Der Nebelwächter
Der Nebelwächter hieß Miri, obwohl Miri kaum größer war als ein Haselnussblatt und ihre Schuhe aus zwei leeren Bucheckern bestanden. Jeden Morgen im Frühherbst stellte sie die Glasflaschen mit dem Nebelvorrat an den Rand der Feenwiese, zog die Korken mit beiden Händen heraus und ließ den Tag weich werden, bevor er jemandem zu nah kam. Dann wussten die Kaninchen, dass sie langsam aus ihren Bauten treten durften. Die Spinnen wussten, dass ihre Netze schwer genug waren, um Geschichten zu halten. Sogar die schlaftrunkenen Gräser wussten, in welche Richtung sie sich dehnen sollten.
An diesem Morgen schlief Miri weiter. Ihr Mooskissen hatte ihren Namen gemurmelt und wieder vergessen. Als sie endlich die Augen öffnete, war die Morgendämmerung schon bis an ihr Fenster gekrochen. In ihrem Bauch faltete sich Bangigkeit wie ein kaltes Blatt. Ihre Flügel schlugen hektisch gegen die Bettkante, einmal, zweimal, viel zu schnell, und unter dem Regal klirrten die Nebelflaschen so vorwurfsvoll, dass Miri den Atem anhielt. Zu spät, dachte sie. Der Gedanke war klein. Er drückte schwer.
Sie sprang auf. Ein Strumpf blieb am Bettpfosten hängen. Den anderen zog sie im Laufen an. Die Glasflaschen standen in drei Reihen: Morgennebel, Bodennebel, Wurzelnebel. Auf jeder Flasche lag ein kühler Tropfen, der sich an Miris Finger schmiegte und ein winziges Kribbeln hinterließ. Miri konnte mit einer einzigen Flasche eine ganze Wiese zum Lauschen bringen, doch heute zitterten ihre Hände so sehr, dass zwei Korken gegeneinander stießen. Das Klirren fuhr ihr in die Schultern.
Draußen wartete die Feenwiese ohne ihren Schleier. Alles war zu klar. Die Ränder der Halme fühlten sich in Miris Blick scharf an, als hätten sie vergessen, freundlich zu sein. Am Zaun stand Fina, das Kind vom kleinen Haus hinter den Holunderbüschen. Fina war mutig genug, barfuß bis zur Wiese zu kommen, aber besorgt genug, die Zehen unter sich zu krümmen. Sie sagte nichts. Sie sah nur zu dem Igel, der unter einem Blatt hockte und nicht wusste, ob Nacht oder Tag war.
Da kam Tami über den niedrigen Hügel. Die Sonnenfee trug die Wärme des Morgens in ihren Handflächen, aber sie hielt sie eng bei sich, als wäre sie heute zerbrechlicher als ein Vogelei. Tami konnte Tau von Halmen lösen und müde Blüten zum Öffnen bitten, doch an Miris Nebelflaschen blieb ihre Macht so klein wie ein Flüstern. Sie legte Miri keine Hand an die Arbeit. Sie sagte nur leise: „Wirf den Nebel nicht. Bitte ihn zu gehen.“ Ihre Stimme war warm an Miris Ohr, und gerade deshalb musste Miri schlucken.
Miri nickte viel zu schnell. Sie riss die erste Flasche auf. Der Nebel sprang ihr entgegen, nicht als Bild, sondern als feuchte Kälte, die durch ihre Ärmel kroch und ihre Ellenbogen leer machte. Dann die zweite. Dann die dritte. Zu viel auf einmal. Die Wiese verschluckte sich. Die Kaninchen zogen sich zurück, Fina tastete nach dem Zaunpfosten, und irgendwo klang eine Glockenblume dumpf, als hätte sie unter einem Kissen geläutet. Miri versuchte, den Nebel mit beiden Armen zu schieben. Ihre Flügel wurden schwer. Ihre Knie summten vor Anstrengung.
„Langsamer“, sagte Tami. Mehr nicht. Sie stand da, warm und geduldig, und half nicht, obwohl ein Teil von Miri sich wünschte, jemand anders könnte den Morgen für sie tragen. Miri setzte sich mitten in das nasse Gras. Der Preis des Zauberns lag in ihren Fingerspitzen; sie waren taub bis zu den Nägeln. In ihrem Mund schmeckte es nach Regen, der noch keinen Wolkennamen hatte. Sie atmete ein. Sie wartete, bis ihr Herz nicht mehr rannte, sondern ging. Dann nahm sie nur eine Flasche Wurzelnebel, hielt sie dicht an die Brust und löste den Korken so vorsichtig, als weckte sie ein schlafendes Tier.
Diesmal bat Miri den Nebel nicht mit Eile, sondern mit ihrem Atem. Einmal für die Mauselöcher. Einmal für die niedrigen Brombeerranken. Einmal für den Pfad, auf dem Fina stand. Mit jedem Atemzug wurde Miri leichter und müder zugleich, als gäbe sie ein Stück Schlaf zurück, das ihr gar nicht mehr gehörte. Der Nebel legte sich niedriger, sanfter, fand Mulden und Wurzeln und die warmen Stellen, an denen Tiere gewartet hatten. Der Igel schnupperte, rollte sich auseinander und tappte los. Fina hob einen Fuß, setzte ihn wieder ab und lächelte mit geschlossenem Mund.
Als die Sonne höher kam, war der Nebel da. Später als sonst. Aber da. Er lag über der Feenwiese, nicht zu dick und nicht zu dünn, und die Tiere gingen in ihren Tag hinein, als hätten sie endlich die richtige Decke gefunden. Tami nickte Miri zu. Ihre Wärme blieb bei ihr, doch ein kleiner Hauch davon hing an Miris linkem Ärmel und machte ihn angenehm schwer.
Am Abend stellte Miri die leeren Flaschen zurück ins Regal. Eine davon klirrte nicht mehr, wenn man sie berührte. Auf ihrem Korken saß ein winziger Tropfen Nebel, kühl wie ein Versprechen, und neben Miris Mooskissen lag ein Grashalm, der sich von selbst zu einem Knoten gebogen hatte.




