Mathilda und der Feuerdelphin
Im Schulkunstraum lag Ton auf den Tischen wie kleine graue Hügel. Mathilda drückte beide Daumen hinein, bis eine Mulde entstand.
»Das wird kein Wal«, sagte sie.
»Hat keiner gesagt«, murmelte Ben vom Nebentisch.
Mathilda zog den Ton lang. Vorn machte sie eine spitze Nase, hinten einen Schwanz, oben eine Flosse. Sie setzte den Delphin auf ihre Handfläche und drehte ihn langsam.
»Der guckt schräg«, sagte Ben.
»Der guckt schnell«, sagte Mathilda.
Sie nahm den Pinsel ganz nah an den Haaren. Erst kam Rot auf den Rücken, dann Orange an den Bauch. Sie wischte nicht, sie schob die Farbe, als müsste sie ein kleines Feuer an die richtige Stelle bringen. Ihre Finger bekamen Streifen. Rot an den Knöcheln. Orange unter dem Daumen.
Frau Brenner stellte eine Kiste auf den Tisch. »Wer fertig ist, legt sein Tier hier hinein. Es muss trocknen.«
Mathilda legte den Delphin nicht hinein.
»Meiner ist nicht fertig mit Gucken«, sagte sie.
Sie hob ihn bis vor ihr Gesicht. Der Delphin war Rot-Orange wie Feuer, aber nicht glatt. An einer Seite war eine kleine Delle von Mathildas Finger. Sie fand die Delle gut und sagte nichts dazu.
Als die Glocke ging, wickelte sie ihn in ein Stück Papier. Nicht ganz. Der Kopf sollte Luft haben. Dann legte sie ihn in ihre Schultasche, langsam, zwischen die Brotdose und den Turnbeutel.
»Als wäre er aus Gold«, sagte Frau Brenner.
Mathilda machte den Reißverschluss nur halb zu. »Gold schwimmt nicht.«
Draußen wartete Mama am Schultor. Sie hatte den Schal bis zum Kinn gezogen. Über dem Gehweg klebten gelbe Blätter.
»Na?«
»Nicht wackeln«, sagte Mathilda und hielt die Tasche mit beiden Händen.
Mama nahm ihr die Tasche nicht ab. Sie ging nur langsamer.
»Schwer?«
»Nein.«
»Dann trage ich sie nicht.«
»Hab ich auch nicht gefragt.«
Nach drei Häusern blieb Mathilda stehen. Sie holte den Delphin heraus und zog das Papier ab. Der Kopf war ein bisschen roter geworden, weil die Farbe an ihrer Hand geklebt hatte.
»Guck«, sagte sie.
Mama beugte sich runter. »Oh.«
»Nur oh?«
»Ich suche noch das richtige Wort.«
Mathilda hielt den Delphin höher. »Er springt durch Lava.«
Sie ließ ihn über die Mauer am Weg hüpfen. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal machte sie dazu ein Fauchen mit dem Mund, obwohl Delphine nicht fauchen. Mama hob die Hand, ließ sie aber wieder sinken.
»Der Ton ist noch jung«, sagte sie.
»Der ist sechs«, sagte Mathilda.
»So alt wie du?«
»Nein. Heute alt.«
Sie setzte den Delphin auf die Mauer, schob ihn nach vorn und ließ ihn mit der Nase durch ein trockenes Blatt tauchen. Das Blatt rutschte weg. Der Delphin kippte seitlich.
Es machte nur: knack.
Die Flosse lag neben Mathildas Schuh.
Mathilda hob den Delphin nicht sofort auf. Ihre Hand blieb in der Luft, so, als müsste sie noch wissen, was sie greifen sollte. Dann nahm sie ihn mit beiden Händen. Ganz vorsichtig. Ihr Mund wurde schmal.
»Ich hab doch gesagt«, begann Mama.
Mathilda sah nicht hoch.
Mama biss sich auf die Lippe und sagte nichts weiter.
»Er kann jetzt nicht mehr springen«, sagte Mathilda.
»Wir nehmen die Flosse mit.«
»Die ist ab.«
»Ja.«
Mathilda schluckte. Einmal. Noch einmal. Ihre Augen wurden nicht nass, aber sie blinzelte viel. Das Papier zitterte, als sie den Delphin wieder einwickelte. Die Flosse legte sie extra dazu, nicht hinein.
»Nicht anfassen«, sagte sie.
»Ich geh neben dir«, sagte Mama.
Zu Hause im Wohnzimmer stellte Mathilda die Tasche auf den Teppich. Dann setzte sie sich davor, ohne Jacke auszuziehen. Mama hängte ihre eigene Jacke weg. Mathildas ließ sie an.
Der Delphin lag auf dem Couchtisch. Rot-Orange. Ohne Flosse. Die Stelle war hell und rau. Dort, wo die Flosse gewesen war, sah man innen ein anderes Orange, tiefer und weicher als die Farbe außen.
Mama setzte sich nicht direkt neben Mathilda. Erst auf den Sessel. Dann auf den Boden, ein Stück entfernt.
»Kakao?«
»Nein.«
»Mit wenig Kakao?«
»Das ist dann Milch.«
»Stimmt.«
Mathilda schob den Delphin ein kleines Stück über den Tisch. Nicht bis zu Mama. Nur so, dass seine Nase in ihre Richtung zeigte.
Mama wartete. Dann fragte sie: »Darf ich gucken?«
Mathilda zog die Schultern hoch. »Nicht reparieren.«
»Nur gucken.«
Mama nahm den Delphin in die Hand. Sie hielt ihn unten am Bauch, wo Mathildas Finger keine Farbe gelassen hatten. Sie drehte ihn langsam, wie Mathilda es im Kunstraum getan hatte.
»Schau mal – da sieht man jetzt das Orange darunter. Das hätte man sonst nie gesehen.«
Mathilda rutschte näher. »Wo?«
Mama hielt den Delphin tiefer. »Da. An der Kante. Es sieht aus, als hätte er innen noch mehr Feuer.«
»Sag nicht, dass es schön ist.«
»Hab ich nicht.«
»Du wolltest.«
»Ein bisschen.«
Mathilda nahm die Flosse vom Tisch. Sie passte sie an die Stelle. Nicht ganz. Ein kleiner Spalt blieb.
»Kleber?« fragte Mama.
Mathilda schüttelte den Kopf.
»Später?«
»Vielleicht.«
Mama legte den Kleber trotzdem auf den Tisch. Mit geschlossenem Deckel.
Mathilda drehte die Flosse zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihre Hände waren noch immer rot-orange, besonders in den Falten. Sie drückte die Flosse nicht fest. Sie legte sie wieder hin.
»Wenn ich sie dran mache, sieht man das Orange nicht mehr«, sagte sie.
»Nein.«
»Dann ist er aber kaputt.«
»Ja.«
»Beides geht nicht.«
»Manchmal passt nicht alles gleichzeitig.«
Mathilda sah Mama kurz an. »Das ist ein doofer Satz.«
»Ich weiß.«
Da zog Mathilda die Jacke aus. Mama nahm sie und legte sie über den Stuhl, nicht ordentlich, nur weg.
»Wie heißt sowas? Wenn es nur einmal so ist?«
»Unikat«, sagte Mama.
»Uni-Kat.« Mathilda verzog den Mund. »Wie eine Katze in der Schule.«
»Vielleicht.«
»Feuerdelphin-Unikat«, sagte Mathilda. Das Wort war zu lang, also sagte sie es noch einmal leiser. »Feuerdelphinunikat.«
Am Abend trug sie ihn zum Fensterbrett. Draußen klebten die gelben Blätter dunkel am Weg. Mathilda stellte den Delphin so hin, dass die raue Stelle nach vorne zeigte. Mama reichte ihr die Flosse.
Mathilda nahm sie mit zwei Fingern und legte sie daneben. Ganz nah, aber nicht dran.
Der Kleber blieb auf dem Wohnzimmertisch. Auf dem Fensterbrett stand der rot-orange Delphin. Neben ihm lag die Flosse. Mathildas kleine Hand blieb auf dem Holz, Mamas große daneben, und keine nahm die Flosse weg.


