Das verlassene Baumhaus im Herbstwind
Der Herbstwind riss Jonas die Kapuze vom Kopf. Er griff danach und blieb stehen.
Vom Waldrand kam ein Knarren.
Nicht wie ein Ast. Nicht wie ein Tor. Es klang wie etwas, das sich bewegen wollte, aber festgebunden war.
Alexis war schon drei Schritte weiter. Die gelben Blätter sprangen um die Schuhe. Ein braunes Blatt klebte an Alexis’ Knie, aber Alexis merkte es nicht.
„Hörst du das?“ fragte Jonas.
„Deshalb gehe ich ja.“
Jonas zog den Reißverschluss seiner Jacke bis ans Kinn. Seine Füße blieben kurz im Gras stecken. Dann rannte er hinterher.
Zwischen zwei alten Eichen hing ein Baumhaus.
Es hing nicht richtig. Eine Ecke sackte tiefer. Das Dach hatte ein Loch, und aus dem Loch flatterten Blätter heraus, als würde der Baum sie ausspucken.
Wieder knarrte es.
Alexis hob den Kopf. „Da oben bewegt sich was.“
„Vielleicht nur Wind.“ Jonas sagte es schnell. Seine Hand suchte einen Stock am Boden und hielt ihn fest, obwohl er nichts damit tat.
Am Stamm lehnte eine Leiter. Die untersten Sprossen waren grau und dünn. Eine fehlte. An der Seite stand mit schwarzem Stift ein Pfeil, halb vom Regen verschluckt.
Der Pfeil zeigte nach oben.
„Ich klettere zuerst“, sagte Alexis.
„Du bist schwerer als ich.“
„Genau. Wenn sie mich hält, hält sie dich.“
Alexis setzte einen Fuß auf die erste Sprosse.
Knack.
Alexis sprang zurück. Die Sprosse brach in zwei Stücke und fiel ins Laub. Darunter kam etwas zum Vorschein: Die Innenseite war dunkel und weich, aber an der Bruchkante steckte ein rostiger Nagel schräg im Holz.
Jonas hockte sich hin. Seine Finger zitterten ein bisschen, doch er schob das Laub weg. „Die Leiter ist von innen faul.“
„Dann nicht die Leiter.“ Alexis trat um den Stamm herum.
Jonas folgte. Er hielt den Stock vor sich her wie ein Schwert, aber seine Augen suchten schon nach dem nächsten Weg.
Auf der Rückseite des Baums waren Kerben im Stamm. Nicht viele. Nicht zufällig. Immer dort, wo ein Fuß hinpassen konnte. Darüber hing ein altes Seil, zweimal um einen dicken Ast geschlungen. Es hing nicht bis zum Boden. Jemand hatte es hochgezogen.
„Die Leiter war Absicht“, sagte Jonas.
Alexis sah zu ihm.
„Damit niemand einfach raufklettert.“
Der Wind schob Blätter gegen das Baumhaus. Sie verschwanden durch die Ritzen im Boden.
Alexis grinste nicht. Das war das Zeichen, dass es ernst war. „Ich nehme die Kerben. Du sagst mir, wenn das Seil wackelt.“
Alexis kletterte. Ein Fuß. Eine Hand. Noch ein Fuß. Das Baumhaus stöhnte, aber der Ast blieb still.
Jonas stand unten. Sein Mund war offen. Kein Ton kam heraus. Als Alexis die Plattform erreichte, rutschte ein Brett. Es kippte nach außen und blieb an einem Nagel hängen.
„Nicht auf die linke Seite!“, rief Jonas.
„Welche links?“
„Deine linke! Die mit dem losen Brett!“
Alexis setzte den Fuß anders. Das Brett hörte auf zu wippen.
Dann tauchte Alexis’ Hand über der Kante auf. „Komm. Aber langsam.“
Jonas steckte den Stock in den Gürtel seiner Hose. Er griff in die erste Kerbe. Seine Knie klopften gegen den Stamm. Trotzdem zog er sich hoch.
Auf halber Höhe riss der Wind ein Blatt gegen sein Gesicht. Jonas spuckte es weg und lachte einmal kurz, als hätte er sich verschluckt.
Oben roch nichts. Oben hörte man nur das Holz.
Die Tür des Baumhauses hatte keinen Griff außen. Innen hing ein Riegel. Der Riegel war offen.
„Jemand ist rausgegangen und hat nicht abgeschlossen“, flüsterte Jonas.
„Oder jemand wollte schnell weg.“
Alexis drückte die Tür. Sie klemmte. Alexis drückte stärker. Nichts.
Jonas sah auf den Spalt unten. Blätter steckten darin, fest gepresst wie ein kleiner Damm.
„Nicht drücken“, sagte er. „Ziehen geht nicht. Wir müssen kratzen.“
Mit dem Stock schob er die nassen Blätter aus dem Spalt. Eine Eichel kullerte heraus. Danach noch eine. Dann ein kleines Stück blaues Band.
Die Tür sprang auf.
Drinnen war es eng. Das Licht fiel durch das Dachloch auf den Boden. Blätter lagen überall, aber in einer Ecke war ein Kreis frei, als hätte dort lange etwas gestanden.
An der Wand stand eingeritzt: MARA + BEN, HERBSTWACHE 2019.
Jonas fuhr mit dem Finger über die Buchstaben. Sie waren tief. Nicht schnell gekratzt. Jemand hatte Zeit gehabt.
„Herbstwache“, sagte Alexis. „Wache wofür?“
Unter dem Fenster hing eine Schnur mit kleinen Knoten. Daneben waren Striche in das Holz geritzt. Viele Striche. Fünfergruppen. Manche waren durchgestrichen.
Jonas sah hinaus.
Vom Baumhaus aus konnte man über das Feld blicken. Weit hinten lagen dunkle Punkte auf den Stoppeln. Vögel vielleicht. Oder Steine. Der Wind bog das Gras.
„Sie haben gezählt“, sagte Jonas.
Alexis kniete sich hin. Ein Brett unter dem freien Kreis stand ein wenig höher als die anderen. Nicht viel. Gerade genug, dass ein Blatt darunter verschwand.
„Hier.“
Alexis zog daran. Das Brett hielt.
Jonas legte den Kopf schief. Zwei Nägel waren echt. Zwei waren nur gemalt. Kleine schwarze Punkte.
„An der Seite“, sagte er.
Alexis schob die Fingernägel in eine Ritze. Das Brett glitt zur Seite, nicht nach oben.
Darunter lag eine Blechdose.
Alexis öffnete sie nicht sofort. Beide sahen sie an. Auf dem Deckel klebte ein getrocknetes Ahornblatt, mit Faden festgebunden.
Dann hob Alexis den Deckel.
In der Dose lagen drei Dinge.
Ein Heft mit Wellen auf dem Umschlag.
Ein kleines Holzstück, geschnitzt wie ein Vogel.
Ein Umschlag, leer bis auf einen Satz: Wenn die Kraniche kommen, sind wir schon in der Stadt.
Jonas nahm das Heft. Die ersten Seiten waren voller Zahlen. Darunter standen Namen von Tagen. Montag: 42. Dienstag: 77. Mittwoch: 0 und Sturm. Eine Seite war anders. Darauf war eine Karte vom Feld, vom Bach und von genau diesem Baum.
Am Rand stand: Nest nicht anfassen. Nur schauen.
Alexis drehte den Holzvogel in der Hand. Ein Flügel war nicht fertig geschnitzt. Dort blieb das Holz kantig.
„Sie mussten weg, bevor sie fertig waren“, sagte Jonas.
Das Knarren kam wieder. Diesmal unter ihren Füßen.
Alexis legte die Dose schnell zurück. „Wir gehen.“
„Warte.“ Jonas zeigte auf die Karte. Neben dem Baum war ein kleiner Stern. Kein Name. Nur ein Stern am Bach.
„Nicht heute“, sagte Alexis.
Jonas nickte zu schnell. Er wollte schon zur Tür, aber dann sah er den losen Riegel. Wenn Wind die Tür aufschlug, würde Regen ins Heft kommen.
Er nahm das blaue Band vom Boden. Es war schmutzig, aber lang genug. Mit zwei Knoten band er den Riegel fest, so wie die Schnur an der Wand geknotet war.
Der erste Knoten rutschte auf.
Jonas hielt inne. Dann machte er den zweiten Knoten andersherum und zog mit beiden Händen. Er hielt.
Alexis wartete draußen auf der Plattform. „Komm jetzt.“
Sie kletterten hinunter. Jonas zuerst diesmal, weil Alexis von oben sagte, wohin seine Füße mussten.
Unten trat Jonas auf die zerbrochene Sprosse. Sie zerfiel weiter. In dem weichen Holz steckte noch ein Nagel. Er glänzte nicht.
Alexis hob die Blechdosendeckel-Spur im Kopf nach, ohne sie zu sagen. Jonas steckte den Stock wieder ins Laub. Er brauchte ihn nicht mehr.
Am Waldrand drehte sich Alexis um. Das Baumhaus knarrte. Die Tür blieb zu.
Ein Schwarm Vögel zog weit über das Feld. Jonas zählte nur bis sieben, dann waren sie schon zu viele.
„Morgen der Stern am Bach?“, fragte Alexis.
Jonas zog die Kapuze wieder auf. Diesmal hielt er sie nicht fest.
„Morgen.“
Der Wind trug ein gelbes Blatt bis zur alten Leiter. Es blieb auf der gebrochenen Sprosse liegen.




