Silvi und der erste Sonnenstrahl
Unter knorrigen Buchen, dort wo Moos wie grüne Teppiche duftet und die Erde nach nassen Blättern riecht, beginnt Silvis Tag. Ihr Haar klebt von Tau, der Mantel aus Veilchenblättern ist noch klamm. Feen wie sie erwachen nicht mit Vogelgesang, sondern mit dem Prickeln im Bauch, das das Licht ankündigt. Über ihrem kleinen Bau aus Flechten summen winzige Insekten – sie klingen wie leise, schiefe Glöckchen, wenn sie durch die Luft surren.
Silvi blinzelt schlaftrunken, als Moos zu ihr krabbelt. Moos ist ein Erdling mit Bart aus Wurzeln, unter seinen Nägeln steckt Lehm, und wenn er lacht, wackelt sein Bauch wie ein nasser Pilz.
„Siehst du sie?“, grummelt Moos und deutet mit seinem Hut aus Blatt und Erde zu einer Lücke im Wurzelgeflecht. Dort kriecht ein Hauch von Gelb, ganz schwach, kaum zu spüren. Die Lichtfasern riechen nach frisch gebackenem Brot und kitzeln die Nasenspitze.
Silvi hält den Atem an. Ihr Zeigefinger zittert. Sie flüstert: „Schmitzel… Krim, Klang, Klee, lass den ersten Sommer weh!“ Die Worte wiegen auf ihrer Zunge, schwerer als sonst. In der Feensprache hört der Satz sich an wie ein Ziehen durch feuchte Schneckenhäuser – schleifend und rau. Kein Funkensprühen, kein Flimmern. Nur das Warten.
Moos kratzt sich am Ohr. „Der Spruch klingt wie ein vergessener Regenmorgen. Bist du dir sicher, Silvi, dass heute…?“
Da schlittert Luna zwischen ihnen hindurch: ein Schmetterling, Flügel wie getrocknete Rosenblätter, mit Sprenkeln wie Marmelade. Sie landet auf einem Stein und zieht mit ihren Fühlern Kreise in die Luft.
„Wenn ihr wartet, ist der Sommer gleich weg!“, piepst Luna, „Der erste Sonnenstrahl scheut sich – jemand muss ihn pflücken.“
Moos hockt schwerfällig am Rand und schaut verlegen weg. „Feen halten die ersten Sonnenstrahlen eigentlich nicht fest. Es kostet etwas. Ein bisschen von deiner Stimme bleibt jedes Mal im Licht gefangen.“
Silvi weiß das längst. Seit drei Tagen riecht sie die Luft anders – nach angekokelter Mandelrinde, rau und ein bisschen bitter. Es kitzelt im Hals immer, wenn sie einen Zauberspruch spricht. Ihre Stimme ist ihr kostbar, vor allem das Lachen am Abend.
Sie stapft hinaus auf die feuchte Wiese, Farnstängel biegen sich unter ihren nackten Füßen. Am Rand blüht Klee, klebt noch vor Tau. Der erste Sonnenstrahl schwimmt am Waldrand. Ein Faden Licht, zu dünn für einen Erwachsenen zu greifen – aber für Feenhände reicht es gerade so.
Silvi murmelt: „Kommt heraus, Licht, kitzle mich, lass die Wärme fließen.“ Der Spruch blubbert wie warmer Honig an den Ohren vorbei. Die Magie riecht nach nasser Birkenrinde und klingt, als tippte jemand mit kleinen Steinen an einem Glas.
Der Sonnenstrahl windet sich, ein schwaches Leuchten bleibt an Silvis Fingerkuppe kleben. Sie hält den Atem an, denn es kostet sie das Kribbeln im Hals. Ihre Stimme wird kratzig – ihr nächstes Lied klingt nun zwei Töne tiefer.
Luna setzt sich auf Silvis Schulter, flattert mit den Flügeln und summt eine Melodie, die nach alten Blättern und versponnenen Tagen klingt. „Der Sommer wacht verschlafen auf, weil du ihn gerufen hast“, sagt Luna. „Er gähnt noch, aber jetzt geht es los.“
Moos steht daneben, schabt Erde von seinem Hut und mustert die Szene. „Hat es wehgetan?“, fragt er, ohne aufzuschauen.
Silvi hält den Sonnenstrahl zwischen den Händen. Sie hört das Licht leise knistern, wie winzige Nadelspitzen die an Glas reiben. Ihr Mund fühlt sich fremd an, aber die Wärme am Finger breitet sich aus. Es riecht nach süßem Harz und dem Versprechen von langen Tagen.
Der Sonnenstrahl rollt weiter über die Wiese, taucht Mohnblumen in helles Prickeln, zieht einen Schatten, in dem die ersten Marienkäfer krabbeln. Moos holt einen Pilz und bohrt seinen Daumen tief hinein, als wolle er etwas festhalten, bevor es verweht. Silvi sitzt im Gras, Luna flattert durch das neue Licht. Der Erdduft wird sanfter, verliert etwas von seiner Kälte.
Das Feenreich unter der Erde bleibt dämmrig, aber aus den Ritzen tröpfelt nun Wärme. Hinter Silvi schimmern Pilzhüte, die in der Dämmerung wie Glas wirken. Ein Band Licht auf der feuchten Erde. Aus der Ferne klingt das Summen größerer Insekten – das Geräusch von Sommer, noch unentschlossen.
Silvi streift mit den Zehen durchs Gras, ihr Lied klingt im Hals nach, tiefer als gestern. Ein Schatten fliegt über ihr Gesicht, dann taucht Luna auf und sieht Silvi von oben an. Die ersten Schritte im Gras machen Geräusche wie heimliche Trommeln. Zur Mitte des Tages ist der Sonnenstrahl längst weitergezogen. Auf der Wiese bleibt ein schmaler Hauch zurück, der nach frischem Brot und Haselnussmilch riecht.


