Ork Gregor und Held Shifty
Gregor der Ork stand mitten auf dem Schlachtfeld und hielt eine Keule, die größer war als ein Zaunpfahl.
Er hob sie hoch.
Er brüllte.
Dann schnupperte er an seinem Ärmel.
Zwiebelsuppe.
Schon wieder.
Unter seinem Brustpanzer steckte ein zerknittertes Rezept. Es pikste ihn bei jedem Schritt. Gregor hätte es herausziehen können. Tat er aber nicht. Er drückte die Keule fester an sich, als wäre sie ein Kochlöffel.
Vor ihm krachten Schilde. Hinter ihm rief der Orkhäuptling: "Gregor! Draufhauen!"
Gregor rannte los.
Nicht geradeaus.
Ein bisschen links.
Dort qualmte ein umgekippter Suppenkessel. Niemand bewachte ihn. Das machte keinen Sinn. Ein Kessel ohne Koch war schlimmer als ein Drache ohne Feuer.
Gregor duckte sich hinter einen Wagen. Pfeile zischten über ihn hinweg. In dem Kessel schwammen drei Zwiebeln, ein Helm und ein Löffel.
"Helm raus", murmelte Gregor.
Er griff hinein. Der Helm klemmte. Gregor zog. Der Kessel kippte. Suppe schwappte in den Staub.
Sein erster Rettungsversuch war dahin.
Gregor starrte auf die nassen Spuren. Sie liefen nicht zum Graben. Sie liefen in den Wald.
Warum lief Suppe in den Wald?
Er folgte der Spur.
Auf der anderen Seite des Schlachtfeldes stand Shifty, der Held. Seine Rüstung glänzte so hell, dass zwei Bogenschützen daneben blinzelten. An seinem Gürtel hing ein Schwert. In seiner Tasche blubberte etwas.
"Nicht jetzt", flüsterte Shifty.
Die Tasche blubberte lauter.
Sein Sauerteig wollte raus.
Der König rief: "Shifty! Zeig ihnen Heldenglanz!"
Shifty zog sein Schwert. Mit der anderen Hand hielt er die Tasche zu. Das sah nicht heldenhaft aus. Das sah aus, als trüge er einen Frosch zum Mittagessen.
Ein Ork stürmte auf ihn zu. Shifty sprang zur Seite. Seine Tasche platzte auf.
Ein weißer Teigklumpen ploppte auf den Boden.
Der Ork trat hinein, rutschte, setzte sich hin und schaute beleidigt auf seine Füße.
Shifty nutzte die Lücke.
Er rannte.
Nicht zurück zum König.
Ein bisschen rechts.
Dort zog eine dünne Duftspur zum Wald. Warm. Zwiebelsüß. Kein Kampf roch so.
Shifty folgte ihr, das Schwert noch in der Hand und Teig an den Knien.
Zwischen den ersten Bäumen wurde der Lärm kleiner. Die Blätter hielten ihn fest. Gregor hörte nur noch seine Schritte und das leise Schmatzen seiner Stiefel im Suppenstaub.
Dann blieb er stehen.
Vor ihm stand ein Held.
Glänzende Rüstung. Schwert. Teig auf dem Knie.
Gregor hob die Keule.
Shifty hob das Schwert.
Beide schnupperten.
Gregor roch Brot, das noch gar kein Brot war.
Shifty roch Zwiebelsuppe, die gerettet werden wollte.
Die Keule sank ein Stück.
Das Schwert sank ein Stück.
"Hast du das gekocht?", fragte Shifty.
"Fast", sagte Gregor. "Hast du das gebacken?"
"Noch nicht."
Sie sahen auf die Spur im Gras. Suppe und Teig klebten zusammen. Sie zeigte tiefer in den Wald, als hätte jemand eine Speisekarte mit den Füßen geschrieben.
"Da lang?", fragte Shifty.
Gregor nickte zu schnell für einen Ork.
Sie gingen los. Erst mit Waffen in der Hand. Dann störte Gregors Keule an jedem Ast. Shiftys Schwert klirrte gegen jeden Stein.
"Wenn wir kämpfen müssen?", fragte Shifty.
Gregor hob die Keule.
Ein Eichhörnchen warf eine Nuss darauf. Klonk.
Gregor legte die Keule unter einen Baum. Shifty steckte sein Schwert daneben in die Erde. Die Klinge blieb schief stehen, als wollte sie auch Pause machen.
Der Wald roch nach warmem Harz und Zwiebel. Gregor ging schneller. Shifty stolperte hinterher, weil sein Teigrest am Stiefel zog.
Dann standen sie vor einer Hütte.
Die Tür hing offen.
Innen war ein Ofen. Auf dem Ofen lag ein Schild: "Nur für Holzfäller. Nicht für Drachen."
Aber es gab keine Holzfäller. Es gab nur einen kalten Topf, drei Pfannen und einen Sack Mehl mit einem Loch. Aus dem Loch rieselte eine weiße Spur bis zum Fenster.
"Jemand hat angefangen und ist weggerannt", sagte Shifty.
Gregor steckte den Finger in den Topf. "Zu wenig Salz."
Sie wollten Feuer machen.
Erster Versuch: Gregor pustete in die Asche. Asche flog hoch. Shifty wurde grau im Gesicht. Der Ofen blieb kalt.
"Du pustest wie ein Sturmangriff", hustete Shifty.
Gregor schaute in den Ofen. Die Asche lag nass am Boden.
Nass.
"Der Ofen zieht nicht", sagte er.
Shifty kletterte auf einen Hocker und griff in das Ofenrohr. Er zog ein Vogelnest heraus. Darin lag ein kleiner Löffel.
"Wer baut ein Nest mit Löffel?"
"Ein Vogel mit Geschmack", sagte Gregor.
Zweiter Versuch: Shifty knüllte trockenes Gras. Gregor spaltete Holz mit einem Pfannenrand. Sie schoben die Stücke so, dass Luft dazwischen blieb. Gregor pustete diesmal wie auf heiße Suppe.
Die Flamme fraß sich hoch.
Shifty grinste nicht. Er rannte zum Mehlsack.
"Brot braucht Ruhe", sagte er und knetete so schnell, als verfolgten ihn drei Könige.
"Suppe braucht Zwiebeln", sagte Gregor.
"Hast du welche?"
Gregor zog zwei aus seinem Helm.
Shifty starrte.
"Warum?"
"Falls Hunger angreift."
Draußen rumpelte es.
Beide duckten sich.
Ein kleiner Troll steckte den Kopf zur Tür herein. Er trug einen verbogenen Speer und schnupperte.
"Ist das eine Falle?", fragte er.
"Kommt drauf an", sagte Shifty. "Magst du Suppe?"
Der Troll trat näher. Hinter ihm schob sich ein Ritter mit verbeultem Schild heran. Dann ein Kobold. Dann ein Zauberer, dessen Hut rauchte.
Gregor griff nach der Pfanne.
Nicht zum Hauen.
Zum Rühren.
Shifty schnitt Teigstücke. Seine Rüstung quietschte bei jedem Griff. Der Troll legte den Speer an die Wand. Der Ritter sah das und stellte seinen Schild daneben. Der Kobold versteckte einen Dolch unter der Bank. Gregor zeigte auf ihn.
"Auf den Tisch."
Der Kobold seufzte und legte ihn neben den Löffel.
Es gab zu wenig Schüsseln.
Erster Plan: Jeder bekam eine Pfanne.
Das ging schlecht. Der Zauberer verbrannte sich die Ärmel. Der Troll trank aus der Pfanne und bekam Suppe auf die Nase.
Gregor sah die alten Helme am Fenster. Sie hatten Beulen, aber keine Löcher.
Zweiter Plan: Helmschüsseln.
Shifty wusch sie dreimal. Gregor prüfte jeden mit einem Löffelklopfen. Kling. Kling. Plonk. Den mit Plonk nahm er für Brotkrumen.
"Wie heißt der Laden?", fragte der Ritter mit vollem Mund.
Gregor sah zu Shifty.
Shifty sah zum Ofen.
Auf dem alten Schild stand noch immer: "Nicht für Drachen."
Gregor nahm Kohle und strich "Nicht" durch.
Shifty schrieb darunter: "Fresshütte für Helden und Bösewichte."
"Und für Hungrige", sagte der Troll.
Gregor malte einen Löffel dazu.
Draußen wurde das Schlachtfeld leiser. Oder der Wald schluckte den Krach. Einer nach dem anderen kamen sie: Orks mit müden Armen, Ritter mit leeren Mägen, Hexen, Knappen, ein Drache mit sehr kleinen Flügeln.
"Keine Feuer im Haus", sagte Gregor zum Drachen.
Der Drache nickte und setzte sich vorsichtig auf einen Baumstumpf.
Shifty holte das erste Brot aus dem Ofen. Die Kruste knackte. Alle Köpfe drehten sich.
Gregor stellte den Topf in die Mitte. Er roch nicht mehr nur nach Zwiebelsuppe. Er roch nach etwas, das noch einen Namen brauchte.
Der Orkhäuptling kam zuletzt. Der König kam gleich danach. Beide blieben in der Tür stecken, weil keiner zuerst zurückweichen wollte.
"Gregor!"
"Shifty!"
Gregor reichte zwei Helmschüsseln.
Shifty legte Brot darauf.
Der Häuptling nahm die Suppe. Der König nahm das Brot. Sie setzten sich an verschiedene Enden derselben Bank. Die Bank knarrte, hielt aber.
Gregor und Shifty saßen am selben Tisch. Zwischen ihnen lag ein Löffel, ein Brotmesser und ein Schild, auf dem noch ein nasser Kohlestrich glänzte.


