Der Läufer im Park
Petra lief jeden Morgen dieselbe Strecke, weil sie sonst den Rest des Tages nicht in den Griff bekam. Um fünf Uhr siebenunddreißig band sie ihre Schuhe. Um fünf Uhr sechsundvierzig schloss sie die Wohnungstür. Um fünf Uhr achtundfünfzig erreichte sie den Kiesweg am See, dort, wo die Birken so dicht standen, dass der Himmel in schmalen Streifen zwischen den Ästen hing.
Der Mann kam immer um sechs.
Nicht ungefähr. Nicht zwischen sechs und fünf nach. Wenn Petra an der niedrigen Mauer beim Entenhaus vorbeilief und ihr Atem sich noch leicht und gleichmäßig hielt, tauchte er am anderen Ende der Kurve auf. Er trug eine graue Laufjacke, schwarze kurze Hosen, egal wie kühl der Morgen war, und am rechten Fuß einen roten Laufschuh. Der linke Schuh war dunkelblau. Das fiel Petra am ersten Tag auf, weil kein vernünftiger Mensch so aus dem Haus ging, wenn er nicht musste.
Er lief nicht schnell. Er hatte einen engen, sauberen Schritt, die Arme nah am Körper. Kurz bevor er Petra passierte, hob er zwei Finger an die linke Hand, als wolle er auf eine Uhr tippen. Er trug keine Uhr. Dann nickte er nicht, lächelte nicht, sah sie nicht an. Zehn Meter weiter blieb er jedes Mal stehen, genau bei der Bank mit der fehlenden Latte, und sah über den See zur alten Bootsgarage.
Nach dem vierten Morgen rechnete Petra mit ihm. Nach dem zehnten Morgen änderte sie ihren Schritt, damit sie ihn an derselben Stelle traf. Das ärgerte sie. Sie war eine Frau, die Quittungen nach Monaten sortierte und ihren Kühlschrank so einräumte, dass nichts zweimal geöffnet werden musste. Sie wollte Ruhe. Trotzdem nahm sie den roten Schuh in ihren Morgen auf wie das Geländer an der Brücke, wie die Möwen auf dem Dach des Cafés am Parkrand.
Drei Wochen lang kam er.
Am zweiundzwanzigsten Morgen stand der Frühling schwer über dem See. Die Kastanien hatten Kerzen angesetzt. Auf dem Kies lagen helle Blüten, plattgetreten und feucht. Petra lief los, zählte nicht, hörte aber den Takt ihrer Sohlen. An der Mauer beim Entenhaus hob sie den Kopf.
Die Kurve blieb leer.
Sie lief weiter. Ihr rechter Fuß setzte falsch auf, als hätte jemand den Weg um ein paar Zentimeter verschoben. Bei der Bank mit der fehlenden Latte hielt sie an. Die Bootsgarage lag drüben am Wasser, die Tore geschlossen, ein Streifen Grünspan unter dem Dach. Kein Mann. Kein grauer Rücken. Kein roter Schuh.
Petra sah auf ihre Uhr. Sechs Uhr null zwei.
Sie lief den Rest der Runde zu schnell und kaufte im Café am Parkrand einen Kaffee, den sie nicht austrank. Die Bedienung wischte den Tresen, ohne Schmutz zu finden.
„Sagen Sie“, sagte Petra, „kennen Sie den Läufer, der morgens hier vorbeikommt? Graue Jacke. Ein roter Schuh.“
Die Bedienung sah zur Tür, als müsse sie prüfen, ob jemand eingetreten war. „Hier kommen viele Läufer vorbei.“
„Immer um sechs. Er bleibt bei der kaputten Bank stehen.“
„Um sechs haben wir noch nicht offen“, sagte die Bedienung. Es klang fertig, wie ein Schild an einer Tür. „Da sehe ich niemanden.“
Petra ging am nächsten Morgen wieder. Sie sagte sich nicht, dass sie ihn suchte. Sie band nur die Schuhe fester, nahm die flache Strecke am Wasser und verlangsamte an der Mauer. Um sechs blieb die Kurve leer. Am dritten Morgen danach stand sie bei der Bank und sah auf den Kies. Neben dem vorderen Bein klemmte ein rotes Gummistück, schmal wie ein abgerissener Rand von einer Sohle.
Sie hob es nicht auf. Sie fotografierte es.
Auf der Polizeiwache roch der Flur nach Papier und kaltem Automatenkaffee. Ermittler Siebert empfing sie an einem Schreibtisch, auf dem drei Stifte parallel lagen. Er war ein schmaler Mann mit kurzen Nägeln. Während Petra sprach, richtete er ein Formular an der Tischkante aus.
„Sie möchten also eine Vermisstenanzeige für einen Mann aufgeben, dessen Namen Sie nicht kennen“, sagte er.
„Ich möchte melden, dass er verschwunden ist.“
„Das nehmen wir ernst“, sagte Siebert. Zu glatt. Seine Hand lag schon auf der Maus. „Beschreiben Sie ihn bitte noch einmal.“
Petra beschrieb die Jacke, die Shorts, den roten rechten Schuh. Die Geste mit den zwei Fingern an der linken Hand. Den Halt bei der Bank.
Bei der Geste sah Siebert kurz nicht auf den Bildschirm. Nur eine Sekunde. Dann tippte er weiter.
„Hat er Sie je angesprochen?“
„Nein.“
„Sie ihn?“
„Nein.“
„Dann bleiben wir bei einer Beobachtung.“
Petra legte ihr Handy mit dem Foto des roten Gummistücks auf den Tisch. Siebert vergrößerte das Bild. Er sagte nichts. Dann druckte er ein Blatt aus und stand auf.
„Ich sehe mir den Ort an.“
Im Park ging Siebert nicht wie ein Spaziergänger. Er setzte die Füße an die Ränder des Weges und ließ den Blick über Bänke, Papierkörbe und Sträucher gleiten. Petra lief neben ihm und musste sich zurückhalten, nicht zu erklären, was sie schon erklärt hatte. An der Bank mit der fehlenden Latte kniete Siebert nieder. Das rote Gummistück steckte nicht mehr dort.
„Gestern war es da“, sagte Petra.
„Parkreinigung?“
„Die kommt freitags. Heute ist Mittwoch.“
Hinter ihnen klapperte Metall. Parkwächter Emil schob einen grünen Wagen mit Besen, Zange und Müllsäcken den Weg entlang. Er war Ende sechzig, mit einem Gesicht, das der Wind gegerbt hatte. Als Siebert ihn rief, stellte Emil den Wagen sofort ab. Nicht langsam. Sofort.
„Emil, wir suchen einen Läufer“, sagte Siebert. „Morgens um sechs. Graue Jacke, schwarze Hose, rechter Schuh rot.“
Emil sah Petra an, nicht Siebert. Sein Blick ging kurz zu ihrer rechten Hand, als erwartete er dort etwas.
„Rote Schuhe haben viele“, sagte er. „Die Läden verkaufen nur noch bunte Sachen.“
„Nur ein roter Schuh“, sagte Petra.
Emil zog die Lippen ein. „Dann hat er wohl einen Grund gehabt.“
„Kennen Sie ihn?“
„Ich kenne den Park“, sagte Emil. „Nicht alle Menschen darin.“
Das war der zweite Satz an diesem Tag, der zu gut passte.
Siebert ließ sich die Dienstpläne der Parkwache geben. Emil war in den letzten drei Wochen jeden Werktag ab halb sechs im Park gewesen. Die Kamera am Café zeigte den Weg bis zur Mauer beim Entenhaus, aber nicht die Kurve. Die Kamera an der Bootsgarage hätte die Bank erfasst. Sie war seit drei Wochen defekt.
„Feuchtigkeit“, sagte Emil, als Siebert ihn darauf ansprach. „Im Frühling passiert das.“
„Genau seit drei Wochen?“
„So steht es im Wartungsheft.“ Emil reichte das Heft hin. Seine Finger verdeckten kurz das Datum.
Siebert nahm das Heft mit. Auf der Wache legte er Kopien nebeneinander. Petra saß ihm gegenüber, obwohl er sie nicht dazu aufgefordert hatte. Er glich ihre Zeiten mit den Bildern aus der Café-Kamera ab. Jeden Morgen sah man Petra von links ins Bild laufen. Jeden Morgen um sechs Uhr null null wandte sie den Kopf zur Kurve. An manchen Tagen machte sie einen halben Schritt nach rechts, als weiche sie jemandem aus.
Niemand kam ihr entgegen.
Siebert sah sich die Aufnahmen zweimal an. Beim dritten Mal stellte er den Ton aus, obwohl es keinen Ton gab.
„Das reicht nicht“, sagte er.
„Wofür?“
„Für das, was Sie hören wollen.“
„Ich will nichts hören.“ Petra sah auf ihre Hände. Unter einem Fingernagel hing ein schwarzer Halbmond Erde von der Bank, obwohl sie dort nichts angefasst hatte.
Siebert zog eine alte Akte aus dem Archiv, weil Ordnung ihn beruhigte und unpassende Dinge ihn nicht losließen. Petra erfuhr das später. Zuerst rief er sie nur an und bat sie, in das Café zu kommen, nicht auf die Wache. Es war fünf Uhr nachmittags. Der Park wirkte falsch mit so vielen Menschen darin. Kinder warfen Brot ins Wasser. Ein Hund bellte gegen sein Spiegelbild.
Siebert saß am hinteren Tisch. Vor ihm lag eine Kopie, oben gelocht, die Ränder grau. Darauf sah Petra einen Mann in einer Laufjacke. Das Bild war unscharf, aus einem Ausweis oder einer Zeitung gescannt. Er hatte helles Haar, eine schmale Nase, den Mund leicht geöffnet, als habe jemand ihn mitten in einem Satz fotografiert.
„Tobias Renz“, sagte Siebert. „Vermisst seit April vor neun Jahren. Letzter bekannter Aufenthalt: Stadtpark. Er lief morgens am See. Ein Zeuge gab an, er habe ihn um sechs Uhr bei der Bootsgarage gesehen.“
Petra legte den Finger nicht auf das Foto. Sie hielt ihn darüber. „Der Schuh?“
Siebert schob ein zweites Blatt hin. Liste persönlicher Gegenstände. Graue Jacke. Schwarze kurze Hose. Laufschuhe, Modell verschiedenfarbig nach Reklamation: rechts rot, links blau.
„Wer war der Zeuge?“
Siebert sah durch die Scheibe des Cafés. Draußen hob Emil mit der Zange einen Pappbecher auf. Er tat es langsam, sorgfältig, als führe er etwas vor.
„Emil Kröger“, sagte Siebert.
Am nächsten Morgen ging Petra nicht laufen. Sie stellte sich um fünf Uhr fünfzig an die Mauer beim Entenhaus. Siebert stand zehn Meter hinter ihr zwischen den Birken. Er trug keinen Kaffee, keine Mappe, nichts, woran man ihn von einem Mann unterscheiden konnte, der nur wartete.
Um sechs kam Emil.
Er schob seinen Wagen nicht. Er ging ohne Besen und ohne Zange den Weg entlang, die Hände in den Taschen. Bei der Bank mit der fehlenden Latte blieb er stehen. Er hob zwei Finger an die linke Hand. Dort saß keine Uhr.
Petra hörte ihren eigenen Atem und den Kies unter Sieberts Schritt.
„Herr Kröger“, sagte Siebert.
Emil drehte sich nicht um. „Er kommt nicht mehr.“
„Wer?“
„Der, den sie gesehen hat.“
Siebert trat neben ihn. „Warum nicht?“
Emil sah über den See zur Bootsgarage. An ihrem Tor hing seit Jahren ein Schloss. Rost hatte den Bügel dick gemacht. „Weil sie jetzt hingesehen hat.“
In Emils Geräteschuppen fanden sie später einen Karton mit Wartungsheften, alten Zeitungsausschnitten und einer Plastiktüte aus einem Sportgeschäft, das es seit sieben Jahren nicht mehr gab. In der Tüte lag ein rotes Stück Sohlenrand. Trocken. Sauber. Zu sauber für etwas, das angeblich im Frühling neben einer Bank gesteckt hatte.
Emil sagte auf der Wache wenig. Er gab zu, Tobias Renz an jenem Morgen vor neun Jahren gesehen zu haben. Er gab zu, die Kamera an der Bootsgarage nicht repariert zu haben. Er sagte nicht, warum er damals in seinem Bericht eine andere Uhrzeit eingetragen hatte. Er sagte auch nicht, warum er in den letzten drei Wochen jeden Morgen um sechs zur Bank gegangen war, wenn Petra längst glaubte, einen anderen Mann zu sehen.
„Ich habe ihn nicht angefasst“, sagte Emil einmal. Es klang nicht wie eine Antwort auf eine Frage, die jemand gestellt hatte.
Siebert ließ den Bereich an der Bootsgarage absperren. Taucher kamen. Männer in weißen Anzügen knieten im Gras. Sie fanden eine verrostete Armbanduhr ohne Band zwischen den Wurzeln am Ufer, direkt gegenüber der kaputten Bank. Die Uhr stand auf sechs Uhr null eins. Das Glas hatte einen Sprung, der von der Mitte bis zur Zwölf lief.
Eine Woche später bekam Petra ihre Aussage zur Unterschrift. Siebert legte die Seiten ordentlich vor sie hin. In der letzten Zeile stand, sie habe eine Person beobachtet, die der Beschreibung des seit neun Jahren vermissten Tobias Renz entspreche. Petra las den Satz dreimal.
„Das ist die Erklärung?“ fragte sie.
Siebert schloss die Akte nicht. „Das ist das, was wir belegen können.“
Sie unterschrieb.
Am nächsten Morgen lief Petra wieder. Sie wollte ihre Strecke zurückhaben, ihren Takt, die Birken, den See, den Ärger über die Brotkrumen am Entenhaus. Um sechs Uhr erreichte sie die Mauer. Die Kurve blieb leer. Bei der Bank hielt sie nicht an, aber ihr Kopf wandte sich von selbst.
Die fehlende Latte war ersetzt worden. Das neue Holz war heller als der Rest.
Auf dem Kies neben dem vorderen Bein lag ein einzelner Abdruck. Nur rechts. Profil eines Laufschuhs, tief in der feuchten Erde, mit einer schmalen Lücke am Rand, dort, wo ein rotes Stück fehlen konnte.
Petra lief weiter. Zehn Meter. Zwanzig. Dann hob sie zwei Finger an die linke Hand, als wolle sie auf eine Uhr tippen, und merkte es erst, als ihre Haut schon unter den Fingern nachgab.




