauerwerk, Tritte auf Holzbrettern darüber knarrten in Zeitlupenrhythmus.
Elena sprach als Erste. „Sie sagen, es wurde gestern nicht verkauft.“ Ihre Stimme war zu ruhig, als müsste jedes Wort durch die Zunge geprüft werden, bevor es hinausgedurfte. Ihr Blick ruhte auf der Vitrine aus gewelltem Glas, hinter der das Ei lag. Kein Staub war darauf, als hätte es die Ahnung der Jahre abgeschüttelt.
„’s ist jedes Jahr da, aber nie zur selben Zeit. Kommt immer wieder, als gehörte es keinem von uns,“ antwortete Kurt. Seine Hand schloss sich fester um den Rand der Tischplatte. Die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger spannte glänzend weiß, sein Atem ein wenig zu langsam für den Frühlingsmorgen. Er sprach, als wollte er Wissen verderben, das zu lange im Mund gelegen hatte.
„Vielleicht sucht es sich seine Käufer“, sagte Elena.
Sie sagte nicht: Ich werde es nehmen, ob du willst oder nicht. Kurt sagte nicht: Ich will es nicht, aber niemand sonst soll es kriegen.
Der Hof war voll von Erinnerungen, die niemand besaß – eine verblasste Zeichnung von Mohnblumen, mit Ruß übermalt, auf dem Fensterholz, von vielen Jahren Sonne abgetötet. Eine kupferne Türklinke, blank gerubbelt, lag kühl in Elenas Handfläche, als sie die Vitrine schob. Dort war das Ei, kaum faustgroß, der Goldglanz matt wie eine kalte Suppe. Ihre Finger kribbelten, zogen sich in die Hand zurück, als müsste sie schwitzen, aber keine Feuchtigkeit kam. Die Luft vibrierte. Sie schloss die Augen für einen Moment, Fassaden von Tagen zuckten vorbei: fremde Stimmen, ein Markt mit anderen Waren, eine Frau mit zerfledertem Mantel, die lachte – alles zu schnell, um gehalten zu werden.
Sie öffnete die Augen, wollte greifen, zog zurück. „War es immer so schwer zu nehmen?“, fragte sie, den Blick schräg gesenkt.
Kurt lachte kurz, abgegessen. „Mag sein, dass der Preis noch höher wird, je später es ist.“ Seine Schultern blieben hochgezogen, als fürchtete er Zugluft. „Es will geprüft haben, ob einer’s wert ist.“
Sie roch an ihrer Haut den steinigen Schweiß des Hofs, kaltflüssig, metallisch. Ihre Muskeln reagierten, splitterten für einen Moment in Einzelteile, und das Herz schlug zweimal zu schnell, dann zu langsam. In der Vitrine knisterte das Ei tonlos.
Als die Sonne unscharf um die Hausecke drang, zuckten goldene Trümmer über die Wände. Elena schob die Handschuhe halb zurück, versuchte, sich zu sammeln. Ihr Wille marschierte voran, doch der Körper hinkte hinterher – der eine Fuß taub, der Arm schwer, als wäre er voll von eingeschnürtem Licht. Es gab einen Geschmack im Mund, bittersüß, als hätte sie an Altgeld geleckt.
Ihre Worte kamen stockend: „Ich kann es vielleicht, wenn Sie mich lassen. Ich habe … geforscht. Die Zeit springt, wenn das Ei berührt wird. Erkennen Sie’s nicht?“
Kurt lehnte sich so nahe zu ihr vor, dass ihre Schultern einander fast berührten, obwohl dazwischen ein halber Meter Luft lag. Er sagte, ohne dass der Blick seine Worte verließ: „Wer weiß schon, was er erkennt? Aber es bleiben Spuren auf der Haut, wenn man das Falsche nimmt.“ Seine Finger wuschelten durch den Bart, verfangen im Grau. „Mir reicht, dass ich den Platz hier halte. Wer auch immer kommt, sollte wissen, wie es schmeckt, wenn eine Woche fehlt.“
Der Geruch von aufziehender Wärme kroch durch die Mauern, ein verwelkter Frühling, der zu früh kam. In der Vitrine dampfte das Glas. Elena starrte das Ei an, bis ihre Augen brannten. Sie griff zu – sofort stach ein elektrisches Kitzeln die Fingerkuppen, dann ein starker, innerlicher Sog entlang des Rückgrats. Ihr Kiefer spannte sich; Blut lief ihr aus der Nase und tropfte leise auf den Vitrinenboden. In ihrem Inneren brach das Zeitgefühl wie ein morscher Ast.
Bilder häuften sich, ihre Muskeln schüttelten sich, wie kurz vor einem Fieberkrampf – sie sah Kurt in anderen Jahren, mit anderen Kleidern, hörte ihren eigenen Namen in Stimmen alter Frauen, schmeckte Staub, Kälte, den leicht vergorenen Atem von jemandem, der zu lange gewartet hatte.
Kurt stand still, sprach erst, als der Moment vorbei war: „Du lebst noch. Gratuliere.“ Seine Worte schleiften an einer nicht ausgesprochenen Sorge entlang, als fürchte er, sie könnte die Falsche sein – oder die Richtige und es zerstören.
Elena biss sich auf die Lippen. Ihre Hände fühlten sich fremd an. „Es muss ins richtige Jahrhundert zurück oder es nimmt weiter.“ Der Griff ums Ei schien ihr das Handgelenk zu verbrennen; Haut spannte über den Knochen, als wäre dort ein Ring aus geschmolzenem Gold.
Die Lücke zwischen ihnen blieb. Kurt sagte zögernd: „Vielleicht bleibt es diesmal. Vielleicht merkt es niemand.“ Sie lachten beide – aber im Lachen lag die Angst eines Kindes, das weiß, dass der Schatten in der Ecke nicht nur Staub ist.
Im Markt draußen trommelten die Schuhe der Osterbesucher über die Platten. Es roch nach warmem Teig und kaltem Eisen, nach zu vielen Menschen und zu wenig Platz.
Elena ging, das Ei schwer in der Tasche, die Muskeln zuckend wie nach langer Krankheit. Die ersten Schritte waren schwer, als zöge das Pflaster an ihr, oder als hätte etwas Wurzeln in ihrer Wade geschlagen.
Sie würde nicht fragen, was der Preis noch war. Sie wusste jetzt: Sie würde wiederkommen müssen.
Hinter ihr drehte Kurt den Vitrinenschlüssel. Vom Fenster aus war sein Schatten mit dem Ei-Schatten verwoben, bis auch das Licht nicht mehr entschieden konnte, wem was gehörte.



