Die Wandergruppe
Sara kam drei Minuten zu früh zur Bushaltestelle am Talrand und stellte sich nicht zu den anderen. Sie las den Fahrplan, obwohl sie ihn am Morgen ausgedruckt, gefaltet und in die Seitentasche ihrer Jacke gesteckt hatte. Der gelbe Zettel trug einen Kaffeering, genau über der Rückfahrt um 17:10 Uhr. Sie strich mit dem Daumen darüber, als ließe sich die Zeit glätten.
Sie hatte sich für diese Frühlingswanderung angemeldet, weil ihre Wohnung nach Farbe roch. In der Küche stand noch der Eimer vom gestrigen Streichen. Auf dem Fensterbrett lagen zwei Schrauben, die niemand mehr brauchte. Sie wollte laufen, bis die Gedanken mit den Schuhen mithalten mussten.
Die anderen kamen einzeln. Eine Frau mit lila Stirnband zählte ihre Müsliriegel. Ein älterer Mann fotografierte schon die Bushaltestelle. Zwei Studentinnen verglichen ihre Wasserflaschen. Der Wanderführer, ein Mann mit weißem Bart und roten Wangen, hielt eine Liste auf einem Klemmbrett.
Markus stieg aus einem Kleinwagen, schloss die Tür leiser, als nötig gewesen wäre, und blieb kurz mit der Hand auf dem Dach stehen. An seinem Rucksack hing ein blauer Emaillebecher, der bei jedem Schritt gegen den Karabiner schlug. Klang. Pause. Klang. Sara hörte es, ohne hinzusehen.
Er hatte die Nacht kaum geschlafen, aber das stand ihm nicht ins Gesicht geschrieben. Es stand in der Art, wie er den Riemen seines Rucksacks zwei Mal nachzog, obwohl er schon fest saß. In der Außentasche steckte ein Taschenbuch mit aufgequollenem Rand. Er schob es tiefer hinein, als der Wanderführer seinen Namen aufrief.
»Markus?«
»Hier.«
»Sara?«
Sie hob die Hand. Markus sah zu ihr, aber nur so lange, wie man zu einem Namen schaut. Eine Frau in einer dunkelgrünen Jacke, braune Haare unter einer Mütze, an deren Rand ein Faden lose hing. Mehr nahm er nicht mit. Sara sah an ihm vorbei auf die Straße. Breite Schultern unter grauem Stoff, Staub auf dem linken Schuh, der blaue Becher. Mehr nicht.
Der Bus brachte sie bis zum Einstieg des Bergpfads. Acht Fremde stiegen aus. Hinter ihnen schnaufte der Motor, vor ihnen zog der Weg in Serpentinen durch Wiesen, auf denen der Schnee an den schattigen Stellen noch in dünnen Streifen lag. Krokusse drängten sich an den Rand des Pfads. Aus dem Wald klopfte ein Specht, drei schnelle Schläge, dann nichts.
Der Wanderführer hob seinen Stock. »Zwei Stunden bis zum Gasthof. Wir bleiben zusammen, aber jeder läuft sein Tempo, solange man die Gruppe sieht. Oben gibt es Suppe.«
Sara steckte den Fahrplan tiefer in die Tasche. Markus schob die Sonnenbrille auf die Nase. Sie gingen los.
Zuerst lief Sara hinter den Studentinnen. Die beiden redeten über eine Prüfung und lachten an Stellen, an denen Sara den Faden verlor. Sie blieb zurück, um ihre Jacke zu öffnen. Als sie weiterging, hörte sie den Emaillebecher. Klang. Pause. Klang.
Markus war neben ihr, nicht nah, nicht fern. Zwischen ihnen passte ein schmaler Bach, wenn einer da gewesen wäre.
Sie sahen beide auf den Weg. Der Pfad war feucht, Wurzeln lagen blank, und in den Mulden stand braunes Wasser. Markus setzte den Fuß auf einen Stein, Sara auf denselben Stein, einen Atemzug später. Er griff nach einem Ast, um sich zu halten. Sie griff nach dem Ast, als er ihn losließ. Ihre Hände berührten sich nicht.
Nach der ersten Steigung blieb die Gruppe an einer Bank stehen. Niemand setzte sich. Alle tranken. Sara stellte ihre Flasche auf den Rand der Bank und drehte den Verschluss drei Mal, bevor sie trank. Markus bemerkte es. Drei Drehungen, dann ein kurzer Blick in die Ferne, als müsste sie prüfen, ob der Berg noch da war.
Sara bemerkte, wie Markus stand, wenn er hinaus ins Tal sah. Er verlagerte das Gewicht auf den rechten Fuß, die linke Hand locker am Rucksackriemen, das Kinn einen Fingerbreit gehoben. Nicht wie jemand, der eine Aussicht abhakt. Eher wie jemand, der eine Antwort dort draußen vergessen hatte.
»Ist das der Weg zum Grat?«, fragte sie, weil der Wanderführer gerade mit dem älteren Mann über Murmeltiere sprach und die Studentinnen Selfies machten.
Markus nahm die Karte aus der Jackentasche. Sie war an den Falten weich geworden. »Nein. Der Grat kommt später. Hier geht es erst zur Alm.«
»Gut.«
»Wollten Sie zum Grat?«
Sara wartete. Ein Specht klopfte im Wald. Sie setzte die Flasche ab. »Ich wollte nur wissen, wann man merkt, dass man falsch läuft.«
Markus sah auf die Karte, obwohl er den Satz verstanden hatte. »Meistens zu spät. Aber hier gibt es Markierungen.«
Sie nickte. »Dann ist ja alles in Ordnung.«
Er faltete die Karte sauberer, als Papier es verdient hatte. »Ja. Alles in Ordnung.«
Sie gingen weiter. Die Gruppe zog sich auseinander. Der Wanderführer blieb vorn, sein Stock schlug trocken auf Steine. Das lila Stirnband hielt dicht hinter ihm. Der ältere Mann kniete bei jedem zweiten Blümchen. Sara und Markus fanden sich wieder im selben Abstand, als hätten ihre Schritte sich abgesprochen, ohne die beiden zu fragen.
Bei einer schmalen Holzbrücke über einen schäumenden Bach blieb Sara stehen. Das Wasser riss weiße Fäden um die Felsen. Sie legte die Hand auf das Geländer. An ihrem Handgelenk trug sie eine alte Uhr mit zerkratztem Glas und braunem Lederband. Die Zeiger liefen, aber eine Ecke des Glases fehlte.
Markus blieb auf der anderen Seite der Brücke stehen. »Geht es?«
»Ja.« Sie trat noch nicht los.
Er sagte nichts. Das Wasser füllte die Lücke zwischen ihnen. Der blaue Becher an seinem Rucksack schwieg, weil er stillstand. Sara sah auf seine Schuhe. Schlamm am linken Rand, ein gelber Grashalm am rechten Schnürsenkel.
»Ich mag Brücken nicht besonders«, sagte sie.
»Ich mag sie, wenn ich schon drüben bin.«
Sie sah auf. Sein Mund blieb ernst, aber an einem Auge zog sich eine kleine Falte zusammen. Sara ging über die Brücke. In der Mitte federte das Holz unter ihrem Gewicht. Markus griff nicht nach ihr. Er legte nur seine Hand auf den Pfosten, so dass sie wusste, wo etwas Festes war.
Auf der anderen Seite zog sie die Ärmel über die Handgelenke. »Danke.«
»Ich habe nichts gemacht.«
»Eben.«
Er antwortete nicht. Der Specht klopfte wieder, weiter oben jetzt, als hätte er den Hang mit ihnen gewechselt.
Der Weg wurde steiler. Erde klebte an den Sohlen, und der Atem der Gruppe zerfiel in einzelne Geräusche. Sara zählte manchmal Schritte, wenn sie nicht denken wollte. Zwanzig bis zur nächsten Kurve. Fünfzehn bis zum Stein mit Moos. Sie merkte, dass Markus neben ihr im selben Takt atmete. Nicht laut. Nur hörbar, wenn der Wind nachließ.
»Sie laufen schnell«, sagte er.
»Sie auch.«
»Ich dachte, ich bremse schon.«
Sie blieb nicht stehen. »Ich auch.«
Beide sahen auf den Pfad. Zwischen den Wurzeln lag eine Münze aus altem Eis. Sara trat daneben. Markus trat daneben. Oben rief der Wanderführer etwas über Lawinenreste, doch der Wind schnitt die Worte klein.
Am Berggasthof roch es nach Brühe, nassem Holz und Kaffee. Die Terrasse lehnte sich an den Hang, dahinter standen die Gipfel mit Schnee in den Rinnen. In den Blumenkästen steckten Primeln, gelb und violett, noch klein vom kalten Morgen. Die acht Fremden setzten sich an zwei Tische.
Sara nahm den Platz am Rand, von dem aus sie den Weg zurück sehen konnte. Markus setzte sich nicht neben sie, sondern gegenüber, weil dort ein Stuhl frei war. Er hängte den Rucksack an die Lehne. Der Emaillebecher schlug gegen das Holz. Klang. Einmal.
Der Wirt brachte Suppe in tiefen Tellern. Sara hielt den Löffel erst über der Schüssel, bis der Dampf ihre Finger feucht machte. Markus riss ein Stück Brot auseinander und legte die größere Hälfte unauffällig an den Rand ihres Tellers.
»Ich habe Brot«, sagte sie.
»Das lag im Weg.«
»Auf meinem Teller?«
»Gefährliche Gegend hier oben.«
Sie schob das Stück nicht zurück. Er sah es und wandte sich dem Tal zu, als ginge ihn das nichts an.
Nach dem Essen stand Sara an der Brüstung. Unter ihnen lag der Pfad wie eine dünne Naht im Hang. Sie holte den gelben Fahrplan aus der Tasche. Der Kaffeering hatte sich durch die Feuchtigkeit dunkler gefärbt. 17:10 Uhr. Sie rechnete den Abstieg, die Pause, die Gruppe. Es passte, wenn niemand trödelte.
Markus trat neben sie. Nicht zu nah. Sein Schatten berührte den ihren an der Spitze.
»Sie schauen oft auf die Uhr«, sagte er.
Sie drehte das Handgelenk weg. »Sie schauen oft, als würden Sie gleich gehen.«
Er zog den Rucksackriemen an seiner Schulter gerade, obwohl er ohne Rucksack dastand. »Berufskrankheit.«
»Was arbeiten Sie?«
»Ich bringe Dinge zu Ende.«
Sie sah ihn an.
Er atmete durch die Nase aus. »Bauleiter. Und Sie?«
»Ich zeichne Räume, in denen andere Leute wohnen wollen.«
»Architektin?«
»Innenarchitektin. Meistens Küchen. Man erfährt viel über Menschen, wenn sie über Schubladen streiten.«
»Und was erfährt man über mich?«
Sie hätte sagen können: dass Sie die Karte falten, als müsste sie Ihnen verzeihen. Dass Sie Brot abgeben und so tun, als sei es ein Unfall. Stattdessen schob sie den Fahrplan zurück in die Tasche.
»Sie würden die Messer nicht neben den Herd legen.«
Er nickte langsam. »Nein. Zu nah am Griff.«
Beide sahen über das Tal. Aus der Küche klirrte Geschirr. Irgendwo lachte das lila Stirnband. Der Wind hob einen losen Faden an Saras Mütze. Markus sah den Faden. Er hob die Hand nicht.
Der Abstieg begann mit Sonne im Rücken. Der Schnee in den Rinnen glänzte härter, und das Wasser auf dem Weg lief schneller. Die Gruppe sprach weniger. Knie und Konzentration fraßen die Sätze.
An der Holzbrücke ging Sara diesmal ohne Halt hinüber. Markus kam hinter ihr. In der Mitte blieb sie für einen Atemzug stehen, nicht wegen der Brücke. Unten schlug Wasser gegen Stein. Er hielt Abstand, bis sie weiterging.
»Schon drüben?«, fragte er.
»Noch nicht ganz.«
»Aber näher.«
Sie antwortete erst, als der Pfad wieder Erde unter den Füßen hatte. »Ja.«
Der Satz blieb zwischen ihnen und ging mit. Ein gewöhnliches Wort, schwerer als die Trinkflasche.
Weiter unten verlor der ältere Mann eine Objektivkappe. Alle suchten im Gras. Sara fand sie unter einem Huflattichblatt. Als sie sich aufrichtete, stand Markus drei Schritte entfernt und sah nicht auf die Kappe, sondern auf ihre Uhr. Das zerkratzte Glas fing Licht. Eine Zeigerstellung, ein Sprung, ein kleines Stück fehlende Zeit.
»Geerbt?«, fragte er.
Sie schloss die Hand darüber. »Von meinem Vater. Sie geht fünf Minuten nach.«
»Absichtlich?«
»Inzwischen ja.«
Er nickte, als könne er mit dieser Antwort arbeiten. Dann rief der Wanderführer zum Weitergehen.
Der letzte Abschnitt führte durch Obstwiesen. Die Bäume trugen Knospen, manche schon weiße Blüten wie kleine Papierstücke. Im Tal sah man die Straße, die Bushaltestelle, das Schild mit dem grünen H. Ein Bus stand noch nicht da.
Sara hätte schneller gehen können. Markus auch. Beide taten es nicht. Der Wanderführer und fünf der anderen waren schon voraus. Der ältere Mann blieb bei ihnen, bis er einen Vogel hörte und mit dem Fernglas abbog. So gingen Sara und Markus allein die letzten Kehren hinunter.
»Wenn Ihre Uhr nachgeht«, sagte Markus, »warum schauen Sie dann so oft darauf?«
Sie trat über einen Stein. »Weil sie mir gehört.«
»Das ist ein guter Grund.«
»Und Sie? Warum tragen Sie einen Becher, den Sie nie benutzen?«
Er griff nach dem Emaillebecher. Sein Daumen fuhr über eine abgeplatzte Stelle am Rand. »Den hatte mein Bruder auf jeder Tour dabei. Jetzt macht er Lärm für zwei.«
Sara nickte. Kein Bedauern, keine Frage. Nur ein Nicken, das am Ende etwas langsamer wurde. Markus sah es und schaute den Weg hinunter.
An der Bushaltestelle standen die anderen bereits. Der Wanderführer zählte wieder sein Klemmbrett. Ein Motor brummte hinter der Kurve. Sara steckte die Hand in die Tasche, fand den gelben Fahrplan, ließ ihn aber stecken.
Der Bus kam, Türen zischten auf, Stimmen stiegen ein. Das lila Stirnband winkte. Der ältere Mann fehlte noch, tauchte dann aber mit roten Wangen auf und kletterte hinein. Der Wanderführer rief: »Alle da?«
Markus stand neben dem Fahrplanschild und las die Abfahrten. Sara stand einen Schritt entfernt und sah auf den Kaffeering ihres Zettels. Beide hörten die Frage. Keiner antwortete schnell genug.
Der Busfahrer schloss die Türen. Der Motor knurrte. Der Bus zog an, langsam, als müsste er sich aus dem Nachmittag lösen. Hinter der Scheibe hob jemand die Hand. Dann bog der Bus auf die Straße und wurde kleiner zwischen den Obstbäumen.
Stille blieb zurück. Nicht leer. Nur groß.
Sara sah dem Bus nach. Markus auch. Der blaue Becher an seinem Rucksack schwang einmal aus und stieß gegen den Karabiner. Klang.
Sie hätten rufen können. Sie hätten laufen können. Der Bus war noch nicht weit. Sara machte einen halben Schritt, mehr nicht. Markus zog die Schultern an, als bereite er sich auf einen Sprint vor, und blieb stehen.
Dann sahen sie einander an.
Keiner wirkte ausreichend erschrocken.
Markus räusperte sich. »Der nächste?«
Sara zog den Fahrplan heraus, faltete ihn auf und strich über den Kaffeering. »Achtzehn Uhr zehn.«
»Eine Stunde.«
»Ungefähr.«
Er schaute die Straße hinauf zum Berggasthof-Schild am alten Wegweiser. »Der Gasthof hat vielleicht noch offen.«
Sie wartete, bevor sie antwortete. Er sah es jetzt jedes Mal: dieses kleine Innehalten, als würde sie die Tür in sich erst einen Spalt öffnen und prüfen, wer davorsteht.
»Vielleicht«, sagte sie.
»Kaffee?«
»Um diese Uhrzeit?«
»Gefährliche Gegend.«
Sie legte den Fahrplan zusammen, langsamer als nötig. »Dann sollten wir vorsichtig sein.«
Sie gingen nicht sofort los. Zwischen ihnen stand die Bank der Haltestelle, grau, mit eingeritzten Namen und einer Schraube, die halb herausragte. Sara setzte sich. Markus blieb stehen, dann setzte er sich ans andere Ende. Nicht weit. Nicht nah. Der Abstand passte genau für den blauen Becher zwischen ihnen.
Eine Minute lang sagte niemand etwas. Von der Straße kam kein Auto. Aus der Wiese stieg der Geruch von nasser Erde. Ein Insekt kroch über den gelben Fahrplan auf Saras Knie und blieb auf der Zahl 18:10 sitzen. Markus sah darauf. Sara auch. Keiner verscheuchte es.
Dann nahm Sara ihre alte Uhr ab und legte sie neben den Fahrplan auf die Bank. Das zerkratzte Glas fing den hellen Rest des Tages. Markus löste den Emaillebecher vom Karabiner und stellte ihn daneben, mit der abgeplatzten Stelle zu ihr hin.
Oben am Hang klopfte der Specht drei Mal. Danach hörte man nur den Bach, weit weg, und zwei Menschen, die noch nicht aufstanden.


