Samantha die schüchterne Fee
Im Winter, wenn die Nacht die Fenster leise kühlte und die Decken in den Kinderzimmern schwerer wurden, ging Samantha ihren ersten Mondlichtpfad. Er lag zwischen dem Feengarten und Lucas Fenster, dünn wie ein Gedanke, der sich nicht ganz traut. Unter ihren Füßen fühlte er sich kalt an, aber nicht unfreundlich. Eher wie eine Hand, die sagte: Geh nur.
Samantha ging. Ihre Flügel öffneten sich nicht ganz. Sie blieben halb gefaltet, als wollten sie lieber zuhören als tragen, und der Feenstaub rieselte ihr nicht hinterher, sondern nach vorn, über ihre Nase, in den Schal, bis sie dreimal niesen musste. Jedes Niesen nahm ihr ein winziges Stück Wärme aus den Fingerspitzen. Das war der Preis für den Weg. So war es eben.
Im Feengarten hatte die alte Wunschwurzel an diesem Abend ihren Namen geflüstert. Samantha hatte ihn gehört, obwohl sie gerade so tat, als würde sie Moos sortieren. Ein Kinderwunsch war reif geworden. Ihr erster. Die anderen Feen hatten genickt, als sei das nichts Besonderes, denn Kinderwünsche wachsen nicht nach Dienstplan, sondern nach Herzklopfen. Samantha aber hatte ihre Hände in die Ärmel geschoben, damit niemand sah, wie sehr sie zitterten.
Luca war fünf Jahre alt und schlief in einem Zimmer, in dem die Spielsachen bei Nacht ihre Plätze ein wenig veränderten. Er war mutig genug, im Dunkeln nach seinem Bären zu tasten, aber besorgt genug, vorher mit der Bettdecke zu verhandeln. Heute lag er auf der Seite, die Stirn in Falten, und hielt im Schlaf eine Hand offen, als wartete dort schon etwas.
Samantha setzte sich auf die Fensterbank. Das Holz war kalt. Der Wunsch lag neben Lucas Kopfkissen, klein zusammengerollt, nicht aus Papier und nicht aus Luft, sondern aus dem stillen Drücken in seiner Brust. Samantha berührte ihn mit zwei Fingern. Ein Kribbeln lief ihr bis in die Zähne. Der Wunsch schmeckte nach Mut, der noch nicht ausgepackt war.
Ich möchte morgen beim Lied im Kindergarten nicht so leise sein, sagte der Wunsch ohne Stimme.
Samantha schluckte. Sie konnte Tautropfen bitten, nicht zu fallen, und einmal hatte sie im Schlaf einen verlorenen Schatten an eine Maus zurückgenäht. Trotzdem kam ihr dieser Wunsch größer vor als der Mond. Denn Mut passte nicht einfach in eine Hand. Mut rutschte. Mut versteckte sich. Mut ließ sich nicht gern rufen.
Sie hob beide Hände. Ihre Flügel versuchten sich zu öffnen, schafften es bis zur Hälfte und klappten wieder ein. Der Feenstaub rieselte seitwärts unter das Bett. Dort hustete eine Socke. Samantha atmete ein, ganz langsam, und legte den Wunsch zwischen ihre Handflächen. Die Magie antwortete nicht sofort. Sie kam als Kälte in den Knien und als leiser Ton hinter den Ohren, so fein, dass Samantha beinahe weinte, weil er ihr vertraute.
Dann formte sie den Wunsch.
Es ging nicht richtig. Das merkte sie daran, dass ihre Daumen klebrig wurden. Mut sollte sich warm und weit anfühlen, hatte ihr die Wunschwurzel einmal gesagt, doch zwischen Samanthas Händen wurde etwas rund, glatt und schwerer, als ein Gedanke sein durfte. Ihr Bauch zog sich zusammen. Die Kälte aus ihren Knien stieg bis in den Hals. Als sie die Hände öffnete, lag darin ein Lolli.
Er war klein, gedreht und roch nach Apfeltee und Schneeluft. Am Stiel hing noch ein Rest von Lucas Wunsch, dünn wie ein Faden, der nicht abreißen wollte. Samantha starrte ihn an. Ihr erster Kinderwunsch. Ein Lolli. Nicht eine Stimme, die sich traut. Nicht ein Herz, das sich aufrichtet. Ein Lolli.
Luca bewegte sich. Samantha erstarrte so sehr, dass ihr linkes Flügelchen einen Krampf bekam. Er blinzelte, sah zur Fensterbank und dann auf ihre Hände. Kinder sehen Feen manchmal nur halb, doch die Hälfte genügt ihnen. Luca setzte sich vorsichtig auf, damit der Bär nicht vom Bett fiel.
„Ist der für mich?“ fragte er.
Samantha nickte, obwohl sie eigentlich sagen wollte, dass es ein Versehen war, dass sie es noch einmal versuchen könne, vielleicht, wenn ihre Knie wieder ihr gehörten. Aber ihre Stimme war vom Zaubern dünn geworden und blieb unter ihrer Zunge liegen.
Luca nahm den Lolli. Seine Finger berührten kurz Samanthas Hand, und in diesem Moment verlor sie noch ein wenig Kraft, so viel wie ein Seufzer wiegt. Dafür wurde Lucas Stirn glatter. Er roch an dem Lolli und lächelte langsam, als hätte jemand in ihm eine kleine Tür nicht geöffnet, sondern angelehnt.
„Der schmeckt bestimmt nach einem Lied“, sagte Luca.
Samantha wartete auf Enttäuschung. Sie wartete auf das Zusammenfallen des Wunsches, auf ein Ziehen in der Luft, auf den stillen Vorwurf, den Fehler manchmal hinterlassen. Nichts davon kam. Luca leckte einmal am Lolli. Er schloss die Augen. Seine Schultern, die im Schlaf noch bis zu den Ohren gekrochen waren, sanken ein Stück.
„Morgen singe ich erst leise“, murmelte er. „Und dann vielleicht ein bisschen mehr.“
Das Zimmer wurde nicht heller. Es musste nicht. Samantha spürte nur, wie der Wunschfaden am Stiel nicht riss, sondern sich um Lucas kleinen Finger legte, leicht und freundlich. Ihr eigener Atem kam zurück, etwas wackelig. Der Feenstaub unter dem Bett rieselte nun in die richtige Richtung, aber sehr müde.
Sie beugte sich vor und tippte mit der Fingerspitze an den Stiel. Es kostete sie ein Gähnen, das so groß war, dass ihre Augen feucht wurden. Mehr Magie hatte sie nicht. Mehr brauchte der Lolli nicht. Luca legte sich wieder hin, den Bären an die Seite gedrückt, den Lolli sicher in der Hand, als hielte er eine Antwort, die noch klein sein durfte.
Samantha nahm den Mondlichtpfad zurück. Ihre Flügel öffneten sich diesmal ein wenig weiter, nicht viel, nur so weit, dass die kalte Luft darunter passte. Auf halbem Weg musste sie sich auf eine schlafende Schneebeere setzen, weil ihre Knie zitterten. Der Feengarten wartete ohne Fragen. Das war seine Art, freundlich zu sein.
Vor dem letzten Schritt sah Samantha noch einmal durch Lucas Fenster. Er war wach genug, um zu lecken, und schläfrig genug, um nicht aufzustehen. Ein Mundwinkel zog sich hoch. Auf der Fensterbank, dort wo Samantha gesessen hatte, blieb ein winziger klebriger Kreis im Frost.



