Nebel vorm Fenster
Emil steht im Kinderzimmer am Fenster.
Draußen hatte der Herbst den Garten schon dunkel gemacht. Die Schaukel war sonst gleich neben dem Apfelbaum zu sehen. Der Sandkasten hatte sonst eine klare Ecke. Die Hecke stand sonst wie eine grüne Wand am Zaun.
Heute ist alles da und doch nicht richtig da.
Vor dem Fenster liegt Nebel.
Er liegt nicht wie eine Decke. Er steht nicht wie eine Wand. Er hängt im Garten, weich und grau, und er nimmt den Dingen ihre Ränder. Der Apfelbaum hat keinen Anfang mehr. Die Schaukel hat nur noch ein dünnes Stück Seil. Der Zaun ist ein Strich, der fast vergessen hat, ein Zaun zu sein.
Emil rückt näher an die Scheibe.
Seine Zehen drücken sich in den Teppich. Seine Hände liegen an der Fensterbank. Die Scheibe ist kühl unter seinen Fingerspitzen. Emil schaut und schaut.
Es ist gruselig-schön.
Gruselig, weil der Garten nicht aussieht wie sein Garten. Schön, weil der Garten aussieht, als hätte jemand leise Watte zwischen die Bäume gelegt.
Emil blinzelt langsam.
Er möchte noch nicht ins Bett. Sein Mund bleibt fest zu. Seine Schultern sinken trotzdem ein kleines Stück. Sein Schlafanzugärmel rutscht über seine Hand. Er zieht ihn nicht hoch.
Papa kommt herein.
Er macht kein großes Licht an. Nur die kleine Lampe neben dem Bett brennt. Sie malt einen warmen Fleck auf den Boden und lässt die Ecken des Zimmers weich werden.
Papa setzt sich neben Emil auf die breite Fensterbank.
Er sagt erst nichts.
Emil zeigt hinaus. Sein Finger malt einen kleinen Kreis auf die Scheibe.
Papa nickt.
“Der erste Nebel”, sagt Papa leise.
Mehr sagt er nicht.
Sie schauen zusammen.
Draußen hatte der Wind am Nachmittag noch Blätter über den Weg geschoben. Jetzt sieht Emil nur noch einige dunkle Tupfen auf dem Boden. Vielleicht sind es Blätter. Vielleicht sind es Steine. Vielleicht ist es einfach der Garten, der heute keine scharfen Kanten tragen will.
Die Schaukel verschwindet ein wenig.
Der Apfelbaum verschwindet ein wenig.
Der Weg zur Regentonne verschwindet ein wenig.
Emil legt seinen Kopf gegen Papas Arm. Nicht ganz. Nur so viel, dass Papa es merkt.
“Ist der Garten weg?”, fragt Emil.
Papa schüttelt langsam den Kopf.
“Nein. Er ist nur eingewickelt.”
Emil sieht wieder hinaus.
Eingewickelt.
Das passt.
Der Nebel wickelt den Garten ein. Um den Baum. Um die Schaukel. Um die kleine Schubkarre, die Emil am Nachmittag neben dem Beet stehen gelassen hatte. Alles bekommt eine weiche Hülle. Alles darf undeutlich sein.
Emils Augen wandern über die Scheibe.
Er sucht den Ast, auf dem manchmal die Amsel sitzt. Er findet ihn nicht. Dann sucht er den großen Stein unter der Hecke. Er findet ihn fast. Dann sucht er gar nicht mehr so genau.
Papa atmet ruhig neben ihm.
Der Flur draußen ist stiller geworden, nachdem die letzte Tür im Haus geklickt hatte.
Emil hört noch ein Auto auf der Straße. Es fährt langsam vorbei. Das Geräusch wird kleiner. Kleiner. Dann ist nur noch das Zimmer da.
“Ich gucke noch”, sagt Emil.
Seine Stimme ist sehr weich.
Papa nickt.
Emils Knie knicken ein wenig, als er vom Fenster weggeht. Papa hebt ihn nicht hoch. Papa legt nur eine Hand an seinen Rücken. Emil läuft selbst zum Bett, aber seine Füße finden den Weg, als hätten sie ihn schon vorher gewusst.
Die Bettdecke wartet.
Emil kriecht darunter.
Er dreht sich noch einmal zum Fenster. Der Nebel liegt noch draußen. Der Garten ist nur ein heller Fleck und ein dunkler Fleck und dazwischen nichts, das wichtig sein muss.
Papa zieht die Decke bis zu Emils Schulter.
Emils Finger halten den Rand fest.
“Ich will noch sehen”, murmelt er.
Seine Augen bleiben offen.
Ein bisschen.
Papa bleibt sitzen.
Die Lampe bleibt klein.
Der Garten bleibt weich.
Emil sieht das Fenster.
Dann sieht er nur noch den hellen Nebel.
Dann nur noch hell.
Seine Finger lassen die Decke nicht los, aber sie halten auch nicht mehr richtig fest.
Papa streicht einmal über sein Haar.
Emil merkt nur die Wärme der Hand.
Die Hand ist da.
Dann ist sie nicht mehr wichtig.
Seine Gedanken wollen noch bis zur Schaukel gehen.
Sie kommen nur bis zum Seil.
Dann nicht mehr bis zum Seil.
Der Nebel liegt draußen.
Die Decke liegt hier.
Emils Wange wird warm.
Sein Atem kommt leise.
Warm.
Wieder.
Warm.



