Frühjahrsmüdigkeit
Vera begann an einem Montag im April. Die Reha-Klinik lag am Rand der Stadt, ein flacher Bau mit langen Fluren und einer Gartenanlage, in der die Forsythien so gelb standen, als hätte jemand Farbe an die Hecke gekippt. Auf dem Weg zum Personaleingang zählte sie die Fenster im Ostflügel. Sie tat das nicht absichtlich. Sie zählte Dinge, wenn sie neu irgendwo war.
Im Umkleideraum legte sie ihre Uhr in das obere Fach, richtete die Schuhe parallel aus und schob den Spind zu, bis das Schloss sauber einschnappte. Sie hatte sich vorgenommen, in dieser Stelle nicht aufzufallen. Sechs Monate Probezeit. Keine alten Geschichten mitbringen. Dienstplan lesen, Übergaben mitschreiben, keine Fragen stellen, die nach Kritik klangen.
Um halb zehn saßen die ersten Patienten im Aufenthaltsraum. Zehn Menschen in Trainingshosen, zwei Rollatoren, eine Kanne Tee. Draußen schlug ein Gärtner mit der Hacke gegen einen Stein. Drinnen hingen die Köpfe tief. Nicht alle. Aber zu viele.
Vera blieb neben dem Türrahmen stehen und sah auf die Stühle. Herr Lenz, Hüft-TEP, schlief mit offenem Mund. Frau Küster hielt eine Zeitung vor sich, ohne die Seite zu wenden. Herta Baumann saß am Fenster, die Hände über dem Griff ihres Stocks. Ihre Augen standen offen. Sie sah nicht in den Garten. Sie sah in die Scheibe.
„Frühjahrsmüdigkeit“, sagte Miriam, die examinierte Pflegekraft aus der Frühschicht, und drückte Vera einen Stapel Kurven in die Hand. „Jedes Jahr dasselbe. Sobald die Sonne kommt, klappen sie uns weg.“
Vera nickte. Sie schrieb sich den Satz auf den Rand ihres Übergabeblatts. Nicht weil sie ihn glaubte. Weil er wiederkommen würde.
Im Medikamentenraum roch nichts nach Klinik, nur nach Papier und desinfizierten Händen. Vera mochte den Raum sofort. Alles hatte einen Platz: die Tablettenwagen links, die Patientenschütten nach Zimmernummern, die Bedarfsmedikation in einem weißen Schrank mit grauen Griffen. An der Wand hingen die Formulare für nicht planmäßige Gaben, oben eine Klammer, unten ein Datumsfeld.
Bei Herta Baumann, Zimmer 214, fehlte ein Formular.
Nicht ein Blatt im Ordner. Nicht eine Unterschrift. Ein ganzer Vorgang. In der Kurve stand kein Beruhigungsmittel. Im Computer stand keins. Im Fach für Herta lag eine Blisterkarte Lorazepam, und in der Reihe fehlte eine Tablette, sauber herausgedrückt, die Alufolie wie ein kleiner silberner Mund.
Vera zog die Schütte heraus, schob sie wieder hinein und tat es noch einmal. Dann nahm sie den Ordner, blätterte langsam zurück. Montag. Sonntag. Samstag. Kein Eintrag. Kein Kürzel. Kein Grund.
„Sie suchen etwas?“ Dr. Falk stand in der Tür, ohne dass sie seine Schritte gehört hatte. Oberarzt, Ende fünfzig, dunkelblauer Kittel, silberne Brille. Er lächelte, als hätten sie sich zu einer Führung verabredet.
Vera legte den Ordner nicht zu. „Bei Frau Baumann fehlt ein Formular. In der Schütte fehlt eine Lorazepam.“
„Dann hat die Apotheke beim Stellen falsch gezählt.“ Seine Antwort kam glatt, ohne Pause. „Das passiert. Wir dokumentieren sauber, Schwester Vera. Gerade bei solchen Mitteln.“
„Soll ich es als Differenz melden?“
„Nicht wegen einer Tablette.“ Er trat an den Schrank und zog die Tür zu, bis der Magnet klickte. „Sie sind neu. Sie werden merken, dass Reha nicht Intensivstation ist. Die Leute kommen aus schweren Wintern. Im April schlafen sie nach.“
Er sagte ihren Namen nicht noch einmal. Er musste ihn sich also gemerkt haben.
Am Nachmittag brachte Vera Herta zur Gehschule. Herta war zweiundsiebzig, Schulterbruch nach Sturz, Witwe, früher Buchhalterin. So stand es in der Akte. Sie setzte die Füße korrekt, aber zu spät. Zwischen Kommando und Bewegung lag eine Lücke, in die ein ganzer Satz gepasst hätte.
„Frau Baumann, ist Ihnen schwindlig?“
Herta hob den Kopf. Im Garten zog ein schwarzer Vogel einen Wurm aus der nassen Erde. Herta sah daran vorbei. „Nach dem zweiten Klicken kommt der Schlaf“, sagte sie.
Vera hielt den Gurt an Hertas Rücken fester. „Was meinen Sie?“
„Ach.“ Herta setzte den rechten Fuß auf die Markierung. „Nichts, Kind. Ich rechne manchmal laut.“
Später schrieb Vera den Satz in ihr kleines Heft, das sie in der Kitteltasche trug. Sie schrieb ihn unter „Frühjahrsmüdigkeit“. Dann zog sie eine Linie darunter. Sie hasste lose Enden. Zu Hause ließ sie Rechnungen nicht ungeöffnet, nicht einmal Werbung. Trotzdem hatte sie drei Umzugskartons seit acht Monaten nicht ausgepackt. Auf jedem stand „Küche“, obwohl keiner in die Küche gehörte.
In der nächsten Woche wurden die Patienten stiller. Nicht auf einmal. Niemand fiel vom Stuhl. Niemand lallte im Flur. Aber im Bewegungsbad mussten zwei Termine abgebrochen werden, weil die Leute auf den Bänken einschliefen. Beim Frühstück blieben Brote angebissen liegen. Die Therapeuten scherzten darüber und trugen „mangelnde Tagesform“ ein.
Vera begann zu zählen.
Sie zählte herausgedrückte Tabletten. Sie zählte fehlende Formulare. Sie zählte Patienten, die in der Visite mit offenen Augen zu spät antworteten. In drei Tagen fand sie vier Differenzen. Zweimal Lorazepam. Einmal Zopiclon. Einmal ein Tropfenpräparat, dessen Flasche leichter in der Hand lag, als der Strich auf dem Etikett versprach.
Sie fragte Miriam in der Pause. Miriam rührte Joghurt, ohne den Löffel anzuheben. „Du machst dir das Leben schwer.“
„Es fehlen Einträge.“
„Dann trag eine Bestandsabweichung ein.“
„Ohne zu wissen, wer gegeben hat?“
Miriam sah zur Tür. Im Flur schob jemand einen Wagen vorbei; die Räder tickten über die Fugen. „Dr. Falk will keine Papierstürme wegen Kleinkram. Er fängt alles ab, was nach außen hässlich aussieht.“
„Und wenn es kein Kleinkram ist?“
„Dann ist es erst recht nichts für die Neue.“ Miriam lächelte dabei. Es passte nicht zu dem Satz.
Am Freitag hatte Vera Spätdienst. Um zweiundzwanzig Uhr lagen die meisten Patienten in ihren Zimmern. Auf Station B brannte nur noch das Licht über dem Dienstplatz. Die Gartenanlage lag schwarz hinter den Scheiben, und die Forsythien zeigten nur noch ihre Umrisse.
Vera prüfte die Nachtmedikation. Sie zog jede Schütte einzeln auf, verglich Name, Datum, Uhrzeit. Bei Herta lag alles richtig. Keine Bedarfsmedikation. Kein neues Formular. Vera schloss den Wagen ab und hielt den Schlüssel einen Moment länger fest, als nötig.
Um dreiundzwanzig Uhr achtzehn hörte sie im Medikamentenraum zwei Klicks.
Nicht laut. Metall auf Metall, dann eine kleinere Antwort. Vera stand am Dienstplatz und schrieb den Flüssigkeitsplan für Zimmer 219. Der Kugelschreiber blieb auf dem Papier stehen und zog einen blauen Punkt.
Sie ging den Flur hinunter. Langsam, weil schnelles Gehen auf Station immer eine Geschichte erzählte. Die Tür zum Medikamentenraum stand zwei Finger offen. Sie hatte sie geschlossen. Sie wusste es, weil sie nach dem Abschließen mit dem Daumen gegen die Klinke gedrückt hatte.
Im Raum brannte kein Licht. Vera tastete nicht nach dem Schalter. Sie blieb im Türrahmen und hörte. Kein Schritt. Kein Atem. Der weiße Schrank mit den grauen Griffen stand geschlossen. Am Formularbrett fehlte ein Blatt.
Sie schaltete das Licht ein.
Alles sah geordnet aus. Zu geordnet. Der Tablettenwagen stand genau in der Markierung am Boden. Die Klammer am Formularbrett hielt nur noch drei Blätter, nicht vier. Vera nahm den Ordner für Bedarfsmedikation. Zwischen den Seiten lag ein neues Formular für Herta Baumann.
Datum: heute. Uhrzeit: 22:05. Medikament: Lorazepam 0,5 mg. Grund: Unruhe. Kürzel: V.S.
Vera las ihr Kürzel zweimal. V.S. Vera Schenk. Die Buchstaben saßen eng und steil. Nicht ihre Schrift. Ihre V hatten einen langen linken Arm. Dieses V stand wie ein Haken.
Sie ging zu Hertas Zimmer. Die Tür war angelehnt. Herta lag auf dem Rücken, die Decke bis zur Brust gezogen. Auf dem Nachttisch stand ein Becher Wasser. Er war voll. Hertas Lippen glänzten nicht.
„Frau Baumann.“ Vera sprach leise.
Herta öffnete die Augen. Der Blick brauchte Zeit, bis er Vera fand.
„Haben Sie eine Tablette bekommen?“
Herta bewegte die Zunge hinter den Zähnen. „Zweimal“, sagte sie.
„Zwei Tabletten?“
„Klick.“ Herta schloss die Augen. „Klick.“
Vera blieb neben dem Bett stehen, bis Hertas Atem wieder gleichmäßig ging. Dann nahm sie ihr privates Handy aus der Tasche und fotografierte das Formular, die Schütte, den Ordner. Sie tat es ohne Zittern. Nur der Daumen reagierte nicht gleich beim ersten Versuch.
Am nächsten Morgen bat Dr. Falk sie in sein Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag eine Akte, ein Füller, ein einzelnes gelbes Blatt aus dem Garten, das jemand mit hereingetragen hatte. Er bot ihr keinen Stuhl an.
„Sie haben in der Nacht fotografiert.“
Vera sah auf das Blatt. Es klebte mit der Spitze an einer Kaffeepfütze. „Ich habe eine Dokumentation gesichert, die meinen Namen trägt.“
„Sie haben gegen Datenschutz verstoßen.“ Seine Stimme blieb weich. „Das lässt sich intern klären, wenn wir alle vernünftig bleiben.“
„Wer hat das Formular ausgefüllt?“
„Sie waren übermüdet.“
„Ich habe es nicht geschrieben.“
„Natürlich nicht absichtlich falsch.“ Dr. Falk faltete die Hände. „Neue Umgebung, Nachtdienst, Verantwortung. Da passieren Dinge. Ich schätze Mitarbeiterinnen, die sorgfältig sind. Aber Sorgfalt kippt manchmal in Misstrauen.“
Er sah sie an, als hätte er ihr gerade geholfen.
Vera dachte an ihre Probezeit. An den Mietvertrag. An die Umzugskartons mit falschen Aufschriften. Sie sah sich selbst nicken, den Satz annehmen, das Foto löschen, das Heft in den Müll drücken. Danach würde sie im Aufenthaltsraum Tee einschenken, während Menschen mit offenen Augen in die Scheiben sahen.
Sie sagte: „Ich melde es an die Pflegedienstleitung und an die Arzneimittelkommission. Heute.“
Dr. Falks Lächeln blieb. Nur seine rechte Hand deckte den Füller ab. „Das ist Ihr gutes Recht.“
Es war die zweite glatte Antwort. Diesmal schrieb Vera sie nicht auf. Sie brauchte sie nicht mehr.
Die Pflegedienstleitung hörte zu, ohne mitzuschreiben. Erst als Vera die Fotos zeigte, zog sie einen Block heran. Eine Stunde später saß Vera in einem kleinen Besprechungsraum mit zwei Personen aus der Verwaltung, einem Mann vom Qualitätsmanagement und Miriam, die ihre Hände unter dem Tisch hielt.
„Wir prüfen das“, sagte der Mann vom Qualitätsmanagement. „Bitte sprechen Sie mit niemandem darüber.“
„Wer übernimmt heute die Medikamentenausgabe?“ fragte Vera.
„Das regeln wir.“
Er sagte es freundlich. Er sagte es so, als hätte die Regelung schon lange bestanden.
Am Nachmittag ging Vera in die Gartenanlage, um Herta zur Therapie abzuholen. Die Sonne lag auf den Kieswegen. Mehrere Patienten saßen in Jacken auf den Bänken, die Gesichter zum Licht gedreht. Keiner sprach. Auf Hertas Schoß lag ein gefaltetes Taschentuch, in vier gleiche Quadrate gelegt.
„Heute ist es laut“, sagte Herta.
Vera blieb neben ihr stehen. Aus dem Haus kam kein Geräusch. Kein Wagen, keine Tür, kein Metall.
„Was hören Sie?“
Herta hob einen Finger, als zähle sie im Kopf. Dann ließ sie ihn sinken. „Nur einmal“, sagte sie.
Am Abend fehlte das Formular aus dem Ordner. Nicht die Kopie auf Veras Handy. Nicht die Fotos in der E-Mail an die Meldestelle. Nur das Blatt im Haus. Die Klammer am Brett hielt wieder vier leere Formulare, sauber bündig geschoben.
Vera stand im Medikamentenraum und sah auf die geraden Kanten. Hinter ihr lief der Stationsflur weiter, hell und still. Im Garten sang eine Amsel gegen das geschlossene Fenster. Vera legte ihre Hand auf den Schrankgriff und wartete, ob er noch warm war.




