Kein Handy, kein Plan, nur Feldweg
Ein Schritt. Der Matsch zieht leicht am rechten Absatz, federt nach, gibt seltsam nachgiebig nach, als wäre er lauwarm und irgendwie lebendig. Kühle zieht durch die Sohlen, drückt sich langsam die Fußknöchel hinauf. Lehm haftet ein wenig an der Jeans. Die Fingerspitzen umklammern nichts, keine Tasche, kein Gerät, nur die dünne Linie einer Nässe zwischen zwei Fingern, die der Regen dort zurücklässt. Der eigene Atem verwebt sich mit feuchter Luft, ein winziger Widerstand in der Nase – frisch, fast säuerlich, jung wie zu früh geschnittenes Gras in alten Turnhallen, halb vergeudete Wärme unter einem Regenponcho, den er nicht dabei hat. Wie schwer eine Jacke werden kann… Dann der nächste Schritt, und die Erde gibt wieder nach, weicher diesmal. Weiter.
Links wölben sich Pfützen in dunklen Mulden. Thomas senkt die Hand gegen Tropfen, die sich auf dem Handrücken sammeln, kühle Prickelpunkte, fast so als würde die Haut den Klang der Tropfen trinken. Kein Geräusch außer diesem sanften Tapp-tapp, das ganz von außen und dann doch irgendwo im Innern der Stirn nachhallt. Ein warmer Dampf steigt von der nassen Wiese auf, pflanzlicher Geruch, als hätte jemand Salat und Erde vermischt. Er zieht ein, legt sich auf die Zungenränder, zwischen die Lippen drängt sich ein dünner Hauch von etwas Metallischem. Zwei Vögel jagen im Gebüsch, ihr Flügelschlag ist nur ein leiser Luftstoß, der kurz unter der Jacke zu spüren ist. Thomas’ Nacken ist feucht und kalt. Ein Schal wäre…
Sein Atem fühlt sich pelzig an, als hätte er die ganze Zeit an einer frischen Birnenschale geleckt. Die kühle Nässe auf seinen Waden arbeitet sich zu den Knien vor, nicht grimmig, mehr wie ein blinder Sucher. Die Regentropfen pulsieren auf den Ohren, das Ohrläppchen sacht. Ein Tropfen kriecht hinter die Brille, lässt eine Gänsehaut über Wange und Halspartie jagen, da wo Bartstoppeln sich mit klammen Tropfen anfreunden. Seine Finger reiben sich aneinander, kleine Erdwürste unter den Nägeln, feuchter als gestern. Unter der Zunge sammelt sich Speichel, schwerer als sonst. Wie Fleisch… Zwischen Daumen und Zeigefinger ein Kribbeln, Regen kühlt sogar die Handschleifen ab. Bodengeruch, kein Moos, mehr wie abgestorbene Brennnessel, erdig, dick.
Ein Ast streift seine Stirn, lässt einzelne kalte Spitzen an der Haut zurück. Der Wald schiebt seine Stille dichter, lässt keinen fernen Straßenlärm mehr durch. Thomas’ Knie werden schwer, als sauge sich jeder Schritt tiefer ins Gewebe der Erde. Nadeln pieksen durch den Stoff auf den Schienbeinen – feuchtes Unterholz klebt wie warmer Tau. In den Händen summt eine Müdigkeit, die aus dem Rücken zieht, bis in die Finger. Etwas Harziges, kaum süß, hängt in der Luft, schwer zu greifen, als wolle es im Gaumen stocken. Ein dumpfer Geschmack von morschem Holz, den er schluckt ohne zu kauen. Die Stille klopft in Wellen von oben, auf den Kopf, gegen das Trommelfell.
Der Regen ist nicht gleichmäßig. Manchmal bläst Wind winzige Stiche schräg ins Gesicht, dann ist wieder Pause. Haut prallt gegen kaltes Nass, dann nasser Luftzug hinterm Ohr. Der Mantel ziept, weil ein feuchtes Stück Stoff auf ein trockenes trifft. Das Hemd klebt am Rücken, spannt und gibt nach. Ein Knirschen unter der Sohle – feiner Sand, der sich als Kruste ansetzt. Thomas’ Wimpern sind schwer, Tropfen sammeln sich, bevor sie zum Liedrand rollen. Die Luft riecht gleichzeitig nach Eisen und nach altem Löwenzahn. Wie kann.. so viel Regen.. Die Wärme der Achseln kämpft gegen das kalte Shirt.
Im Wald wird der Regen leiser, sanftes Auftupfen auf Blättern, wie Fingernägel auf einem Brett. Die Baumrinde riecht dumpf, als hätte sie das Wasser eingesogen und müsse es nun wieder abgeben. Der Kiefer setzt einen leichten Druck ans Ohr, als hätte sich das Hören nach innen gewendet. Die Zunge spürt etwas Bitteres, ein Nachgeschmack von Rinde und Pilz. Die Füße fühlen den Wechsel: lockeres Laub, glitschige Zweige, manchmal hartes Holz direkt unter den Ballen. Unter dem linken Fuß ein spitzer Stein, aber die Socke rutscht sanft darüber, als wolle sie sich anpassen. In der Hand, zwischen den Knöcheln, steigt fast unmerklich eine Wärme, als hätte sich Blut tiefer in die Finger gezogen um sie zu schützen. Die Luft vor ihm ist kühl, als würde er ein Stück Glas durchdringen, jeder Atemzug eine flüchtige Spur auf Mund und Zähnen. Es regnet…noch…
Er bleibt stehen, als werde er gehalten. Über ihm nicken junge Äste, der Saft darin tastet sich fast hörbar unter die Rinde. Tropfen laufen von Ast zu Ast, ein nasser Rhythmus, der sich verlangsamt und dann wieder schneller zieht. Der Körper ist übersät von Temperaturflecken: Daumengrundgelenk warm, linker Oberschenkel kälter, zwischen den Schulterblättern beginnt alles zu prickeln. Die Haut unter dem Hemd fühlt wie seltsam nach – nicht ganz nass, nicht völlig trocken, ein Zustand, in dem sich Zeit dehnt. Die Luft zieht sich als feuchter Finger in den Hemdkragen, lässt dort einen schwachen Salzrand. Im rechten Ohr bleibt Wasser, klingt wie ein Singen. Ob sie jetzt wohl…?
Vor ihm öffnet sich eine kleine Lichtung. Grashalme fallen schwer aneinander, als trügen sie Tropfen wie Perlen, die sich nie ganz lösen. Die Erde hier gibt unter seinem Gewicht stärker nach, schmatzt regelrecht um die Ferse, ein Gefühl als werde der Fuß eingesogen. Die Finger öffnen sich. Regen sickert langsam durch die Haare, läuft kalt an beiden Schläfen herab. Die Geräusche brechen auseinander – Vogelruf, dann ein Zweig, dann wieder das monotone Prasseln. Die Zunge tastet nach den vorderen Schneidezähnen, spürt Kälte, als hätte man auf eine Münze gebissen. Hemdkragen noch ein wenig feuchter.
Einfach hier nichts…
Ein kleiner Teich. Wasser dunkel, bewegt sich kaum, Regentropfen zeichnen silberne Ringe, die lautlos ineinandergleiten. Die Füße im weichen Gras, das slippt, rutscht in Trittmulden, saugt Nässe gegen die Knöchel. Die Hände in den Taschen, aber der Regen findet seinen Weg in die Ärmel. Die Luft schmeckt jetzt nach Moos, nach nassem Stein, ein Hauch von verrottetem Schilf bleibt auf der Oberlippe zurück. Linke Kniescheibe knirscht, wenn das Gewicht verlagert wird. Die Haare im Nacken sind jetzt kühl, Haut spannt ganz leicht. Das Ohr nimmt einen entfernt klirrenden Ton wahr, vielleicht ein Reiher auf dem Wasser.
Stille – nein, eher ein Rascheln, als ob Regen Nester baut.
Vorbeiziehender Wind zerrt für einen Moment am Stoff der Hose, kühlt Oberschenkel bis zur Hüfte. Der Atem wird langsamer, ein Ziehen in der Brust, als würde der Körper selbst mit den Tropfen ticken wollen. Die Fingerkuppen sind faltig, spüren grobe Fasern in der Tasche. Durch das T-Shirt drückt sich eine sanfte Kälte, die sich nicht mehr bewegt, sondern liegenbleibt, als habe sie etwas gefunden.
Ein Kitzeln läuft über die Fußsohlen, da wo der Socken sich vollgesogen hat und nun an jeder Zehe einzeln haftet. Ein Grashalm am Handgelenk, er gibt eine Ahnung von Sommer. Jetzt einfach nur…
Der Regen zieht sich für einen Moment zurück, als würde jemand durchatmen. Thomas blinzelt, die Luft ist schwerer geworden, müde und satt. Die Haut riecht nach ihm und Erde zugleich. Im Nacken spürt er eine Wärme, die nicht vom Regen kommt. Die Geräusche sind weicher geworden: weniger Prasseln, das Ohr zittert nicht mehr unter jedem Tropfen. Die Finger befreien sich aus der Jackentasche, krümmen, kneten Gras, das jetzt kühler geworden ist, als wäre irgendeine Uhr weitergetickt. Zwischen den Schulterblättern ein kurzes Spannen, dann gibt ein Muskel nach – wie ein Schlucker Kaffee nach einer Nachtschicht.
Thomas setzt sich in die Hocke. Einer der Steine am Rand des Teiches ist feucht, rau und kühl gegen den Handballen. Die Knie geben etwas nach, die Sohle rutscht etwas weg, aber das Gewicht bleibt stabil. Die Hüfte wird langsam warm, der Niesel fühlt sich inzwischen wie ein Teil der Haut an. Geruch nach Wasser, nach Lehm, nach Gras, nach dem eigenen Körper. Regen muss nicht gemessen werden, hier atmet er einfach. Die Zeit hat einen anderen Takt gefunden.
Der Teich ist ruhig, seine Oberfläche öffnet sich für jeden Tropfen, als würde sie ihn einzeln empfangen. Thomas hebt ein Stück Moos zwischen Daumen und Zeigefinger – schleimig, rau, angenehm frisch. Das Hemd klebt nicht mehr, spannt nicht, sondern legt sich weich. Die Kälte unter den Schuhen ist dieselbe geblieben. In seiner Jackentasche liegt ein kleiner Stein, den er vorher nicht gespürt hat. Seine nächste Bewegung bleibt aus, Hände ruhen. Kein Ziel, kein Plan, Feldweg irgendwo da hinten.
Die Kleidung tropft ruhig weiter. Regen hat eine andere Sprache gefunden.




