Die Herbstkoenigin
Das erste Blatt fiel nicht.
Es hing an einem schwarzen Zweig über Fennas Thron. Sein Stiel war dünn wie ein Faden. Der Wind strich durch den Saal aus Laub. Andere Blätter raschelten am Boden. Dieses eine hielt. Es zeigte seine helle Unterseite nach oben. Der Schatten darunter fiel zum Fenster hin.
Fenna sah es an. Sie trug die Krone aus Hagebuttendornen. Drei Dornen steckten seit dem Morgen in ihrer Kopfhaut. Sie hatte sie nicht herausgezogen. Blut trocknete in ihrem Haar. Es roch nach Äpfeln und Eisen.
Der Thronsaal stand auf der Grenze. Hinter den offenen Bögen lag das Herbstreich. Rote Hänge. Schwarze Felder. Mühlen mit gebrochenen Flügeln. Dörfer, die seit der Großen Ernte keine Glocken mehr läuteten. Vor den Bögen im Norden begann der Winterweg. Er bestand aus weißem Stein. Heute blieb er grau.
Die Schwelle zwischen beiden Reichen war alt. Die Füße von siebenundzwanzig Königinnen hatten eine Mulde in den Stein getreten. In der linken Wand steckten Nägel aus dem Jahr der Zwei Sonnen. Niemand zog sie heraus. Dort hingen früher Sommerbanner. Die Haken blieben leer. In der rechten Wand stand der Vertrag der ersten Teilung. Der untere Rand war glatt von Händen, die ihn berührt hatten.
Fenna legte die Hand auf die Armlehne. Der Thron knackte. Er bestand aus gepressten Blättern, Harz und den Rippen eines Tieres, das keiner mehr nannte. Jeden Herbst wuchs er neu. Jeden Winter zerfiel er zu braunem Staub.
Dieses Jahr blieb er fest.
Am Ende des Saals schlug die Grenzglocke einmal. Der Ton kam nicht aus dem Turm. Er kam aus dem Boden unter Fennas Füßen.
Kali trat ein.
Er trug keinen Mantel. Schnee lag auf seinen Schultern, aber er schmolz nicht. Seine Stiefel hinterließen nasse Abdrücke auf dem Laub. Die Abdrücke waren warm. Dampf stieg daraus auf und sank wieder in die Blätter.
Er blieb vor der alten Mulde in der Schwelle stehen. Er kannte die Regel. Kein Winterbote betrat den Herbstthron ohne Ruf. Auf seiner Brust hing ein Messer aus Knochen. Der Griff war mit Silberdraht gebunden. Seine rechte Hand fehlte zwei Finger. Alte Kälte hatte sie genommen. Neue Kälte nahm mehr, wenn man sie bat.
— Fenna, sagte er.
Sie antwortete nicht.
— Die Nacht ist voll. Der letzte Apfel liegt. Die Krähen sind nach Norden geflogen und kehren zu Fuß zurück. Gib ab.
Fenna stand auf. Blätter klebten am Saum ihres Kleides. Sie fielen nicht ab.
— Noch nicht.
Kali sah zu dem Blatt über dem Thron. Er sah zu seinem Schatten. Er hob nicht die Stimme.
— Es hat begonnen.
— Nichts hat begonnen.
— Genau.
Fenna ging an ihm vorbei zur Schale der Abdankung. Sie stand auf einem dreibeinigen Tisch aus Wurzelholz. In ihr lagen die Dinge, die jede Herbstkönigin am Ende brauchte. Ein Ring aus Rost. Ein Faden aus Pferdehaar. Eine Nadel aus dem ersten Frost des vorigen Jahres.
Die Nadel fehlte.
Fenna hatte sie in der Nacht gesucht. Sie hatte die Kissen des Throns aufgerissen. Sie hatte unter den Dielen getastet, wo noch Münzen aus dem Hungerjahr lagen. Sie hatte die Hände in kalte Asche gesteckt. Sie brauchte die Nadel. Ohne sie konnte sie den roten Faden nicht durch ihre Krone ziehen. Ohne den Faden löste sich die Krone nicht. Ohne die Krone blieb Herbst.
Sie suchte weiter.
Kali blieb an der Schwelle. Er folgte ihr nicht. Geduld stand an ihm wie Reif an einem Zaun.
Fenna hob den dreibeinigen Tisch. Darunter lag ein Haufen kleiner Knochen. Mäuse. Vögel. Ein Kinderzahn. Sie kannte den Zahn. Vor dreißig Jahren hatte eine Königin ihn dort gelassen, damit der Winter mild blieb. Der Winter wurde mild. Das Kind blieb stumm.
Fenna schob die Knochen auseinander. Keine Nadel.
Das Blatt über dem Thron drehte sich nicht im Wind.
— Du hast sie versteckt, sagte Kali.
— Ich habe sie verloren.
— Du verlierst nichts.
Das stimmte. Fenna verlor nichts. Sie sammelte das, was fiel. Die letzten Äpfel. Die Namen der Toten. Das Laub von Galgenbäumen. Die warmen Federn der Vögel, die den Zug nicht schafften. Sie hielt den Herbst zusammen. Sie hatte ihn vierzig Jahre regiert. Vierzig kurze Reiche zwischen Hitze und Frost. Vierzig Male hatte sie abgegeben.
Dieses Jahr hatte der Sommer drei Dörfer verbrannt. Der Winter davor hatte die Brunnen bis in den Stein geschlossen. Im Herbst wuchsen Pilze auf den Dächern. Kinder fanden Nüsse in Gräben. Alte Frauen trockneten Kräuter an Türbalken, die schon zwei Kriege gesehen hatten. Die Welt atmete, wenn Fenna regierte.
Sie trat zum Wandvertrag. Mit dem Fingernagel fuhr sie über die eingeritzten Namen. Der Stein war warm. Steine wärmten sich nicht im Nordwind.
— Die Menschen brauchen noch Zeit, sagte sie.
— Die Menschen brauchen Ende.
— Du bringst Hunger.
— Ich bringe Ruhe. Hunger läuft vor mir her. Du hältst ihn fest.
Fenna drehte sich um. Ihr Kopf pochte unter der Dornenkrone. Ein Tropfen Blut lief ihr bis zum Ohr. Dort kühlte er nicht.
— In Eschenfurt hängen die Birnen noch, sagte sie. In Rabental haben sie das Korn nicht gemahlen. Am Alten Damm stehen Schafe mit offenen Mäulern. Sie warten auf Frost, damit die Seuche stirbt. Ja. Ich weiß. Ich weiß alles.
— Dann gib ab.
Sie ging zum Thron zurück. Sie kniete nicht. Sie griff tief in die gepressten Blätter an seiner Seite. Ihre Finger fanden Harz, Splitter, einen alten Ring. Dann Metall.
Die Nadel lag dort.
Sie hatte sie selbst hineingesteckt. Nach Mitternacht. Mit ruhiger Hand. Sie erinnerte sich an den Druck des Harzes unter dem Nagel. Sie erinnerte sich an die Erleichterung, als das kleine kalte Ding verschwand.
Sie schloss die Faust darum.
Kali sah ihre Hand.
— Fenna.
Sie stand auf. Die Nadel lag in ihrer Faust. Sie schnitt ihr in die Haut. Kein Blut kam. Harz trat aus. Dunkel und langsam.
— Noch einen Tag.
— Ein Tag ist kein Tag mehr. Die Stunden laufen im Kreis. Im Winterreich stehen die Toten vor den Toren und finden die Gräber nicht. Die Flüsse tragen Eis unter der Haut. Es steigt nicht. Es sinkt nicht. Meine Königin zählt die Atemzüge der Schlafenden. Sie fehlen ihr.
— Deine Königin kann warten.
Kali lächelte nicht. Sein Blick blieb auf ihrer Faust.
— Sie wartet seit gestern. Gestern dauert dort drei Wochen.
Die Grenzglocke schlug wieder. Diesmal klang sie aus Fennas Rippen. Sie hielt still, bis der Ton starb.
Ein Blatt löste sich vom Dach des Saals. Es fiel nach oben. Es blieb unter dem Dach hängen, als hätte der Himmel es festgenagelt.
Kali trat über die Schwelle.
Die Mulde im Stein knirschte unter seinem Stiefel. Die Nägel in der Wand zitterten. Ein leerer Haken sprang heraus und fiel ins Laub. Er machte keinen Klang.
— Geh zurück, sagte Fenna.
— Ruf mich hinaus.
— Ich bin Königin.
— Noch.
Er zog das Knochenmesser. Keine Flamme. Kein Schein. Nur ein Schnitt in der Luft, dünn und dunkel. Der Schnitt blieb stehen. Der Wind wich darum herum.
Fenna hob die Hand mit der Nadel. Sie hätte sie in die Schale legen können. Sie hätte den Faden nehmen können. Sie hätte die Krone lösen können. Ihre Finger öffneten sich nicht.
Sie trat zum Nordbogen. Draußen standen die Grenzbirken. Ihre Blätter waren gelb. Kein einziges lag am Boden. Unter den Stämmen kauerten Hasen. Sie hatten Winterfell. Es war fleckig braun und weiß. Ihre Augen blieben offen.
Fenna presste die Nadel an ihre Brust.
— Ich habe dieses Reich aus Moder gehoben, sagte sie. Als der Sommer die Felder fraß, brachte ich Nebel. Als der Winter die Neugeborenen nahm, brachte ich Nüsse und Rauch. Wenn ich gehe, kommen sie beide zurück. Sie reißen an den Rändern. Sie warten nur darauf.
— Ja, sagte Kali.
Das Wort lag zwischen ihnen. Es tröstete nicht.
— Dann weißt du es.
— Ich weiß es.
— Und du verlangst es.
— Ja.
Fenna sah ihn lange an. In seinem linken Auge saß ein weißer Punkt. Eine alte Verletzung. Vielleicht vom Eis. Vielleicht von einer Königin, die vor ihr nicht gehen wollte. Seine fehlenden Finger hielten nichts. Die übrigen hielten das Messer ruhig.
Sie nahm den roten Faden aus der Schale. Sie nahm den Rostring. Die Nadel in ihrer Hand wurde schwer. Sie wog mehr als Eisen. Sie wog wie ein Kind im Schlaf.
Kali senkte das Messer nicht.
Fenna führte den Faden durch das Öhr. Beim ersten Versuch traf sie nicht. Ihre Fingerspitzen hatten keine Linien mehr. Blattadern liefen unter der Haut. Beim zweiten Versuch riss der Faden. Beim dritten glitt er hindurch.
Der Saal schwieg.
Sie setzte die Nadel an die Krone.
Ein Dorn brach ab und blieb in ihrer Kopfhaut. Ein anderer drang tiefer ein. Fenna zog den Faden durch die Dornen. Jeder Stich nahm etwas. Ein Fingernagel löste sich. Eine Haarsträhne fiel. Sie wurde zu trockenem Gras, bevor sie den Boden berührte.
Draußen knackte ein Ast. Nicht laut. Endgültig.
— Weiter, sagte Kali.
Sie lachte einmal. Es klang wie Papier.
— Du hast Geduld.
— Ich habe Grenze.
Sie zog den letzten Stich. Die Krone öffnete sich einen Spalt. Nicht genug.
Der Rostring musste folgen. Sie hob ihn an ihre Lippen. Jede Königin küsste ihn. Jede Königin gab damit den Geschmack des Jahres ab. Fenna roch Äpfel und Eisen. Darunter lag etwas Saures. Wein, der zu lange stand.
Sie küsste den Ring nicht.
Sie biss hinein.
Rost brach zwischen ihren Zähnen. Der Ring bog sich. Kali machte einen Schritt. Fenna spuckte Blut und Metall in die Schale.
— Nein, sagte er.
Sie nahm das gebogene Stück und drückte es in die offene Krone. Der Spalt schloss sich. Der rote Faden spannte. Er schnitt in die Dornen und in ihre Haut. Ihre Schultern krümmten sich. Unter ihrem Kleid raschelte etwas, das nicht Stoff war.
Der Herbst hielt.
Jenseits der Bögen stürzten die Birkenblätter zugleich nach unten. Sie berührten den Boden nicht. Eine Handbreit darüber blieben sie stehen. Der graue Winterweg bekam einen weißen Rand und verlor ihn wieder.
Kali hob das Messer.
Fenna sah die Bewegung. Sie wich nicht aus.
— Wenn du mich schneidest, sagte sie, schneidest du den Herbst.
— Ja.
— Dann kommt nichts Gutes.
— Nichts Gutes wartet schon.
Er schnitt ihr nicht in die Kehle. Er schnitt in den Thron.
Die Blätterrippen barsten. Harz lief aus dem Sitz. Es war dunkel wie altes Blut. Fenna schrie nicht. Ihre Knie gaben nach. Der Thron hielt sie nicht mehr. Sie fiel auf das Laub. Die Nadel steckte noch in ihrer Hand.
Der Saal atmete aus.
Ein kalter Zug kroch über den Boden. Er roch nicht nach Schnee. Er roch nach Stein, der lange geschlossen war.
Fenna stützte sich auf einen Ellbogen. Ihre Haut an der Hand war braun geworden. Die Finger krümmten sich wie trockene Stiele. Dort, wo Harz aus der Wunde getreten war, klebten kleine Blätter fest. Sie bewegten sich mit ihrem Puls.
Kali kniete vor der Schale. Er legte sein Messer hinein. Dann nahm er die Nadel aus Fennas Hand. Sie ließ sie los. Oder ihre Finger konnten nicht mehr halten.
— Du hast das Recht nicht, sagte sie.
— Nein.
Er führte den roten Faden durch die gebrochene Krone. Seine Hand zitterte. Beim Ziehen riss seine Haut am Handgelenk auf. Frost lag darunter, nicht Blut. Ein Stück seines Arms wurde durchsichtig. Knochen zeigte sich. Der Preis nahm auch Boten.
Fenna sah hin. Ihr Gesicht änderte sich nicht.
— Deine Königin wird dich dafür loben.
— Sie wird zählen, was fehlt.
— Und du?
— Ich auch.
Er zog.
Die Krone sprang auf.
Kein Licht trat heraus. Kein Donner kam. Die Schatten im Saal fielen wieder zur richtigen Seite. Das Blatt über dem Thron löste sich und fiel. Es landete auf Fennas Brust.
Sie atmete darunter.
Vom Winterweg her kam ein weißer Faden über die Schwelle. Er kroch langsam. Er berührte die Mulde im Stein. Dort hielt er an.
Kali stand auf. Er schwankte. Zwei weitere Finger an seiner linken Hand waren grau. Er steckte das Messer nicht ein. Es blieb in der Schale. Vielleicht gehörte es nun dem Herbst.
— Steh auf, sagte er.
Fenna lachte nicht mehr.
— Bin ich frei?
— Nein.
— Bin ich Königin?
Kali sah zum Thron. Er war eingesunken. Aus den gebrochenen Rippen wuchsen kleine Pilze. Ihre Hüte öffneten sich und schlossen sich im Takt der Glocke, die niemand hörte.
— Nicht allein, sagte er.
Draußen begann der erste Schnee. Er fiel nicht dicht. Er fiel nicht schön. Einzelne Flocken kamen, hart wie Salz. Auf halbem Weg zum Boden hielten sie inne. Unter ihnen hingen die gelben Blätter. Darüber stand der graue Himmel.
Fenna legte die braune Hand auf das Blatt auf ihrer Brust. Es zerfiel nicht. Es wurde kalt.
Kali trat zurück zur Schwelle. Er überschritt sie nicht ganz. Ein Fuß stand im Herbstlaub. Ein Fuß stand auf dem Winterstein. Sein Atem ging in zwei Richtungen.
Die Grenzglocke schlug ein drittes Mal.
Diesmal blieb der Ton im Eisen der alten Nägel hängen.
Über dem leeren Thron hing eine einzige Flocke. Sie drehte sich nicht. Unter ihr wartete das Blatt, das nicht mehr wusste, wohin es fallen sollte.




