Das Orakel des ersten Frosts
Berin erreichte den Schrein vor dem Abend.
Der Berg trug noch Herbst. Rotes Gras klebte zwischen den Steinen. Wacholder stand niedrig und hart am Hang. Unter den Felsen lagen alte Opfermesser, schwarz vom Wetter, ohne Griffe. Die Stufen zum Schrein hatten Mulden von Knien. Jemand hatte vor langer Zeit Namen in die Schwelle geschnitten. Der Stein hatte die Namen fast geschluckt.
Berin setzte den Fuß nicht gleich darauf.
Er kannte die Schwelle.
Beim ersten Mal hatte er sie mit dreiundzwanzig Jahren überschritten. Er hatte nach dem Ort gefragt, an dem der König seinen Bruder verborgen hielt. Das Orakel hatte geantwortet. Berin fand den Ort. Er fand auch die sieben anderen Gefangenen. Er ließ sechs zurück. Er nahm seinen Bruder. Der König brannte drei Dörfer nieder. Sein Bruder starb im Winter an Husten.
Beim zweiten Mal hatte Berin nach dem Namen des Verräters gefragt. Das Orakel hatte geantwortet. Der Name gehörte einer Frau mit weißen Händen und einem Kind am Rock. Berin schnitt ihr nicht die Kehle durch. Er gab den Namen weiter. Andere taten es. Das Kind lebte. Es trug später eine Klinge am Gürtel und suchte Berin in den Städten.
Jetzt stand Berin wieder vor der Schwelle.
Er war älter. Sein Bart trug graue Drähte. Drei Finger seiner linken Hand krümmten sich schlecht. Der Frost hatte sie beim zweiten Besuch berührt. Die Haut dort blieb auch im Sommer blau.
Er legte den Beutel ab. Darin lagen Brot, ein Messer, ein Stück Salz, ein versiegelter Brief. Der Brief wog wenig. Berin hatte ihn seit zwei Jahren nicht geöffnet. Das Siegel zeigte einen Hirschkopf. Der Wachsrand war eingerissen. In seiner Tasche lag eine Kupfermünze. Sie war kalt. Das stimmte.
Der Schrein stand ohne Dach auf der Bergspitze. Vier Pfeiler. Ein Altar. Eine bronzene Schale. Kein Wasser. Keine Asche. Der Wind hatte feinen Staub in den Bodenrissen gesammelt. Zwischen den Platten wuchs ein Kraut mit blassen Stielen. Die Blätter schmeckten nach Eisen. Berin hatte sie beim letzten Warten gekaut und sich die Zunge blutig gebissen.
Er trat über die Schwelle.
Der Schatten der Pfeiler fiel nach Osten. Die Sonne sank im Westen. Berin sah es. Er hielt den Blick nicht lange dort.
Er richtete sein Lager an der Nordmauer ein. Dort blieb der Stein länger warm. Früher hatten Priester hier gesessen. Das zeigten die Kerben im Boden. Vier Plätze. Vier Fersenringe. Ein fünfter Platz lag weiter abseits. Dort war der Stein glatt wie Knochen. Niemand hatte dort gesessen. Etwas hatte dort gelegen.
Berin sammelte trockenes Gras. Er machte kein Feuer.
Das Orakel sprach nur in der Nacht des ersten Frosts.
Vor dem Frost schwieg es.
Nach dem Frost schwieg es wieder.
Niemand wusste, ob es eine Stimme hatte, solange kein Mensch fragte. Die Toten im Tal hatten viele Meinungen hinterlassen. Ihre Tafeln standen unterhalb der letzten Kehre. Bitten um Kinder. Bitten um Gold. Bitten um Siege. Einige Tafeln endeten mitten im Wort. Andere trugen nur Linien. Kratzspuren von Fingernägeln. Berin hatte sie im Aufstieg nicht gezählt.
Er wartete.
Am ersten Morgen lag kein Frost auf den Steinen. Sein Atem blieb unsichtbar. Der Himmel stand bleich. Die Krähen kreisten tiefer als am Vortag. Eine ließ eine Nuss fallen. Die Nuss traf die Schwelle. Sie sprang nicht. Sie blieb liegen und drehte sich langsam gegen den Wind.
Berin nahm sie nicht auf.
Er aß Brot. Er teilte es in neun Stücke. Drei für den Morgen. Drei für den Abend. Drei für den dritten Tag. Wenn der Frost später kam, würde er Salz lecken und das Kraut kauen.
Er sprach seine Frage nicht aus.
Er hatte sie unterwegs in vielen Formen getragen.
Wo liegt die Quelle des Krieges.
Wer muss sterben, damit Frieden bleibt.
Welches Kind trägt den nächsten Brand.
Er hatte jede Frage verworfen. Jede suchte ein Messer in fremder Hand. Jede gab ihm ein Ziel. Ziele erleichterten das Töten.
Gegen Mittag setzte er sich vor die bronzene Schale. Die Schale war trocken. Ihr Rand zeigte grüne Narben. Innen klebten schwarze Ringe. Früher hatte man Wein hineingegossen. Oder Blut. Eine Münze lag am Boden der Schale. Nicht seine. Silber. Sehr alt. Ein Loch ging durch den Kopf des geprägten Kaisers. Der Kaiser hatte keine Augen mehr.
Berin rührte die Münze nicht an.
Aus der Schale kam ein Tropfenklang.
Einmal.
Dann nichts.
Berin beugte sich vor. Die Bronze blieb trocken. Der Staub lag ungebrochen.
Er setzte sich zurück.
Am zweiten Tag sank die Kälte vom Himmel, aber sie blieb über dem Stein hängen. Sein Atem zeigte sich nur kurz. Die Stufen blieben dunkel. Das rote Gras am Rand stand weich. Kein Frost.
Berin ging den Rand des Schreins ab. Zwölf Schritte von Pfeiler zu Pfeiler. Einundzwanzig zur Schwelle. Acht bis zur Schale. Er zählte nicht laut. Sein Knie knirschte. Ein alter Pfeilkopf steckte in der Fuge hinter dem Altar. Er hatte ihn beim ersten Besuch nicht gesehen. Beim zweiten hatte er ihn gesehen und vergessen. Jetzt zog er ihn heraus.
Der Pfeilkopf war aus Bein.
Er roch nach Rauch.
Berin legte ihn auf den Altar. Neben den Brief. Neben das Salz. Neben sein Messer.
Der Brief blieb geschlossen.
Am Nachmittag kam ein Mann den Pfad herauf. Er trug die braune Kappe der Grenzhüter. Sein Mantel hing an einer Schulter. Blut war darin getrocknet. Er blieb vor der Schwelle stehen.
Berin kannte sein Gesicht nicht. Er kannte den Blick. Menschen, die zum Orakel kamen, sahen nicht zum Himmel. Sie sahen auf die Stelle, an der sie stehen bleiben würden, wenn Mut und Schuld gleich schwer wurden.
Der Mann hob die Hand. »Ich brauche die Nacht.«
Berin antwortete nicht.
»Mein Sohn liegt unten im Fieber. Die Heilerin sagt, der Frost nimmt ihn, wenn er kommt. Ich frage nach dem Kraut, das ihn hält.«
Berin sah zu der Schwelle. Die Namen darin lagen flach. Der Wind trieb Staub hinein.
»Das Orakel spricht auf eine Frage«, sagte Berin.
»Eine Frage für jeden?«
»Eine Frage in einer Frostnacht.«
Der Mann sah ihn an. »Dann stell meine.«
Berin dachte an sechs Gefangene in einem Keller. An eine Frau mit weißen Händen. An ein Kind am Rock.
Er sagte: »Nein.«
Der Mann griff nach seinem Messer.
Berin stand langsam auf. Seine linken Finger krümmten sich nicht richtig um den Griff. Seine rechte Hand genügte.
Der Mann sah die Hand. Er sah die alten Narben am Hals. Er ließ das Messer stecken.
»Du fragst für dich«, sagte er.
»Ja.«
»Dann soll dein Mund zufrieren.«
Er stieg wieder hinab.
Berin hörte seine Schritte, bis der Pfad ihn nahm.
Am Abend öffnete Berin den Brief.
Das Papier war dünn. Die Schrift seines Sohnes blieb fest. Keine Bitte stand darin. Nur ein Bericht. Die südlichen Herren sammelten Korn. Die alten Kastelle an der Salzstraße hatten neue Tore. In Derenfurt verschwanden Kinder. Eine Frau mit einer Narbe am Auge fragte nach Berin. Am Ende stand ein Satz.
Wenn du die Frage findest, frage nicht nach dem Feind. Frage nach dem, was du erhalten willst.
Berin faltete das Papier nicht wieder. Er legte es auf den Altar. Der Wind hob die Ecke nicht.
In der Nacht schlief er wenig. Die Sterne standen scharf. Der Stein unter seiner Hüfte zog Wärme aus ihm. Seine Finger pochten. Die drei blauen Finger wurden taub. Dann brannten sie. Er steckte sie in die Achselhöhle. Es half nicht.
Aus der trockenen Schale klang Wasser.
Nicht Tropfen.
Ein Rinnsal.
Berin öffnete die Augen.
Die Schale blieb leer. Der Klang lief weiter. Er kam nicht von ihr. Er kam aus der Mitte seines Brustkorbs. Jeder Ton zog an einer Rippe.
Er setzte sich auf.
Seine Kupfermünze war warm.
Er nahm sie aus der Tasche. Sie lag rotbraun in seiner Hand. Kein Feuer. Kein Blut. Nur Wärme. Auf einer Seite zeigte sie den Kopf des alten Kaisers. Auf der anderen ein Tor. Das Tor hatte er nie bemerkt. Es stand offen.
Noch kein Frost lag auf dem Stein.
Er wartete.
Der dritte Morgen brachte Nebel aus dem Tal. Kein Frost. Berin kaute das Eisenkraut. Seine Zunge schmeckte Blut. Er trank nicht. Das Wasser in seinem Schlauch war knapp. Er hielt es für die Nacht zurück.
Er ging wieder zwölf Schritte. Einundzwanzig. Acht. Der Pfeilkopf lag nicht mehr neben dem Messer. Er steckte in der bronzenen Schale. Spitze nach unten. Kein Kratzer zeigte, wie er dorthin gekommen war.
Berin ließ ihn dort.
Der Tag verging klein. Wolken schoben sich über die Sonne. Die Krähen verschwanden. Der Wacholder am Hang hielt still. Selbst der Wind nahm den längeren Weg um den Schrein.
Gegen Abend kam der Atem.
Er stand weiß vor Berins Mund und sank nicht. Er hing in Streifen. Jeder Atemzug blieb neben dem vorigen. Der Raum vor seinem Gesicht füllte sich mit blassen Fäden.
Die Steine wurden eisig.
Berin legte die rechte Hand auf die Schwelle. Die Kälte biss sofort. Er hielt die Hand dort, bis die Haut haftete. Dann riss er sie los. Blut blieb in einer dünnen Linie auf dem Stein.
Die Namen in der Schwelle nahmen das Blut nicht auf.
Sie traten hervor.
Nicht alle. Drei.
Der Name seines Bruders. Der Name der Frau mit den weißen Händen. Der Name seines Sohnes.
Berin atmete durch die Zähne.
Er hob den Blick nicht.
Frost kroch über die Platten. Er lief nicht wie Wasser. Er suchte die Fugen. Er fand die alten Kerben. Er zeichnete vier Fersenringe nach. Er mied den fünften glatten Platz.
Die bronzene Schale knackte.
Der Pfeilkopf aus Bein zerfiel zu Staub.
Dann sprach das Orakel.
Die Stimme klang wie Wasser unter Eis.
Es gab kein Wasser.
»Frag«, sagte die Stimme.
Berin stand vor der Schale. Seine blauen Finger öffneten sich nicht. Die Kupfermünze in seiner Faust brannte. Er ließ sie nicht fallen.
Er dachte an die Frage, die er Jahre getragen hatte. Er dachte an Könige, Verräter, Kinder, Kornspeicher, Städte. Er dachte an den Mann mit der braunen Kappe und das fiebernde Kind. Er dachte an seinen Sohn, der wusste, welche Frage ein Vater stellen sollte.
Berin stellte sie nicht.
Er sagte: »Was muss ich aufgeben, damit meine Antworten keinen weiteren Hunger finden?«
Die Stimme schwieg.
Der Frost hielt an. Er hielt auf den Steinen. Er hielt auf Berins Wimpern. Er hielt in seinen Lungen.
Dann kam der Klang von Wasser wieder. Langsam. Nah. Als tränke der Berg.
»Deine Frage«, sagte das Orakel.
Berin wartete.
»Nicht diese. Alle.«
Die Kupfermünze in seiner Hand brach.
Kein Splitter fiel. Die Münze öffnete sich entlang des geprägten Tores. Dahinter lag dunkles Fleisch. Es zuckte einmal. Berin schloss die Faust. Zu spät. Die Wärme lief in seinen Arm. Sie stieg bis zur Schulter. Dort blieb sie.
Er spürte, wie etwas in seinem Mund kalt wurde.
Er berührte die Zunge mit den Zähnen. Die Spitze fehlte nicht. Sie lag schwer. Taub. Ein Stück Stein in einem lebenden Mund.
»Das ist die Antwort?« fragte er.
Die Worte kamen undeutlich. Blut füllte seinen Mund. Es schmeckte nach Kupfer.
»Nein«, sagte das Orakel.
Das Wasser klang näher.
»Das ist der Preis.«
Berin kniete nicht. Seine Beine gaben nach. Er fing sich am Altar. Die Haut seiner rechten Hand riss wieder auf. Die Schale blieb trocken.
»Die Antwort«, sagte die Stimme, »steht unter der Frage, die du nicht stellst.«
Der Frost sprang von der Schwelle auf seine Stiefel.
Berin sah die drei Namen. Sie blieben dunkel im weißen Stein. Unter dem Namen seines Sohnes bildeten sich neue Kerben. Langsam. Buchstabe um Buchstabe. Nicht von außen. Von innen.
Er konnte sie nicht lesen. Sein Blick tränte. Seine Zunge lag kalt. Sein Arm brannte. Er zwang sich näher.
Die Kerben formten kein Wort.
Sie formten eine Linie. Einen Weg. Vom Namen seines Sohnes zum fünften glatten Platz neben den Priestersitzen.
Dort hob sich der Frost nicht.
Dort schwitzte der Stein.
Berin trat einen Schritt darauf zu.
Die Stimme sagte nichts.
Der erste Frost der Nacht lag nun überall. Nur der glatte Platz blieb dunkel. Aus ihm kam der Geruch von nasser Erde, obwohl der Berg seit Wochen trocken war.
Berin nahm den Brief seines Sohnes vom Altar. Das Papier klebte an seinen blutigen Fingern. Er legte es auf den dunklen Stein.
Der Stein nahm es nicht.
Er wartete.
Berin verstand genug, um nicht verstehen zu wollen.
Er hob sein Messer. Er legte es daneben. Dann das Salz. Dann die gebrochene Kupfermünze. Die Münze schloss sich nicht wieder. Das kleine Tor blieb offen.
Der dunkle Stein schwieg.
Aus dem Tal klang kein Laut.
Berin öffnete den Mund und versuchte die Frage, die unter allen Fragen lag. Kein Wort kam. Nur Blut. Nur Atem. Er lachte nicht. Er weinte nicht. Er stellte sich auf den fünften Platz.
Der Stein war warm.
Am Morgen fand der Mann mit der braunen Kappe den Schrein leer.
Frost lag auf den vier Priestersitzen. Die bronzene Schale war mit klarem Wasser gefüllt. Ein Stück Papier schwamm darin. Die Schrift war ausgelaufen. Am Boden der Schale lag eine Kupfermünze mit einem offenen Tor.
Auf der Schwelle stand ein neuer Name.
Darunter zog eine dünne nasse Spur über den Stein und lief gegen den Hang hinauf.




