Der Wanderer, der nicht ankam
Rike saß seit neunzehn Uhr zwölf am Fensterplatz des Berggasthofs. Sie hatte die Zeit notiert, weil sie Zeiten notierte, wenn etwas aus der Reihe fiel. Auf der Serviette lag eine saubere Spalte: Ankunft Bus 14:08. Start Jakob 14:31. Letzte Nachricht 16:12. Erwartet 18:30.
Draußen stand der Nebel bis an die Scheiben. Er machte den Parkplatz kürzer, nahm den Brunnen weg und ließ nur die unterste Stufe der Veranda übrig. An der Garderobe hingen drei nasse Jacken, ein grüner Hut und ein Kinderanorak. Kein rotes Halstuch.
Jakob trug im Herbst immer ein rotes Halstuch. Nicht aus Vorsicht, sagte er, sondern weil Fotos sonst aussahen, als hätte der Berg sie selbst gemacht. Rike hatte ihm am Morgen geschrieben: Bleib auf dem markierten Weg. Er hatte ein Bild geschickt, verschwommen vom Aufstieg. Darauf sah man eine blau-weiße Wegmarkierung auf einem Lärchenstamm, der weiße Streifen etwas tiefer als der blaue. Darunter stand: Noch neunzig Minuten. Suppe bestellen.
Elsa, die Wirtin, stellte eine Schüssel vor Rike hin. Die Suppe hatte eine Haut gezogen.
„Er kommt noch“, sagte Elsa.
Rike sah auf. „Ich habe nichts gefragt.“
Elsa wischte mit dem Daumen über den Rand der Schüssel. „Um die Zeit fragen alle dasselbe.“
Ihre Stimme lief glatt über den Satz. Kein Haken, kein Zögern. Rike nahm den Löffel, legte ihn wieder hin und zog die Serviette näher zu sich.
„Mein Bruder meldet sich, wenn er später wird.“
„Hier oben meldet sich abends keiner“, sagte Elsa. „Nicht bei Nebel.“
„Er hat Empfang am Sattel.“
„Heute nicht.“
„Woher wissen Sie das?“
Elsa lächelte nicht. Sie stellte die Hände auf die Tischkante, als wolle sie den Tisch ruhig halten. „Der Mast fällt öfter aus, wenn die Luft so liegt.“
Rike schrieb: Mast? Dann sah sie zum Tresen. Hinter Elsa hing eine Tafel mit Zimmernummern. Bei Zimmer vier steckte ein Schlüssel. Jakob hatte Zimmer vier gebucht. Daneben lag ein zusammengefaltetes Handtuch, sauber und trocken.
Um zwanzig Uhr dreiundzwanzig rief Rike die Bergrettung. Sie sprach langsam, gab den Weg an, die letzte Nachricht, die Kleidung, das rote Halstuch. Während sie redete, schob Elsa am Tresen Tassen ineinander. Porzellan stieß leise gegen Porzellan. Nach dem Gespräch blieb eine Tasse in Elsas Hand, obwohl der Stapel fertig war.
Toni kam um einundzwanzig Uhr zehn. Er war kleiner, als Rike erwartet hatte, breit in den Schultern, mit einer Stirnlampe um den Hals. Er legte Karte, Funkgerät und ein schmales Notizbuch auf den Tisch. Er fragte nicht nach Gefühlen. Er fragte nach Schuhen, Tempo, Knieproblemen, Gewohnheiten.
„Er schneidet nie ab“, sagte Rike. „Er hasst Abkürzungen. Er sagt, Abkürzungen sind etwas für Leute, die den Weg nicht mögen.“
Toni nickte und zog mit dem Bleistift eine Linie über die Karte. „Von der letzten Markierung bis hier sind es bei Nebel zwei Stunden, wenn man langsam geht. Er hätte vor acht da sein sollen.“
„Er sollte um halb sieben da sein.“
„Dann suchen wir ab jetzt nicht nach einem verspäteten Wanderer.“
Elsa brachte Kaffee, ohne dass jemand bestellt hatte.
„Der Forstweg wäre einfacher“, sagte sie. „Die meisten gehen dort runter, wenn der Nebel kommt.“
Rike sah sie an. „Jakob nicht.“
„Man kennt Menschen nie ganz“, sagte Elsa.
Wieder dieser glatte Ton. Toni schrieb etwas auf. Rike sah, wie sein Bleistift zweimal auf dieselbe Stelle tippte.
Sie gingen um einundzwanzig Uhr vierzig los. Elsa blieb in der Tür stehen, die Schürze über den Händen. Der Nebel nahm das Licht der Stirnlampen und gab es als matte Scheibe zurück. Toni setzte Markierungspunkte auf seinem Gerät, sprach kurze Sätze ins Funkgerät und wartete nach jedem Satz auf ein Knistern, das zu spät kam.
„Leitstelle hat Nordsteig verstanden“, sagte er nach dem dritten Versuch.
„Wir sind am Nebelsteig.“
„Ich weiß.“
„Und die?“
Toni hielt an. „Jetzt auch.“
Sie fanden die Lärche aus Jakobs Foto nach vierzig Minuten. Der blau-weiße Strich saß schief auf der Rinde. Der weiße Streifen lag tiefer als der blaue, genau wie auf dem Bild. Rike trat näher. Am unteren Rand des weißen Streifens fehlte ein Stück Farbe. Jemand hatte dort mit etwas Hartem geschabt.
„Das war auf dem Foto noch ganz“, sagte sie.
Toni leuchtete darauf. „Sicher?“
Rike öffnete das Bild. Ihre Finger trafen dreimal daneben, bevor sie es vergrößerte. Der weiße Streifen war unversehrt. Dahinter hing der Nebel im Bild wie graues Papier.
Toni machte ein Foto. „Kann ein Stock gewesen sein.“
„Oder ein Rucksack.“
„Oder das.“
Rike wollte, dass er etwas ausschloss. Toni schloss nichts aus. Das machte ihn brauchbar und schwer zu ertragen.
Zehn Meter weiter hing ein roter Faden an einem Brombeertrieb. Nicht das Halstuch, nur ein einzelner Faden, nass und dünn. Rike streckte die Hand aus.
„Nicht anfassen“, sagte Toni.
Sie zog die Hand zurück. Toni fotografierte, verpackte den Faden in Papier und markierte die Stelle. Dann kniete er sich hin. Der Boden zeigte Abdrücke, aber der Nebel hatte Feuchtigkeit in die Erde gelegt, und jeder Abdruck sah aus, als hätte ihn schon jemand verbessert.
Um dreiundzwanzig Uhr brach Toni die erste Suche ab. Zwei weitere Männer hatten den oberen Abschnitt genommen. Einer hatte über Funk gemeldet, er stehe an einer blau-weißen Markierung mit Kerbe. Es dauerte zwölf Minuten, bis klar war, dass er an der alten Alm stand, fast zwei Kilometer falsch. Auf der digitalen Karte trugen beide Stellen denselben Namen: Hohen Sattel.
Im Gasthof saßen drei Gäste über Biergläsern, die keiner anhob. Elsa legte Holz nach. Der Schlüssel von Zimmer vier hing nicht mehr an der Tafel.
Rike blieb vor der Tafel stehen.
„Wo ist der Schlüssel?“
Elsa drehte sich vom Ofen weg. „Ich habe ihn weggelegt.“
„Warum?“
„Damit ihn keiner nimmt.“
„Wer sollte ihn nehmen?“
„In Nächten wie dieser greift man nach dem Falschen.“
Der Satz passte zu nichts und doch saß er fest im Raum. Toni sah kurz zu Rike, dann zur Tafel.
„Hat Jakob Lenz heute hier angerufen? Oder war er hier?“
Elsa schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist nicht angekommen.“
„Sie sind sicher?“
„Ich merke mir jeden, der durch diese Tür kommt.“
Rike sah auf die Tür. Unter dem Griff klebte ein kleiner Streifen roter Wolle. Er war so schmal, dass man ihn für Farbe halten konnte, wenn man nicht wusste, wonach man suchte.
Sie sagte nichts. Toni folgte ihrem Blick erst, als Elsa sich wieder zum Ofen wandte. Er löste den Faden mit einer Pinzette.
„Von einer Jacke“, sagte Elsa, ohne sich umzudrehen.
„Das prüfen wir“, sagte Toni.
„Natürlich.“ Elsas Antwort kam sofort. Zu sauber. Als hätte sie schon gewusst, welche Form die Frage annehmen würde.
Am nächsten Morgen standen mehr Menschen am Gasthof, als der Parkplatz fassen konnte. Ein Hund sprang aus einem Wagen, zog an der Leine und bellte gegen den Nebel. Die Leitstelle schickte ihn zuerst zur alten Alm, weil im System noch immer Hohen Sattel stand. Toni fluchte nicht. Er presste nur den Kiefer zusammen und schrieb eine neue Koordinate auf Klebeband, das er direkt auf das Funkgerät klebte.
Rike lief mit ihm den Nebelsteig noch einmal ab. Sie hatte in der Nacht nicht geschlafen. Ihre Liste war länger geworden: Markierung beschädigt. Faden am Brombeertrieb. Faden an Tür. Schlüssel weg. Elsa sagt Mast fällt aus. Elsa sagt Forstweg.
An der Lärche blieb Toni stehen. Die beschädigte Stelle am weißen Streifen glänzte feucht. Daneben hatte jemand mit Kreide einen Pfeil auf die Rinde gesetzt, kaum sichtbar.
„War der gestern da?“ fragte Rike.
Toni leuchtete mit der Lampe, obwohl es Tag war. „Nein.“
Der Pfeil zeigte nicht zum Gasthof. Er zeigte nach links, zu einem schmalen Wildwechsel, der zwischen Latschen verschwand.
„Vielleicht von der Suchmannschaft“, sagte Toni.
„Mit Kreide?“
Er antwortete nicht. Er folgte dem Wildwechsel dreißig Meter, dann blieb er stehen. Im nassen Gras lag eine alte Blechdose, verrostet, daneben eine zerfallene Schnur. Rike sah einen Moment lang ein rotes Stück Stoff, doch es war nur ein Pilz, flach und dunkel.
Der falsche Hinweis kam um elf Uhr. Ein älterer Mann aus dem Tal meldete sich, weil er die Geschichte kannte. Vor sechs Jahren war Dieter Halm im Frünebel verschwunden, ebenfalls auf dem Weg zum Berggasthof, ebenfalls mit einem roten Tuch am Rucksack. Man hatte damals eine Woche gesucht und nur seine Trinkflasche gefunden. Sein Bruder hatte Elsa beschuldigt, später widerrufen, dann war er weggezogen.
Die Suche kippte für Stunden in diese alte Spur. Toni prüfte Akten, Namen, Fundstellen. Rike stand daneben und sah zu, wie Jakobs Tag unter fremden Papieren verschwand. Auf einer Kopie erkannte sie dieselbe Wegmarkierung, blau-weiß, auf derselben Lärche. Damals saß der weiße Streifen gerade.
„Das ist derselbe Ort“, sagte sie.
„Ja.“ Toni blätterte weiter.
„Und wieder der Gasthof.“
„Auch ja.“
„Warum steht das nicht auf der Karte?“
„Weil Karten Wege zeigen“, sagte Toni. „Keine Fehler.“
Am späten Nachmittag fanden sie Jakobs Telefon. Nicht am Steig. Nicht am Sattel. Es lag in einem Entwässerungsgraben hinter dem Holzschuppen des Gasthofs, zwischen nassen Blättern und einem Stück schwarzer Folie. Der Akku war leer. Die Hülle hatte einen Kratzer quer über der Kamera.
Rike sah zum Schuppen. An der Wand hing ein Bund Kreide an einer Schnur.
Toni steckte das Telefon ein. „Ab jetzt übernimmt die Polizei.“
„Dann suchen sie hier?“
„Sie befragen zuerst.“
„Elsa?“
Er sah zum Gasthof. Hinter einem Fenster bewegte sich die weiße Schürze der Wirtin. „Alle.“
Die Polizei kam mit zwei Wagen. Sie nahmen Elsas Aussage auf, prüften den Schuppen, sahen in die Zimmer. Elsa beantwortete jede Frage, als hätte man sie ihr am Morgen ausgehändigt.
„Warum lag das Telefon hinter Ihrem Schuppen?“
„Wanderer verlieren Dinge.“
„Er war nach Ihrer Aussage nie hier.“
„Der Schuppen steht nicht im Haus.“
„Haben Sie die Kreide am Nebelsteig benutzt?“
„Ich markiere manchmal Holz für den Lieferanten.“
„Auch Lärchen im Wald?“
„Ich gehe nicht mehr in den Wald.“
Rike stand im Flur und hörte durch die halb offene Tür. Elsas Antworten kamen ohne Lücke. Draußen löste der Nebel den Berg in Stücke auf.
Gegen Abend fand ein Beamter Jakobs rotes Halstuch. Es hing nicht weit vom Gasthof an einem alten Zaunpfosten, den der offizielle Weg nicht berührte. Der Knoten war ordentlich, doppelt gelegt, wie an einer Vorhangkordel. Jakob machte Knoten, die sich mit einem Zug lösten. Rike hatte ihn oft dafür ausgelacht.
„Das ist seines“, sagte sie.
Der Beamte hielt die Tüte auf. Toni sah den Knoten an und dann den Zaunpfosten. Keine Fußspuren hielten lange in diesem Gras. Der Nebel legte sich darauf wie eine Hand.
Drei Wochen später schrieb die Zeitung von einem wahrscheinlichen Unfall. Der Wanderer habe im Nebel den markierten Weg verlassen, sein Telefon verloren, sich weiter abwärts orientiert und sei in unwegsames Gelände geraten. Die Suche habe wegen Sicht, Funkproblemen und doppelter Ortsnamen schwerer begonnen als üblich. Man fand keinen Körper. Man fand keine zweite Person. Man fand genug, um die Akte dünn zu schließen.
Rike fuhr noch einmal hinauf, bevor der erste Schnee kam. Sie nahm keinen Rucksack mit, nur Jakobs Ausdruck der Route und eine durchsichtige Beweismitteltüte, in der ihr die Polizei das Halstuch zurückgegeben hatte. Es roch nach Papier und kalter Heizung.
Elsa stand vor dem Gasthof und strich die Tischdecken aus, obwohl keine Gäste draußen saßen.
„Sie sollten nicht allein gehen“, sagte sie.
Rike blieb auf der untersten Stufe stehen. „Ich gehe nur bis zur Markierung.“
„Die ist neu gestrichen.“
„Warum?“
Elsa faltete eine Ecke der Tischdecke genau auf die andere. „Damit jeder den Weg findet.“
Rike sah auf ihre Hände. Links am Daumen klebte ein feiner weißer Farbrest.
Die Lärche stand dort, wo sie gestanden hatte. Der blaue Streifen leuchtete frisch, der weiße lag nun gerade darunter. Keine Kerbe, kein Kratzer, kein Kreidepfeil. Nur am unteren Rand, dort wo die Farbe dicker aufgetragen war, steckte ein roter Faden fest. Die Farbe hatte ihn halb verschluckt.
Rike nahm Jakobs Halstuch aus der Tüte. Sie band es nicht an den Baum. Sie hielt es in der Hand, bis der Stoff feucht wurde, und sah den Weg hinunter, der im Nebel nach wenigen Schritten endete.


