Wein und offene Fenster
Der erste warme Abend des Jahres kam nicht mit einem Zeichen. Er stand einfach in meiner Küche, als ich nach Hause kam, und lag auf den Fliesen wie Wasser.
Ich ließ die Tür hinter mir zufallen, stellte meine Tasche auf den Stuhl und blieb mit dem Schlüssel in der Hand stehen. Den ganzen Winter hatte die Wohnung nach Heizung, Waschmittel und Brot vom Bäcker unten gerochen. Jetzt hing etwas anderes darin. Staub von aufgeheiztem Stein. Abgas, das nicht mehr biss. Die feuchte Erde aus den Blumenkästen im Innenhof. Irgendwo hatte jemand Zwiebeln in Butter geworfen.
Ich öffnete das Fenster über der Spüle. Die Luft strich mir über die Unterarme, als hätte sie lange geübt, wieder weich zu sein.
Auf dem Tisch lag noch das Buch, das ich seit drei Wochen mit mir herumtrug und nie weiter als Seite siebenundvierzig las. Mrs Dalloway, ein Flohmarktfund mit Kaffeerand und einem Preis in Bleistift auf der ersten Seite. Daneben stand die Flasche Rotwein, die ich am Freitag gekauft hatte, nicht für Besuch, sondern für den Fall, dass ich mich einmal nicht wie Besuch in meiner eigenen Wohnung benehmen wollte.
Ich nahm ein Glas aus dem Schrank. Es war das gute, wenn man allein so etwas sagen durfte. Dünner Rand, langer Stiel. Das silberne Armband an meinem Handgelenk klickte dagegen, als ich einschenkte. Meine Mutter hatte es mir vor Jahren gegeben, mit einer kleinen Delle neben dem Verschluss, von der sie sagte, sie komme vom Tanzen auf Kopfsteinpflaster. Ich hatte nie gefragt, mit wem.
Draußen rief ein Kind nach einem Ball. Ein Fahrrad schabte über Beton. In der Wohnung über mir zog jemand einen Stuhl zurück, dieses kurze Kratzen, das durch alle Decken einer Stadt geht.
Ich ging nicht sofort auf den Balkon.
Ich stand vor der offenen Tür und tat so, als müsste ich die Pflanze daneben genauer ansehen. Die Erde im Topf war rissig. Ein gelbes Blatt hing an der Zimmerlinde, als hätte es eine Entscheidung getroffen. Ich zog es ab und hielt es zu lange zwischen den Fingern. Die Balkontür stand offen. Der Vorhang bewegte sich nur ein wenig. Trotzdem sah der schmale Streifen draußen aus wie ein Zimmer, in dem schon jemand wartete.
Ich trat hinaus.
Mein Balkon war kaum breit genug für zwei Stühle, die sich nie berühren durften. Links wuchs die Hauswand hoch, glatt verputzt, beige bei Tag und jetzt schon grau. Sie trennte meinen Balkon vom nächsten, von dem ich bisher nur Geräusche kannte: ein Wasserhahn am Morgen, Schranktüren, einmal eine Frau, die am Telefon gelacht hatte, als hätte sie den Kopf in den Nacken geworfen. Seit drei Monaten wohnte jemand dort. Ich hatte ihn nie gesehen.
Der Innenhof öffnete sich unter mir. Wäsche hing auf Leinen im dritten Stock gegenüber. Ein rotes T-Shirt blähte sich, fiel zusammen, blähte sich wieder. Die Mülltonnen standen wie immer schief an der Wand. Über ihnen zog eine Amsel einen dünnen schwarzen Strich von Dach zu Dach.
Dann kam die Musik.
Erst nur ein Bass, dumpf durch die Hauswand, zwei Töne, die den Putz berührten. Dann eine Trompete, rau und nah, als säße jemand in einem zu kleinen Raum und spiele gegen das Fenster. Ich verzog den Mund, weil ich das so machen konnte, wenn mich niemand sah. Es war zu laut für einen Innenhof, zu weich für Ärger.
Ich stellte das Glas auf die Brüstung und griff nach dem Buch. Seite siebenundvierzig. Clarissa kaufte Blumen. Die Trompete zog ihr einen fremden Atem durch den Satz.
Ich las denselben Absatz dreimal. Beim dritten Mal merkte ich, dass mein Fuß im Takt gegen den Boden tippte.
Hinter der Wand klirrte etwas. Kein Glasbruch. Eher ein Löffel, der gegen eine Tasse schlug. Dann ein Schatten, schmal und lang, der über den Rand der Trennwand glitt und wieder verschwand. Ich schaute auf meine Seite des Hofes, als hätte mich jemand ertappt. Mein Finger blieb zwischen den Seiten stecken. Das Papier fühlte sich warm an.
Die Musik wurde leiser.
Eine Stimme sagte: „Ist das zu laut?“
Direkt. Nicht mutig. Als hätte er die Frage schon länger in der Hand gehalten und sie ihm jetzt heruntergefallen wäre.
Ich sah die Wand an. Sie gab nichts zurück.
„Nein“, sagte ich. Meine Stimme klang, als käme sie aus dem Treppenhaus. „Nur lauter als mein Buch.“
Auf der anderen Seite bewegte sich ein Stuhl. Metall kratzte über Stein, dann schwieg es.
„Welches Buch?“
Ich drehte den Einband, obwohl er ihn nicht sehen konnte. „Eines, das ich seit drei Wochen nicht schaffe.“
„Dann hat es vielleicht Hilfe gebraucht.“
Ich nahm das Glas hoch und trank. Der Wein schmeckte noch zu kühl, nach Keller und Kirsche und dem Schraubverschluss, den ich mit den Zähnen festgehalten hatte. „Sie nennen Trompete Hilfe?“
„Heute Abend schon.“
Er sagte es so, dass ich fast fragte, was heute anders war. Stattdessen legte ich das Buch auf meine Knie und strich mit dem Daumen über den Kaffeerand auf dem Umschlag.
„Dann sollten Sie wissen“, sagte ich, „dass Ihre Hilfe gerade eine Blumenhandlung in London ruiniert.“
Er lachte nicht laut. Nur ein Ausatmen, das an der Wand entlang zu mir kam. „Ich habe Schlimmeres getan.“
„Das sagen Menschen selten, wenn es stimmt.“
Wieder dieses kleine Schweigen. Im Hof fiel irgendwo eine Wäscheklammer. Sie traf unten auf Stein und sprang einmal weiter. Ich hörte, wie er etwas abstellte. Vielleicht eine Flasche. Vielleicht ein Glas. Ich beugte mich nicht vor. Ich tat nur so, als ordnete ich mein Armband, drehte den Verschluss nach innen und wieder nach außen.
„Ich bin der neue Nachbar“, sagte er.
„Das habe ich mir gedacht.“
„Woran?“
„An den Umzugskartons im Papiermüll. An den Löchern in der Wand montags um acht. An der Tatsache, dass Sie seit Januar nie den Biomüll richtig schließen.“
Jetzt lachte er. Kurz, überrascht. „Sie führen Listen.“
„Ich sehe nur hin.“
Das stimmte nicht ganz. Ich sah hin und tat danach so, als hätte es nichts mit mir zu tun. Ich wusste, wer im Vorderhaus nachts rauchte, wer die Haustür nicht ins Schloss zog, wer im Winter die Balkonpflanzen vergaß. Ich wusste auch, dass der neue Nachbar oft spät nach Hause kam und die Schlüssel immer zweimal fallen ließ, bevor er das Schloss traf.
„Dann muss ich mich ab morgen besser benehmen“, sagte er.
„Ab morgen reicht.“
Er drehte die Musik noch etwas leiser. Jetzt lag sie zwischen uns, nicht mehr über uns. Ein Klavier kam dazu, wenige Töne, als würde jemand auf einer Treppe stehen bleiben.
„Trinken Sie Wein?“ fragte er.
Ich sah auf mein Glas. „Nur, wenn jemand zu laut Musik macht.“
„Dann habe ich etwas beigetragen.“
„Sie sammeln Pluspunkte für den Biomüll?“
„Ich sammle gerade alles, was ich kriegen kann.“
Der Satz blieb auf der Mauer sitzen. Er hätte von Müll handeln können, von einem schweren Tag, von mir. Ich stellte das Glas auf die Brüstung, genau in den runden Abdruck, den ein Blumentopf letztes Jahr hinterlassen hatte.
„Schlechter Tag?“ fragte ich.
„Langer.“
„Das sind verschiedene Dinge.“
„Heute waren sie dasselbe.“
Ich nickte, obwohl er es nicht sah. Gegenüber ging in einer Küche Licht an. Ein Mann in Unterhemd öffnete einen Kühlschrank, stand im blauen Schein und kratzte sich am Bauch. Die Stadt zeigte sich wieder ohne Mantel.
„Bei mir war er nur lang“, sagte ich.
„Nur?“
„Ich habe vier Stunden an einer Präsentation gearbeitet, die morgen jemand in acht Minuten auseinandernehmen wird.“
„Warum lassen Sie ihn?“
Ich lächelte in mein Glas. „Weil er den größeren Schreibtisch hat.“
„Klingt nach einem Mann, der kleine Schrift benutzt.“
„Sehr kleine. Und graue Pullover.“
„Gefährlich.“
„Er sagt oft: Wir müssen das noch schärfen.“
„Dann ist er verloren.“
Ich nahm das Buch wieder auf, nicht um zu lesen, sondern weil meine Hände etwas brauchten. Die Seiten klappten zu. Mein Daumen blieb an Seite siebenundvierzig.
„Und Sie?“ fragte ich. „Was war lang und schlecht?“
Auf der anderen Seite rieb Stoff über Putz. Er hatte sich vielleicht angelehnt. Ich sah nur den oberen Rand seines Schattens, der sich mit dem Wind bewegte.
„Ich habe heute einen Schlüssel abgegeben“, sagte er.
Mehr nicht.
In meiner Wohnung sprang der Kühlschrank an. Sein Brummen füllte die Lücke so deutlich, als hätte jemand ein Gerät zwischen uns gestellt. Ich hätte etwas Passendes sagen können. Es tut mir leid. Das wird. Neue Schlüssel sind auch etwas wert. Stattdessen drehte ich mein Armband, bis die Delle oben lag.
„Wohnung?“ fragte ich.
„Ja.“
Ein Ja mit Türrahmen darin. Mit Kartons, die jemand nicht mehr teilt. Mit einer Zahnbürste, die im Becher zu viel Platz hat.
„Meine Küche hat heute nach Zwiebeln von fremden Leuten gerochen“, sagte ich.
Er antwortete nicht sofort. Dann: „Meine nach kaltem Kaffee.“
„Sie kochen Kaffee und trinken ihn nicht?“
„Ich vergesse ihn.“
„Das ist kein guter Charakterzug.“
„Ich weiß.“
„Haben Sie noch mehr davon?“
„Ich kaufe Kräuter und lasse sie sterben. Ich stelle Wecker und verhandle mit ihnen. Ich kann keine Schrauben gerade in die Wand drehen.“
„Das letzte habe ich gehört.“
„Montags um acht.“
„Genau.“
Die Musik wechselte. Die Trompete schwieg, eine Gitarre begann, tief und langsam. Jemand im Hof schloss ein Fenster. Das Geräusch lief einmal herum und kam kleiner zurück.
„Und Sie?“ fragte er. „Außer Listen über Nachbarn.“
„Ich kaufe Bücher, damit sie neben meinem Bett klüger aussehen als ich. Ich schreibe E-Mails dreimal um und schicke dann die schlechteste Version. Ich gieße Pflanzen erst, wenn sie dramatisch werden.“
„Die Zimmerlinde?“
Ich sah zur offenen Tür. „Woher wissen Sie das?“
„Ihr Vorhang bewegt sich. Ich sehe den Schatten der Blätter an der Decke, wenn ich spät nach Hause komme.“
Da war sie, die Stelle, an der die Luft zwischen den Balkonen eine andere Form annahm. Ich blickte auf die Wand. Sie blieb Wand. Aber dahinter saß jemand, der meine Pflanze als Schatten kannte.
„Sie sehen hin“, sagte ich.
„Nur manchmal.“
„Das sagen Menschen selten, wenn es stimmt.“
Er antwortete mit einem Laut, der fast ein Lachen war und dann doch keiner wurde.
Eine Weile redeten wir über Dinge, die nicht gefährlich waren. Über den Späti an der Ecke, der immer so tat, als kenne er niemanden, und doch die richtigen Zigaretten bereitlegte. Über die Frau im zweiten Stock, die ihre Tomatenpflanzen mit ganzen Gesprächen versorgte. Über den Paketboten, der jedes Paket beim Namen nannte, als seien es Haustiere.
Der Abend dehnte sich. Er machte aus Minuten ein Tuch und legte es über den Innenhof. Die Fenster gegenüber wurden dunkle Rechtecke. Der rote Stoff auf der Leine hing jetzt still. Mein Wein verlor die Kühle, seine Musik verlor die Ränder.
„Wie heißen Sie?“ fragte er irgendwann.
Ich hatte auf die Frage gewartet und trotzdem den Stiel meines Glases zu fest gehalten. Das Armband schlug einmal leise an den Rand.
Ich sagte meinen Namen.
Er wiederholte ihn nicht. Das mochte ich. Manche Menschen probieren einen Namen sofort im Mund, als gehöre er ihnen schon halb. Er ließ meinen dort, wo ich ihn hingelegt hatte.
„Und Sie?“
„Jonas.“
Ich sah den Namen nicht. Ich hörte ihn. Zwei Silben, die gegen den Putz traten und nicht zurückwichen.
„Guten Abend, Jonas.“
„Guten Abend.“
Wir sagten es, als hätten wir uns eben erst bemerkt, obwohl mein Glas halb leer war und seine Musik seit fast einer Stunde leiser stand.
„Wenn ich morgen wieder zu laut bin“, sagte er, „sagen Sie es.“
„Vielleicht bin ich morgen nicht auf dem Balkon.“
„Vielleicht lese ich dann leise.“
„Sie lesen?“
„Ich besitze Bücher.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein.“
Er klang so nah an der Wand, dass ich die Hand hob. Nicht viel. Nur bis zur Höhe der rauen Kante, wo der Putz tagsüber warm wurde. Meine Finger blieben eine Handbreit davor stehen. Ich betrachtete meine Nägel, als hätten sie mich dort hingeführt.
Auf seiner Seite verstummte die Gitarre. Ein Stuhlbein schabte. Dann nichts.
In diesem Nichts hörte ich die Stadt tiefer atmen: eine Straßenbahn zwei Blocks weiter, das Klappen einer Haustür, Wasser in einem Rohr. Hinter der Wand suchte ein Finger vielleicht nach einem Schalter, einer Zigarette, einem Mut, der sich nicht greifen ließ. Mein Arm blieb in der Luft, dann sank er langsam. Das Armband rutschte über meinen Handknochen und blieb an der Delle hängen.
„Ich könnte Ihnen das Buch leihen“, sagte ich.
„Das, das Sie nicht schaffen?“
„Gerade deshalb.“
„Dann habe ich keine Ausrede, Sie zu stören.“
„Sie finden eine.“
Er sagte nichts. Der Satz hatte mehr Treppenhaus in sich als Balkon. Mehr Morgen als Abend. Ich griff nach dem Glas und trank den letzten Schluck, obwohl ich keinen Durst hatte.
„Ich habe keinen Briefkastenaufkleber“, sagte er.
„Ich weiß.“
„Natürlich.“
„Sie bekommen Werbung für Frau Krüger.“
„Ich dachte, das sei eine Einladung, jemand anderes zu werden.“
„Hat es funktioniert?“
„Nicht heute.“
Ich legte Mrs Dalloway auf die Brüstung. Der Umschlag hob sich im Wind und fiel wieder zu. Seite siebenundvierzig verschwand. Ich hätte hinein gehen können, einen Zettel suchen, meinen Namen darauf schreiben, vielleicht die Wohnungstür öffnen und das Buch an seine Matte legen. Nichts daran wäre schwer gewesen. Gerade das hielt mich auf.
„Morgen“, sagte ich.
„Morgen“, sagte er.
Es war keine Verabredung. Es war auch nicht keine.
Später wurde es kühl. Nicht kalt. Nur so, dass die Haut an meinen Armen merkte, dass der Frühling noch keine festen Zusagen machte. In mehreren Wohnungen gingen die Lichter aus. Der Mann gegenüber schloss den Kühlschrank. Das rote T-Shirt hing schwarz auf der Leine.
Jonas machte die Musik nicht wieder lauter. Ich stellte mein leeres Glas auf den Boden, weil ich dem Rand der Brüstung nicht mehr traute. Auf der anderen Seite bewegte er sich kaum. Manchmal knarrte sein Stuhl. Einmal räusperte er sich und sagte nichts danach.
Keiner sagte als Erster gute Nacht.
Ich saß mit dem Buch auf den Knien, den Finger zwischen zwei Seiten, die ich nicht las. Hinter der Wand brannte seine Zigarette oder eine kleine Lampe, ich wusste es nicht. Ein schmaler goldener Strich fiel unter der Trennwand hervor auf meinen Balkonboden und berührte den Stiel meines leeren Weinglases.



