Silvi und der erste Sonnenstrahl
Im unterirdischen Saal, dessen Wände nach feuchter Erde rochen und in dem Moos zwischen Kristallen leise knisterte, lebte Fee Silvi. Ihr Haar kräuselte sich vom Schlaf, und aus ihrem Bett aus Glockenblumen hörte man das sanfte Rascheln eines Flügels. Draußen kroch der Tag langsam durch das Dickicht. Doch hier unten zeigte kein Vogel, wie spät es war. Es gab nur das Knacken von Samen, die platzen wollten und das gedämpfte Summen kleiner Stimmen.
Auf dünnen Wegen aus Wurzelgeflecht kam Erdwichtel Moos. Er trug einen Hut aus grünem Kerbel, schief, weil er zwischen Wurzeln hängen geblieben war. Moos sog die Luft ein. «Riechst du das? Der Frühling kriecht schon mit den Ameisen.» Silvi kicherte, weil sein Bart etwas vom dunklen Regenboden aufgesogen hatte. «Noch ist es kühl», sagte sie. «Die Sonne schläft.»
Ein Pling, wie das Klirren eines Tropfens auf Glas, rollte durch den Raum. Es war Luna, der Schmetterling. Ihre Flügel bewegten die warme unterirdische Luft kaum, aber sie brachte etwas mit: den Duft nach nasser Pflaumenrinde und eine gefiederte Feder, dick wie zwei Tautropfen aneinandergeschoben. Sie ließ die Feder fallen. «Wer sich traut, weckt den ersten Sonnenstrahl», flüsterte Luna, als ihr Flügelschlag durch den Eingang wehte. «Du musst ihn rufen, Silvi. Sonst bleibt der Sommer in den Wurzeln stecken.»
Silvi streckte vorsichtig ihre Zehen in das feuchte Moos. Die Feder war schwerer, als sie dachte. Sie setzte sie an ihre Stirn. Ein Prickeln ging über ihr Gesicht. Es roch nach Lindenholz und nach etwas ganz Fernem, das sie an warme Steine erinnerte. Dann ein Knistern, als hätte jemand winzige Körner in einen Tontopf gestreut. Silvi blickte zu Moos. «Hörst du das Zittern?»
Moos schüttelte sein Haar und blieb dicht an ihrer Seite, als sie die gewundene Treppe aus Erde hinaufkrochen. Jeder Schritt brachte einen anderen Duft. Erst nach Kiesel, dann violette Veilchen, ein Hauch von Pilz. Luna flatterte ihnen voran, jedes Mal, wenn der Gang zu dunkel oder zu eng wurde. Manchmal mussten sie warten, bis ihr Flügelschimmer einen Weg zeigte, dann ging es weiter.
Am Ausgang der Feenhöhle presste feuchte Luft auf Silvis Stirn. Über ihr türmten sich Gräser, so hoch wie Bäume. Die Wiese war noch still. Niemand war da, der sie begrüßte. Überall lag diese Frische, die in der Nase zwickte. «Hier?» Silvis Stimme war kaum lauter als Regen auf Moos. Luna setzte sich auf ihren Finger, der federleicht und fast kühl war. «Hier.»
Silvi schloss die Augen. Sie erinnerte sich an die Worte, die ihre Großmutter geflüstert hatte – kein Lied, sondern ein Zeichen, das geschoben und gezogen werden musste, bis sein Muster einen Ton ergab. Sie begann, die Feder zu drehen, langsam, im Rhythmus ihres Atems. Knisternde Töne, erst dumpf, dann wie das Schleifen zweier Steine, flossen über die Wiese. Mit jedem Ton wurden die Schatten dünner, die Farben fester, die Luft weniger stachlig.
Ein dünner Streifen Licht schob sich durch die Halme. Kein warmes Bad, sondern ein leiser Strahl, der nach verbranntem Gras und alten Kastanienschalen roch. Feine Staubfäden tanzten darin und zeigten den Weg für alles, das wachsen wollte. Silvi spürte nichts als ein winziges Ziehen hinter den Augen und das leise Summen der Feder an ihrer Stirn. Luna hauchte etwas auf Silvis Haar, ein Flattern, das kitzelte und in den Ohren nachhallte wie ein Echo, das zu langsam vergeht. Moos drückte seine Hand in den nassen Boden, lachte nicht, sagte nichts.
Die Stille hielt, während der Strahl vorsichtig seinen Weg suchte, wie ein Fremder in einer neuen Stadt. Nach einigen Atemzügen hob sich am Rand der Wiese ein Blatt. Ein Tropfen rollte an seinem Stiel entlang, langsam, als wolle er sehen, ob schon Sommer ist. Die Luft roch nach frisch aufgegrabener Erde und einer Spur Milch von den ersten Blüten. Silvi öffnete die Hand, die Feder fiel zurück ins Gras, raspelte kurz, als würde sie mit dem Tau um die Wette rieseln.
Moos stand da, blickte auf seine Mütze, hob seinen kleinen Bart. «Erwacht, hm?» fragte er. Luna schabte mit den Flügeln aneinander, was einen Ton ergab wie Glas, das an Zähnen reibt.
Weit hinten flatterte das Gras, irgendwo fiel ein weiterer Tropfen. Zwischen zwei Wurzeln kroch eine Ameise, blieb stehen, kaute einen Moment am Rand des frischen Lichts, verschwand dann unter einem alten Blatt. Der Sonnenstrahl blieb liegen. In der Erde darunter knackte ein Samenkorn.


