Kastaniensammeln zu zweit
Im Park lagen die Blätter so hoch, dass Mias Stiefel darin verschwanden. Es raschelte bei jedem Schritt. Unter den Kastanienbäumen roch die Erde dunkel und nass.
Mia hielt einen roten Eimer vor den Bauch. Lea kam mit einem Stoffbeutel, der viel zu groß war und gegen ihr Knie schlug.
„Ich finde heute die meisten“, sagte Mia.
Lea zog den Beutel höher. „Dann zähl richtig. Nicht so Baby-zählen.“
„Ich kann bis hundert.“
„Ich auch. Fast.“
Sie stellten sich unter denselben Baum. Einen Atemzug lang standen sie zu nah beieinander. Dann machte Mia einen Schritt nach links.
„Du suchst da“, sagte sie und zeigte auf die Bank. „Ich such hier.“
„Ist mir egal“, sagte Lea, blieb aber noch kurz stehen.
Die ersten Kastanien lagen halb im Gras, glatt und braun. Mia bückte sich schnell. Eine, zwei, drei. Sie ließ sie in den Eimer fallen. Klack, klack, klack.
Lea rief: „Ich hab vier!“
„Die kleine zählt nicht.“
„Doch. Sie ist rund.“
„Sie ist ein Krümel.“
Lea steckte die kleine Kastanie extra langsam in ihren Beutel. „Krümel können auch gewinnen.“
Mia tat so, als hätte sie das nicht gehört. Sie ging um den Stamm herum, dorthin, wo das Laub etwas aufgeworfen war. Mit der Stiefelspitze schob sie Blätter zur Seite. Da lag eine Kastanie in ihrer Schale, die Schale stachelig aufgeplatzt wie ein kleines grünes Maul.
„Nicht gucken“, sagte Mia.
„Ich guck gar nicht“, sagte Lea und guckte auf ihre eigenen Schuhe.
Mia kniete sich hin. Die Kastanie darin war groß, dunkel und hatte einen hellen Fleck, als hätte jemand mit dem Daumen darübergewischt. Sie passte genau in Mias Handfläche.
Sie sah zu Lea. Lea stocherte mit einem Stock im Laub, aber der Stock traf immer dieselbe Stelle. Ihr Beutel hing offen. Darin lagen gar nicht so viele Kastanien, wie sie gesagt hatte.
Mia schloss die Faust.
„Fünfzehn“, sagte sie.
Lea hob den Kopf. „Echt?“
„Vielleicht.“
„Vielleicht ist nicht Zählen.“
Mia steckte die große Kastanie nicht in den Eimer. Sie ging zwei Schritte zu Lea und hielt die Hand hin.
„Guck mal.“
Lea machte die Augen schmal. „Die zählt aber für dich.“
„Hab ich nicht gesagt.“
„Du willst nur, dass ich langsamer werde.“
Mia zog die Hand ein kleines Stück zurück. „Dann guck eben nicht.“
Lea beugte sich trotzdem vor. Die Kastanie lag dunkel und glatt in Mias Hand. Zwischen ihren Stiefeln raschelte ein Blatt von allein über den Weg.
„Die hat einen Mond“, sagte Lea leise.
„Das ist kein Mond. Das ist ein Bauchfleck.“
„Kastanien haben keine Bäuche.“
„Diese schon.“
Lea öffnete ihren Beutel und suchte darin herum. Sie holte eine kleinere Kastanie heraus, mit einer Delle an der Seite.
„Meine hat eine Höhle“, sagte sie.
„Die ist kaputt.“
Lea steckte sie schnell wieder weg.
Mia sah auf ihre eigene Kastanie. Dann legte sie sie auf die Bank, genau zwischen sie beide.
„Die Mondbauch ist Ausruhkastanie“, sagte Mia.
Lea nahm ihre Kastanie wieder aus dem Beutel und legte sie daneben. „Dann wohnt meine da.“
Sie standen vor der Bank. Zwei Kastanien lagen auf dem Holz, als warteten sie auf etwas.
„Man kann ein Haus machen“, sagte Lea.
„Für zwei Kastanien?“
„Für viele.“
„Dann muss man mehr suchen.“
Lea nickte. „Aber nicht deine Seite und meine Seite.“
Mia hob den Eimer. Er war schwerer, als sie gedacht hatte. „Nur bis die Bank voll ist.“
„Nur bis sie überläuft“, sagte Lea.
Sie gingen wieder unter den Baum. Diesmal zeigte Mia mit dem Fuß ein Blatt an, ohne sich zu bücken.
„Da ist eine.“
Lea hob sie auf und legte sie nicht in ihren Beutel, sondern in Mias Eimer.
„Falsch“, sagte Mia.
„Der Eimer ist lauter.“
„Dein Beutel ist leiser.“
„Dann hören die Kastanien nicht, dass wir kommen.“
Mia lachte kurz, presste aber gleich die Lippen zusammen. „Kastanien haben keine Ohren.“
Lea hob zwei auf einmal auf. Eine gab sie Mia, ohne hinzusehen.
„Diese schon nicht.“
Sie sammelten weiter. Manchmal nahm Lea die größeren, manchmal schob Mia eine schöne mit dem Stiefel zu Lea hinüber. Wenn eine Kastanie noch in der stacheligen Schale klemmte, hielt Lea die Schale mit dem Stock fest, und Mia zog die Kastanie heraus.
„Nicht so doll“, sagte Lea.
„Ich mach gar nicht doll.“
„Doch, dein Gar-nicht ist doll.“
Mia ließ lockerer. Die Kastanie rutschte heraus und fiel in das Laub.
„Jetzt ist sie weg“, sagte Mia.
Lea kniete sich hin und fand sie unter einem gelben Blatt. Sie wischte Erde mit dem Ärmel ab.
„Nicht weg. Nur versteckt.“
Auf der Bank wurde aus zwei Kastanien eine Reihe. Dann ein Viereck. Dann sagte Mia, es sähe aus wie ein Stall. Lea sagte, es sei eher ein Schiff. Sie bauten beides nicht fertig.
„Eine Schlange“, sagte Lea.
„Eine lange.“
„Mit Mondbauch als Kopf.“
„Nein. Kopf muss vorne.“
„Das ist vorne.“
„Von dir aus.“
Lea schob die Mondbauch-Kastanie an das eine Ende. Mia nahm sie weg. Lea sagte nichts. Sie setzte sich auf die Bankkante und ließ die Beine baumeln.
Mia hielt die Kastanie fest. In ihrer Hand wurde sie warm. Auf der Bank sah die Reihe ohne sie kleiner aus.
„Von der Bank aus ist da vorne“, sagte Mia schließlich und legte die Kastanie an Leas Ende.
Lea rutschte ein Stück zur Seite, damit Mia sich setzen konnte. „Dann braucht sie Augen.“
„Kastanienaugen?“
„Nein, Stöckchenaugen.“
Sie suchten zwei kurze Zweige. Mia fand einen geraden. Lea fand einen krummen.
„Der krumme ist besser“, sagte Mia.
„Du kannst den geraden haben.“
„Ich will den krummen.“
Lea gab ihn ihr. Mia brach ihn in zwei Stücke und steckte beide vor die Mondbauch-Kastanie. Lea legte kleine Kastanien als Füße an die Seiten, sehr viele Füße, bis die Schlange eher wie ein Käfer aussah.
„Die kann schnell laufen“, sagte Lea.
„Mit so vielen Füßen stolpert sie.“
„Dann halten die hinteren die vorderen fest.“
Mia sah sie an. Dann schob sie ihren roten Eimer um und kippte den Rest auf die Bank. Lea öffnete den Stoffbeutel und schüttete ihre Kastanien daneben. Einige rollten weg. Beide sprangen hinterher und fingen sie mit den Händen auf.
„Die wollte fliehen“, sagte Lea.
„Nicht ohne die anderen“, sagte Mia.
Sie zählten nicht mehr. Der Eimer lag auf der Seite, der Beutel daneben wie ein müdes Tier. Auf der Bank wuchs die lange Kastanienschlange weiter, braun und krumm, mit zu vielen Füßen und zwei ungleichen Stöckchenaugen.
Als es Zeit wurde zu gehen, nahm Lea die Mondbauch-Kastanie hoch.
„Die nehmen wir mit?“
Mia sah auf die Lücke am Kopf.
„Nur bis morgen“, sagte sie.
Lea legte sie wieder zurück. „Morgen findet sie uns sonst nicht.“
Mia stellte den roten Eimer unter die Bank. Lea stopfte den Stoffbeutel hinein, damit der Wind nichts wegschob.
Dann liefen sie los. Nach drei Schritten kehrten beide um. Mia rückte die krumme Augenstange gerade. Lea schob eine kleine Kastanie an den Rand zurück. Erst danach gingen sie über den raschelnden Weg, Schulter an Schulter, mit leeren Händen und Laub an den Stiefeln.




