Jagd nach dem letzten Sommerfunken
Der Sonnenfleck auf Mias Knie wurde kleiner.
Er war eben noch rund gewesen. Jetzt sah er aus wie ein schiefer Keks, an dem jemand heimlich knabberte. Über der Waldlichtung schoben sich graue Wolken vor die Sonne. Nicht schnell. Schlimmer. Sicher.
Mia legte beide Hände um den Fleck. Wärme kitzelte ihre Finger. Dann rutschte sie weg.
„Nein. Warte.“
Sie sprang auf und vergaß ihren Stoffbeutel im Gras. Ein Eichhörnchen saß auf einem Baumstumpf und hielt eine Haselnuss in den Pfoten. Es kaute nicht. Es sah Mia an, als hätte sie gerade etwas Dummes, aber Wichtiges begonnen.
Der nächste Sonnenfleck lag am Rand der Lichtung, gelb auf Farnspitzen.
Mia rannte.
Ihre Schuhe schlugen in trockene Blätter. Ihr Atem sprang schneller als ihre Füße. Der Fleck zitterte schon, weil ein Wolkenrand daran zog.
„Ich krieg dich noch!“
Sie warf sich neben den Farn. Zu spät.
Der Farn war grün. Der Boden war kühl. Auf ihren Händen blieb nichts als Erde. Mia presste die Finger zusammen, als könne sie den Rest Wärme ausdrücken. Nichts kam.
Das Eichhörnchen huschte auf einen niedrigen Ast. Es sagte kein Wort. Es drehte nur den Schwanz nach Westen.
Mia folgte seinem Blick.
Die Schatten der Bäume lagen alle schief in dieselbe Richtung. Sie zeigten nicht zum Farn. Sie zeigten zum Bach, wo die Steine offen lagen und kein Dach aus Blättern darüber hing.
Mia zog die Schultern hoch. Zwischen ihr und dem Bach wartete der dunkle Fichtenweg. Dort war der Boden schon herbstkalt, und die Zweige griffen tief. Ihre Knie wackelten. Ihre Hände machten Fäuste.
Dann rannte sie los.
Das Eichhörnchen sprang von Ast zu Ast mit. Immer ein Stück voraus. Immer stumm. Wenn Mia links wollte, blieb es rechts sitzen und starrte. Wenn sie rechts bog, flitzte es weiter. Es kannte den Wald besser als ihre Füße.
Vor ihr blitzte Gold.
„Da!“
Mia bog ab. Der Boden wurde hell. Gold lag überall. Sie lachte schon und streckte die Arme aus.
Dann trat sie hinein.
Blätter.
Nur Blätter. Gelb, trocken, dünn. Sie lagen wie Sonne, waren aber kalt.
Mia blieb stehen. Ihr Atem stolperte. Das Eichhörnchen saß auf einem Pilzstamm und hielt die Haselnuss noch immer fest. Es hob sie vor sein Gesicht, als wollte es sagen: Schau genauer.
Mia kniff die Augen zusammen.
Echte Sonne machte harte Ränder. Die Blätter machten nur Durcheinander. Echte Sonne lag nicht überall. Sie floh in Stücken.
„Also nicht gelb suchen“, flüsterte Mia. „Warm suchen. Offen suchen. Wo die Wolke noch nicht ist.“
Sie drehte sich im Kreis. Zwischen den Fichten hing ein dünner Streifen Helligkeit. Er kroch über einen Stamm, verschwand, tauchte auf einem Stein wieder auf und rutschte weiter bergab.
Der Bach.
Mia schoss los.
Ein Ast schlug gegen ihren Ärmel. Sie blieb nicht stehen. Ein Brombeerzweig hielt ihre Hose fest. Sie zog. Der Stoff knackte leise. Ihr Bein zitterte, aber sie zog noch einmal, diesmal nach hinten statt nach vorn. Die Dornen ließen los.
„Nicht zerren“, keuchte sie. „Zurück, dann weiter.“
Das Eichhörnchen sprang über den Zweig, als wäre der Wald ein Spielbrett.
Am Bach lagen drei flache Steine. Auf dem letzten tanzte ein Sonnenstück. Klein. Hell. Lebendig.
Mia setzte den Fuß auf den ersten Stein. Er kippte.
Wasser spritzte an ihren Schuh. Kälte biss durch den Stoff. Sie ruderte mit den Armen und sprang zurück ans Ufer.
Der Sonnenfleck wanderte vom letzten Stein auf ein Moospolster.
„Nein, nein, nein.“
Sie schaute auf die Steine. Der erste kippte, weil sie auf die runde Seite getreten war. Der zweite hatte eine dunkle nasse Kante. Der dritte lag flach, aber weit.
Mia nahm einen Stock und drückte gegen den ersten Stein. Er wackelte nach links. Sie schob ihn mit dem Fuß, bis die flache Seite oben lag. Erst dann trat sie drauf.
Diesmal hielt er.
Sie sprang zum zweiten, nur auf die helle trockene Stelle. Dann zum dritten. Ihr Atem pfiff. Das Eichhörnchen kam über einen Astbogen über ihr und landete am anderen Ufer ohne einen Tropfen.
Der Sonnenfleck war weg.
Mia hob den Kopf.
Nicht weg. Weiter.
Er lag jetzt auf der alten Buche hinter dem Bach. Hoch oben. Ein runder Glanz auf der Rinde. Darunter wuchs kein Ast, an den Mia gut kam. Die Wolke fraß schon den Rand.
Mia stellte den Stock gegen den Stamm und kletterte nicht. Der Stock reichte nicht. Ihre Finger krallten sich in die Rinde. Ein Stück bröselte ab. Sie rutschte wieder herunter.
Ihr Mund war offen. Ihre Beine wollten Pause. Ihre Augen suchten trotzdem.
Neben der Buche stand ein umgestürzter Stamm. Er zeigte wie ein Pfeil zu einem Hügel, und auf dem Hügel lag ein heller Streifen Gras. Der Baumglanz war nur der Vorbote. Der letzte große Fleck musste oben sein, wo die Wolke später hinkam.
Mia klopfte gegen den Stamm.
„Nicht hoch. Vorwärts.“
Sie rannte über den umgestürzten Stamm. Einmal schwankte sie. Ihre Arme flogen auseinander. Sie blieb oben, weil sie nicht nach unten sah. Das Eichhörnchen lief neben ihr her, den Schwanz wie eine kleine Fahne.
Der Hügel zog länger, als er von unten ausgesehen hatte. Gras schlug gegen Mias Schienbeine. Die Wärme vor ihr wurde blasser. Ihr Atem wurde groß und schwer. Die Welt schrumpfte auf den nächsten Tritt, den nächsten hellen Rand, den nächsten Schritt, der noch ging.
Oben wartete der letzte Sonnenfleck.
Er lag auf einer kleinen Kuppe aus Gras, nicht größer als Mias Decke zu Hause. Rundherum kroch Schatten. Der Fleck war warm und gold und ganz still, als hätte er nur auf jemanden gewartet, der schnell genug war.
Mia ließ sich hineinfallen.
Sie legte die Wange ins Gras. Wärme strich über ihre Haut. Ihre Finger gruben sich nicht ein. Sie hielten nichts fest. Neben ihrem Kopf setzte sich das Eichhörnchen hin und legte die Haselnuss zwischen seine Pfoten.
Keiner bewegte sich.
Der Wolkenrand schob sich weiter. Erst wurde Mias Schuh kalt. Dann ihr Knie. Dann ihre Hand. Der letzte warme Fleck blieb noch einen Atemzug auf ihrer Wange.
Dann war er fort.
Mia blieb liegen. Über ihr war der Himmel grau. Im Gras neben ihr lag die Haselnuss genau dort, wo eben noch Sonne gewesen war.



