Die Fee, die den ersten Frost verschlief
Als Frostfee Sil erwachte, hing der Herbst schon mit beiden Ellbogen über der Wiese und wartete. Die Gräser standen unentschieden da, halb aufrecht, halb müde, und in den Stängeln summte dieses dünne Fragen, das Pflanzen haben, wenn niemand ihnen sagt, ob sie noch wachsen oder sich schon zusammenrollen sollen. Sil lag in ihrer Nussschale unter drei Disteldecken. Ihr Atem war warm. Das war das Schlimmste.
Der erste Frost hätte längst kommen sollen, leise und gleichmäßig, eine kühle Erinnerung auf jedem Blatt. Sil setzte sich auf. Ihre Flügel knitterten wie alte Briefe, und aus dem Frostvorrat neben ihrem Bett kam nur ein beleidigtes Knacken. Sie war klein genug, um in einer Eichel zu wohnen, aber wenn sie einen Frosthauch vergaß, geriet eine ganze Wiese ins Grübeln. Das machte ihre Knie weich.
Unten am Rain wartete Kressa, die Wiesenpflanze. Sie hatte drei späte Blüten geöffnet und zwei Blätter eingezogen, was niemandem gut stand. Kressa war zart und dünn, doch ihre Wurzel hielt den Boden, als könne sie den Herbst am Weggehen hindern. Sie raschelte ärgerlich, obwohl kein Wind ging. Ich kann nicht zugleich Festkleid und Schlafrock tragen, sagte sie auf Pflanzenart, und Sil verstand es als Ziehen im Bauch.
Am Zaun stand Mina im Schlafhemd. Sie war mutig genug, barfuß bis zur Feenwiese zu laufen, aber besorgt genug, jeden Schritt zwischen die Moospolster zu setzen. Kinder wussten manchmal, wo Frostnähte liegen. Mina rieb sich die Arme. Die Nacht roch nach feuchtem Laub und aufgeschobenen Dingen. Sil nickte ihr zu, als sei ein Kind am Rand einer arbeitenden Feenwiese so gewöhnlich wie Tau im Schuh.
Sil schleppte den Frostvorrat herbei: sieben winzige Töpfchen, die beim Öffnen in den Fingern bissen. Sie murmelte keine großen Worte. Sie legte nur beide Hände auf das erste Töpfchen und ließ die Kälte durch sich hindurchgehen. Es kribbelte in ihren Rippen, dann in den Zähnen. Als sie den Hauch über die Wiese schob, wurde sie blasser, und ein Gähnen blieb ihr im Hals stecken.
Sie arbeitete schnell. Zu schnell. Bei Kressas linkem Nachbarn fiel der Frost dick wie ein schwerer Gedanke, und der arme Klee zog alle Blättchen so fest zusammen, dass er wie ein kleiner grüner Knoten dalag. Neben ihm blieb die Erde warm und unberührt; dort richtete ein Gänseblümchen den Kopf wieder auf, vollkommen verwirrt. Kressa raschelte scharf. So stolpert der Winter, sagte sie. Sils Fingerspitzen wurden taub, und hinter ihrem Ohr begann ein feines Stechen.
Sil setzte sich in das Gras und atmete langsam. Die Wiese wartete nicht böse, nur müde. Mina kniete sich hin und hielt die Hände um ein Töpfchen, ohne es zu öffnen. Sie wusste nicht, wie man Frost machte, aber sie konnte Wärme zurückhalten, wenn jemand zu viel davon hatte. Sil lächelte schwach. Dann nahm sie den Frost nicht mehr in Handvoll, sondern in Atemzügen. Einen für die Halme. Einen für die Samen. Einen für Kressas widerspenstige Blüten.
Diesmal ging die Kälte nicht voran wie ein eiliges Tier. Sie legte sich. Sie hörte zu. Sil ließ sie über jeden Stängel wandern, bis das Fragen der Pflanzen leiser wurde. Kressas geöffnete Blüten schlossen sich nicht erschrocken, sondern mit der Würde kleiner Türen am Abend. Der Klee löste seinen Knoten. Das Gänseblümchen senkte den Kopf und behielt dabei einen winzigen Traum von Sommer in der Mitte. Sil zitterte nun bis in die Flügel.
Als der erste Morgen kam, war die Wiese gleichmäßig mit Frost bedeckt. Sie glitzert nur dort, wo jemand ganz still hinsieht, und darunter atmeten die Pflanzen geordnet weiter. Kressa stand ruhig, halb Schlaf, halb Erinnerung. Sil lehnte an ihrem Stängel und war so müde, dass selbst ihr Lächeln eine Pause brauchte. Mina ging heim. Auf ihrer Fensterbank lag später ein einzelner Grashalm, kühl am Rand, und daneben duftete ihr Wasserbecher nach Herbst.




