Grossvaters Kaminfeuer
Draussen hatte der Herbst den Garten dunkel gemacht. Die Blätter lagen nah an der Erde, und manchmal strich der Wind über sie, so leise, als wolle er sie nicht wecken. Im Wohnzimmer stand der Sessel vor dem Kamin. Leo sass darin, die Knie unter dem Schlafanzug hochgezogen, und schaute auf Grossvaters Hände.
Grossvater machte das erste Kaminfeuer der Saison. Das tat er jedes Jahr, wenn die Abende früher kamen und die Fensterscheiben schwarz wurden. Er sagte nicht viel dabei. Er musste nicht viel sagen. Seine Hände wussten, was zu tun war.
Er legte zuerst die kleinen Späne hin. Dann die dünnen Äste. Dann zwei Scheite, nicht zu dicht, nicht zu weit. Leo kannte die Reihenfolge schon. Er kannte auch das kleine Räuspern von Grossvater, wenn ein Holzstück nicht gleich richtig lag. Heute kam es nur einmal.
„Jetzt passt es“, sagte Grossvater.
Leo nickte sehr ernst. Er wollte alles sehen. Er wollte nicht blinzeln, nicht einmal kurz. Das erste Feuer durfte man nicht verpassen. Seine Hände hielten die Sessellehne fest, als müsse er sich daran erinnern, wach zu bleiben.
Grossvater zündete ein Streichholz an. Ein kleiner heller Punkt war da. Dann roch man das Holz am Anfang ganz fein, trocken und alt, wie die Kiste im Schuppen. Das Streichholz neigte sich. Das Papier nahm die Flamme an. Die Flamme suchte. Sie fand einen Span. Dann noch einen.
Im Kamin knackte es zum ersten Mal.
Leo lächelte, ohne es zu merken. Seine Zehen rutschten tiefer unter die Decke, die über dem Sessel hing. Draussen fuhr ein Auto vorbei, aber sein Geräusch blieb an der Fensterscheibe hängen und kam nicht ganz herein.
Die Flammen wurden höher. Sie waren gelb unten und orange oben, und manchmal bogen sie sich, als hörten sie eine Musik, die nur Feuer kannte. Ein Schatten bewegte sich an der Wand. Dann noch einer. Der alte Schrank wurde länger, der Teppich wurde dunkler, Grossvaters Gesicht wurde weich.
Grossvater setzte sich neben den Kamin, auf den kleinen Hocker. Er legte die Feuerzange hin. Dann faltete er die Hände. Er sah ins Feuer, so wie Leo ins Feuer sah. Beide sagten nichts.
Das Zimmer wurde warm, erst beim Kamin, dann am Teppich, dann am Rand des Sessels. Die Wärme kam langsam. Sie fragte nicht. Sie setzte sich einfach dazu. Sie legte sich auf Leos Hände. Sie legte sich an seine Wangen. Sie blieb.
Leo hob den Kopf ein wenig, weil seine Augenlider tiefer sanken, als er es ihnen erlaubt hatte. Er öffnete sie wieder weit. Die Flammen sprangen. Er wollte die höchste sehen. Er wollte wissen, ob sie bis zum dunklen Stein oben reichte.
Grossvater sagte: „Das ist unser Herbstfeuer.“
Mehr sagte er nicht. Das reichte.
Der letzte Wind am Fenster wurde kleiner. Leo bemerkte ihn erst noch, dann nicht mehr. Die Uhr im Flur machte ihren Schritt, Schritt, Schritt. Eine Weile zählte Leo mit. Dann blieb die Zahl irgendwo liegen.
Im Kamin sank ein Scheit ein wenig tiefer. Es machte ein trockenes Knacken. Ein Funke stieg auf und verschwand. Leo blinzelte langsam. Beim Öffnen waren die Flammen noch da, aber etwas runder. Die Kanten des Kamins waren nicht mehr so wichtig.
Seine Finger liessen die Sessellehne los. Erst der kleine Finger. Dann der nächste. Seine Hand lag offen auf der Decke. Er sagte: „Ich schaue noch.“ Die Worte kamen weich heraus und blieben nah bei ihm.
Grossvater nickte.
Die Flammen tanzten weiter.
Der Schrank an der Wand war nur noch dunkel.
Das Fenster war nur noch Nacht.
Die Uhr im Flur ging weiter, aber Leo hörte sie nicht mehr ganz.
Er hörte nur das Feuer.
Ein kleines Knacken.
Eine Pause.
Noch ein kleines Knacken.
Leos Kopf lehnte sich an die Sesselseite.
Er hob ihn wieder ein Stück.
Er wollte die Flammen zählen.
Eine Flamme.
Zwei.
Dann waren es keine Zahlen mehr.
Nur hell.
Nur warm.
Grossvater stand langsam auf.
Das Feuer machte den Raum klein.
Der Raum machte den Sessel klein.
Der Sessel hielt Leo.
Grossvater nahm die weiche Decke vom Lehnenrand.
Er breitete sie über Leos Beine.
Leos Füße bewegten sich kaum.
Die Decke blieb.
Das Feuer atmete leise.
Leos Mund war ein wenig offen.
Ein Atem kam.
Ein Atem ging.
Grossvaters Hand ruhte kurz auf der Decke.
Dann war nur Wärme.
Wärme an den Knien.
Wärme an den Händen.
Wärme im Sessel.
Leos Atem wurde klein.
Warm.
Langsam.
Warm.


