Fee Herbstine und die verblassenden Farben
Im Feenwald hing der Spätsommer noch zwischen den Zweigen, müde und warm, als hätte er sein Bündel nicht rechtzeitig gepackt. Die Bäume standen da mit Blättern, die blass geworden waren vom Warten. Kein Rot legte sich in die Adern, kein Braun ruhte an den Rändern, kein Gelb fand seinen Platz.
Fee Herbstine kam den Moosweg entlang. Sie trug ihren Farbschrank auf dem Rücken, gefaltet aus Blütenblättern, die nur für sie aufklappten. In jedem Fach lag eine Farbe, nicht als Ding, sondern als Gefühl: Rot war ein langsamer Mut im Bauch, Gelb ein warmer Atem, Braun das leise Gewicht von Erde nach Regen.
Am Rand des Weges stand Nela, ein Menschenkind mit vorsichtigen Händen und einem mutigen Kinn. Sie war in den Feenwald gekommen, weil ihr Apfelbaum zu Hause noch aussah, als hätte er den Herbst vergessen. Nela sagte nichts. Im Feenwald war es höflich, erst zu warten, bis die Pilze zu Ende geseufzt hatten.
Herbstine kniete vor der ersten Buche nieder. Sie war klein genug, um unter einem Farnblatt zu schlafen, doch wenn sie den Farbschrank öffnete, hielten ganze Waldstücke den Atem flach. Heute blieb es still. Zu still.
Sie nahm den Pinsel aus Distelhaar. Er war sonst hungrig auf Rot. Herbstine führte ihn in das obere Fach, dort, wo der kühle Mut wohnte, und wartete auf das vertraute Kribbeln in den Fingerspitzen.
Nichts kam.
Der Pinsel blieb leicht. Ihre Finger wurden kalt, erst an den Nägeln, dann bis in die Knöchel, als hätte jemand kleine Kiesel darunter gelegt. Herbstine strich dennoch über ein Buchenblatt. Das Blatt nahm die Bewegung an, aber keine Farbe. Es raschelte nur dünn, fast entschuldigend.
Nela trat einen halben Schritt näher. Sie war neugierig genug, um zu sehen, und besorgt genug, um nicht zu fragen.
Zwischen den Stämmen stand Baumgeist Ilo. Man bemerkte ihn meist erst, wenn man aufhörte, nach ihm zu suchen. Seine Rinde war alt, seine Wurzeln reichten unter sieben Bäche, und doch konnte er kein einziges Blatt drängen. Ilo wartete. Sein Schweigen war so groß, dass die Ameisen langsamer darüber liefen.
Herbstine räusperte sich. Verantwortlich sein fühlte sich an manchen Tagen an wie ein zu weiter Mantel, der trotzdem eng um die Schultern lag.
Sie klappte ein zweites Fach auf. Gelb. Darin wohnte sonst die letzte Wärme des Jahres, die sich gern in Lindenblättern niederließ. Herbstine summte den alten Wechselreim, nicht laut, eher so, dass er im Brustkorb blieb. Die Magie antwortete mit einem zarten Ziehen hinter den Rippen.
Sie hob den Pinsel.
Wieder nichts.
Das Ziehen wurde stärker. Herbstine summte weiter, bis ihre Stimme rau wurde wie ein Blatt, das zu oft gewendet worden war. Ihre Zehen verloren ihre Wärme. Der Pinsel nahm kein Gelb auf. Die Linde über ihr blieb fahl, und eines ihrer Blätter fiel in Nelas geöffnete Hand, blass wie ungebackener Teig.
Nela legte das Blatt behutsam auf das Moos. Es gehörte noch nicht ihr.
Herbstine schloss den Farbschrank. Nicht fest. Nur so weit, dass er seufzen konnte.
Ilo sagte lange nichts. Dann knackte in seinem Stamm ein Ton, tief und langsam.
Der Sommer hält noch an dir fest.
Mehr sagte er nicht. Ilo war ein Baumgeist, der mit wenigen Worten ganze Jahreszeiten verschob, wenn sie bereit waren. Heute verschob sich nichts. Herbstine verstand trotzdem genug, um die Hände an sich zu ziehen.
Sie hatte die Farben verteilen wollen, ohne selbst loszulassen. In ihr saßen noch warme Nachmittage, Beerenflecken, der Schlaf der Bienen. Der Herbst kam nicht aus dem Schrank allein. Er musste zuerst durch sie hindurch.
Herbstine stellte sich barfuß in den Schatten der Buche. Die Erde war kühl. Nicht böse kühl, eher ehrlich. Sie atmete ein und ließ den Spätsommer in sich kleiner werden. Das kostete mehr, als ein Pinselstrich kostete. Ihr Lachen vom letzten Brombeertag wurde leiser. Ihre Flügelspitzen schmerzten. Ein Zittern setzte sich in ihre Knie und blieb dort sitzen wie ein kleines graues Tier.
Nela hielt den Atem an, aber nur kurz. Dann atmete sie weiter, weil auch Feenarbeit Luft brauchte.
Herbstine öffnete den Farbschrank wieder. Diesmal griff sie nicht nach Rot, als müsse es gehorchen. Sie legte die kalten Finger an das Fach und wartete, bis der Mut im Bauch nicht mehr warm sein wollte, sondern klar. Der Pinsel wurde schwer. Nicht sehr. Gerade so, dass ihre Hand sank.
Sie berührte das blasse Buchenblatt.
Ein rotes Gefühl zog durch den Stiel. Das Blatt veränderte sich langsam, als erinnerte es sich an etwas, das es schon immer gekannt hatte. Herbstines Finger prickelten danach unangenehm, und unter einem Nagel blieb ein winziger roter Rand zurück.
Ilo hob keinen Ast. Er musste es nicht. Sein Schweigen wurde weicher.
Herbstine machte weiter. Nicht schnell. Sie nahm Braun für die Eichen, und es roch in ihrer Erinnerung nach feuchter Erde. Sie nahm Gelb für die Birken, und ihre Schultern wurden schwer vor Müdigkeit. Jedes Blatt bekam nur so viel, wie es tragen konnte. Manche blieben hell. Manche wollten noch warten. Auch das gehörte zum Herbst.
Nela half, ohne die Magie anzufassen. Sie sammelte die Blätter, die zu früh gefallen waren, und legte sie an die Wurzeln zurück. Mutig ging sie zwischen die Bäume. Besorgt trat sie auf keinen Schatten.
Als der Abend kam, war der Wald nicht fertig. Herbstine war es auch nicht. Ihre Hände waren kalt, ihre Stimme nur noch ein Hauch, und der Farbschrank aus Blütenblättern schloss sich von selbst, weil genug für einen Tag genug war.
Auf der untersten Wurzel von Ilo lag das erste rote Blatt.
Daneben färbte sich ein zweites.
Und ein drittes wartete noch einen Atemzug.
Nela nahm auf dem Heimweg kein Blatt mit. Doch als sie am nächsten Morgen ihre Jackentasche öffnete, lag darin ein kleiner roter Rand, kaum größer als ein Fingernagel, und ihre Hand war an dieser Stelle ein wenig kühl.




