Sansa und die Kraft danach
Im Krankenhaus roch der Winter nach Desinfektionsmittel und nassen Wollmänteln. Sansa saß auf dem schmalen Bett, die Stiefel ordentlich darunter gestellt, als hätte sie nur kurz Platz genommen und nicht vor, ihren Körper am nächsten Morgen fremden Händen zu überlassen.
Kian stand am Fenster. Draußen kratzte ein Hausmeister Eis von einer Rampe. Das Schaben kam in gleichmäßigen Stößen herauf, hart, dann weich, dann hart. Kian hatte die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben. An seinem linken Daumen klebte ein Pflaster. Er hatte sich beim Schneiden der Orangen erwischt, die Sansa nicht essen wollte.
„Du musst nicht bleiben“, sagte sie.
Er drehte sich nicht sofort um. Sein Blick hing noch an der Rampe, an dem Mann mit der orangefarbenen Weste, an dem kleinen Haufen grauen Schnees. Dann nickte er, als hätte sie ihm die Uhrzeit gesagt. „Die Parkuhr läuft sowieso erst ab acht.“
Sansa zog das Krankenhausarmband ein Stück unter den Ärmel. Ihr Name stand darauf in schwarzen Buchstaben. Sansa Rahimi. Geburtsdatum. Station. Der Name sah aus wie der einer anderen Frau, einer, die Formulare unterschrieb und brav wartete.
Auf dem Nachttisch lag ihr Buch: Der alte Mann und das Meer. Kian hatte es aus dem Regal genommen, ohne zu fragen. Er wusste, dass sie es nie zu Ende las, immer nur bis zu der Stelle, an der der alte Mann hinausfuhr und noch glaubte, er kenne das Wasser. Ein Lesezeichen steckte schief zwischen den Seiten. Ein Fahrschein von 2016, als sie in Prag gewesen waren und Sansa im Regen gelacht hatte, weil Kian den Stadtplan falsch herum hielt.
„Ich schaffe das“, sagte sie.
Kian kam zum Bett. Er setzte sich nicht. Er nahm nur das Wasserglas, das zu weit rechts stand, und stellte es auf die linke Seite, näher an ihre Hand. „Ich weiß.“
Sie sah auf seine Finger. Er rückte das Glas so leise zurecht, dass es kaum klirrte. Genau darin lag der Ärger. Nicht in der Hilfe. In der Art, wie er sie gab, als wäre sie kein Ereignis.
„Du weißt immer alles“, sagte sie.
„Nein.“ Er hob den Blick. Unter seinem rechten Auge lag eine helle Falte, die vor einer Woche noch nicht da gewesen war. „Ich weiß nur, wo du dein Wasser brauchst.“
Die Heizung im Zimmer knackte. Ein Rohr arbeitete in der Wand, drei Mal hintereinander, als zählte jemand mit. Sansa öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Kian zog einen Stuhl heran. Das Metallbein quietschte über den Boden. Er setzte sich so, dass seine Knie fast das Bett berührten.
Nachts schlief sie nicht. Kian auch nicht, aber er tat so. Er saß im Stuhl, das Kinn auf die Brust gesunken, eine Hand um den Pappbecher mit kaltem Kaffee. Immer wenn auf dem Flur Schritte hielten, hob er den Kopf. Immer wenn Sansa sich bewegte, senkte er ihn wieder. Gegen vier Uhr tastete sie nach dem Glas und stieß es mit den Fingerspitzen an. Das Wasser schwankte.
Kian öffnete die Augen. Er sagte nichts. Er legte seine Hand um den Fuß des Glases, bis ihre Finger den Rand fanden. Dann ließ er los.
Am Morgen kam die Schwester mit weißen Schuhen, die kein Geräusch machten. Sansa band ihre Haare selbst zusammen. Der Gummi rutschte ihr zweimal aus der Hand. Beim dritten Mal nahm Kian ihn vom Bettlaken, streifte ihn über sein Handgelenk und hielt ihn ihr hin. Nicht höher, nicht drängend. Nur hin.
„Ich kann das.“
„Ja.“
Sie nahm den Gummi. Ihre Finger streiften sein Handgelenk. Das Pflaster an seinem Daumen hatte sich an einer Ecke gelöst. Darunter sah die Haut rot aus. Sansa band den Zopf zu fest. Ein paar Strähnen blieben an ihrer Wange kleben.
Vor der OP-Tür blieb die Liege einen Augenblick stehen. Kian durfte nicht weiter. Die Deckenlampe zeichnete einen blassen Kreis auf seine Schulter. Er beugte sich nicht über sie, sagte keinen Satz, den man später aufbewahren musste. Er zog nur den Fahrschein aus ihrem Buch, den er in der Manteltasche gehabt hatte, und legte ihn in ihre Hand.
„Damit du die Seite wiederfindest“, sagte er.
Sansa schloss die Finger darum. Das Papier war weich an den Kanten. „Du wirst ihn verlieren.“
„Dann musst du ihn zurückfordern.“
Sie sah ihn an. Die Schwester löste die Bremse. Die Liege rollte. Kian ging nicht mit. Er blieb stehen, beide Hände leer, den Mund eine Spur geöffnet, als hätte er noch etwas auf der Zunge und würde es absichtlich dort behalten.
Als Sansa wieder zu Hause war, hatte der Winter die Straße enger gemacht. Schneereste lagen am Bordstein wie alte Watte. In der Wohnung roch es nach Suppe, Zitronenschale und dem Waschmittel, das Kian immer zu sparsam nahm. Er hatte den Teppich im Flur weggerollt. Der Hocker stand neben der Garderobe. Auf dem Schuhschrank lag ein Stapel Kissen. Alles war verändert, aber nichts sah nach Vorbereitung aus. Das machte es schlimmer.
„Du hast umgeräumt“, sagte sie.
Kian hängte ihren Mantel auf. „Der Teppich hat sich gewellt.“
„Seit sieben Jahren.“
„Dann war es Zeit.“
Sie ging mit kleinen Schritten ins Wohnzimmer. Jeder Schritt schob eine dünne Linie durch ihren Bauch, vom Verband bis unter die Rippen. Sie hielt den Rücken gerade. Kian ging nicht neben ihr, sondern einen halben Schritt dahinter. Nah genug, dass sie seinen Atem hörte. Weit genug, dass sie nicht sagen musste, er solle weggehen.
Auf dem Sofatisch stand die blaue Tasse mit dem Sprung am Henkel. Ihre Tasse. Der Sprung sah aus wie ein winziger Blitz. Daneben lag das Buch, der Prager Fahrschein wieder als Lesezeichen. Auf der Fensterbank stand die kleine Schale mit Mandarinen. Drei waren geschält, die weißen Fäden sauber entfernt.
Sansa setzte sich nicht. Sie blieb vor dem Sofa stehen und griff nach der Decke. Die Decke lag zu tief. Sie beugte sich, stoppte, atmete durch die Zähne. Kian trat zum Fenster und zog die Gardine einen Fingerbreit zu, als beschäftige ihn das Licht. Mit der anderen Hand nahm er die Decke und legte sie über die Sofalehne, genau auf ihre Höhe.
„Ich hätte sie bekommen“, sagte sie.
„Sie lag ungünstig.“
„Alles liegt jetzt ungünstig.“
Er antwortete nicht. Er ging in die Küche. Der Wasserkocher klickte. Sansa hörte, wie er eine Schublade öffnete, dann eine zweite, obwohl die Teebeutel seit Jahren in der ersten lagen. Er suchte nicht nach Tee. Er gab ihr Zeit, sich zu setzen, ohne dass jemand zusah.
Sie ließ sich auf das Sofa sinken. Nicht fallen. Sinken. Das war ein Unterschied, den ihr Körper genau nahm. Als Kian zurückkam, hatte sie die Decke über den Knien und den Kopf gegen das Kissen gelehnt.
„Fenchel?“, fragte er.
„Ich hasse Fenchel.“
„Kamille?“
„Ich hasse, dass du Kamille sagst, als wäre das besser.“
Er stellte die blaue Tasse auf den Tisch. Nicht vor sie, nicht zu nah. Nur dorthin, wo ihre Hand sie erreichen würde, wenn sie den Ellbogen nicht ganz hob. „Dann heißes Wasser mit Zitrone.“
Sie sah ihn nicht an. „Du musst nicht jedes Mal aufstehen.“
„Die Zitrone schneidet sich nicht selbst.“
Das Eigentliche saß zwischen ihnen auf dem Teppich, dort, wo früher der Couchtisch einen Abdruck hinterlassen hatte. Sansa strich mit dem Daumen über ihren Ehering. Der Ring saß lockerer als vor der OP. An der Innenseite hatte er eine winzige Kerbe, vom Sommer, in dem sie im Garten Steine aus dem Beet geholt hatten und Sansa den Spaten nicht Kian geben wollte.
In den ersten Wochen zählte sie ihre Siege. Allein ins Bad. Allein zurück. Allein die Tablettendose öffnen. Allein eine Socke anziehen, auch wenn die zweite auf dem Boden blieb und Kian sie später aufhob, ohne hinzusehen.
Einmal, an einem Dienstag, fiel ihr im Wohnzimmer der Löffel herunter. Er landete unter dem Sofa. Sansa saß am Rand des Polsters, die Schultern nach vorn, die Hand auf den Verband gepresst. Kian stand in der Tür mit einem Korb Wäsche.
„Lass ihn“, sagte er.
„Nein.“
Sie schob den Fuß vor, als könne sie den Löffel mit der Spitze des Hausschuhs hervorziehen. Der Hausschuh traf nur Staub. Sie versuchte es noch einmal. Ihr Atem stockte. Kian stellte den Korb ab. Ein Hemd rutschte über den Rand und blieb halb draußen hängen.
„Sansa.“
„Ich schaffe das.“
„Ich weiß.“
Er kniete sich nicht sofort hin. Er blieb stehen. Das war seine Art, ihr die erste Niederlage nicht wegzunehmen. Sie versuchte es ein drittes Mal. Der Hausschuh streifte den Löffel. Metall schabte auf Holz, ein dünner Ton, klein und erbärmlich. Dann zog ein Schmerz durch sie, kurz und hell. Sie schloss die Augen.
Im Zimmer wurde es still. Draußen sprang eine Amsel durch den Schnee im Garten und schüttelte den Kopf, als ärgere sie sich über die Kälte. Die Heizung knackte wieder drei Mal. Kian kniete sich hin. Seine Knie machten ein dumpfes Geräusch auf dem Boden. Er griff unter das Sofa, holte den Löffel hervor, ging in die Küche und spülte ihn ab. Als er zurückkam, legte er ihn neben die Schüssel.
Sansa hielt den Blick auf ihre Hände gerichtet. Ihre Fingernägel waren kurz geschnitten, ungleichmäßig. Kian setzte sich auf den Boden, den Rücken an das Sofa. Nicht neben sie. Nicht vor sie. Unter ihr, fast wie eine Stufe.
Lange sagte keiner etwas. Im Flur summte der Kühlschrank. Irgendwo im Haus lachte ein Kind, dann schlug eine Tür. Sansa merkte, dass Kian sein rechtes Bein ausstreckte, langsam, weil sein Knie manchmal knackte. Er hatte gestern den Einkauf allein getragen und behauptet, die Tüten seien leicht gewesen. An seinem Pullover klebte ein Faden von ihrer Decke.
Sie zog daran. Der Faden löste sich nicht.
„Du musst nicht immer so tun, als wäre das nichts“, sagte sie.
Er drehte den Kopf nicht. „Du auch nicht.“
Der Satz blieb liegen. Sansa ließ den Faden los. Er kringelte sich auf seiner Schulter wie ein kleines Komma.
Später begann Kian, morgens den Gartenweg freizuschieben. Nicht den ganzen Garten, nur die drei Meter bis zur Bank unter dem kahlen Apfelbaum. Sansa sah ihm vom Wohnzimmer aus zu. Er trug die alte Mütze, die sie hässlich fand, und wickelte den Schal zweimal um den Hals, obwohl er dann aussah, als hätte er keinen Kopf. Der Schnee quietschte unter seinen Schuhen. Er schob, setzte ab, rieb sich den Nacken, schob weiter.
„Wofür?“, fragte sie, als er wieder hereinkam und die Handschuhe auf die Heizung legte.
„Für März.“
„Es ist Januar.“
„März kommt sonst auch ohne Einladung.“
Sie tat so, als ärgere sie der Satz. Am nächsten Morgen sah sie zuerst zum Gartenweg, noch bevor sie nach der Tasse griff.
Im Februar ging sie zum ersten Mal bis zur Terrassentür. Kian stand in der Küche und schnitt Brot. Das Messer klopfte auf das Brett, ruhig, zu ruhig. Sansa stützte sich am Türrahmen ab. Die Strecke vom Sofa bis zur Tür hatte früher vier Schritte gedauert. Jetzt hatte sie sieben gebraucht und eine Pause bei der Kommode, auf der die Post lag.
„Ich komme mit“, sagte Kian.
„Ich gehe nur bis zur Schwelle.“
„Dann komme ich bis zur Küche.“
Sie öffnete die Terrassentür. Kalte Luft strich über ihre Knöchel. Der Garten lag grau und weiß da. Auf der Bank unter dem Apfelbaum türmte sich Schnee, aber der Weg davor blieb frei. Kian hatte ihn jeden Morgen geräumt, auch an Tagen, an denen sie nicht aufstand.
Sansa trat hinaus. Ihr rechter Fuß fand die erste Steinplatte. Die zweite glänzte feucht. Sie hielt sich am Türrahmen fest. Kian kam nicht näher. Sie hörte nur, dass das Messer nicht mehr klopfte.
„Sag nichts“, sagte sie.
„Ich habe Brot im Mund.“
„Du hast kein Brot im Mund.“
„Gedanklich.“
Sie lachte nicht, aber ihr Mund vergaß für einen Augenblick die gerade Linie. Der Atem hing weiß vor ihr. Sie machte noch einen Schritt. Der Körper protestierte nicht laut. Er murmelte nur. Das reichte.
Bei der Bank stoppte sie. Kian hatte ein Handtuch daraufgelegt, zusammengefaltet, trocken unter einer umgedrehten Plastikwanne. Sie sah zurück ins Haus. Er stand im Küchenlicht, das Brotmesser in der Hand, die andere Hand flach auf der Arbeitsplatte. Seine Finger spreizten sich, als hielte er sich selbst fest.
„Du hast das geplant“, sagte sie.
„Das Handtuch musste irgendwohin.“
Sie setzte sich auf die Bank. Langsam. Der Apfelbaum über ihr hielt schwarze Äste in den Winterhimmel. An einem Zweig hing noch ein vertrocknetes Blatt, zusammengerollt wie ein Brief, den niemand abgeschickt hatte. Sansa legte beide Hände auf ihre Knie. Ihr Ehering war kalt.
Kian blieb an der Tür stehen. Zwischen ihnen lagen drei Meter geräumter Weg, zwei Monate Müdigkeit, ein Löffel unter dem Sofa, ein Fahrschein in einem Buch und viele Gläser, die immer genau dort standen, wo ihre Hand sie fand.
„Kian“, sagte sie.
Er hob den Kopf.
Sie hatte einen Satz bereit. Er war nachts gekommen, als die Heizung knackte und sie hörte, wie Kian im Wohnzimmer die Tablettenbox für den nächsten Tag füllte. Der Satz lag nun auf ihrer Zunge und passte nicht durch den Mund. Zu groß. Zu glänzend. Zu wenig wahr für alles, was klein gewesen war.
Also hob sie nur die Hand. Nicht hoch. Nur so weit, dass er es sah.
Er nickte. Dann bückte er sich, nahm ihre blaue Tasse vom kleinen Gartentisch neben der Tür und ging den geräumten Weg entlang. Er stellte die Tasse auf die Bank, nah an ihre linke Hand. Der Sprung am Henkel zeigte zu ihr.
Sansa legte den Daumen auf die warme Keramik. Kian setzte sich nicht. Er blieb vor ihr stehen, die Hände in den Taschen, Schnee an den Schuhsohlen. Im Haus klopfte das Messer nicht mehr. Im Garten fiel vom Apfelbaum ein Rest Schnee auf den freien Weg.




