Wein und offene Fenster
Der erste warme Abend des Jahres kam nicht mit Ankündigung. Er lag einfach im Treppenhaus, als ich nach Hause kam, zwischen dem Geruch von Staub auf den Stufen und dem feuchten Stein, den der Hausmeister am Morgen gewischt hatte. Ich blieb im zweiten Stock stehen und zog den Schal vom Hals, obwohl ich ihn bis eben noch festgehalten hatte wie etwas, das man im März nicht zu früh loslässt.
In meiner Wohnung stand die Luft vom Tag. Nicht kalt, nicht warm, nur alt. Ich stellte die Tasche neben die Tür, trat die Schuhe von den Füßen und öffnete ein Fenster nach dem anderen. Die Straße antwortete sofort: ein Bus, der vor der Ampel keuchte, Fahrradklingeln, jemand, der unten vor dem Späti lachte, als hätte er den Winter persönlich besiegt.
Der Balkon lag hinter der Küchentür. Ich sah ihn an, bevor ich hinausging. Im Winter hatte ich dort nur Leergut abgestellt und einmal eine Pfanne, die nach Knoblauch roch. Jetzt stand der kleine Klapptisch noch schief, der Basilikumtopf trug drei grüne Blätter wie eine Behauptung, und auf dem Stuhl lag mein Buch mit dem Rücken nach oben: Der geteilte Himmel, seit Wochen auf Seite siebenundvierzig.
Ich holte ein Glas aus dem Schrank, das blaue mit dem kleinen Sprung am Rand. Meine Mutter hatte es mir beim Auszug geschenkt und gesagt, man dürfe daraus nichts Heißes trinken. Ich trank daraus nur Rotwein und Wasser, manchmal beides am selben Abend. Der Korken gab leise nach. Draußen strich Luft über meine Unterarme, nicht weich, eher wach. Die Stadt roch wieder nach Metall, warmem Asphalt und frittierten Zwiebeln aus dem Imbiss in der Seitenstraße.
Ich setzte mich. Oder ich tat so, als setzte ich mich nur kurz. Die erste Viertelstunde auf dem Balkon hat etwas Unentschiedenes. Man prüft, ob der Abend einen wirklich will.
Dann begann nebenan die Musik.
Nicht leise. Eine Trompete kam durch die Wand, schmal und rau, als hätte jemand ein Fenster geöffnet und eine alte Verletzung auf die Fensterbank gestellt. Danach ein Klavier. Dann ein Schlagzeug mit Besen, das über mein Weinglas strich, obwohl es einen Meter entfernt stand. Ich sah zur rechten Seite. Dort endete mein Balkon an einer verputzten Hauswand, die etwas über die Brüstung hinausragte. Dahinter lag der Balkon der Nachbarwohnung. Ich hatte den Nachbarn noch nie gesehen. Nur einmal hatte ich morgens einen Schlüssel im Schloss gehört und Schritte, die nicht hetzten.
Ich hätte mich ärgern können. Ich nahm das Buch hoch, blätterte von Seite siebenundvierzig auf achtundvierzig und las denselben Satz dreimal. Die Trompete schob sich dazwischen. Ich stellte das Glas ab, lauter als nötig.
Hinter der Wand kratzte ein Stuhl über Beton.
Ich hielt die Seite zwischen Daumen und Zeigefinger. Auf der hellen Wand gegenüber, im Innenhof, bewegte sich ein Schatten. Erst nur ein Winkel, dann die Linie eines Arms, der sich auf ein Geländer legte. Ein Mann räusperte sich. Nicht laut. Eher so, als wollte er prüfen, ob seine Stimme noch zu ihm gehörte.
„Ist der Wein gut?“
Der Satz fiel nicht mutig. Er blieb an der Wand hängen und kam dann zu mir.
Ich sah mein Glas an. Der Sprung im blauen Rand fing das Licht aus meiner Küche.
„Er ist offen“, sagte ich.
Hinter der Wand blieb es einen Moment still. Dann lachte er, einmal kurz, ohne sich darauf auszuruhen.
„Das zählt manchmal.“
Ich hätte fragen können, wer er war. Stattdessen griff ich nach dem Buch und legte es auf meinen Schoß, als hätte ich zu tun.
„Ihre Musik zählt auch“, sagte ich.
„Zu laut?“
„In meiner Küche steht der Bass neben dem Kühlschrank.“
Ein Klacken. Vielleicht stellte er eine Flasche ab, vielleicht eine Tasse. Ich sah nur den Schatten seines Ellbogens auf der Hofwand. Er zog den Arm zurück, dann kam seine Hand wieder, lang genug, dass ich die Finger sah, die über die Brüstung hingen. Kein Ring. Ein kleiner Schnitt am Knöchel, frisch, als hätte Papier ihn erwischt.
Die Musik wurde leiser. Nicht viel. Gerade so weit, dass ich hörte, wie unten jemand eine Bierkiste über Pflaster zog.
„Besser?“
Ich trank einen Schluck. Der Wein war zu warm, aber der Abend machte ihn trinkbar.
„Jetzt wohnt er nur noch im Flur.“
„Dann hat er sich verbessert.“
Wir schwiegen. Die Trompete spielte weiter, kleiner jetzt. Ich tat so, als läse ich. Er tat so, als hätte er die Frage nur wegen der Lautstärke gestellt. Zwischen uns stand die Wand, weiß verputzt, mit einem Riss, der im oberen Drittel nach links lief wie eine Karte ohne Ziel.
„Sie lesen wirklich?“ fragte er nach einer Weile.
Ich sah auf die Seite. Meine Augen standen auf einem Absatz, aber mein Kopf war noch bei seiner Hand.
„Ich halte ein Buch. Das ist nicht dasselbe.“
„Welches?“
„Der geteilte Himmel.“
„Das ist deutlich für einen Balkon mit Trennwand.“
Ich lächelte, ohne es ihm zu geben. Meine Finger strichen über den Buchrücken, dort, wo das Papier vom vielen Anfangen weich geworden war.
„Sie machen Ihre Musik auch nicht zufällig an.“
„Nein.“
Nur das. Kein Zusatz. Kein Name des Stücks. Kein Grund. Der Abend dehnte sich in dieses Nein hinein. Im Hof schlug eine Tür, und irgendwo oben klapperte Besteck. Ich hörte, wie er ausatmete. Langsam, als hätte er vorher den Atem gehalten.
„Chet Baker“, sagte er dann. „Für offene Fenster.“
„Gibt es Musik für geschlossene?“
„Ja. Aber die spielt man im Januar.“
Ich sah zu meinem eigenen Fenster. Die Gardine bewegte sich kaum, nur ihr unterer Rand hob sich ab und sank wieder. Im Winter hatte ich oft in der Küche gestanden und gegessen, ohne das Licht im Wohnzimmer anzumachen. Jetzt lag der Innenhof vor mir wie ein Raum, den alle Wohnungen zusammen benutzten, ohne sich abzusprechen.
„Wohnen Sie schon lange hier?“ fragte ich.
„Lange genug, um zu wissen, wer seine Pfandflaschen im Hausflur vergisst.“
Ich legte das Buch mit der offenen Seite nach unten.
„Das war einmal.“
„Es waren sieben Flaschen.“
„Ich hatte Besuch.“
„Der Besuch trank nur Wasser?“
Wir hörten beide, dass es nicht um Flaschen ging. Ich griff nach dem Glas und drehte es, bis der Sprung im Rand unter meinem Zeigefinger lag.
„Der Besuch ging früh.“
Hinter der Wand bewegte er sich nicht. Die Musik lief weiter, eine dünne Linie aus Messing und Atem. Unten im Hof trat jemand auf einen trockenen Zweig; das Knacken war so klar, dass ich den Fuß dazu suchte.
„Manche Leute tun das“, sagte er.
Ich hätte nach seiner Geschichte greifen können. Stattdessen sagte ich: „Und manche Nachbarn merken sich Flaschen.“
„Nur wenn sie im Weg stehen.“
„Ich stand im Weg?“
Diesmal dauerte seine Antwort länger. Ich hörte Stoff rascheln, dann das leise Tappen eines Fingers auf Metall, eins, zwei, drei. Er zählte etwas ab, das er nicht sagen wollte.
„Nein“, sagte er. „Die Flaschen.“
Ich sah auf die Wand. Sie gab nichts zurück. Trotzdem hatte ich den Eindruck, wenn ich die Hand ausstreckte, läge seine Stimme irgendwo darauf, warm von der Luft.
„Ich heiße Mara“, sagte ich.
Es war kein guter Zeitpunkt für Namen. Vielleicht deshalb passte er.
„Mara“, wiederholte er, nicht fragend. Er sprach die beiden Silben, als prüfte er, wie weit sie tragen. „Ich bin Elias.“
Elias. Ich sah seine Hand noch einmal an. Sie verschwand, bevor ich beschließen konnte, dass ich sie länger ansehen wollte.
„Elias“, sagte ich, und mein eigener Name, den er eben gesagt hatte, hing noch zwischen uns.
Eine Weile sprachen wir über Dinge, die nichts verlangten: den Aufzug, der nur bis zum vierten Stock fuhr und dort stöhnte wie ein altes Tier; die Frau aus dem Erdgeschoss, die jeden Mittwoch Schnittblumen in einem Eimer wusch; den Kater mit dem eingerissenen Ohr, der durch den Hof lief, als gehöre ihm jede offene Tür. Er wusste, dass der Imbissdienstag Ruhetag hatte. Ich wusste, dass in der Wohnung über mir jemand nachts um halb eins duschte. Wir legten diese kleinen Beweise auf die Wand zwischen uns wie Münzen.
Der Wein sank im Glas. Die Musik drehte sich einmal zu Ende, knackte, begann wieder von vorn. Er stand auf. Ich hörte es an der Art, wie der Stuhl nachgab, dann an zwei Schritten ins Zimmer. In den drei Sekunden, in denen er fort war, sah ich sein Schattenrechteck im offenen Fenster gegenüber verschwinden. Meine Finger griffen nach dem Buch, fanden den Rand der Seite, ließen ihn wieder los.
Aus seiner Wohnung kam eine Frauenstimme.
Nicht im Raum. Aus einem Telefon vielleicht. Hell, nah am Lautsprecher. Sie sagte seinen Namen, gedehnt, und dann etwas, das die Musik verschluckte. Elias antwortete nicht gleich. Ich trank, obwohl mein Glas fast leer war. Der Wein traf nur meine Zunge.
Die Stimme lachte. Kurz. Vertraut.
Ich stand auf und nahm das Buch mit. Die Stuhlbeine quietschten über meinen Balkon. Ich hätte einfach hineingehen können. Eine erwachsene Frau mit Wein und Seite achtundvierzig darf gehen, wann sie will. An der Tür blieb ich stehen, weil die Luft dort anders war: drinnen die abgestandene Wohnung, draußen die Stadt, und dazwischen ich mit einem Buch in der Hand, das ich nicht las.
„Mara?“
Er stand wieder draußen. Seine Stimme kam näher als vorher.
„Ja.“
„Das war meine Schwester.“
Ich sah zur Wand. Der Riss im Putz sah im Küchenlicht tiefer aus.
„Sie müssen mir nicht sagen, wer anruft.“
„Ich weiß.“
Er sagte nichts weiter. Genau das blieb. Kein Verteidigen, kein Scherz, kein Griff nach einer leichten Tür. Nur sein Atem hinter der Wand und das Telefon, das in seiner Wohnung einmal gegen Holz klopfte, als er es vielleicht auf den Tisch legte.
Ich setzte mich wieder. Langsam, damit der Stuhl nicht noch einmal schrie.
„Meine Schwester ruft an, wenn sie nicht schlafen kann“, sagte er.
„Und Sie gehen ran.“
„Meistens.“
„Heute nicht?“
Er lachte nicht. „Heute habe ich vorher gefragt, ob der Wein gut ist.“
Der Satz stand da, schlicht und ungeschützt. Ich legte beide Hände um das blaue Glas. Der Sprung am Rand lag unter meinem Daumen wie eine kleine Narbe.
„Er ist fast leer“, sagte ich.
„Das beantwortet einiges.“
„Nicht alles.“
„Nein.“
Unten ging im Hof ein Bewegungsmelder an. Für eine halbe Minute wurden Mülltonnen, Fahrräder und der Kater mit dem eingerissenen Ohr in hartes Licht gestellt. Der Kater blieb stehen, sah hinauf, als hätte er uns erwischt, und verschwand unter der Kellertreppe. Als das Licht ausging, hörte ich erst wieder die Musik. Dann Elias.
„Meine Freundin hat die Platte gehasst.“
Ich hielt das Glas etwas fester.
„Hat?“
Hinter der Wand strich etwas über Metall. Vielleicht seine Hand. Vielleicht der Ärmel.
„Sie wohnt seit November in Hamburg.“
Ich sah auf meine Knie. Ein kleiner Faden hatte sich aus der Naht meiner Hose gelöst. Ich zog nicht daran.
„Hamburg ist weit genug für manche Platten“, sagte ich.
„Und nah genug für Kartons im Keller.“
Da war er, der Rand. Nicht scharf, aber da. Ich rührte nicht daran. Er hatte ihn hingelegt und die Hand wieder weggenommen.
„Bei mir steht noch eine Zahnbürste in einem Becher“, sagte ich.
„Ihre?“
„Nicht meine.“
„Benutzen Sie den Becher?“
„Jeden Morgen.“
Wir lachten beide nicht. Der Satz hatte etwas Lächerliches und etwas Kleines, das man nicht mit dem Schuh wegschieben konnte. Ich stellte mir den Keller mit seinen Kartons vor und seine Hand, die am Schloss zögerte. Er stellte sich vielleicht meinen Becher vor, zwei Bürsten, eine davon trocken. Wir sagten es nicht.
Später wurde es kühler, aber niemand wollte als Erster den Pullover holen. Ich zog die Füße unter den Stuhl. Er fragte, ob ich tagsüber von zu Hause arbeite. Ich sagte, ich sitze in einem Büro, in dem die Fenster nur kippen. Er sagte, er repariere Geigenbögen in einer Werkstatt hinter dem Bahnhof. Danach verstand ich den kleinen Schnitt an seinem Knöchel anders. Nicht Papier. Holz, Haar, ein Werkzeug. Seine Hände hatten den ganzen Tag Dinge gehalten, die andere zum Klingen brachten.
„Dann hören Sie genau hin“, sagte ich.
„Berufsschaden.“
„Und trotzdem machen Sie Musik zu laut.“
„Vielleicht wollte ich, dass jemand klopft.“
„Ich habe nicht geklopft.“
„Nein.“
Wieder dieses Nein. Es schloss nichts. Es machte eine Stelle frei.
Ich sah zu der Wand, hinter der er saß, und hob das Glas, obwohl er es nicht sehen konnte. Vielleicht sah er den Schatten. Vielleicht hörte er nur, wie mein Arm den Stoff meiner Bluse streifte.
„Auf offene Fenster“, sagte ich.
„Auf Leute, die so tun, als würden sie lesen.“
„Auf Männer, die Lärm für Zufall halten.“
„Auf Wein, der nur offen sein muss.“
Wir tranken. Sein Glas klang anders als meins, dünner, heller. Ich merkte mir den Ton.
Irgendwann war es spät. Die Wohnungen um den Hof wurden dunkler, eine nach der anderen. In einer Küche blieb ein gelbes Rechteck, darin stand eine Pflanze mit großen Blättern. Der Bus auf der Straße fuhr seltener. Die Luft legte sich kühl auf meine Arme, aber sie roch immer noch nach Frühling, nach Stein, der Wärme gespeichert hatte, und nach etwas Grünem, das noch nicht groß genug war, um einen Namen zu tragen.
„Ich sollte die Musik ausmachen“, sagte Elias.
Er bewegte sich nicht.
„Wegen der Nachbarn?“
„Wegen der Nachbarin.“
Ich sah auf mein Buch. Seite achtundvierzig hatte einen Knick bekommen, wo mein Daumen zu lange gelegen hatte.
„Die hat sich noch nicht beschwert.“
„Noch nicht.“
„Vielleicht liest sie gerade.“
„Glauben Sie ihr das?“
Ich legte den Kopf zurück gegen die Wand hinter mir. Der Putz war rau und gab ein wenig Kälte ab. Über uns hing ein schmaler Streifen Himmel zwischen den Hauskanten, nicht schwarz, eher tiefblau, und an der Dachrinne sammelte sich ein Tropfen vom letzten Regen.
„Nein“, sagte ich.
Danach sagte keiner Gute Nacht. Die Platte lief bis zum Ende. Die Nadel blieb in der letzten Rille und machte ein leises, wiederkehrendes Geräusch, wie ein Schritt, der nicht weitergeht. Elias stand auf, kam nicht ins Zimmer, blieb an der Brüstung. Ich hörte, wie er etwas auf den Boden stellte.
Ich blieb sitzen, das leere blaue Glas in der Hand. Auf der anderen Seite der Wand schob sich sein Schatten über den Riss im Putz und hielt dort, dünn und still, bis im Hof der Bewegungsmelder noch einmal anging.


