Der Kranich, der zu spät flog
Der Herbst lag über den Wiesen. Das Gras bog sich unter kalten Tropfen, und der Wind strich flach darüber hin. Kranich Kalle stand mit langen Beinen im nassen Rand der Wiese. Er hob einen Fuß. Er setzte ihn wieder ab.
Über ihm riefen die Kraniche. Kruu. Kruu. Die Rufe zogen in den Himmel wie Fäden. Kalles Hals schoss hoch. Seine Flügel öffneten sich weit, größer als sein schmaler Körper. Dann klappten sie wieder an seine Seiten.
Kranich-Mutter schritt vor ihm her. Ihre Schritte waren ruhig. Ihre Flügelspitzen rührten kaum das Gras. Sie stieß einen tiefen Ruf aus. Kalle antwortete sofort. Sein Schnabel ging auf, sein Ruf kam dünner heraus und brach am Ende ab.
Die anderen liefen an. Beine trommelten über die Wiese. Flügel schlugen. Der Wind fing unter den Federn an zu ziehen. Ein Kranich nach dem anderen hob ab, erst schwer, dann leichter, bis die langen Beine hinter ihnen hingen.
Kalle rannte drei Schritte mit. Schnell. Sehr schnell. Sein Hals streckte sich gerade nach vorn. Doch als der Boden unter seinen Füßen kürzer wurde, zog er die Flügel ein Stück enger. Seine Zehen krallten sich in das nasse Gras. Er blieb stehen.
Die Formation wuchs über ihm. Ein schiefer Keil am grauen Himmel. Kranich-Mutter flog am linken Rand. Ihr Ruf fiel zurück auf die Wiese. Kalle hob die Flügel wieder. Der Wind drückte dagegen, kalt und breit, als wollte er ihn zurück ins Gras falten.
Er sprang. Einmal. Zweimal. Beim dritten Sprung hoben seine Füße ab. Die Wiese fiel unter ihm fort. Seine Flügel schlugen hart. Luft rutschte unter die Federn. Kalle stieg einen Flügelschlag hoch, sank wieder, streifte mit den Zehen die Grasspitzen und stolperte durch einen Büschel.
Er blieb geduckt stehen. Sein Brustkorb pumpte. Aus der Ferne kamen die Rufe kleiner. Kruu. Kruu. Die Vögel waren schon Punkte. Kalle schüttelte Wasser von den Zehen. Dann rannte er noch einmal los, diesmal länger, bis kein Gras mehr an seinen Füßen zog.
Der Wind packte ihn unter den Flügeln. Kalle schlug. Hoch. Tief. Hoch. Seine Muskeln brannten an den Seiten, wo die Flügel aus dem Körper wuchsen. Jeder Schlag drückte ihn ein wenig weiter in den Herbsthimmel. Unter ihm glitten die Wiesen zurück.
Die Formation lag weit voraus. Kalle reckte den Hals. Die Punkte standen nicht still. Sie rückten fort, ganz langsam, aber fort. Kalle schlug schneller. Seine Flügel wurden unordentlich. Ein Schlag traf die Luft schief. Sein Körper kippte.
Er flatterte nach rechts. Dann nach links. Die Punkte verschwanden hinter einem grauen Streifen Wolke. Kalle rief. Sein Ruf kam rau aus dem Hals und fiel nach unten. Keine Antwort kam nah genug zurück.
Unter ihm stand eine Reihe Weiden am Bach. Kalle ließ sich fallen. Nicht ganz. Nur tiefer. Der Wind wurde dort unruhig. Er schlug gegen seine Brust, stieß unter einen Flügel, riss ihn seitwärts. Kalle musste die Beine ausstrecken. Die Füße berührten fast die Äste.
Ein Schwarm kleiner Vögel huschte aus den Weiden. Ihre Flügel schnitten schnell durch die Luft. Kalle zuckte hoch und schlug wild nach. Für einen kurzen Weg folgte er ihnen. Sie waren viele. Sie waren nah. Doch sie wendeten zum Feld hinunter, und Kalle war wieder allein im offenen Himmel.
Er hielt die Flügel steif. Der kalte Wind fuhr darüber. Da hob er sich ein wenig, ohne einen Schlag. Kalles Beine zogen sich enger an den Bauch. Sein Hals wurde lang. Er schlug nicht sofort wieder. Er glitt.
Oben riss die Wolke auf. Weit vorn standen die Kraniche wieder im Himmel. Nicht mehr Punkte nur. Dünne Striche mit Flügeln. Kalle stieß einen Ruf aus. Sein ganzer Körper schwang dabei. Ein Ruf kam zurück. Tief. Lang. Kranich-Mutter.
Kalle schlug. Nicht hastig. Breit. Der Wind stemmte sich gegen ihn, aber nun rutschte er auch unter seine Federn. Schlag. Gleiten. Schlag. Gleiten. Seine Brust hob und senkte sich. Das Brennen blieb, doch seine Flügel fanden denselben Weg immer wieder.
Die Luft wurde kälter. Sie biss an den dünnen Beinen, die nach hinten gestreckt waren. Kalle zog sie dichter an. Der kalte Zug hinter ihm schob ihn weiter. Unten wurden die Wiesen dunkler, und an den Gräben lag schon blasser Nebel.
Vor ihm riefen die Kraniche öfter. Kruu. Kruu. Kalle antwortete, wenn sein Atem Platz ließ. Bei jedem Ruf sah er den linken Rand der Formation deutlicher. Dort flog Kranich-Mutter. Ihr Flügel hob sich. Senkte sich. Hob sich. Senkte sich.
Kalle versuchte, direkt zu ihr zu kommen. Er zog nach links. Zu stark. Der Wind drückte ihn aus der Spur. Die Formation wanderte wieder seitlich davon. Kalles Flügel schlugen kurz und hart. Er sank ein Stück. Sein Schnabel zeigte nach unten.
Dann breitete er die Flügel aus. Er wartete einen Atemzug. Der Wind strich rau unter den langen Federn entlang. Kalle ließ sich davon anheben. Erst wenig. Dann mehr. Sein Körper wurde wieder gerade.
Er kam von hinten. Nicht schnell. Doch näher. Ein alter Kranich am Ende des Keils rief und rückte ein Stück zur Seite. Dort war eine Lücke. Kalle streckte den Hals. Seine Flügel brannten bis in die Spitzen. Er schlug noch dreimal.
Beim vierten Schlag glitt er in den Rand der Formation. Der Wind wurde anders. Weicher hinter den Flügeln der anderen. Kalle musste nicht mehr gegen die ganze Luft drücken. Sein Körper schwankte noch, aber er fiel nicht heraus.
Kranich-Mutter flog neben ihm. Ihr Auge blieb nach vorn gerichtet. Nur ihr Flügel senkte sich ein wenig näher zu seinem. Kalle legte seinen Schlag in ihren Schlag. Hoch. Tief. Hoch. Tief.
Kein Kranich rief wegen der nassen Wiese. Keiner rief wegen des späten Starts. Über den dunklen Wiesen zog der Keil weiter nach Süden, und am linken Rand flogen zwei graue Flügelpaare im selben Takt.




