Der Schneekristall
Es war eine stille Nacht im Winterland, wo der Schnee in sanften Flocken vom Himmel fiel. Auf einem glitzernden Pfad zwischen den hohen, mit Schnee bedeckten Tannen schlenderte die kleine Fee Alina. Ihr Kleid funkelte im Mondlicht, und ihre Flügel glitzerten wie phantastische Schneekristalle.
Es herrschte eine ruhige, fast magische Atmosphäre, während sich der Schnee unter Alinas sanften Schritten kaum merklich senkte. Der Frost zauberte kleine, filigrane Muster an die Äste der Bäume, und die Luft riechte frisch und klar. Ein zartes Knistern begleitete jeden ihrer Schritte auf diesem winterlichen Weg.
Alina liebte diese friedlichen Nächte, wenn die Welt unter einer Schneedecke schlief und der Mond seinen silbernen Schein über das Land ergoss. Ihr war eine besondere Aufgabe zuteilgeworden: Sie schützte den Winterpfad, sodass jeder, der ihn betrat, die Schönheit und Stille der Natur achten würde.
Plötzlich hörte sie ein leises Schnauben. Am Rande des Weges tauchte eine kleine Gestalt auf – ein junges Reh, das mit beweglichen Ohren aufmerksam umherspäherte. „Oh, hallo, mein kleines Reh“, flüsterte Alina sanft, um das Tier nicht zu erschrecken.
„Guten Abend, Fee Alina“, wisperte das Reh schüchtern. „Ist es in Ordnung, wenn ich hier entlanggehe?“
„Natürlich“, lächelte Alina. „Du gehörst zu diesem Ort. Aber sei achtsam mit deinen Hufen, unser Schneeweg ist zart und zerbrechlich.“
Das Reh nickte verständnisvoll und setzte seinen Weg fort, sein Hauchen bildete kleine Dampfwolken in der kalten Luft. Hinterlassend nur sanfte Abdrücke im Schnee, die von Mondlicht umspielt wurden.
Während Alina weiter ging, fing ihr Ohr das entfernte Lachen von spielenden Eichhörnchen auf. Die kleinen Wesen sprangen von Baum zu Baum, hinterließen eine Spur von leichten Schneeflocken, die von den Ästen rieselten. Alina hielt inne, spürte die leichten Berührungen der Schneeflocken auf ihrem Gesicht und wich keinen Moment von der Harmonie dieses Augenblicks ab.
Die Nacht schritt voran und die Sterne funkelten wie ein unsichtbares Märchen. Alina setzte sich auf einen von Schnee bedeckten Stein und ließ ihren Blick über die Landschaft gleiten. Sie hatte immer geglaubt, dass in den stillen Momenten der größte Zauber lag.
In jenem Augenblick bemerkte sie etwas Merkwürdiges, ein winziger Schneekristall, der sich von all den anderen unterschied. Er schien lebendig zu sein, funkelte in einem besonderen Glanz. Alinas Neugierde war geweckt. Vorsichtig näherte sie sich dem Kristall, trat behutsam auf die empfindliche Schneedecke zu.
„Was machst du denn hier, mein kleiner Freund?“ fragte sie leise, und es war, als ob der Schneekristall leise klänge, ein flüsterndes Klangspiel in der kalten Nachtluft.
„Ich bewahre den Winterzauber“, schien der Kristall zu antworten, „jede Flocke, jeder Pfad hat seine Melodie.“
Alina vermochte nur zu lächeln – so vieles war noch zu entdecken, so viel Schönheit in jeder Kleinigkeit. Sie wusste, dass sie sich um den Pfad kümmern musste, damit alles an seinem magischen Platz blieb. Die Helligkeit des Mondes sponn silberne Linien in die Nacht und wies der Fee den Weg zurück über den Schnee.
Als der Morgen nahte, zeugte der sanfte Wind von einem neuen Tag. Alina entfernte sich von ihrem geliebten Schneeweg, bereit, in der nächsten Nacht ihre schützende Wacht fortzusetzen.
Mit jedem Atemzug nahm sie die friedliche Kälte der winterlichen Nacht in sich auf, ein wohliges Gefühl der weichen Schneelandschaft, die sie selbst kleinste Wesen respektierten. Noch einmal schaute sie zurück, bevor sie in die verborgene Welt der Feen entschwand. Die Spuren des Rehs waren schon zur Hälfte vom fallenden Schnee bedeckt, und die Spur von Alina war nur noch ein leichter Hauch auf dem strahlenden Pfad.
Und während der Schnee leise weiter fiel, umhüllte eine tiefe Ruhe die Welt, als ob eine unsichtbare Decke der Schutz und Geborgenheit über allem lag. Und Fee Alina wusste, jede Spur zählte in dieser Nacht – genauso wie die leisen Schritte, die dem Schnee seinen Zauber gaben.




