Eichhörnchen Nuss und der erste Nebel
Nuss lag in der Astgabel der alten Eiche.
Die Rinde drückte warm an den Bauch. Doch an den Schnurrhaaren hing etwas Kühles. Nicht Regen. Nicht Tau allein. Die Luft roch anders, dünner und feuchter, als hätte der Wald in der Nacht nasse Blätter unter seine Wurzeln gezogen.
Nuss hob den Kopf.
Die Nase zuckte. Einmal. Zweimal. Der buschige Schwanz rollte sich eng um den Rücken und löste sich gleich wieder. Nuss duckte sich, kroch aus dem Blätternest und setzte die Vorderpfoten auf den Ast.
Der Wald war noch da. Aber er stand kürzer vor den Augen.
Der nächste Ast war klar. Der übernächste wurde weich. Dahinter hing weißer Dunst zwischen den Stämmen. Er saß nicht still. Er schob sich langsam durch die Zweige und machte die Eiche größer und kleiner zugleich.
Tok. Tok. Tok-tok-tok.
Specht Karl hämmerte oben am Stamm. Sein roter Scheitel blitzte kurz, dann verschluckte ihn der Nebel wieder. Tok. Tok. Tok. Es klang, als klopfte Karl unter einem dicken Blatt.
Nuss sprang.
Die Pfoten landeten sicher. Der Ast war feucht. Die Krallen packten fester. Nuss blieb stehen, rieb die Nase am Vorderbein und schnupperte wieder zur Erde hinab.
Tok-tok.
Karl kletterte seitwärts um den Stamm. ‘Früh unterwegs, Nuss?’
Nuss antwortete nicht gleich. Die Ohren drehten sich nach unten. Dann nach oben. Dann wieder nach unten.
‘Der Boden riecht anders’, sagte Nuss.
Karl klopfte weiter. Späne fielen leise in den Nebel. ‘Boden riecht immer nach Boden.’
Nuss huschte tiefer.
Am ersten dicken Ast blieb sie hängen wie ein roter Zapfen. Ihr Bauch berührte die Rinde. Ihr Schwanz schlug einmal gegen ein Blatt. Unter ihr lagen die Eicheln, rund in ihren kleinen Hüten, grün und fest an den Zweigen.
Nuss griff zu.
Eine Eichel löste sich nicht. Nuss zog. Der Zweig bog sich. Die Eichel hielt. Nuss zog stärker. Plopp.
Sie saß mit der Eichel zwischen den Pfoten und biss hinein.
Der Zahn drang kaum durch die Schale. Innen war sie hell und streng. Nuss hielt still. Dann verzog sich die kleine Schnauze, und die Eichel fiel auf den Ast.
Karl klopfte nicht. Er hing schräg am Stamm und sah herab.
‘Zu früh?’, fragte er.
Nuss wischte mit der Zunge über die Zähne. ‘Zu fest. Zu grün.’
Dann packte sie die nächste.
Wieder biss sie. Wieder ließ sie los. Die Eichel kullerte über die feuchte Rinde und verschwand im weißen Dunst unter dem Baum.
Nuss sprang ihr nach.
Der Nebel legte sich auf das Fell. Er blieb in den Ohrspitzen sitzen. Am Boden war die Welt enger. Farnspitzen tauchten auf und waren schon nach drei Sprüngen fort. Der Eichenstamm stand breit hinter Nuss, aber seine Krone war weg.
Tok. Tok. Tok.
Karl machte sein Loch weiter, als hätte der Morgen kein anderes Fell bekommen.
Nuss scharrte im Laub. Ein braunes Blatt klebte an der Pfote. Sie schüttelte es ab. Darunter lag eine alte Schale, leer und trocken. Nuss steckte die Nase hinein, fuhr zurück und warf sie mit beiden Pfoten zur Seite.
Sie rannte zum Wurzelbogen.
Dort hatte im Sommer manchmal etwas gelegen. Harte Kerne. Vergessene Stücke. Krümel von dem, was Vögel fallen ließen.
Nuss grub.
Erde sprang nach hinten. Kleine Steinchen klickten gegen die Wurzel. Nuss grub schneller. Dann traf die Pfote auf etwas Rundes. Sie packte es, zog es heraus und hielt es hoch.
Nur ein Stein.
Nuss biss nicht hinein. Diesmal nicht. Sie ließ ihn fallen, sprang darüber hinweg und raste zum Stamm zurück.
Karl rief von oben: ‘Noch immer Boden?’
Nuss kletterte an der Rinde hinauf. Auf halber Höhe rutschte eine Hinterpfote ab. Der nasse Stamm gab keinen Halt. Nuss presste den Bauch flach an die Borke. Die Krallen kratzten. Ein Stück Rinde brach los und fiel.
Für einen Atemzug hing Nuss still.
Tok.
Karl klopfte einmal, ganz nah.
Nuss zog die Hinterpfote höher. Dann die andere. Mit kurzen Stößen kletterte sie weiter, bis sie auf einem breiten Ast saß. Der Schwanz peitschte nicht mehr. Er lag steif hinter ihr und tropfte an der Spitze.
‘Nass heute’, sagte Karl.
Nuss rieb die Pfoten aneinander.
‘Nass oben. Nass unten. Und alles riecht nach Verstecken.’
Karl legte den Kopf schief. Dann hämmerte er wieder. Tok-tok-tok.
Nuss sprang zur Nachbareiche, aber dort hingen die Eicheln auch noch grün. Sie prüfte eine. Ließ sie. Prüfte eine zweite. Ließ sie. Die Pfoten griffen schnell, die Zähne blieben wählerisch.
Unter einem Haselstrauch fand sie drei Nüsse.
Eine war hohl. Eine hatte ein kleines Loch. Die dritte rollte schwer gegen ihre Pfote. Nuss hielt sie kurz zwischen den Zähnen. Dann schob sie die Nuss in eine Rindenspalte und stopfte ein Blatt davor.
Der Nebel wurde dichter.
Karls Klopfen kam nun von überall und von nirgends. Tok hinten. Tok oben. Tok im weißen Gang zwischen den Stämmen. Nuss blieb bei jedem Klopfen kurz stehen, doch die Nase zog sie weiter.
Am Rand der Lichtung stand der Kastanienbaum.
Seine stacheligen Kugeln hingen tief. Manche waren noch grün und geschlossen. Eine lag am Boden, aufgesprungen wie ein kleiner Mund.
Nuss näherte sich in Sprüngen. Stopp. Schnuppern. Sprung. Stopp.
Die Kastanie darin war glatt. Dunkel. Schwer.
Nuss legte beide Vorderpfoten daran. Sie rutschte nicht weg. Nuss biss vorsichtig. Die Schale gab keinen bitteren Saft. Sie roch nach feuchter Erde und nach dem tiefen Platz unter Wurzeln.
Nuss nahm sie ins Maul.
Zu groß.
Die Kastanie drückte die Wangen auseinander. Nuss setzte sie ab, packte sie anders, hob sie wieder. Die Pfoten trippelten. Der Schwanz hob sich hoch, sank, hob sich wieder.
Aus dem Nebel kam Karl geflogen und landete an einem nahen Stamm.
‘Da hast du etwas’, sagte er.
Nuss hielt die Kastanie fest. Die Ohren standen spitz nach vorn.
Karl klopfte zweimal an die Rinde, langsam. Tok. Tok.
Nuss lief los.
Der Weg zur Eiche war kürzer, wenn man ihn kannte, und länger, wenn der Nebel ihn weich machte. Nuss sprang über eine Wurzel, duckte sich unter Farn, kletterte den Stamm hinauf. Einmal stieß die Kastanie gegen die Rinde. Nuss hielt an, presste sie mit den Pfoten fest und trug sie weiter.
Oben an der Astgabel roch das Nest noch nach Sommerlaub.
Nuss schob die Kastanie in die hinterste Ecke. Dann zog sie trockenes Moos davor. Nicht viel. Gerade genug.
Unten klopfte Karl wieder.
Tok-tok-tok.
Nuss saß im Eingang des Nestes. Nebelperlen hingen an den Schnurrhaaren. Zwischen den Pfoten lag ein kleines Stück braune Kastanienschale, glatt und kühl, und draußen verschwand die alte Eiche Ast für Ast im ersten weißen Morgen.




