Der Nebeldaemon
Der Nebel kam am siebzehnten Herbsttag. Er kam nach der dritten Glocke. Er kam jedes Jahr so.
Lior stand am alten Meilenstein vor dem Dorf und sah die ersten Schwaden aus dem Graben steigen. Der Wind lief nach Westen. Der Nebel lief nach Osten. Er blieb an der Kante des Steins stehen, als haette dort jemand einen Faden gespannt.
Der Stein trug den Adler des alten Reichs. Jemand hatte ihm den Kopf abgeschlagen. Moos füllte die Kerbe. Darunter standen drei Namen, mit Kalk ueberstrichen. Der Kalk blätterte. Einer der Namen begann mit Li.
Lior schob die Hand in den Mantel. Die schwarze Muenze in ihrer Tasche war warm. Sie hatte im Gasthaus kalt auf dem Tisch gelegen. Sie trug kein Bild. Nur einen Rand aus winzigen Kerben. Ihre Mutter hatte sie ihr gegeben und gesagt, sie solle sie nie nach Norden tragen.
Lior trug sie nach Norden.
Das Dorf hiess Dornbrueck, doch es gab keine Bruecke mehr. Nur zwei Pfeiler standen im Bach. Sie trugen Rostflecken von einer Kette, die niemand mehr brauchte. Die Haeuser duckten sich unter Stroh und grauen Schindeln. An jedem Fenster hing ein Streifen roter Wolle. Manche waren frisch. Manche waren so alt, dass sie wie getrocknete Haut aussahen.
Der Nebel schob sich zwischen die Haeuser. Er deckte nichts zu. Er schnitt die Dinge ab. Ein halber Brunnen. Ein halber Wagen. Ein Hahn auf einem Dachbalken, stumm, mit Frost am Kamm.
Im Dorfgasthaus roch es nach Bier und nassem Stein. Das Feuer brannte niedrig. Der Rauch stieg nicht auf. Er hing in einer flachen Schicht ueber den Tischen und riss an den Kanten wie altes Tuch.
Hemm sass am hinteren Tisch. Der Dorfaelteste hatte Schultern wie ein leerer Mantel. Sein Bart war gelb vom Pfeifenrauch. Vor ihm lag ein Messer, ein Brotkanten, ein Schluessel aus Bein. Er sah Lior an, als haette er sie gestern fortgeschickt.
„Ihr kommt spaet“, sagte er.
„Ich komme am richtigen Tag.“
Hemm brach Brot. Seine Haende zitterten nicht. „Das ist spaet.“
Lior setzte sich nicht. Die Dielen am Tresen waren ausgehoehlt von Stiefeln. Soldatenstiefel. Pilgerstiefel. Fluechtlingsstiefel. Die Schwelle trug tiefe Rinnen, als haetten Generationen dort gezögert und dann doch den Fuss gehoben.
„Ich suche einen Namen“, sagte Lior.
„Viele suchen hier Namen.“
„Meiner gehoert in den Friedhof.“
Hemm kaute. Draussen schlug die Glocke ein viertes Mal. Die Dorfkirche hatte seit fuenfunddreissig Jahren keinen Kloeppel mehr. Lior hatte ihn am Tor liegen sehen. Ein gebrochener Eisenfinger im Gras.
Niemand im Gasthaus sah zur Decke.
„Der Friedhof bleibt heute zu“, sagte Hemm.
„Dann gebt mir den Schluessel.“
„Nein.“
Lior zog die schwarze Muenze heraus und legte sie neben sein Messer. Das Brot auf dem Tisch dampfte. Die Muenze dampfte auch. Ein Tropfen Wasser lief ueber das Metall und hielt am Rand an. Er fiel nicht.
Hemm sah die Muenze an. Seine Augen wurden kleiner. „Wer hat sie euch gegeben?“
„Eine Frau, die Dornbrueck verlassen hat.“
„Niemand verlaesst Dornbrueck.“
„Sie starb drei Tagesreisen suedlich von hier.“
Hemm legte die Hand auf den Beinschluessel. „Dann hat sie es nicht verlassen.“
Eine Magd stellte Lior einen Becher hin. Der Ton war gesprungen. Die Sprunglinie lief nach oben und endete nicht am Rand. Sie lief weiter durch den Schatten auf dem Tisch. Lior beruehrte den Becher nicht.
Sie hatte Karten gelesen. Steuerlisten. Beichtbuecher mit herausgeschnittenen Seiten. In einer Klosterkueche hatte sie eine alte Frau bezahlt, damit sie den Namen Mara nicht mehr verschwieg. Mara war Liors Schwester gewesen. Oder nur ein Kind mit demselben Blut. Die Mutter hatte den Mund geschlossen, wenn Lior fragte. Sie hatte die Muenze unter die Zunge gelegt, wenn der Herbst kam.
Lior wollte den Namen finden. Sie wollte ihn nicht lesen.
„Der Nebeldaemon erwacht heute“, sagte Hemm.
„Ein Dorfmaerchen.“
„Ja.“
„Ihr glaubt daran.“
„Ja.“
„Ihr luegt schlecht.“
„Ich luege seit vierzig Jahren. Ich luege gut.“
Er schob den Schluessel in die Tasche. Lior nahm die Muenze. Sie brannte in ihrer Hand. Die Haut blieb blass. Kein Brandmal. Nur ein Schmerz, der sich unter den Nagel schob und dort blieb.
Sie ging zur Tuer. Niemand hielt sie auf. Ein alter Mann am Ofen murmelte ein Gebet ohne Goetternamen. Die Magd zog den roten Wollstreifen am Fenster gerade. Er hing danach schief in die andere Richtung.
Draussen stand der Nebel bis zur Brust. Er war dicht genug, dass Lior den eigenen Atem nicht sah. Er war kalt genug, dass ihre Zaehne schmerzten. Kein Hund bellte. Das Dorf hielt die Luft an.
Der Friedhof lag hinter der Kirche. Die Mauer bestand aus flachen Steinen, die einmal Grabplatten gewesen waren. Lior erkannte Fingerknochen, Kelche, abgeschnittene Jahreszahlen. Ein Engel ohne Kopf diente als Eckstein. Sein Ruecken trug Messerkerben. Kinder hatten dort gezaehlt, wer den Herbst ueberstand.
Das Tor war mit drei Ketten geschlossen. Das Holz darunter war neu. Die Angeln waren alt. In ihnen steckte Gruenspan wie geronnenes Meer.
Lior zog den Dietrich aus dem Saum. Ihre Methode war einfach. Metall hoerte zu, wenn man es lange genug kannte. Sie hatte Schloesser an Zollhaeusern geoeffnet, an Reliquienschreinen, an der Truhe ihrer Mutter nach der Beerdigung. Sie setzte den Draht an.
Die erste Kette sprang auf. Die zweite gab nach. Bei der dritten knackte etwas in ihrem linken Ohr. Nicht im Schloss. Im Ohr.
Blut lief ihr an den Hals. Warm. Der Nebel zog es in einen duennen Faden. Der Faden lief nicht hinab. Er lief zum Tor.
Hemm trat aus dem Grau. Er trug keine Laterne. Seine Schuhe waren trocken.
„Ihr habt gutes Werkzeug“, sagte er.
„Ihr habt schlechte Ketten.“
„Sie halten keine Menschen.“
Lior wischte das Blut weg. Ihr Finger kam sauber zurueck. Am Tor hing ein roter Tropfen. Er schlug langsam gegen das Holz, wie eine kleine Zunge.
„Was halten sie?“
Hemm sah ueber die Mauer. „Das, was uns nicht mehr gehoert.“
Er gab ihr den Beinschluessel. Er war warm wie ein Tier. „Nehmt ihn. Ihr werdet sonst die falsche Pforte oeffnen.“
„Warum helft ihr mir?“
„Weil ihr schon drin seid.“
Sie schloss auf. Das Tor oeffnete nach innen. Der Nebel draussen blieb stehen. Im Friedhof lag keiner. Die Luft war frei. Das Gras war nass. Jeder Halm bog sich zur Kirche.
Die Gräber standen in schiefen Reihen. Manche trugen Holzbretter mit eingebrannten Zeichen. Manche trugen Eisenkreuze aus alten Pflugscharen. Am hinteren Rand lag das Pestfeld. Keine Steine. Nur kurze Eisenspieße, jeder mit einem Loch an der Spitze. Der Wind sang nicht hindurch. Der Klang kam trotzdem. Fein. Zahnartig.
Lior fand den Namen nicht bei den neuen Gräbern. Sie fand ihn nicht bei den Soldaten aus dem Salzkrieg, deren Helme an einem Haken rosteten. Sie fand ihn nicht bei den drei Pfarrern, die alle am selben Tag gestorben waren und verschiedene Jahre auf den Steinen trugen.
Hemm folgte ihr mit Abstand. Er beruehrte kein Grab.
„Mara“, sagte Lior.
Der Friedhof antwortete nicht. Die Muenze in ihrer Tasche kuehlte ab. Das machte ihr mehr Angst als die Waerme.
„Mara war ein Kind“, sagte Hemm.
Lior blieb stehen.
„Sie hatte eure Augen nicht“, sagte er. „Sie hatte eure Sturheit.“
„Ihr kanntet sie.“
„Ich gab sie fort.“
Lior zog das Messer. Hemm sah auf die Klinge. Kein Schrecken. Nur Muedigkeit.
„An den Daemon?“
„An den Nebel.“
„Das ist dasselbe.“
„Manche sagen das.“
Die Kirche hinter ihnen knackte. Ein Holzlaut. Ein Balken, der sich an Kaelte erinnerte. Dann schlug die Glocke wieder. Fuenfmal. Ohne Kloeppel. Nach dem fuenften Schlag standen alle Schatten der Grabkreuze nach Westen. Der Mond lag im Osten hinter Wolken.
Lior hielt das Messer fester. Ihr linkes Ohr hoerte nichts mehr. Das Blut darin wurde kalt.
Am Pestfeld trat der Nebel durch die Mauer. Nicht darueber. Durch die Steine. Er zog in schmalen Streifen, wie Atem durch Zaehne. Er sammelte sich zwischen den Eisenspießen und formte keine Gestalt. Er liess nur Stellen aus. Dort fehlte Gras. Dort fehlte Regen. Dort fehlte der Geruch des nassen Steins, der seit dem Gasthaus an Lior hing.
Hemm kniete.
Lior blieb stehen.
Der Nebeldaemon hatte kein Gesicht. Ein leerer Platz in der Groesse eines Mannes stand vor dem Pestfeld. Die Halme neigten sich zu ihm. Liors Muenze hob sich in der Tasche und schlug gegen ihre Rippen. Einmal. Zweimal. Wie ein zweites Herz mit falschem Takt.
„Alter Schuldner“, sagte Hemm.
Der leere Platz antwortete nicht. Doch die Eisenspieße im Pestfeld drehten ihre Loecher zu Lior.
Hemm nahm ein kleines Buendel aus seinem Mantel. Rote Wolle. Ein Milchzahn. Ein Stueck Knochen mit eingeritztem M. Er legte es auf die Erde.
Lior erkannte den Faden. Ihre Mutter hatte denselben Faden um das Handgelenk getragen. Sie hatte ihn nie abgelegt. Nicht im Bett. Nicht im Sarg.
„Ihr habt sie behalten“, sagte Lior.
„Ich habe aufgehoben, was uebrig blieb.“
„Ihr habt ein Kind gegeben.“
„Ich habe ein Dorf behalten.“
„Ihr habt euch selbst behalten.“
Hemm nickte. „Auch das.“
Der leere Platz rueckte naeher. Lior spuerte keinen Wind. Nur Druck auf den Zaehnen. Einer lockerte sich. Sie schmeckte Blut und altes Eisen. Die Muenze brannte wieder. Sie zog sie heraus.
Die Kerben am Rand hatten sich veraendert. Sie bildeten Buchstaben. MARA. Danach LIOR. Danach ein dritter Name, den der Nebel mit seinem Rand bedeckte.
Hemm sah ihn auch. Sein Mund wurde schmal.
„Es nimmt nicht nur die Toten“, sagte Lior.
„Nein.“
„Es schuetzt nicht nur.“
„Nein.“
Das waren die ersten ehrlichen Saetze. Sie halfen ihr nicht.
Aus dem Pestfeld kam ein Kratzen. Erde hob sich zwischen den Eisenspießen. Nicht viel. Genug. Fingerglieder drueckten gegen den Boden und fielen wieder zurueck. Viele. Zu viele. Das Dorf hatte einmal mehr Menschen begraben, als es Namen gab.
Hemm fluesterte. „Wenn der Nebel nicht kommt, stehen sie auf.“
„Und wenn er kommt?“
„Dann bleibt einer bei ihnen.“
Lior sah das Buendel. Den Zahn. Den Knochen. Das M. Sie hatte Mara gesucht, weil die Mutter im Sterben Liors Namen gesagt hatte und danach Mara. Nicht als Bitte. Als Warnung. Lior hatte die Warnung getragen wie ein Messer. Jetzt lag die Scheide offen im Gras.
Sie haette Hemm töten koennen. Das Messer lag gut in ihrer Hand. Sein Tod haette nichts geoeffnet. Nichts geschlossen.
Sie schnitt stattdessen in ihre Handfläche. Tief. Die Haut klaffte. Der Schmerz blieb klein und hell. Blut tropfte auf die Muenze. Das Metall trank es nicht. Es hielt es oben, rund und dunkel.
„Nein“, sagte Hemm.
Lior legte die Muenze neben Maras Zahn.
Der leere Platz beugte sich. Das Gras brach unter keinem Knie. Liors linker kleiner Finger wurde taub. Dann grau. Dann hart. Sie biss die Zaehne zusammen. Ein Zahn fiel ihr auf die Zunge. Sie spuckte ihn aus. Er landete neben dem Buendel und stand aufrecht in der Erde.
Die Kratzlaute im Pestfeld verstummten.
Hemm atmete aus. Es klang wie ein alter Sack, der reisst.
„Ihr habt ihm einen Namen gegeben“, sagte er.
„Ich habe ihm einen Teil gegeben.“
„Das reicht manchen Dingen.“
„Heute.“
Der Nebel zog sich vom Friedhof zurueck. Nicht fort. Nur bis zur Mauer. Er wartete dort in gleicher Dichte. Das Dorf blieb dahinter verborgen. Die Glocke schwieg.
Hemm hob das Buendel nicht auf. Er sah kleiner aus. Nicht schuldiger. Nur aelter. „Eure Mutter bat mich, euch nicht zu sagen, dass Mara freiwillig ging.“
Lior lachte nicht. „Kinder gehen nicht freiwillig.“
„Manche tun es, wenn Erwachsene lange genug weinen.“
Das Messer in Liors Hand zitterte. Sie steckte es weg. Sie wollte diese Wahrheit nicht. Sie nahm sie trotzdem. Sie passte in keine Tasche.
Am Tor blieb Hemm zurueck. „Geht vor Morgen.“
„Ihr braucht im naechsten Herbst wieder jemanden.“
„Vielleicht.“
„Dann werdet ihr luegen.“
„Ja.“
Lior trat auf die Dorfstrasse. Das Gasthausfeuer brannte hinter blinden Fenstern. Der rote Wollstreifen hing gerade. Aus dem Schornstein stieg Rauch nach unten und verschwand im Brunnen.
Sie ging zum Meilenstein. Ihr tauber Finger schlug bei jedem Schritt gegen den Mantel. Er gehoerte noch zu ihr. Er fuehlte nichts mehr.
Hinter ihr schlug die Glocke einmal. Vor ihr stand der Nebel am Stein, genau bis zur alten Reichskerbe. Auf dem abgeschlagenen Adlerkopf lag ein Milchzahn. Er war frisch weiss. Daneben zeigte Liors Schatten nach Osten. Der Mond stand im Osten.




