Der erste Urlaub seit drei Jahren
Marc lässt den Autoschlüssel auf den alten Holztisch fallen. Die Sonne liegt schwer auf der Terrasse, feuchte Hitze zwischen Holzplanken und leiser Brise. Er stellt seinen Rucksack direkt neben der Tür ab – in der Bewegung zu schnell, der Stoff reißt an einem Nagel. Er blickt kurz hin, weicht nicht zurück. Stattdessen öffnet er den Rucksack, zieht das Laptop heraus, stellt es neben das abgestandene Glas mit Wasser – sein erster Reflex, bevor er überhaupt sitzt.
Das Kabel kriecht hinter dem Stuhl entlang. Ladegerät, Mousepad, Notizbuch. Es geht nicht um Planung, nur um Beruhigung: Wenn alles bereit liegt, ist nichts vergessen. Doch die Stille draußen macht das Tippen in der Ferienwohnung lauter. Marc öffnet eine Datei: Budgetplanung. Dann eine Mail. Dann das Textdokument, das schon zehn Tage darauf wartet, dass ein Satz sich füllt.
Seine Knie sind angespannt, als müsse jeder Satz gleich benutzt werden. Der Luftzug durch die offene Schiebetür reicht kaum bis zum Schreibtisch. Von draußen: leises Plätschern, mehr nicht. Die Aufgaben klingen in kleineren Räumen. Jeder Tastendruck wie ein Knacken.
Marc versucht, die Beine auszustrecken. Bleibt dabei steif. Seine Hand wandert mechanisch von der Maus zur Tastatur: Senden drücken, Vorschau, Aktualisieren. Jedes Mal ein kurzes, dumpfes Wiegen. Im Hintergrund wächst das Summen einer Fliege, die gegen das Glas schlägt.
Er steht auf. Holt einen Kaffee aus der Küche – der Wasserkocher klackert zu laut auf der alten Arbeitsplatte. Dann wieder an den Tisch. Die Mailbox blinkt. Noch keine Antwort. Zehn Minuten. Er schaut auf das Bootshaus außen am Steg. Das Holz leuchtet, verwittert. Das Wasser blinzelt wie ein Signal. Marc nimmt das Laptop und legt es auf den Küchenstuhl, als würde das Gewicht die Frage klären, ob er weiterarbeiten soll.
Die Gedanken laufen nicht zurück zu Ruhe, sondern zu To-do-Listen. Er greift nach seinem Handy. Scrollt. LinkedIn, ein neuer Kontakt, ein Auftragsangebot. Die Finger streifen über den Bildschirm, tippen rasch auf ‘später antworten’. Irgendwann faellt die Hand abwesend auf den Schoss. Ein Atemzug, der hängen bleibt.
Er verlässt die Wohnung, schließt die Tür etwas zu laut. Barfuß auf den Dielen, dann auf die Terrasse. Der Sand klebt an der Ferse. Das Bootshaus bleibt ein paar Meter entfernt, erstarrt zwischen Reetdach und Wasserlinie. Marc sackt auf einen Liegestuhl. Er kneift die Augen gegen das Licht, das zwischen den Bäumen fällt. Nichts tut sich, außer einem dumpfen Pochen hinter den Schläfen.
Sein Handy vibriert. Eine Nachricht des Kunden: “Deadline verschieben möglich?” Die Sätze der Konversation bauen sich in Marcs Rücken auf wie Kisten. Er legt das Handy unter das Sitzpolster. Die Welt wird nicht weiter, der Stuhl fühlt sich kleiner an. Ein Motorboot fährt weit draußen vorbei, der Lärm drückt die Luft zusammen.
Marc rutscht tiefer, Arme verschränkt. Die Knie stoßen ans Tischbein. Sein Blick folgt einer Ente im Wasser, hektisch, als suche er einen Rhythmus. Der Wind weht Gras gegen den Fuß, kratzend, nicht angenehm – alles ist spürbar, aber nichts hilft dabei, unsichtbar zu werden.
Wieder zurück ins Bootshaus. Er setzt sich auf die unterste Stufe der Stegtreppe. Das Holz drückt unter dem Gewicht, Kühlschrank brummt durch die geschlossene Wand. Er zieht einen Kuli aus dem Rucksack, schreibt Aufgaben ins Notizbuch. Er kann nicht anders. Aber die Schrift ist schwer, verläuft quer. Über jede Zeile ein Strich, als müsse er die Aufgaben kleiner machen, um sie zu kontrollieren.
Eine Stunde vergeht. Nichts löst sich. Marc blättert im Kalender: Kundenname, Abgabedatum, offene Rechnung. Die Notizen wiederholen sich. Die Sonne dreht, Deckenschatten verschieben sich. Sein Rücken klebt am Stuhl.
Der nächste Versuch: Er nimmt das alte Ruderboot, legt es vorsichtig ins Wasser. Rudert ein paar Meter heraus. Am Steg wippen Seerosen. Der See ist still. Seine Hände umklammern die Holzgriffe, die Knöchel weiß.
Ein leiser Windzug. Im Wasser schaukelt das Boot, und plötzlich blättert eine Seite des Notizbuchs im Rucksack, den er achtlos ins Boot gelegt hat, um. Der Anblick bleibt haften. Kein Soundtrack. Nur das Rascheln des dünnen Papiers. Er sieht zu, wie das Blatt sich im Wind biegt. Nicht als Signal, nicht als Metapher. Nur als Tatsache.
Er löst die Finger von den Rudern, langsam, als müsste jeder Muskel das einzeln erlauben. Die Spannung in den Schultern bleibt. Doch die Leere im Boot fühlt sich klarer an als der Stuhl vor dem Laptop. Kein Impuls, daraus etwas zu machen. Nur das nächste Ziehen im Ruder, zurück zum Steg, Schritt für Schritt. Das Notebook bleibt im Boot liegen.
Am Abend liegt Marc schräg auf dem Holz des Bootsstegs. Er hält nicht an sich fest. Kein Triumphgefühl, kein Stolz, kein Neuanfang. Nebengeräusche treten zurück. Die Aufgaben bleiben, die Listen existieren weiter. Irgendwo im Gras bricht ein Stängel, dumpf. Marc nimmt die Schuhe nicht mehr mit hinein.




