Die Puppe auf dem Dachboden
Eva zog an einem Donnerstag ein, weil der Umzugswagen da billiger war. Der Herbst hing in den Kastanien vor dem Haus, gelbe Blätter klebten auf dem Gehweg, und im Treppenhaus roch es nach kaltem Putzwasser. Die Wohnung lag im vierten Stock. Hohe Decken, breite Dielen, Fenster mit Messinggriffen. Sie hatte sie genommen, bevor jemand anderes fragen konnte.
Am ersten Abend stellte sie nur das Bett auf. Die Kartons blieben im Wohnzimmer, ordentlich an der Wand, beschriftet mit dicken schwarzen Buchstaben. Küche. Bücher. Bad. Verschiedenes. Das letzte Wort ärgerte sie. Eva hasste Kisten, in denen Dinge lagen, die keinen Platz hatten. Trotzdem hatte sie drei davon.
Der Dachboden gehörte laut Mietvertrag dazu. Eine eigene Kammer unter den Schrägen, mit einem kleinen Vorhängeschloss, dessen Schlüssel der Verwalter in einem Briefumschlag übergeben hatte. Eva ging am zweiten Tag hinauf. Sie nahm Müllsäcke mit, Klebeband und einen Filzstift. Wenn sie neu anfing, wollte sie keine Reste von anderen Leuten über sich haben.
Die Dachbodentür klemmte unten am Rahmen. Eva drückte mit der Schulter dagegen. Das Holz gab nach und antwortete mit einem trockenen Knacken, als hätte jemand mit zwei Fingern gegen einen Tisch geklopft. Drinnen standen eine Truhe, drei leere Bilderrahmen, ein zusammengefalteter Wäscheständer und ein Stapel Zeitungen aus den Neunzigern. Staub lag auf allem gleichmäßig, nur vor der Truhe zog sich eine schmale Spur über die Dielen.
Eva kniete sich hin und öffnete die Truhe. Alte Gardinen. Ein kaputter Lampenschirm. Ein Schuhkarton mit Knöpfen. Darunter lag die Puppe.
Sie war etwa so lang wie Evas Unterarm. Porzellangesicht, kleine rote Lippen, braune Locken unter einer Haube. Das Kleid hatte gelbliche Spitze und einen Saum, der auf der linken Seite abgerissen war. Der Riss sah zu hell aus. Der Stoff dort hatte nicht den grauen Rand wie der Rest.
Eva hob die Puppe an der Taille hoch. Der Kopf kippte nach hinten. Ein Auge war blau, das andere grün. Nicht stark. Nur genug, dass man zweimal hinsah. Sie legte die Puppe auf die Truhe, mit dem Gesicht zur Dachschräge, und schrieb auf einen Müllsack: ALT.
Beim Hinuntergehen hörte sie hinter sich das Holz knacken. Einmal. Sie blieb auf der Treppe stehen, hielt den Müllsack mit beiden Händen fest und lauschte. Nichts folgte. Unten in ihrer Wohnung stellte sie den Sack neben die Tür. Dann wusch sie sich die Hände, lange, bis der Staub aus den Linien ihrer Finger verschwand.
Am nächsten Morgen brachte sie den Müll weg. Der Nachbar aus dem dritten Stock stand am Briefkasten und sortierte Prospekte aus seiner Zeitung. Er war klein, trug eine Strickjacke und hatte Haare wie dünne Watte.
„Sie sind die Neue“, sagte er.
„Eva Kramer. Vierter Stock.“
„Helmut Seidel. Unter Ihnen.“ Er lächelte, ohne die Augen zu verändern. „Schöne Wohnung. Hat immer ruhige Leute gehabt.“
„Die Vormieterin auch?“
Helmut faltete einen Prospekt genau in der Mitte. „Frau Lenz war sehr ordentlich.“
Eva wartete. Er warf den Prospekt in den Papierkorb.
„Sie ist ausgezogen?“
„So stand es im Hausflur.“ Seine Stimme blieb glatt, als lese er eine Uhrzeit vor. „Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie.“
In der Wohnung öffnete Eva die Fenster. Kalte Luft schob sich durch die Zimmer. Trotzdem blieb ein Geruch in der Diele hängen, trocken und süß, wie Lavendel in einem Schrank, den lange niemand geöffnet hatte. Sie suchte in den Kartons nach Seife, fand stattdessen einen Schraubendreher und das Kabel für eine Lampe, das sie seit Monaten vermisst hatte. Danach vergaß sie den Geruch für fast eine Stunde.
Am Sonntag sortierte sie weiter. Sie arbeitete nach Listen. Wohnzimmer zuerst, dann Schlafzimmer, dann Dachboden. Ruhe entstand für sie nicht von selbst. Man musste sie stapeln, beschriften, wegtragen.
Oben stellte sie fest, dass die Puppe nicht mehr auf der Truhe lag.
Sie stand zwei Schritte weiter, neben den leeren Bilderrahmen. Aufrecht. Der Kopf leicht nach links gedreht. Das blaue Auge zeigte zur Tür, das grüne zur Schräge.
Eva blieb im Türrahmen stehen. Ihre linke Hand umfasste den Schlüssel so fest, dass der Bart in die Haut drückte. Sie sah zur Truhe. Im Staub lag eine helle Stelle, ungefähr dort, wo die Puppe gelegen hatte. Daneben ein Streifen, dünn wie von einem Rocksaum.
„Nein“, sagte Eva.
Das Wort fiel zwischen die Balken und blieb dort.
Sie ging hinein, nahm die Puppe und legte sie wieder auf die Truhe. Diesmal mit dem Kopf zur Tür. Dann zog sie mit dem Filzstift einen kleinen Punkt auf den Deckel, direkt neben ihre rechte Hand. Keine Markierung, die jemand bemerkte. Nur ein Punkt. Sie schloss die Dachbodentür und prüfte den Riegel zweimal.
Am Abend saß sie im Wohnzimmer zwischen halb geleerten Kartons. Draußen schlug Regen gegen die Scheiben. Um halb zehn knackte das Holz über ihr. Nicht laut. Ein trockener Doppelton. Klack. Klack.
Eva legte das Buch auf den Schoß. Sie zählte nicht mit. Trotzdem wusste sie nach dem fünften Mal, dass immer sieben Sekunden zwischen den Geräuschen lagen. Sie stand auf, ging in den Flur und sah zur Decke. Der Lavendelgeruch saß dort stärker. Nicht frisch. Eher wie Stoff, der eine Erinnerung behalten hatte.
Sie schlief schlecht und ärgerte sich am Morgen darüber. Im Bad steckte sie ihre Haare hoch, als wäre das eine Antwort. Danach klingelte sie bei Helmut.
Er öffnete sofort. Hinter ihm lief ein Radio sehr leise. Kein Lied, nur eine Frauenstimme und Verkehrsnachrichten.
„Herr Seidel, wissen Sie, ob jemand Zugang zu den Dachbodenkammern hat?“
„Jeder zu seiner eigenen.“
„Und sonst?“
„Der Verwalter vielleicht.“ Helmut sah auf ihre Hände. „Ist etwas weg?“
„Nein.“
„Dann ist ja gut.“
Die Antwort kam zu schnell. Sie passte in den Flur wie ein Möbelstück, das für einen anderen Raum gebaut war.
Eva nickte. „Frau Lenz hat Sachen dort gelassen.“
„Sie hat viel aufgehoben.“
„Auch Puppen?“
Helmut zog die Strickjacke am Ärmel glatt. „Frauen heben vieles auf.“
Eva sah ihn an. Er lächelte wieder.
„Sie wissen, was ich meine“, sagte er.
Nein, dachte Eva. Sie wusste es nicht. Oder sie wollte es nicht wissen, solange er so tat, als hätte er nichts gesagt.
Am selben Tag kaufte sie im Baumarkt eine kleine Klebefalle für Mäuse, obwohl sie keine Geräusche von Krallen gehört hatte. Sie kaufte auch Kreide. An der Kasse legte sie beides nebeneinander und schob noch Batterien dazu, damit es aussah wie ein normaler Einkauf.
Oben auf dem Dachboden stand die Puppe wieder neben den Bilderrahmen.
Diesmal hatte sie die Arme anders. Der rechte Arm lag nicht mehr am Kleid, sondern streckte sich ein Stück nach vorn. Der frische Riss am Saum berührte die Diele. In dem Staub darunter zogen sich drei kurze Linien, als hätte jemand mit Fingernägeln geübt.
Eva atmete durch den Mund. Sie stellte die Klebefalle neben die Puppe, nicht zu nah, und zog mit der Kreide einen Kreis um ihre Füße. Dann nahm sie die Puppe, setzte sie auf die Truhe und band mit Klebeband ein Stück Faden um ihre Taille. Das andere Ende klebte sie an den Deckel. Sie fotografierte alles. Erst die Truhe. Dann den Punkt. Dann die Puppe mit den ungleichen Augen.
Beim Hinuntergehen hielt sie das Handy in der Hand, als könnte das Display etwas festhalten, das sich nicht festhalten ließ.
In der Nacht kam das Knacken um 22:17 Uhr. Eva sah auf den Wecker, ohne den Kopf vom Kissen zu heben. Sie hatte die Schlafzimmertür offen gelassen. Der Flur lag grau im Licht der Straßenlaterne. Sie hörte nichts außer dem Holz.
Klack.
Sie zog die Decke bis zum Kinn.
Klack.
Sie dachte an Rohre, an Temperatur, an altes Holz, das arbeitet. Ihr Verstand stellte die Wörter sauber in eine Reihe. Dann kam der Geruch nach Lavendel durch den Flur.
Am Morgen fand sie den Faden nicht gerissen. Er hing noch an der Truhe. Das Klebeband klebte. Die Puppe stand im Kreis aus Kreide neben den Bilderrahmen. Der Faden spannte sich quer durch den Raum, gerade und straff, von der Truhe zu ihrer Taille.
Eva ging nicht sofort hinein. Sie betrachtete den Boden. Die Klebefalle lag umgedreht da. Darauf klebte kein Fell, kein Insekt, kein Staub. Nur ein winziger Faden gelber Spitze.
Das grüne Auge der Puppe war nach innen verrutscht. Nicht viel. Es sah jetzt ein wenig zu tief in dem Porzellankopf. Das blaue Auge zeigte genau auf Eva.
Sie machte kein Foto. Sie steckte das Handy in die Tasche, dann wieder heraus, dann zurück. Ihre Finger trafen die Öffnung nicht beim ersten Mal.
Unten kochte sie Kaffee und vergaß, Wasser in die Maschine zu gießen. Das Pulver brannte an. Sie stellte die Maschine aus und setzte sich an den Küchentisch. Nach zehn Minuten nahm sie den Mietvertrag aus der Mappe und suchte die Nummer des Verwalters. Sie wählte nicht.
Um kurz nach zwölf klopfte Helmut. Eva öffnete nur mit vorgelegter Kette.
„Ich wollte fragen, ob alles in Ordnung ist“, sagte er.
„Warum?“
„Sie sind so laut gelaufen.“
„Ich war in der Küche.“
„Ja“, sagte Helmut. „Natürlich.“
Sein Blick glitt über die Kette, über ihr Gesicht, zurück zur Kette.
„Frau Lenz ist nicht ausgezogen, oder?“ fragte Eva.
Helmut blinzelte einmal langsam. „Die Wohnung wurde frei.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
„Mehr weiß ich nicht.“
Er sagte es ohne Kante. Nicht wie eine Lüge. Eher wie einen Satz, den er lange genug getragen hatte, bis er glatt geworden war.
Eva schloss die Tür. Danach schob sie einen Karton davor, obwohl die Kette noch hing.
Am Abend packte sie die Puppe in einen Müllsack. Sie trug Handschuhe, die sie sonst zum Streichen benutzte. Der Sack raschelte zu laut im Dachboden. Sie band ihn zweimal zu und stellte ihn in die Mitte der Truhe. Dann schloss sie den Deckel und legte drei schwere Bilderrahmen darauf.
Sie wartete im Flur bis 22:17 Uhr.
Oben blieb es still.
Um 22:24 Uhr knackte das Holz im Wohnzimmer.
Eva drehte sich langsam um. Auf dem Boden vor dem Sofa lag ein Stück gelbe Spitze. Es klebte an einer Diele, als hätte jemand es dort mit feuchten Fingern angedrückt. Der Lavendelgeruch kam nicht mehr aus dem Flur. Er stand im Zimmer, dicht über dem Teppich.
Sie ging nicht zum Sofa. Sie nahm ihre Jacke, ihre Schlüssel und das Handy. An der Wohnungstür blieb sie stehen. Aus dem Schlafzimmer kam ein leises Schaben. Stoff über Holz. Dann nichts.
Eva öffnete die Tür und trat ins Treppenhaus. Unten hörte sie Helmuts Radio. Die Frauenstimme las das Wetter für morgen vor. Regen, fallende Temperaturen.
Sie schlief in dieser Nacht im Hotel am Bahnhof. Um drei Uhr morgens wachte sie auf und roch Lavendel im Kissenbezug. Sie riss den Bezug ab. Darunter lag nur weißer Stoff, frisch gewaschen, mit einem blauen Etikett. Sie blieb bis zum Morgen aufrecht im Bett sitzen.
Am nächsten Tag kehrte sie zurück. Nicht weil sie mutig war. Weil ihre Sachen dort standen. Weil der Mietvertrag unterschrieben war. Weil sie keine Geschichte erzählen wollte, bei der jemand nach dem zweiten Satz freundlich den Kopf neigte.
Helmut stand im Treppenhaus und hielt den Geländerpfosten fest.
„Sie waren weg“, sagte er.
„Eine Nacht.“
„Das hilft nicht.“
Er sah an ihr vorbei nach oben. Zum ersten Mal klang seine Stimme nicht glatt. Sie war dünn an den Rändern.
„Was hilft?“ fragte Eva.
Helmut ließ den Pfosten los. „Nichts anfassen, das schon seinen Platz hat.“
„Sie hätten mir das vorher sagen können.“
„Frau Lenz hat das auch gesagt.“
Er ging in seine Wohnung und schloss leise.
Eva stieg die Treppen hoch. In ihrer Wohnung stand alles wie am Vortag. Der Karton vor der Tür. Die Tasse auf dem Küchentisch. Der verbrannte Kaffee in der Maschine. Im Wohnzimmer lag kein Stück Spitze mehr.
Sie ging zum Dachboden. Jeder Schritt auf der Treppe klang zu laut. Vor der Tür hing das Vorhängeschloss offen. Der Bügel steckte noch in der Öse, aber er hatte nicht eingerastet.
Innen stand die Truhe offen. Die Bilderrahmen lehnten sauber an der Wand. Der Müllsack lag leer im Deckel. Nicht zerrissen. Aufgeknotet.
Die Puppe saß auf der Truhe, die Beine gerade nach vorn. Der Saum ihres Kleides war wieder ganz. Keine helle Stelle. Keine frische Kante. Das grüne Auge saß korrekt. Das blaue Auge fehlte.
Eva machte einen Schritt zurück. Unter ihrer Schuhsohle knackte etwas Kleines. Sie hob den Fuß nicht an.
Sie zog die Tür zu. Der Riegel schob sich schwer in die Halterung. Das Vorhängeschloss klickte beim ersten Versuch. Eva hielt den Schlüssel noch einen Moment fest, bis die Zähne einen Abdruck in ihrer Handfläche ließen.
Dann ging sie hinunter, legte den Schlüssel auf den Wohnzimmertisch und setzte sich davor. Über ihr blieb es still. Der Lavendelgeruch kam aus ihrer geschlossenen Faust.



