Die Sommernacht-Legende vom Seeberg
Vera trat auf die Schwelle der Bootshütte. Planken glatt. Abgetreten rechts vom Eingang. Ein Sprung im Holz, geflickt vor langer Zeit. Im Dämmerlicht staubiger Tritt. Schemenhaft der alte Ruderbootrumpf, grau wie der Morgen nach einem Sturm.
Der See stand still. Kein Insekt über der Oberfläche. Die Luft roch nach Metall. Hinter der Hütte lag Stein, überwachsen vom Moos, altes Werkzeug eingerostet im Gras. Die kleine Glocke neben der Tür schwang langsam im Wind. Sie gab keinen Ton. Lorenz saß auf der Kiste. Schlanker Rücken. Seine Hände lagen auf den Knien, als hätte er lange gewartet. Er sah nicht auf.
„Du bist spät“, sagte er. Seine Stimme heiser, kaum über dem Wasser. Im Raum war es kühl, obwohl draußen die Nacht stand. Vera zog ihren Block hervor. Fragte nicht nach Tee. Das Protokoll lag griffbereit.
Im Dorf erzählten sie von einer Legende: In Mittsommernächten reiße der See auf. Nicht mit Licht. Mit einer Kälte, die keiner sehen könne. Wer darin etwas verlöre, finde es nie wieder. Vera hatte gelacht, als sie die Erzählung hörte. Sie suchte messbare Abweichungen. Temperaturschwankungen. Chemische Spuren im Sediment. Was blieb, war das Ziehen im Bauch, wenn jemand schwieg.
Sie begann Fragen zu stellen. Lorenz antwortete selten. Meistens reichte ein Nicken. Er wich nicht aus, doch er gab nur das preis, was er gelten ließ. Die Hütte war trocken. Auf dem Fensterbrett lag der Abdruck eines früheren Besitzers. Schwarze Dellen vom Tabak. Der See außen trüb, als läge eine Haut über dem Wasser. Vera notierte Zahlen.
Eine halbe Stunde verstrich. Von draußen kam das Geräusch gespannter Seile. Kein Boot, das zu sehen war. Zwei Fischerhaken hingen in der Wand. Einer war rostig, einer poliert. Der See begann zu riechen. Nicht nach Wasser. Nach verbranntem Holz, das keinen Ursprung hatte. Vera fasste an die Bank. Ihre Hände klebten kurz. Lorenz atmete flacher, als müsse er sich erinnern. Um Mitternacht bewegte sich das Wasser. Kleine Ringe, gegeneinanderlaufend, ohne dass Wind war. Ein einzelnes Blatt trieb kreisend auf die Bucht hinaus. Die Schatten der Ruder hingen schräg an der Wand. Ihr Verlauf stimmte nicht mit dem Licht überein.
Vera stand auf. Schaute hinaus. Ihr Magen zog sich zusammen. Der Wind roch bitter. Es war kein Wind, der spürbar war, aber die Nadelbäume bogen sich, als würden sie ins Wasser gezogen. Sie machte einen Schritt hinaus. Sand unter den Schuhen, feucht und kühl, als habe es geregnet. Es hatte nicht geregnet. Sie hörte Lorenz hinter sich.
„Warum kommst du?“, fragte er. Seine Finger alt, die Nägel schmal. Er hielt einen Stein, drehte ihn, immer weiter. Vera antwortete nicht. Sie nahm den Block. Schrieb. Die Haut an ihrem Handgelenk prickelte. Ihre Finger waren rot.
Der See öffnete sich nicht. Es war, als hätte sich etwas verschoben im Gleichgewicht. Ein Laut ging durch den Boden – dumpf, tief, als träfe einer einen unterirdischen Balken. Vera beugte sich vor. Der See lag ruhig. Doch ihr Gehör spielte ihr einen Fehler vor: Sie hörte Schritte über das Wasser. Kurz. Zwei. Dann nichts. Lorenz stand ganz nah bei ihr. Sah sie nicht an. Er drehte den Stein. Dann steckte er ihn in den Ärmel. Seine Stimme kratzte.
„Niemand will es wirklich wissen.“
Vera stieg zum Ufer. Mit jedem Schritt ein anderes Geräusch. Sand wurde Kies, dann weich, dann fest. Ein Geruch von kaltem Eisen. Ihre Schuhe schienen schwerer. Lorenz folgte nicht. Die Planken der Bootsanlage waren lose, an manchen Stellen eingesunken. Tiefschwarzes Wasser darunter. Ein Angelhaken baumelte an einer alten Leine. Sie griff hin. Ihre Finger zitterten. Die Luft drückte. Der Angelhaken war angenehm kühl. Sie ließ ihn fallen.
Etwas berührte ihr Bein. Nicht das Wasser. Ein Zug, als würde jemand an ihrer Wade ziehen. Sie trat zurück, fiel nicht. Ihr Herz schlug schnell. Sie blickte um sich. Der Himmel klar, doch es fehlte ein Stern. Einfach ausgelöscht. Keine Wolke, kein Dunst. Leerer Fleck.
Zurück in der Hütte roch es jetzt nach Erde, feucht, als liege etwas aufgetautes im Dielenboden. Sie setzte sich. Neben ihr ein Riss im Holz, zu schmal für einen Schlüssel, zu lang für einen Fehler. Lorenz rührte sich nicht. Die Mittsommernacht war still. Im Dorf schlugen keine Hunde an. Es war, als wäre das Wasser gefangen.
Vera legte den Block aus der Hand. Ihre Finger taub. Sie dachte an den Sommer ihrer Kindheit, als die Eltern noch ins Wasser gingen, fern von allen Mythen. Der Fischer schob einen Blecheimer näher. Drin Muscheln, geschlossene Schalen, eine war aufgeplatzt, das Fleisch grau, der Geruch fremd.
„Du könntest heute bleiben“, sagte Lorenz. Er sagte es nicht einladend. Es klang wie eine Frage, die jemand gestellt hat, bevor die Antwort schon feststand. Sie schüttelte den Kopf. Stehend wurde ihr schwindlig. Sie wollte nicht bleiben. Sie musste sehen, was geschehen würde, wenn sie ging.
Vera trat hinaus. Die Stille folgte ihr. Hinter ihr schlug eine Tür, langsam, immer wieder, obwohl kein Wind ging. Unten am Steg lag ein Seil, das sich selbst straffte, niemand hielt es. Am anderen Ende nichts. Der See spiegelte die Hütte. Doch in der Spiegelung fehlte Veras eigenes Bild. Nur der Steg. Die Schatten der Hütte waren anders gezogen als auf dem Land.
Vera stand zwischen Wasser und Dorf. Ihr Schatten auf den Steinen, zu lang, zu dünn für ihre Gestalt. In der Luft der Geruch von altem Ruß. Irgendwo, tief im See, knackte Holz. Das Dorf schlief. Der Fehler blieb im System. Sie betrachtete die Delle unter ihrer Haut, an der Wade, wie eine kleine Blase. Sie blickte nicht zurück. Ein Stern über dem See fehlte im Himmel. Der Geruch von Metall blieb in ihrer Nase. Keine Antwort. Nur das leise Schleifen von Bootshaken an langsam rostenden Nägeln.




