Nebel über dem See
Petra lief jeden Morgen um sechs Uhr zehn los, weil um sechs Uhr zehn noch niemand etwas von ihr wollte. Kein Telefon. Keine Mails. Keine Stimme aus der Nachbarwohnung, die durch die dünne Wand nach Milch oder Batterien fragte. Nur der See lag unten im Nebel, grau und glatt, als hätte jemand ein feuchtes Tuch über die Welt gezogen.
Sie bog am Bootshaus auf den schmalen Weg ein. Die Birken standen da mit schwarzen Stämmen und gelben Blättern, die nicht fallen wollten. Unter ihren Schuhen knackten Bucheckern. An ihrem linken Handgelenk rutschte ein schmales Silberarmband unter dem Ärmel hervor, bei jedem dritten Schritt. Es hatte eine Delle neben dem Verschluss. Petra schob es immer wieder zurück, ohne langsamer zu werden.
Am ersten Montag im Oktober sah sie ihn kurz hinter der Holzbrücke. Er kam aus dem Nebel, als habe der See ihn eben ausgespuckt. Dunkle Jacke, grüne Handschuhe, eine blaue Mütze tief über der Stirn. An seinem rechten Handgelenk baumelte ein einzelner Schlüssel an einer roten Schnur. Er hielt die Augen auf den Weg gerichtet und hob zwei Finger, nicht mehr. Petra nickte. Dann liefen sie aneinander vorbei, zwischen ihnen der Geruch von nassem Laub und kalter Haut.
Am Dienstag kam er wieder. Am Mittwoch auch. Donnerstags hörte Petra seine Schritte, bevor sie ihn sah. Nicht laut. Nur ein anderes Muster auf dem Kies: zwei schnelle Tritte, ein dritter etwas weicher. Sie merkte es sich, obwohl sie am Abend davor beschlossen hatte, sich nichts zu merken.
Simon lief seit dem Sommer diese Runde. Zuerst, weil sein Arzt einen Satz gesagt hatte, den Simon nicht noch einmal hören wollte. Dann, weil der See vor sieben Uhr noch keine Meinung hatte. Er startete um sechs Uhr zwölf, manchmal sechs Uhr elf, je nachdem, wie lange er am Küchentisch auf den kleinen Messingwecker starrte. Seit jener Frau mit dem Silberarmband stellte er den Wecker auf sechs Uhr sieben. Er tat so, als habe das mit der Kälte zu tun.
Er wusste nach zwei Wochen, dass sie am Bootshaus die Schultern leicht zurücknahm, als würde sie dort jedes Mal durch eine unsichtbare Tür treten. Er wusste, dass sie am zweiten Laternenmast den Blick kurz zum Wasser wandte. Er wusste auch, dass sie nie Musik hörte. Ihre Ohren blieben frei. Das machte ihn vorsichtiger. Er räusperte sich nicht. Er trat nicht absichtlich auf Äste. Wenn sie einander begegneten, hob er die Hand genau so hoch wie am ersten Tag, damit nichts größer wurde als es war.
Petra erzählte niemandem von ihm. Im Büro zeichnete sie Grundrisse, zog Linien, setzte Maße daneben, strich Fehler mit ruhiger Hand aus. Ein Kollege brachte ihr Kaffee und fragte, warum sie so früh schon wach aussehe. Petra sagte: „Gewohnheit.“ Dabei sah sie auf seine Krawatte, nicht in sein Gesicht, und dachte an eine rote Schnur, die bei jedem Schritt gegen einen Ärmel schlug.
Ende Oktober sank der Nebel tiefer. Er hing zwischen den Büschen am Ufer und kroch bis auf den Weg. Manchmal erkannte Petra Simon erst, wenn nur noch fünf Schritte zwischen ihnen lagen. Dann tauchten zuerst seine grünen Handschuhe auf, dann die Mütze, dann der schmale helle Streifen Haut über dem Kragen. Einmal hatte er ein Pflaster am Kinn. Sie sah es für weniger als eine Sekunde. Den ganzen Vormittag stand es in ihrem Kopf wie ein falsch gesetzter Strich auf einem Plan.
An einem Freitag blieb er aus. Petra lief die ganze Runde. Sie zählte keine Schritte und zählte sie doch: bis zur Holzbrücke, bis zum Bootshaus, bis zum Cafe mit den gelben Stühlen, die der Besitzer jeden Morgen trotz Kälte nach draußen stellte. Aus dem gekippten Fenster klang das Klirren eines Löffels gegen Porzellan. Der Geruch von gemahlenem Kaffee legte sich über den Geruch von See. Petra verlangsamte nicht. Erst zwanzig Meter weiter merkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte.
Auch am Montag kam er nicht. Am Dienstag auch nicht. Petra lief schneller, als könne sie eine Lücke im Nebel überholen. Das Silberarmband rutschte vor und zurück und schlug gegen ihre Uhr. Am Mittwoch nahm sie den anderen Weg durch den Park, den mit den nassen Kastanien und den Hunden, die ihre Leinen quer über den Asphalt zogen. Sie sagte sich, der Seeweg sei zu rutschig. Am Donnerstag stand sie um sechs Uhr neun in ihrer Diele, die Hand auf der Klinke, und hörte den Kühlschrank brummen. Ihre Laufschuhe zeigten zur Tür. Sie drehte den Schlüssel zweimal im Schloss, obwohl einmal gereicht hätte.
Der Nebel roch an diesem Morgen nach Eisen. Petra erreichte die Holzbrücke später als sonst. Auf der anderen Seite kam Simon ihr entgegen.
Er trug keine Mütze. Seine Haare lagen flach vom Schlaf oder vom Wetter an der Stirn. Der Schlüssel an der roten Schnur fehlte. In seiner linken Hand hielt er die grünen Handschuhe, zusammengerollt, als habe er sie zu fest gepackt. Petra merkte, dass sie langsamer wurde. Er auch. Der Weg zwischen ihnen schrumpfte, und mit ihm all die Morgen, an denen ein Nicken gereicht hatte.
Drei Schritte vor ihr blieb Simon stehen. Petra lief noch einen Schritt weiter und stoppte. Der Nebel schob sich um sie herum. Irgendwo auf dem See rief ein Blesshuhn. Dann hörte man nur das leise Tropfen von Wasser aus den Birken.
Simon sah auf ihre Schuhe. „Ihr Schnürsenkel ist offen.“
Petra senkte den Blick. Der rechte Schnürsenkel lag lose auf dem Kies, dunkel vor Nässe. Sie hatte ihn nicht bemerkt. Sie hätte lachen können, wenn ihr Atem nicht so flach gegangen wäre. Stattdessen kniete sie sich hin und zog die Schleife fest. Ihre Finger arbeiteten langsamer als sonst. Als sie aufstand, wischte sie sich Kies von der Handfläche.
„Danke“, sagte sie.
Simon nickte, aber diesmal hob er nicht die Hand. Er stand da, die Handschuhe noch immer in der Faust. Petra sah die Druckstellen an seinen Knöcheln.
„Sie waren nicht da“, sagte sie.
Der Satz stand zwischen ihnen, viel größer als seine Worte. Simon schaute zum See. Der Nebel verdeckte das gegenüberliegende Ufer vollständig.
„Mein Vater hat einen neuen Schlüssel gebraucht“, sagte er.
Petra sah auf sein rechtes Handgelenk. Keine rote Schnur. Keine Erklärung, und doch lag eine dort. „Für eine Tür?“
„Für mehrere“, sagte Simon. Er fuhr mit dem Daumen über die Naht eines Handschuhs. „Er verwechselt sie.“
Petra nickte langsam. Sie hätte fragen können, ob der Vater allein lebte, ob Simon weit fahren musste, ob jemand half. Stattdessen sagte sie: „Der Weg war leer.“
Simon sah sie an. Seine Augen blieben einen Moment länger, als es ein Gespräch über Wege verlangte. „Ich dachte, Sie laufen vielleicht später.“
„Ich dachte, Sie laufen vielleicht gar nicht mehr.“
Keiner von beiden lächelte. Ein Radfahrer tauchte hinter Simon aus dem Nebel auf, klingelte zu spät und schob sich an ihnen vorbei. Petra trat zur Seite. Simon trat in dieselbe Richtung. Für einen Augenblick standen sie zu nah. Sein Ärmel streifte ihren. Das Silberarmband klickte gegen ihre Uhr.
Simon hörte es. Sein Blick fiel auf ihr Handgelenk. „Das macht jeden Morgen dieses Geräusch.“
Petra zog den Ärmel darüber, dann ließ sie ihn wieder los. „Ich weiß.“
„Ich habe mich gefragt, ob Sie es auch hören.“
„Ich habe mich gefragt, ob Ihr Schlüssel irgendwann den Geist aufgibt.“
Jetzt atmete er einmal durch die Nase aus. Fast ein Lachen, aber nicht ganz. „Die Schnur zuerst.“
Sie standen wieder still. Diesmal füllte keine Höflichkeit die Lücke. Petra sah, wie ein Tropfen Nebel von einer Strähne an seiner Schläfe zum Ohr lief. Simon sah, dass an ihrem Armband neben der Delle ein winziger Kratzer in Form eines Halbmonds lag. Sie hätten weiterlaufen können. Jeder in seine Richtung. Die alte Ordnung lag bereit wie ein trockener Mantel.
Aus dem Cafe am Ufer klirrte wieder ein Löffel gegen Porzellan. Der Besitzer stellte die gelben Stühle hinaus. Einer kippte auf dem unebenen Pflaster, und das Geräusch lief über den Weg.
Simon drehte den Kopf dorthin. „Der Kaffee dort ist zu heiß.“
Petra sah ebenfalls hin. Im Fenster brannte eine kleine Lampe, obwohl es draußen längst hell genug sein müsste. „Dann muss man warten.“
„Ich bin schlecht darin.“
„Beim Warten?“
„Beim ersten Schluck.“
Sie betrachtete seine Hände. Die grünen Handschuhe hatten am Daumen eine dunklere Stelle, sauber genäht mit schwarzem Faden. „Ich auch“, sagte sie.
Das Cafe roch nach gerösteten Bohnen und nassen Jacken. Über der Tür hing eine kleine Messingglocke, die bei ihrem Eintreten zweimal anschlug, als müsse sie sich vergewissern. Petra wählte den Tisch am Fenster. Simon zog den Stuhl gegenüber nicht sofort zurück. Er legte zuerst seine Handschuhe auf die Tischkante, parallel zueinander, und setzte sich dann.
Der Kellner kannte Petra nicht und Simon offenbar auch nicht. Das machte es leichter. Zwei Kaffee. Ein Glas Wasser. Keine Frage nach Milch, weil Petra zu schnell „schwarz“ sagte und Simon im selben Moment nickte. Danach kam die Stille.
Sie saßen darin, ohne danach zu greifen. Petra legte beide Hände um die Tasse, obwohl der Kaffee noch zu heiß war. Simon drehte den Löffel zwischen Daumen und Zeigefinger, einmal, zweimal, dann legte er ihn ab. Draußen kroch der Nebel am Fenster vorbei. Ein Läufer in roter Jacke verschwand mitten im Schritt.
„Ich bin Petra“, sagte sie.
Simon sah auf, als hätte sie ihm etwas gegeben, das er nicht mit nassen Fingern anfassen wollte. „Simon.“
„Ich weiß nicht, ob das jetzt einfacher ist.“
„Was?“
„Morgen zu nicken.“
Er schob die Untertasse einen Zentimeter nach links. „Vielleicht braucht man dann mehr Übung.“
„Im Nicken?“
„Im Nicht-so-tun-als-ob.“
Petra nahm den ersten Schluck, zu früh. Sie verzog den Mund und stellte die Tasse ab. Simon sah es und griff nach seinem Wasser, schob es ihr über den Tisch, ohne etwas zu sagen. Sie nahm es. Ihre Finger berührten das Glas an derselben Stelle, an der seine eben gewesen waren.
„Sie haben recht“, sagte sie nach einem kleinen Schluck. „Zu heiß.“
„Ich sage selten etwas Nützliches vor sieben.“
„Heute waren es zwei Dinge.“
„Der Schnürsenkel zählt?“
„Er hat Sie immerhin zum Reden gebracht.“
Simon sah zum Fenster. Der Nebel verdeckte das Wasser, aber man hörte es gegen die Steine schlagen, leise und gleichmäßig. „Ich dachte, wenn ich etwas sage, ist die Strecke nicht mehr dieselbe.“
Petra drehte ihr Silberarmband, bis die Delle oben lag. „Sie ist es sowieso nicht geblieben.“
Er antwortete nicht. In dieser Stille hob er die Hand, als wolle er nach der roten Schnur an seinem Handgelenk greifen. Seine Finger fanden nur Haut. Petra sah es. Sie fragte nicht nach dem Vater. Noch nicht. Simon sah ihr Zögern und ließ die Hand auf den Tisch sinken, offen, leer.
Draußen stellte der Besitzer einen weiteren gelben Stuhl zurecht. Die Messingglocke über der Tür schwieg. Petra beugte sich leicht vor. Simon tat es auch, kaum merklich. Zwischen ihnen dampften zwei Tassen, und am Fensterglas sammelten sich kleine Tropfen, die langsam nach unten liefen.




